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1/2018 Sportlich

FOKUS.THEMA

AUF DIE PLÄTZE ... FERTIG ... LOS!

Ein 80 Meter langer, heller Tunnel in Holzbauweise, vier Sprintbahnen, neue Garderoben, eine Sandgrube und ein modern ausgestatteter Kraftraum: Die neue Indoor-Sprint- und Sprunganlage in Aarau lässt sportlich keine Wünsche offen. Ein Sportbau für Höchstleistung – vielleicht auch gerade wegen seines berühmten Standorts.

Text Sandra Depner | Fotos Hannes Henz

In der Zeit, die Sie zum Lesen dieser Sätze brauchen, könnten anderenorts Spitzensportler Rekorde aufstellen. Ein Beispiel: Während Sie das hier lesen, wäre Alex Wilson bereits 50 Meter gesprintet. Und jetzt würde er das Ziel bei 100 Metern erreichen. So schnell vergehen nur wenige Sekunden. Bei Wilson sind das genauer gesagt 10,11 Sekunden. Das ist nämlich der Schweizer Rekord, den der Basler Athlet im 100-Meter-Sprint im Sommer 2017 aufgestellt hat. Der Sportler war mit knapp 45 Kilometern pro Stunde unterwegs.

Ob Wilson schon einmal die neue Sprint- und Sprunganlage in Aarau getestet hat, ist nicht bekannt. Vielleicht trainieren dort auch aktuell seine grössten Konkurrenten, die ihm den Rekord streitig machen werden. Denn wie die «Aargauer Zeitung» im November 2017 titelte, hat sich Aarau mit seiner neuen Infrastruktur zur «Sprint-Hochburg» entwickelt. Und das nicht zuletzt wegen der baulichen Massnahmen, die bei der Modernisierung der Anlage vorgenommen wurden, um den Athleten vom Bürgerturnverein BTV Aarau Athletics ideale Trainingsbedingungen in einer Indooranlage zu ermöglichen. Denn zuvor trainierten sie auf der Sprintbahn im Freien – ob Sommer oder Winter. So berichtet der Trainer dem Lokalmedium, inwieweit sich das Training besonders im Winter verbessert hat: «Da muss ich keine Starts bei fünf Grad üben und dabei ein erhebliches Verletzungsrisiko eingehen.»

Glückliche Athleten, positive Schlagzeilen – und ein zufriedener Rektor. Die Indoor-Sprint- und Sprunganlage steht auf dem Areal der Berufsschule Aarau BSA. Paul Knoblauch blickt von seinem Büro aus auf die neue Sportstätte, die sich in geschichtsträchtiger Gesellschaft wähnen darf: direkt neben dem Telliring, einem unscheinbaren Wegring inmitten grüner Wiesen.

Knoblauch holt die historische Karte von der Wand und zeigt auf die kreisrunde Markierung. «Hier an diesem Ort», er fährt mit dem Finger die Zeichnung nach, «wurde mit dem Telliring 1802 die erste öffentliche Turnanlage der Schweiz angelegt.» Und an eben dieser Stelle im Aargau feierte auch der Eidgenössische Turnverein 1832 seine Gründung. Im Aarauer Quartier Telli treffen mit dem Telliring und der neuen Indooranlage Historizität und Moderne an einem Ort zusammen und verstärken umso mehr den Eindruck, dass sich die Kantonshauptstadt die Bezeichnung als Sport-Hochburg verdient hat.

 

Die Aufgabe: optimale Trainingsbedingungen

Die Leichtathleten des BTV waren seit Längerem auf der Suche nach einem geeigneten Standort für eine Indoor-Sprint- und Sprunganlage mit Kraftraum. Mit der Idee, die bestehende und eher schlecht nutzbare Aussensprintanlage einzuhausen, ergab sich auch für die Berufsschule die Möglichkeit, mehr Turnunterricht im Warmen abzuhalten. Die Aufgabe bestand also darin, für den BTV und die BSA optimale Trainingsbedingungen zu schaffen und dabei dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit Rechnung zu tragen.


Da die Platzverhältnisse bezüglich Bauplatzinstallationen sehr beengt waren und der laufende Schulbetrieb möglichst wenig gestört werden sollte, entschied sich das Team von Felber Widmer Schweizer Architekten für eine Holzelement-Konstruktion. Gemeinsam mit der Schäfer Ingenieur AG unter der Projektleitung von Matthias Wipf und der ausführenden Schäfer Zimmerei AG realisierten sie die neue Anlage im Zeitraum zwischen Oktober 2016 und August 2017.

Die Planer mussten diverse Auflagen und Vorgaben erfüllen. Zum einen spielte der Kostenfaktor eine Rolle: Die Indoor-Sprint- und Sprunganlage mit Kraftraum sollte zu möglichst tiefen Gesamtkosten realisiert werden. Gleichzeitig drängte die kurze Planungs- und Bauzeit zu einem schnellen Fortschritt. Zwei Monate lang arbeiteten acht Mitarbeitende der Schäfer Zimmerei AG in der Produktion, zur Montage waren an zwei Wochen vier Mann vor Ort, die Arbeit an der Fassade dauerte zwei Monate. Und all das mit möglichst geringer Beeinträchtigung des laufenden Schulbetriebs und ohne freien Platz für die Baustelleninstallation. Hochleistung ohne Beeinträchtigung war also gefragt.

Vom Boden bis zum Dach: Die Konstruktion im Detail

Die Gebäudehülle ist sehr einfach aufgebaut und erfüllt die Bauteile betreffend den Minergie-Standard. Die inneren Oberflächen sind auf die jeweilige Nutzungsanforderung optimiert. Akustikdecken aus magnesitgebundenen Holzwollfaserplatten und weiss gestrichene OSB-Wände erfüllen ihren Zweck. Das Architekturbüro sparte nicht bei der Investition in die beiden Kernbauteile: den hochwertigen Sprintbelag und im Kraftraum das Sportparkett im Dekor «Stadium Eiche». Im Korridor wurde ein Nadelvliesteppich verlegt, die Garderoben verfügen über eine fugenlose Nassraumbeschichtung. Der bereits bestehende Bodenaufbau auf den tragenden Betondecken des beheizten Untergeschosses setzt sich zusammen aus Gussasphaltbelag auf Betondruckverteilplatten. Die bereits vorhandene Aussensprintanlage diente als ideale Fundation, wobei die in der bestehenden Decke eingelegten Vorspannkabel bei der Verankerung der Holzelemente mittels Stahlwinkelelementen einigen Sondageaufwand verursachten.

Das Tragsystem besteht aus in die Wände integrierten Zweigelenkrahmen, die der vertikalen und horizontalen Lastabtragung dienen. Als Holzverbinder dienen Rahmenecken aus verklebten Kerto-Q-Platten. Die Anschlusswinkel in Stahl wurden auf die bestehenden Betonbodenplatten verschraubt. Das Flachdach mit Extensivbegrünung zeichnet sich durch eine Neigung von 1,5 Prozent aus. Mit Abdichtung, Wärmedämmung, Dampfsperre und dem mit Mineralwolle ausgedämmten Rippenholz ist der lange Baukörper vor Wärmeverlust geschützt.

 

Ideale Voraussetzungen schaffen: das Licht lenken

Ebenso wichtig wie die Bodenbeläge ist im Sprintbereich vor allem die optimale Ausleuchtung der Bahn. «Damit die Sportler auf ideale Bedingungen treffen, muss der Schattenwurf von Hürden möglichst klein sein», erklärt Architekt Niklaus Widmer. Die Bahn auf der ganzen Länge von 60 Metern muss gleichmässig ausgeleuchtet sein. Das machen LED-Bandleuchten in den beiden Ecken von Wand bis zur Decke möglich. Sie gewährleisten Lichtverhältnisse, die für TV-Übertragungen gefordert sind. Die natürliche Belichtung über die Fenster ist so gewählt, dass beim neuen Aufgang von den bestehenden Turnhallen zur Sprintanlage eine Verglasung gegen Norden den Blick auf die Gesamtanlage freigibt. So fällt relativ gleichmässiges Licht in den Raum, das die Athleten nicht stört oder blendet. Der Kraftraum verfügt über ein gegen die Abendsonne gerichtetes Aussichtsfenster in den baumbestandenen Telliring. Der Zielraum des Sprintkorridors ist über ein hoch liegendes Nordfenster blendfrei mit Tageslicht versorgt.

Den Schallpegel minimiert eine Lösung aus magnesitgebundenen Holzwollfaserplatten. Die ganze Anlage ist mechanisch belüftet und kann über einen Wärmetauscher beheizt werden. Die Bauteile erfüllen den Minergie-Standard, wobei bei diesem Projekt aktuell keine Zertifizierung vorliegt.

 

Das Ergebnis: Zufriedene Lehrkräfte und motivierte Schüler

Die Architekten und Planer sind stolz auf ihr Werk. Doch wie gefällt die neue Anlage den Nutzern? «Unsere bereits bestehende Sportanlage stammt aus dem Jahr 1988 und ist dementsprechend nicht mehr auf dem neuesten Stand. Jetzt können wir die Hallen insgesamt flexibler einsetzen. Für Schulsport und Vereine wurde mit der Indooranlage eine Bereicherung geschaffen. Lehrer und Berufsmaturanden trainieren über den Mittag.» Und wie sieht es bei den Schülern der Berufsschule aus, die mehr oder weniger freiwillig im Rahmen des Unterrichts in den Kraftraum gehen? Sie wirken motiviert, bewegen sich auf den Steppern, lachen, reden. Fragt man Sportlehrerin Lilly Attinger, hat der neue Raum für einen grossen Motivationsschub gesorgt: «Das verwundert mich auch überhaupt nicht, wenn wir uns den alten Kraftraum vor Augen führen: Es war dunkel, verfügte über kein Tageslicht, war viel enger und wir hatten weniger Geräte.» Attinger prüft auf der Uhr, ob die Klasse noch im Trainingsplan liegt. Sie blickt sich um: «Ein Unterschied wie Tag und Nacht: viel mehr Auswahl, mehr Geräte, mehr Raum für Übungen und endlich Tageslicht. Die Meisten wollen jetzt natürlich lieber in den Kraftraum», sagt sie. «Drei Minuten noch», ruft Attinger in den Raum zu den Schülern. Sie bewegen sich mittlerweile mit leicht erröteten Köpfen auf den Kardiogeräten und sind sichtlich erleichtert, dass die erste Trainingseinheit gleich geschafft ist.
schaefer-holzbautechnik.ch, bs-aarau.ch, fws-arch.ch


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Indoor-Sprint- und Sprunganlage mit Kraftraum, Berufsschule Aarau BSA
Standort: Aarau (AG)
Fertigstellung: 2017
Bauherrschaft: Einwohnergemeinde der Stadt Aarau; Berufsschule Aarau
Architektur: Felber Widmer Schweizer Architekten SIA AG, Aarau
Holzbauingenieur: Schäfer Ingenieur AG, Dottikon (AG)
Holzbau: Schäfer Zimmerei AG, Dottikon
Baukosten: CHF 2,6 Millionen (BKP 2); CHF 705 000 (BKP 214)
Gebäudevolumen nach SIA 416: 4200 m3
Grundfläche nach SIA 416: 940 m2
Verwendete Materialien: BSH GL24h Fichte: 60 m3; DUO C24: 30 m3; Dreischichtplatten: 26 m3; Rauspundschalung: 850 m2; Fassadenschalung: 900 m2

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