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2/18 Form und Struktur

Lebens.raum

Tor ins Tal Surselva

Für die Fussgängerbrücke Punt Staderas in Laax wählte der Ingenieur ausschliesslich Holz aus dem gemeindeeigenen Forst. Die selbstgewählte Einschränkung forderte von den Planern, neu zu denken und zu konstruieren. Entstanden ist eine Brücke, die – geprägt von Formwille und konstruktivem Können – den Eingang in die Bündner Bergregion markiert.

Text Helen Oertli | Fotos Ralph Feiner

Aus einem dichten Wald schlängelt sich die Brücke heraus. An den meisten Stellen ist das Lärchenholz schon vergraut. Die Fahrbahn liegt auf hohen, schmalen Stützen auf. Keine Autos, sondern Spaziergänger und Velofahrer nutzen diese Überführung, um vom Parkplatz aus die stark befahrene Kantonsstrasse zu überqueren. Punt Staderas markiert den Eingang nach Laax. Der Ferienort umfasst mit den umliegenden Gemeinden einen der grössten Wintersportorte der Schweiz. Für Ausflügler ist der Bereich Staderas zwischen Flims und Laax ein rege genutzter Ausgangspunkt. Die Überquerung der Kantonsstrasse führte in der Vergangenheit zu Unfällen. Dieses Problem sollte sich mit einer attraktiven Überführung für den Langsamverkehr gelöst werden. Gleichzeitig erhoffte sich die Gemeinde ein architektonisches Wahrzeichen an der exponierten Lage.

Die Brücke ist 126 Meter lang und an der höchsten Stelle über der Kantonsstrasse fünf Meter hoch. Die Wegbreite liegt bei zweieinhalb Metern. Mit einer Steigung von sechs Grad ist die Überführung rollstuhlgerecht. Tritt man vom Waldweg auf die asphaltierte Fahrbahn, ist das Ende der Brücke lange nicht in Sicht; in zwei grossen Bögen führt die Brücke zuerst über die Strasse und das letzte Stück über das Gelände. Sie scheint aus der Landschaft herauszuwachsen. Im westlichen Widerlager wurde das Erdreich um zwei Meter aufgeschüttet, um die Steigung von sechs Grad einzuhalten und um die Überführung nicht unnötig zu verlängern. «Anstatt eine scharfkantige Böschung zu bauen, haben wir das Terrain mit überschüssigem Aushub weich und harmonisch modelliert», erzählt Walter Bieler, Inhaber des gleichnamigen Ingenieurbüros, das 2014 den Zuschlag für die Ausführung der Fussgängerbrücke erhielt.

 

Holz aus dem Laaxer Forst

Walter Bieler wollte Holz ausschliesslich aus dem Laaxer Forst verwenden und auf Halbfabrikate komplett verzichten. Holz und Dienstleistungen aus der Region zu beziehen, das gehört zur Philosophie des Ingenieurbüros. Bieler begleitete den Förster durch den Wald und wählte die geeigneten Bäume. Am liebsten hätte er nur Lärche verbaut, doch weil diese in Laax rar ist, setzte Bieler für die witterungsgeschützten Stellen Fichte ein.


Die Höhe der Bäume limitierte die Spannweite der Brücke auf vierzehn Meter Länge. Vom verfügbaren Schnittholz eingeschränkt, entwickelte der Ingenieur ein neuartiges Konstruktionssystem. Das Tragwerk besteht nun aus zwei Lagen mit jeweils vier langen Balken, welche mit dazwischenliegenden Querhölzern zu einem Rost aufeinandergestapelt sind. Einzig für das Teilstück über der Kantonsstrasse, wo die Spannweite mehr als 14 Meter beträgt, wurden geleimte Brettschichtholzbalken verwendet. Mit langen, schräg verschraubten Vollgewindeschrauben wurden die Balken schubsteif miteinander verbunden. Das gesteigerte Trägheitsmoment bedeutet eine höhere Tragfähigkeit und Steifigkeit der Brücke. Um die Berechnungen abzusichern, wurde die Steifigkeit der Verbindung bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf vorgängig getestet.

Der Holzstapelrost reduziert den Materialverbrauch und trägt entscheidend zur Wirkung der Brücke bei. Leicht und luftig erscheint sie. Dieser Eindruck wird durch die Ausbildung der Fassade verstärkt. Die seitlichen Bretter dienen als Witterungsschutz für das Tragwerk. Schräg angeordnet wie Lamellen, lassen sie den Blick auf die Tragkonstruktion und teils sogar durch diese hindurch frei.

Für das Geländer hat Walter Bieler mit seinen Mitarbeitenden eine Vielzahl verschiedener Lösungen ausgearbeitet. Die Gestaltung kommt nun ganz selbstverständlich daher: schmale Pfosten, mit einem Stahlseil horizontal verstärkt und mit den Brettern des Witterungsschutzes verwoben. Weil das Geländer die Krümmung der Brücke aufnimmt, mussten die Pfosten leicht abgegrätet werden. Auch der Holm, der den Pfosten aufliegt, wurde mit Wasserdampf auf die runde Form gebogen. «Ohne die Beugung würde die Konstruktion starr wirken. So fügt sie sich in die Landschaft ein», sagt Bieler.

 

Fahrbahn dient als Wetterschutz

Entsprechend der Linienführung ist die Fahrbahn rund ausgeschnitten. Auch dieses Holz stammt aus dem gemeindeeigenen Forst. Die Brettschichtholzplatte ist mit einer Schrägverschraubung an den unteren Konstruktionselementen befestigt und dient zusätzlich als horizontale Scheibe zur Abtragung von in Querrichtung wirkenden Kräften aus Wind- und Erdbebeneinwirkungen. Diese Kräfte werden über stählerne Auskreuzungen in der Stützenkonstruktion weiter in die Fundamente geleitet. Die Fahrbahn ist wasserdicht asphaltiert und nimmt auch die Funktion als Dach über der Tragkonstruktion ein. «Bei traditionellen Brücken schützt ein Dach das Tragwerk, wir haben eine zeitgenössische Lösung entwickelt, bei der die Fahrbahn als Wetterschutz dient», beschreibt Bieler die Konstruktion. Holzgerecht bauen heisst für den Ingenieur, die tragenden Teile vor Nässe zu schützen und nur Verschleissteile dem Wetter auszusetzen. Deshalb sind Geländer und Vordächer, die das Tragwerk schützen, leicht austauschbar. Auf V-förmigen Stützen liegt das Tragwerk auf. Hoch über das Geländer ragen seitlich je zwei Stützenstreben hinaus. Sie ähneln den hohen Fichten im Hintergrund der Brücke. Die Stützen sind als Sprengwerk konstruiert. Dadurch konnten die Spannweiten zwischen den Stützen reduziert und so Material und Kosten eingespart werden. Für die äusseren Stützen kommt wetterfestes Lärchenholz zum Einsatz, für die Stützen im Inneren Fichtenholz. Mit einer Kupferplatte ist das Stirnholz der hohen Streben abgedeckt, was verhindert, dass sich das Holz mit Nässe vollsaugt. Alle Details sind luftumspült konstruiert; nie liegt Holz auf Holz auf. Statt-dessen sind Unterlegscheiben eingefügt. Die erhöhten Betonsockel schützen das Holz vor liegendem Schnee.


Ein einmaliges Projekt war der Bau für das Laaxer Unternehmen Camathias SA Holzbau & Architektur. In dieser Dimension und Komplexität baut Geschäftsführer Martin Camathias nur selten. Richtig gut geworden sei die Brücke. Er habe viele positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhalten. Das Referenzobjekt zieht heute, zwei Jahre nach der Fertigstellung, immer noch viele Kundenanfragen an.

 

Datenmenge lässt PC abstürzen

Einen Monat dauerten allein die Programmierarbeiten für das Projekt: Auf Basis der CAD-Zeichnungen des Ingenieurbüros programmierte Camathias die Maschine. Mehrmals sei dabei der Computer abgestürzt wegen der schieren Datenmenge. Knapp wurde es mit dem Platz auch in der Produktionshalle. Um die Teile abzubinden und die Brückenelemente zusammenzubauen, benötigten die Zimmerleute zwei Monate.

Der Platz für andere Arbeiten war in dieser Zeit knapp. Das 24 Meter lange Brückenteil, das über die Kantonsstrasse führt, liess die Camathias SA in einer anderen Halle produzieren. Der Strassenradius um die eigene Werkhalle war zu klein dimensioniert, als dass der Transporteur mit dem Element sicher um die Ecke gekommen wäre.

Herausfordernd bei diesem Projekt war die Vielzahl der unterschiedlichen Teile. Beim Geländer gleicht kein Pfosten dem anderen – alle weichen aufgrund der gekrümmten Konstruktion leicht voneinander ab. Trotzdem, jeder Mitarbeiter wollte bei diesem Bau dabei sein. Zu sechst richteten die Zimmermänner die fertigen Elemente schlussendlich auf und verbanden die fertigen Brückenelemente auf dem Ständerwerk. Mit 80 Zentimeter langen Schrauben – zweitausend Stück insgesamt – sind die Holzelemente verschraubt. Von Stütze zu Stütze wurde die Entfernung jeweils mit dem Laser gemessen, um die Fundation passgenau zu treffen. Nach 114 Metern Bauteillänge betrug die Abweichung am letzten Element weniger als zwei Zentimeter. «Wir waren selber überrascht, wie präzise uns der Bau gelungen ist», erinnert sich Martin Camathias.

 

Brücken, Des Ingenieurs liebste Disziplin

Gleich drei Kompetenzen vereinte das Ingenieurbüro von Walter Bieler bei der Planung: Konstruktion, architektonischer Ausdruck und Landschaftsgestaltung. Für Bieler ist der Entwurf einer Brücke auch Kulturauftrag. Und eine seiner liebsten Disziplinen. «Weil wir freie Hand haben», denn der Entwurf wird nicht von einem Architekten vorgegeben, sondern fällt dem Ingenieur zu. Dessen Wille zur Formgebung, vereint mit dem rational geprägten Konstruieren, lässt eine bauliche Leistung entstehen, die in Form und Funktion überzeugt.


An so einem Projekt arbeiten Bieler und seine Mitarbeiter bis zu einem Jahr. Der Ingenieur setzt sich dabei lange mit der Gestaltung auseinander. Beim Autofahren, vor dem Fernseher – der Entwurf begleitet Bieler weit über den Arbeitstag hinaus. Dass die Brücke nun Fachleuten und Bevölkerung gleichermassen gefällt, komme laut Bieler selten genug vor. Geschätzt achtzig Jahre wird die Brücke bestehen. Mit der Zeit wird das Holz komplett vergrauen, bald silbern wirken: ein eindrucksvolles Tor zum Tal Surselva, wie es sich Laax gewünscht hat. walterbieler.ch, camathias-sa.ch


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Punt Staderas, Fuss-/Radwegbrücke, Laax (GR)
Baujahr: 2016
Bauherrschaft: Gemeinde Laax
Holzbauingenieur und Architekt: Walter Bieler, Bonaduz (GR)
Holzbauer: Camathias SA Holzbau & Architektur, Laax
Gesamtkosten: CHF 950 000
Dimensionen: 114 Meter lang, 2,5 Meter breit, 5 Meter hoch, 6 Grad Neigung
Verwendetes Holz: 82 m3 Konstruktionsholz (Fichte und Lärche aus Laax), 30 m3 Brettschichtholz

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