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4/2017 Vorbilder

Stil.Form

Der Turm auf dem Julierpass

30 Meter stemmt sich der rote Turm auf dem Julierpass in die Höhe. Der Bau trotzt der rauen alpinen Umgebung. Das Juliertheater die neue Spielstätte des Kulturfestivals Origen. Ein spektakulärer Turm, der auf Motive des Zerfalls und Untergangs zurückgreift – und daraus emporwächst zu einem Bau, der Grenzen, Sprachen, Architektur und Umwelt miteinander verbindet.

Text Sandra Depner | Fotos Bowie VerschuurenDer Turmbau zu Babel steht für vieles. Die Motive der Überheblichkeit und des Untergangs prägen die biblische Erzählung: Da ist ein Turm, der nach der Intention der Menschen bis zur Himmelsgrenze reichen soll - ein Zeichen menschlicher Hybris; und ein Gott, der sie dafür straft. Er nimmt ihnen die gemeinsame Sprache und sät damit Unverständnis. Der Turm wird folglich nie vollendet und die Menschen verstreuen sich in alle Himmelsrichtungen. Dieses biblischen Motivs nimmt sich der Turm am Julierpass oberhalb Rioms an. Anders als sein Vorbild ist er erbaut und symbolisiert nicht das Auseinandergehen, sondern die Einheit in der Vielfalt: Hier oben, wo geografische und sprachliche Grenzen aufeinandertreffen, steht er für Innovationsgeist. Er ist die neueste Spielstätte des Origen Festival Cultural auf dem Julierpass mit 2300 Höhenmetern.

Der Turm ist ein vertikales Bühnenspiel, durchgängig über das Jahr bespielbar. Zur Einweihung im Juli 2017 zeigten die Darsteller Szenen aus Gion Antoni Derungs' Oper "Apocalypse". Sieben Monate lagen zwischen Entwurf und Eröffnung, zu welcher der Intendant und Visionär des Turms, Giovanni Netzer, einlud: "Die Welt ist vergänglich, ein grosses Theater, das geschaffen wurde und am Ende vergeht." Mit diesen Worten deutet er die Zukunft des Turms an: Der Bau ist nur temporär, 2020 soll er zurückgebaut werden. Was danach mit ihm passieren soll, ist unklar. Sicher ist, dass der Standort am Julierpass renaturiert wird. So als hätte es den Turm nie gegeben.

Eine neue, spektakuläre Spielstätte

Spektakulär sollte die neue Spielstätte am Julierpass werden - so aussergewöhnlich wie die bereits bestehenden Theaterorte des Bündner Kulturvereins Origen: Da ist die Burg Riom - seit 2006 das Theaterhaus für die Sommermonate - und das Wintertheater "Clavadeira" in der Scheune von Sontga Crousch, eröffnet 2015. Im Juliertheater präsentiert Origen in dem 30 Meter hohen, roten Turm ein vertikales Theater. Vom zweiten bis zum vierten Geschoss blicken die Besucher von ihren Logen und der Galerie hinab auf die Darbietungen auf der schwebenden Bühne.

Die Spielorte Origens setzen auf eine Sym-biose mit der Umgebung. Sie integrieren das Umfeld, in dem sie stehen, spielen mit der Landschaft und der Architektur. Anders als viele andere Theaterstätten schliessen sie ihr Umfeld nicht aus, sie verhüllen nicht. So ist das auch mit dem Turm am Julierpass. Grosse, hohe Bogenfenster, zahlreiche Öffnungen lassen das Licht in den Theaterraum dringen – und schliesslich auch das Panorama der rauen Bergwelt. Origen integriert Licht, Tages- und Jahreszeiten in das Bühnenbild. So auch bei der ersten Oper, die im Julierturm aufgeführt wurde: "Apocalypse", in der das Ende der Welt besungen wird - der Untergang der Himmelsstadt Babylon. Abends tauchte die untergehende Sonne den Theaterraum in mystisches Licht.

Die Idee und Architektur des Turms stammt aus der Feder des Origen-Intendanten Giovanni Netzer. Holzbauunternehmer Enrico Uffer aus Savognin (GR) ist beeindruckt von dessen Idee: "Netzer hat Erfahrungen im Kulissenbau. Er kam mit Zeichnungen und Modellen auf mich zu und fragte, was es koste." Die Vision, die Netzer habe, werde wohl nie zum Stehen kommen, lautete Uffers Fazit zum ersten Entwurf. Doch mit einem weiteren Experten seines Fachs - Holzbauingenieur Walter Bieler aus Bonaduz (GR) - kamen die Bündner dem Turm, wie er heute am Julierpass steht, schnell näher. "Einfach anpacken", sagt Uffer heute rückblickend. "Ein Turm wie dieser braucht Vision und Denken ausserhalb der Grenzen. Wenn wir uns immer nur an Normen halten, werden wir keine Pionierbauten aufstellen." Und so haben sie es geschafft, den Turm in kürzester Zeit auf die Beine zu stellen, eine geeignete Konstruktion zu finden, die Finanzierung zu sichern und mit Vertretern von Umwelt und Politik eine Lösung für das Vorhaben zu finden.

 Ein Turm aus Türmen

Der Zugang zu den Geschossen erfolgt über die Türme. In vier Türmen befinden sich Wendeltreppen, die zu den vier Obergeschossen führen. Für einen der fünfeckigen Türme ist ein Lift geplant, in den anderen Sanitär- und Serviceräume. Die Türme sind das tragende Element der Konstruktion. Verbunden werden sie über lichtdurchflutete Passerellen. Hier befinden sich auch die Sitzplätze in den Rängen und Logen für die Theaterbesucher. Die Türme sind über Fensterbrüstungen diagonal verschraubt. Rund 40?000 Schrauben und Stabdübel sichern die Verbindung der insgesamt 900 Einzelelemente in Holz. Aus Brandschutzgründen sind im gesamten Turm maximal 300 Personen zugelassen. Der Bau ist mit einem Feuerwiderstand von 30 Minuten ausgeführt.

Der Grundriss ist sternförmig, an dessen zehn Ecken sind die zehn Türme platziert. Der Eintritt zum Turm erfolgt über den Haupteingang im Erdgeschoss. Das Sockelgeschoss ist in Massivbauweise ausgebildet, darüber erhebt sich die Holzkonstruktion. Ebenerdig befinden sich das Theaterbistro, die Garderobe, der Empfangsraum sowie der Zugang zu den Treppentürmen.

Bis zu 200 Personen haben auf den Logenplätzen im ersten Obergeschoss Platz. Die Schwebebühne ist mit Ketten an der Turm-decke befestigt. Die Bühne mit einem Durchmesser von zehn Metern kann an den Ketten hinauf- und hinuntergefahren werden und ermöglicht somit das vertikale Theater. Zur Premiere im Julierturm befand sich die Bühne auf Höhe des ersten Obergeschosses. In den Stockwerken darüber konnte das vertikale Theater dann seine volle Wirkung entfalten: Im zweiten und dritten Obergeschoss verfolgten die Logenbesucher das Schauspiel von oben. Im vierten Obergeschoss befindet sich eine runde Galerie. Das Brandschutzkonzept erlaubt für das dritte und vierte Obergeschoss eine maximale Belegung von 70 Personen. Auf dem Dach des Turmes ist eine begehbare Aussichtsplattform vorhanden. Gäste und Besucher können in offener Kulisse die wunderbare Landschaft auf dem Julierturm in 30 Metern Höhe geniessen.

Winde Bis zu 240 Stundenkilometern

Auf 2300 Metern über Meer ist der Turm oben am Julierpass der Natur und Witterung vollkommen ausgesetzt. Starker Wind und hohe Schneelasten zerren an der Konstruktion. Deshalb rechnete Holzbauingenieur Walter Bieler grosszügig und konstruierte einen Turm, der selbst Orkanen trotzen soll. Der 30 Meter hohe Holzturm soll Windböen von bis zu 240 Stundenkilometern standhalten. Dazu trägt zum einen der sternförmige, fast runde Grundriss des Turmes bei, der dessen Frontalfläche verringert und somit die Angriffsfläche für Schnee- und Windlasten reduziert. Auch die schwere Basis des massiven Sockelgeschosses verleiht dem Turm grosse Standfestigkeit. Es schützt den Holzbau zudem vor aufsteigender Feuchtigkeit. Ohne Fundament bringt der Turm 490 Tonnen auf die Waage.Nicht nur die starken Kräfte stellten eine Her-ausforderung dar. "Wir hatten extrem wenig Zeit", sagt Enrico Uffer rückblickend. "Zwischen Idee und Umsetzung lagen nur sieben Monate." Unternehmer Enrico Uffer führte die Generalplanung und die Holzbauarbeiten aus. Der Zeitplan war eng getaktet: Im Mai 2017 startete die Vorproduktion in der Werkhalle im bündnerischen Savognin. Ende Juni begann bereits der Transport der Türme in 40 Einzelteilen. Der Turm musste daraufhin vor Ort - bei Wind und Wetter - in nur fünf Wochen aufgebaut werden. Wenn auch nicht vollständig ausgebaut, konnte der Turm Ende Juli zur Eröffnung Bundesrat Alain Berset empfangen.

Inszenierte Bauarbeiten

Origen begleitete den gesamten Entstehungsprozess des Turmes und liess hinter die Kulissen blicken: So gab beispielsweise der Holzbauingenieur Walter Bieler bei einem Atelierbesuch Einblick in die Rechenarbeit seines Büros. Die Uffer AG lud in ihre Werkhalle ein, in der sich die fertigen Turmelemente stapelten. Die zehn Türme wurden in der Werkhalle vorproduziert - ein Turm in vier Einzelteilen. Die 40 Turmmodule waren zwischen 5,5 und 9,5 Tonnen schwer und zwischen sechs und acht Meter lang. 400 Kubikmeter Fichte aus dem Alpenraum wurden dafür zu 120 Millimeter dicken Massivholzplatten verarbeitet. Aus insgesamt 900 Holzteilen besteht der roten Turm - das grösste ist acht Meter hoch und 9,5 Tonnen schwer. Der maximale Durchmesser lag bei viereinhalb Metern. Nicht ohne Grund. Denn die grossen Turmmodule und Bauteile mussten nach der Produktion erst noch auf die Baustelle am Julierpass gelangen - über Nachttransporte durch die engen Strassen der Dörfer Mulegns und Bivio.

Weltuntergang auf dem Julierpass

So lud Origen auch zum nächsten Bauspektakel ein: In der "Nacht der Kurven" konnten Interessierte den Schwertransport auf den schmalen Strassen zum Julierpass erleben. Im Hotel Löwen in Mulegns warteten die Teilnehmer darauf, dass sich der schwere Lastzug in Bewegung setzte, und vertrieben sich die Wartezeit mit Lesungen über Babel, die Bibel und Kafka. In Savognin startete der Konvoi mit drei acht Meter langen Turmteilen Richtung Julierpasshöhe - begleitet von heftigen Gewittern, Donner und Starkregen. In dieser Untergangsstimmung schlängelten sich die grossen Turmelemente im Schritt-tempo durch die schmalen Strassen der Bergdörfer. Schaulustige verfolgten die millimetergenauen Manöver zwischen den Hauswänden. Unter Donner und Regen erreichten die Tieflader drei Stunden später ihr Ziel am Julierpass. Oberhalb von Bivio verwandelte sich der Regen in dichten, schweren Schneefall. Im Schneetreiben wurden die Turmelemente vom Lastwagenkonvoi abgeladen. Drei Wochen hatten die Monteure Zeit, die Einzelteile des Turms mittels einer 250-Tonnen-Pneukrans zu dem 30 Meter hohen roten Wahrzeichen zusammenzubauen. uffer.ch, walterbieler.ch, origen.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Juliertheater Origen
Standort: Julierpass, 2300 Meter ü.?M.
Baujahr: 2017
Bauherrschaft: Origen Festival Cultural, Riom (GR)
Architektur: Origen, Giovanni Netzer
Holzbauingenieur: Walter Bieler AG, Bonaduz (GR)
Generalunternehmer: Uffer AG, Savognin (GR)
Holzbau: Uffer Holz AG, Savognin, Projektleiter Urs Hefti
Baukosten: CHF 3,3 Millionen
Verwendetes Holz: 900 Kubikmeter Fichte

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