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1/2018 Sportlich

Lebens.raum

Zurückgerudert zum Heimatstil

Ein Jahrhundert geht an keinem Bauwerk spurlos vorbei. Beim Bootshaus des Solothurner Ruderclubs kamen so manche An- und Umbauten zusammen. Fehlender Komfort und die baufällige Substanz störten die Sportler. Rückbesinnung auf das Original kann da eine Lösung sein. Die Architekten ruderten mit ihrem Konzept zurück zum ursprünglichen Heimatstil. Auch weil es die Vorgaben verlangten.

Text Sandra Depner, Phalt Architekten | Fotos Felix Gerber

Eine warme Dusche und ein beheizter Raum – für viele ist das eine Selbstverständlichkeit. Nicht so bei alten Gebäuden, die nicht mehr dem heutigen Standard entsprechen. Doch für Dinge, die man liebt, nimmt man auch Unannehmlichkeiten in Kauf. So wie Peter von Däniken. Seit mehr als 40 Jahren ist der Solothurner ein begeisterter Ruderer. Wenn er nach einer frostigen Ruderfahrt ins Bootshaus des Solothurner Ruderclubs zurückkehrte, erwarteten ihn ebenso frostige Räumlichkeiten. «In der Garderobe war es im Winter eiskalt», erzählt das Ehrenmitglied des Ruderclubs. «Aber da mussten wir durch», sagt er und lacht. «Einfach ein Handtuch um die Hüfte, raus aus der Garderobe, schnell die Treppe hinunter und ab unter die Dusche. Der Blick auf die Aare entschuldigte so manch fehlenden Komfort.» Von Däniken erinnert sich gut daran, wie der Zustand des Bootshaus vor dem Umbau war. Im Sommer beispielsweise, wenn die Ruderer ihre Trainings auf der Aare absolviert hatten und sich nach einer erfrischenden Dusche sehnten, erwartete sie eine tropisch-warme Garderobe. Der Dachstock, so erzählt der ehemalige Präsident des Solothurner Ruderclub, sei weder beheizt noch isoliert gewesen.

 

Wie früher – nur besser

All das gehört der Vergangenheit an. Seit dem Frühjahr 2017 bietet das Bootshaus des Solothurner Ruderclubs einen Komfort und eine entsprechende Infrastruktur, die den Bedürfnissen der Ruderer gerecht werden – und all das im ursprünglichen Gewand. Der neue Holzbau mit Betonfundament weist dieselben Dimensionen auf wie das einst im Heimatstil erbaute Bootshaus. Den Ersatzneubau führte das Team von Phalt Architekten gemeinsam mit Späti Holzbau aus. Die Ingenieurleistung erbrachte das Büro Makiol Wiederkehr.

Der Solothurner Ruderclub wurde 1910 gegründet. Ein erstes, einfaches Bootshaus entstand 1911. Bereits 1919 musste dieses wegen Platzmangel einem grösseren Neubau weichen. Charakteristische Merkmale wie das steile Walmdach sowie die repräsentative, über die Aare herausragende Altane des Kopfbaus und das schlanke, lang gezogene Volumen des Bootslagers zeichneten diesen im Heimatstil errichteten Holzbau aus. Spätere bauliche Veränderungen verunklärten die ursprünglich ausgewogene Gestalt. Infolge des schlechten Bauzustands und der gestiegenen Anforderungen des Ruderclubs wurden die Phalt Architekten 2015 mit der Erneuerung des Bootshauses beauftragt. Zusätzliche Nutzflächen konnten aufgrund der baurechtlichen Vorgaben und der Lage in der Freihaltezone nur innerhalb des bestehenden Volumens generiert werden.

Dank dem Absenken des Bodens der Bootshalle und der Optimierung der Aufbauhöhen der Konstruktion konnte das Dachgeschoss nutzbar gemacht, die geforderten Räume konnten innerhalb des bestehenden Volumens organisiert und störende Anbauten entfernt werden. Bis auf die Fundation aus Stahlbeton und den bestehenden Stahlbau über der Aare ist das Bootshaus als Holzbau konzipiert. Dieser wurde aufgrund der sehr kurzen Bauzeit zwischen September 2016 und April 2017 von Späti Holzbau teilweise vorfabriziert.

Fünf liegende Schleppgauben ergänzen die nordseitige Dachfläche des Bootshallentrakts. Sie sorgen für die natürliche Belichtung und Belüftung des Dachraums. Die Längsfassaden wurden partiell geöffnet, um Ein- und Ausblicke in die Bootshalle zu gewähren. Die Fensterelemente aus Lochblech rhythmisieren zusammen mit den breiten Deckleisten den langen Baukörper und verleihen der Aussenhülle eine starke Tiefenwirkung. Die für den Heimatstil typische Farbigkeit adaptierte das Architekturbüro und setzte sie verfeinert um. Die schmalen, hell gestrichenen Deckleisten wurden durch breite Holzschalungen im Rhythmus der dahinterliegenden Holzstützen ergänzt. Sie prägen im Kontrast zu der dunkleren Holzschalung und den neuen Öffnungen die äussere Erscheinung. Um die Wirkung der Räume zu stärken und um der Anforderung der Bauherrschaft nach einer unprätentiösen und robusten Materialisierung gerecht zu werden, wurde der Innenausbau bis auf die Nasszellen und den Bodenbelag der Garderoben mit einem einzigen Material ausgeführt: gelaugte und geseifte Dreischichtplatten.

Wenn Peter von Däniken heute zum Rudern antritt, dann mit deutlich mehr Komfort. Auf Erdgeschossebene gelangt er direkt in die lang gezogene Bootshalle. Durch die gelochten Fensteröffnungen dringt warmes Licht nach innen, LED-Röhren an der Decke erhellen den Raum zusätzlich. An den Wänden liegen die eleganten schmalen Ruderboote in ausziehbaren Regalen übereinander. Auch an der Decke finden sich entsprechende Hängevorrichtungen für kleinere Boote.

Je nach dem, was von Däniken vorhat, wählt er sein Ruderboot: in Gesellschaft mehrerer Ruderkameraden lohnt sich der Achter – 17 Meter lang und 100 Kilogramm schwer. Deutlich kürzer, aber nicht minder beeindruckend ist das älteste Boot, ein Zweier in Klinkerbauweise von 1932. Hier im Lager ist auch die betonierte Bodenplatte mit Streifenfundation zu sehen, auf der der Holzbau steht. Die Aussenwände sind als Holzfachwerk mit Stützen, Riegel und Streben konzipiert. Die Aussenwände des Clubhauses hingegen sind in Holzrahmenbauweise. Die Decken bestehen aus Rippenplattenelementen in Rahmenbau. Bei der Dachkonstruktion handelt es sich um ein Pfettendach mit liegendem Dachstuhl.

 

Trockenübungen unter dem Dach

Sobald das Boot aus dem Regal gehievt ist, muss Peter von Däniken nur noch wenige Meter vor dem Bootshaus überwinden, bis eine Rampe den Weg auf die Aare ebnet. «Wir sind berüchtigt», erzählt der heute 70-Jährige und schmunzelt. Berüchtigt für nächtliche Ausflüge auf der Aare. Früher wurde offiziell im Oktober der Winterbetrieb eingestellt. Zum Abrudern ging es dann mit den Ruderbooten auf der Aare nach Altreu zum Nachtessen. Zu später Stunde und in Dunkelheit traten die Solothurner Ruderer dann die letzte Fahrt der Saison an. Heute ist das natürlich nicht mehr so, der traditionelle Schlussabend mit Gnagi, also Schweinefüssen auf dem Teller, findet statt, aber der Winterbetrieb geht weiter. Die Winter sind milder, das Equipment besser und resistenter – und die Garderoben mittlerweile beheizt dank der Erdgasheizung im Untergeschoss. Auch auf der Aare gilt wie auf allen Wasserstrassen ein Tempolimit. Es liegt bei 15 km/h. Ein gutes Training für Peter von Däniken liegt bei 10 km/h. Nach jedem Training versorgt der ehemalige Geometer das Boot, die Ruder und das übrige Equipment wieder im Lager. Dann führt ihn der Weg direkt ins Dachgeschoss. Hier können Trockenübungen gemacht werden: Der Mehrzweckraum ist mit einigen Ergometern ausgestattet – Trainingsgeräte, die die Bewegung beim Rudern simulieren. «Ausdauer ist wichtig. Aber nicht zu vergessen ist die Koordination. Rudern ist ein komplizierter Bewegungsablauf, der Beine, Oberkörper und Arme braucht», erklärt von Däniken.

Nach dem Training kann sich Peter von Däniken heute tatsächlich auf eine warme Dusche freuen, die direkt mit der Garderobe verbunden ist. Die Garderoben sind geschlechtergetrennt organisiert und werden modernen Ansprüchen gerecht. Den Ruderer erwartet ein lang gezogener, heller Raum, beheizt und mit massgefertigten Einbauschränken aus Holz für die Wertsachen. Lukarnen lassen Tageslicht eindringen. Die Phalt Architekten AG setzte auf eine starke Farbsprache mit dem hellen und warmen Braun des Fichtenholzes an Wand und Schränken und dem kräftigen Blau, das sich vom Boden in der Garderobe bis in die Nasszelle zieht – ein fugenloser Polyurethanbelag. Die Toiletten befinden sich jetzt neu auch auf der Ebene der Garderoben im Dachgeschoss. Das war zuvor nicht so. Sie lagen wie auch die Gemeinschaftsduschen in dem kleinen Anbau an das Bootslager ausserhalb des Clubhauses.

Nach dem Training kommt das Vergnügen

Nach einer anstrengenden Ausfahrt auf der Aare kann Peter von Däniken zum gemütlichen Teil übergehen – im Kopfbau. Denn hier befindet sich der Clubraum mit einer grosszügigen Küche. Auch diese ist massgefertigt aus Fichte und passt zur Materialisierung von Wand, Decke und Boden aus Dreischichtholz. Wenn der Ruderer den Clubraum durchquert, kommt er zum wohl schönsten Ort des Bootshauses: die Altane, die auf die Aare ragt. Der überdachte, vor Wind und Wetter geschützte Ort lädt zum Grillieren ein, zum Entspannen und Abschalten. Dass die Solothurner Ruderer heute nach wie vor vom Bootshaus ungestört auf die Aare blicken dürfen, haben sie den Architekten und Ingenieuren zu verdanken. Denn die mussten sich an strenge Vorschriften halten, um einen Ersatzneubau an dieser Stelle zu realisieren, wie Architekt Mike Mattiello erläutert: «Die Bauparzelle befindet sich in der Freihaltezone. Diese dient gemäss § 43 des Bau- und Zonenreglements (BZR) dem Schutz und Erhalt von Natur- und Erholungsräumen sowie dem Landschaftsschutz.» Gemäss § 44 BZR besteht in der Freihaltezone grundsätzlich ein Bauverbot. Mit einer Ausnahme, wie der Architekt erklärt: «Bestehende Bauten und Anlagen können erneuert, teilweise geändert und angemessen erweitert werden. Es darf also gebaut werden – aber unter einer Bedingung: Der Schutzzweck wird dadurch nicht beeinträchtigt (§ 45 Abs. 1 BZR). Damit aber nicht genug, sagt Mike Mattiello: «Da der Kopfbau auch noch deutlich in den Gewässerraum der Aare ragt und somit  ausserhalb der Bauzone liegt, mussten die Vorgaben gemäss dem Bundesgesetz über die Raumplanung (RPG) eingehalten werden. Hier kommt der Artikel 24 betreffend Ausnahmen für Bauten und Anlagen ausserhalb der Bauzonen zum Tragen.» Des Weiteren ist das Bootshaus im Ortsbildschutzinventar als erhaltenswert klassiertes Gebäude eingetragen. Die Bedeutung für das Ortsbild durfte mit den geplanten baulichen Massnahmen nicht wesentlich und insbesondere nicht nachteilig verändert werden.

Kein Wunder also, dass das Bootshaus heute, ein Jahrhundert später, in seinem ursprünglichen Heimatstil mit denselben Dimensionen auftritt. Charakteristische Merkmale wie das steile Walmdach sowie die repräsentative, über den Fluss herausragende Altane des Kopfbaus und das schlanke Volumen des Bootslagers zeichneten den Bau aus. All diese Elemente finden sich in dem Neubau heute wieder. holzbauing.ch, phalt.ch, spaeti-holzbau.ch

Die Fakten

Baukosten: CHF 2,1 Millionen
Gebäudevolumen: 2104 m3
Bruttogeschossfläche: 597 m2
Verwendetes Holz: Fichte/Tanne 128 m3 inklusive Ständerholz der Innenwände;


Das Projekt

Objekt: Bootshaus des Solothurner Ruderclubs, Ersatzneubau
Standort: Solothurn
Fertigstellung: 2017
Bauherrschaft: Solothurner Ruderclub
Architektur: Phalt Architekten AG, Solothurn/Zürich
Holzbauingenieur: Makiol Wiederkehr AG, Beinwil am See (AG)
Holzbau: Späti Holzbau AG, Bellach (SO)

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