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1/2018 Sportlich

Lebens.raum

Sprung ins kühle Nass

In Riehen ist ein Naturbad entstanden, das trotz klingendem Namen des Architekturbüros ganz schlicht daherkommt. Denn die Frage der Architekten, was man für eine Badi braucht, war einfach zu beantworten: Sonne, Wasser und etwas Schatten.

Text Helen Oertli | Fotos Iwan Baan, Pirmin Jung Ingenieure, Herzog & de Meuron

Die Elbphilharmonie in Hamburg, der Roche-Turm in Basel oder das Bird’s Nest in Peking: Ist die Rede vom Architekturbüro Herzog & de Meuron, hat man die grossen Bauprojekte vor Augen. Geradezu unspektakulär ist im Vergleich dazu das Naturbad Riehen. Keine programmatische Idee, sondern eine simple Frage stand zu Beginn des Entwurfs: «Wie will man heute baden?» Gleich viermal haben sich die Architekten mit dieser Frage beschäftigt. Nachdem Jacques Herzog und Pierre de Meuron 1979 – kurz nach der Gründung ihres Büros – den Wettbewerb für den Bau des Freibads ins Riehen gewannen, folgten verschiedene Entwürfe. Die ersten drei Projekte wurden verworfen. Grund dafür sei hauptsächlich die Lage der Badi im Gebiet der Zollfreien Strasse gewesen, so berichtet das «Jahrbuch z’Rieche». Die Pläne für eine Direktverbindung zwischen Lörrach und Weil wurden seit den 1950er Jahren diskutiert und deshalb die Projekte für einen Neubau immer wieder abgeschmettert. Erst als 2007 die alte Badi abgerissen und der Standort für das neue Bad verlegt wurde – direkt an die Wiese, einen Zufluss des Rheins – erhielten die Basler Architekten erneut den Auftrag, ein Freibad für Riehen zu bauen. «Im Büro nannten wir das Projekt liebevoll ‹s Bedli›, schliesslich begleiteten uns die Pläne schon 35 Jahre», sagte Pierre de Meuron anlässlich der Eröffnung des Naturbades. Sechs Jahre dauerte die Projektplanung und Ausführung, 2014 wurde das Bad fertiggestellt.

Mit den ursprünglichen Entwürfen hat die finale Ausführung nicht mehr viel gemein. Die geometrischen, einzelnen Schwimmbecken aus den früheren Plänen mutierten zu einem grossen Badesee, der den Nichtschwimmerbereich, das Schwimmer- und das Sprungbecken vereint. Keine funktionale Sporteinrichtung: Das Naturbad orientiert sich vielmehr an den zeitlosen, einfachen Basler Rheinschwimmbädern. «Früher stand eher der sportliche Aspekt im Vordergrund, heute soll Baden auch ein Naturerlebnis sein», begründet der Architekt den Wandel. Deshalb schlugen die Architekten der Gemeinde Riehen statt eines konventionellen Bads mit mechanisierter und chemischer Wasseraufbereitung ein naturnahes mit biologischem Filterkreislauf vor. Und lösten damit ein Politikum im Dorf aus. Doch nach einigem Hickhack entschieden die Riehener Bürger bei einer Gemeindeabstimmung zugunsten des naturnahen Bads.

 

Handwerkliches Geschick gefordert

Eine hölzerne Umfassungswand schirmt die Badenden von Lärm und Blicken von der anliegenden Strasse und den benachbarten Privatgrundstücken ab. Von aussen ist es ein flacher Bau, unauffällig für den vorbeifahrenden Autofahrer. Doch hinter den schlichten Strukturen steckt einiges an Raffinesse. «Die Architekten haben sich intensiv mit dem Material Holz auseinandergesetzt», erinnert sich Pirmin Jung, Geschäftsführer von Pirmin Jung Ingenieure AG, der das Projekt begleitet hat. Detailausbildungen wurden zuerst im CAD konstruiert und dann anhand von Modellen im Originalmassstab überprüft. Konstruktionen wurden manchmal zwei, drei Mal ausprobiert, bis eine Lösung gefunden war, die formal und statisch passte – teils machte es nur ein Zentimeter mehr oder weniger aus. «Was für die Statik richtig war, die Dimension oder eine Spreizung, war häufig auch formal die richtige Entscheidung.» Dass der Bau nun so einfach daherkommt, ist für Jung die Kunst der guten Architektur. Weil einfache Lösungen, wenn sie denn vorliegen, völlig klar und richtig erscheinen.

Inmitten der trapezförmigen Anlage mit 6000 Quadratmeter Fläche bildet der Badesee den Mittelpunkt. Ein Oval, von Pflanzen umgeben, in das drei hölzerne Stege führen. Wer mit mehr Schwung ins kühle Nass will, nimmt den Weg über den Sprungturm oder die Rutschbahn. Daneben liegt das Planschbecken für die Kinder unter einem weiten Sonnensegel. Nirgends ist grellbunter Kunststoff zu sehen, sondern helles Lärchenholz, Kies, grüner Rasen und Wasserpflanzen. Zur Wiese hin ist das Bad nur durch eine niedrige Hecke beschränkt, die den Blick auf die Auenlandschaft frei gibt. Die breite Bank entlang der Umfassungswand bietet Liegeflächen unter dem Schattenwurf des weit auskragenden Dachs. In drei Ausbuchtungen findet sich Platz für die Duschen. Zum Eingang hin entwickelt sich die Umfassungswand zum Hauptgebäude mit Kasse, Garderobe und Café. Über eine Treppe gelangt man aufs Dach zur Sonnenterrasse. Im Vorderdachbereich des Hauptgebäudes sind wegen den grossen Spannweiten Stahlträger in die Holzkonstruktion integriert. Die Pfosten der Umfassungswand sind mit Stahlprofilen im Betonfundament eingespannt.

Das pultartige Dach der Umfassungswand liegt auf schrägen Sparren auf. Auf der Aussenseite werden die Sparren mit einem Bug versteift, der als Gabelung von zwei sich zur Wand hin vereinenden Streben gebildet wird. Die Spreizung der Gabelung wurde mehrfach anhand eines Modells überprüft, bis die finale Lösung gefunden war. Auf der CNC-Maschine konnte der schmale Winkel an den Streben passgenau gefräst werden.

Aus einem rohen Holzelement und dem aufliegenden, leicht konisch geformten Lattenrost ist die Umfassungswand gebildet. Die Fassade mit Stülpschalung wurde nach dem Aufrichten einfach daran eingehängt. Die Stülpschalung ist von aussen unsichtbar verschraubt, was anspruchsvoll war für die Zimmerleute. Ebenso die vielen runden Formen entlang der Holzwand und der Liegeflächen. «Der Anspruch der Architekten an die Qualität war hoch und grosses handwerkliches Geschick gefordert», erzählt Eduard Brändli, der für PM Mangold das Bauprojekt geleitet hat. Dem Projektleiter und den Zimmerleuten machte es Freude, auf hohem Niveau zu arbeiten und zu so einem Resultat beizutragen. Auch bei der Wahl des Holzes wurde Wert auf die Qualität gelegt. An unterschiedlichen Objekten wurde die Verwitterung von verschiedenen Holzarten beobachtet. Das Freibad ist mitten in einem Wasserschutzgebiet, weshalb das verbaute Holz nicht behandelt sein darf. Die Wahl fiel dann auf die Lärche, weil die Holzart die Anforderung an die Dauerhaftigkeit erfüllt und schön altert – bis sie dann silberfarben vergraut.

 

Erste-Hilfe-Set mit extra Pinzetten

Sägerau, fast schroff ist die Stülpschalung der Umfassungswand von aussen. Innen, wo man in der Badekleidung mit blossem Rücken an das Holz lehnt, sind die Dreischichtplatten glatt geschliffen. Die Lärche für die Fassade stammt aus dem heimischen Alpenraum, das Konstruktionsholz aus der Schweiz. Für den Boden wählten die Architekten sibirische Lärche, die wenig haart, damit die nackten Fusssohlen unversehrt bleiben. Weder in der geforderten Menge noch Qualität wäre das Holz aus dem heimischen Raum verfügbar gewesen.

Das Erste-Hilfe-Set der Bademeister mus-ste trotz feinjährigem Holz mit zusätzlichen Pinzetten aufgerüstet werden. «Bei den Fangspielen auf dem Holzboden holen sich die Kinder immer wieder mal einen Splitter», erzählt der Chefbademeister Roger Wyden. Die Gäste stören sich kaum daran. Es gehört einfach dazu im Riehener Naturbad. Von den Badegästen hört der Bademeister immer wieder, er habe den schönsten Arbeitsplatz der Schweiz. «Hier drinnen ist man weg von allem, der Blick verliert sich in der Weite der Auenlandschaft, am Wasser hört man die Frösche quaken oder sieht Molche vorbeischwimmen.» Die Reinigung des Naturbades funktioniert komplett anders als bei herkömmlichen Freibädern mit chemischen Zusätzen. Die Wasseraufbereitung erfolgt rein ökologisch durch biologisch-mechanische Prozesse. Das Schwimmbad ist dazu in zwei Nutzungsbereiche gegliedert: einen Bereich fürs Baden und einen für die Wasseraufbereitung. Im Regenerationsbereich wird «abgebadetes» Wasser durch einen Bodenkörper mit Wasserpflanzen geleitet und Mikroorganismen eliminieren alle Keime. Diese biologischen Wasserklärbecken sind am Hang auf der anderen Seite der Strasse als kaskadenartige, bepflanzte Filterterrassen eingebettet. Sorgte der Entscheid für ein naturnahes Bad während der Projektierung für hitzige Diskussionen, schätzen heute die Badegäste das weiche, chemiefreie Wasser.

Das Naturbad Riehen wurde mit gleich zwei Preisen ausgezeichnet. Der Gold Award wurde dem Bad vom Internationalen Olympischen Komitee IOC und von der Internationalen Vereinigung für Sport- und Freizeiteinrichtungen IAKS verliehen. Die Auszeichnung geht an Freizeitanlagen, die Nachhaltigkeit, eine klare Funktionalität und eine aussergewöhnliche Architektur miteinander in Einklang bringen. Und 2015 erhielt das Naturbad den Prix Lignum für die Region Nord.

Von Mitte Mai bis Mitte September dauert jeweils die Badesaison in Riehen. Auf 2000 Besucher täglich ist das Bad ausgelegt. Seit der Eröffnung haben 220 000 Gäste das Bad besucht. «Einige Gäste reisen von weit her an, weil sie sich für die Architektur des Bades interessieren,» erzählt der Bademeister Wyden. Doch die meisten Besucher kommen ins Freibad, weil es hier Wasser, Sonne, etwas Schatten und knusprige Pommes gibt – eine Oase eben. herzogdemeuron.com, naturbadriehen.ch, pirminjung.ch, pm-holzbau.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Naturbad Riehen
Standort: Riehen (BS)
Bauherrschaft: Gemeindeverwaltung Riehen
Architektur: Herzog & de Meuron, Basel
Holzbau: PM Mangold Holzbau AG, Ormalingen (BL)
Holzbauingenieur: Pirmin Jung Ingenieure AG, Rain (LU)
Baukosten: Montagebau in Holz CHF 1,25 Mio.
Auszeichnung: Prix Lignum Region Nord (2015), IOC/IAKS Award Gold (2015)
Gebäudevolumen: 1127 m3
Geschossfläche: 324 m2
Bodenbeläge: Lärche 1400 m2
Wandbeläge: Stülpschalung Lärche 720 m2, Dreischichtplatte Lärche 700 m2
Dach: Dreischichtplatte Lärche 1 200 m2

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