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BAU.WERK

Aus Liebe zur Nuss

Frümsen darf sich zurecht «Nussdorf» nennen: Es gibt Frümsner Nusslikör, Frümsner Nussbrot und sogar einen eigenen Nussverein, der die langjährige Nusstradition pflegt. Wäre das nicht schon genug, glänzt das Dorf am Fusse der Staubernkanzel mit einer Bergbahn, deren Warteraum die Form einer überdimensionalen Nuss hat. Modell dafür stand – wie sollte es auch anders sein – eine Frümsner Baumnuss.

Text Sandra Depner, Sepp Steiger | Fotos Michel Photography

Ein Warteraum kann mehr sein als nur triste Zwischenstation für den Reisenden. Wie viel mehr, das zeigen die Frümsner: Aus Liebe zur Nuss bauten sie einen Warteraum in Form einer riesigen Baumnuss – gebaut aus regionalem Nussholz. Eine Hommage an die traditionsreiche Frucht des Laubbaums, die seit Jahrtausenden im Rheintal Land und Leute prägt. Das einer echten Frümsner Baumnuss nachempfundene Bauwerk ist 13 Meter lang und misst an der breitesten Stelle acht Meter. Von aussen ist das Dach mit edlen Kupferschindeln versehen. Beim Betreten des Raums offenbart die Nuss ihr Innenleben: Denn dort wölben sich die Wände in der typischen Form einer Baumnuss.

 

Ein Netzwerk für die Nuss

Den Wunsch, den Warte- und Gastroraum für die neue Bergbahn Staubern als Nuss zu realisieren, hatte Bauherr Daniel Lüchinger, der mit seiner Familie auf dem Grat das Staubern-Berggasthaus betreibt. Dahin gelangen Gäste in weniger als acht Minuten über die im Mai 2018 eröffnete Bergbahn. Das Besondere: Es handelt sich laut Bauherrschaft um die erste Bergbahn der Welt, die umweltneutral betrieben wird. Wie passend, dass mit dem Wartehäuschen aus 93 Kubikmetern regionalem Holz eine ebenso nachhaltige Bauweise gewählt wurde.

Um den Bauherrn spannte sich schnell ein Netzwerk erfahrener Planer und Experten. Mit der Umsetzung und Projektplanung beauftragte er Sepp Steiger, Inhaber der Frei Holzbau AG aus Kriessern (SG). Die Baueingabe und die Bauleitung oblagen dem Atelier Drü + Bauleitung Architektur AG aus Flums (SG). Um Statik und Bemessung bei dem speziellen Projekt kümmerte sich Ingenieur Sämi Federer, Altstätten (SG). Die CNC-Bearbeitung des Holzes erfolgte schliesslich von der Blumer-Lehmann AG aus Gossau (SG) und der Gebhard Müller AG aus Steinach (SG). Viel Zeit hatten die Planer nicht. Die Montage erfolgte zwischen Dezember 2017 und April 2018. Die Konstruktion ist auf ein Betonfundament gestellt. Darauf wurde das Tragegerippe aus Bogenbindern gespannt. Sämtliche Hölzer mussten auf der CNC-Maschine gemäss den Radien des Innen- beziehungsweise Aussenradius gefräst werden. Auf die liegenden Bogenbinder wurden mit eingeschlitzten Blechen und Stabdübeln die Rippen – die Bogenbinder, die abgegratet waren – montiert.

Infolge der speziellen Geometrie konnten keine klassischen Elemente hergestellt werden: Stattdessen musste alles vor Ort, Teil für Teil zusammengebaut werden. Die seitlichen, statischen Frontscheiben wurden mit einer Fünfschichtplatte ausgebildet. Zur grossen Herausforderung der Geometrie kam noch die Logistik mit wenig Platz vor Ort dazu.

 

Datenmenge fordert kreative Lösung

Die Aufgabe, die Nuss zu scannen und die benötigten Daten zu generieren, übernahm das Büro Units Im-Technology AG, Au (SG). Die Treppenbau.ch aus Ganterschwil nahm sich daraufhin der Datenaufbereitung an, die von der HD Plan GmbH für die Holzbauplanung verwendet wurden. Mit den 3D-Daten wurden die CNC-Maschinen gefüttert, die die rund 700 Einzelteile aus Fichtenholz und die nusstypische Innenschale produzierten. Die schiere Datenmenge stellte jedoch eine Herausforderung dar. Die Lösung: Die CNC-Maschine fräste langsamer, damit der Computer die Datenmenge in nützlicher Frist übermitteln konnte.

Vom Scan bis zum Puzzle

Jedes einzelne der nummerierten Elemente hat seinen vorgesehenen Platz in der Konstruktion. Trotz Kälte und Stress durfte bei der Montage keine Hektik aufkommen. Entsprechend eines detaillierten Plans montierten die Mitarbeitenden von der Frei Holzbau AG innerhalb von zwei Wochen Balken für Balken wie einzelne Puzzleteile zum fertigen Gerippe der überdimensionalen Baumnuss zusammen.

93 Kubikmeter Holz kamen beim Neubau an der Talstation der Staubernbahn zum Einsatz – Holz, Leimholz und Holzwerkstoffe. Der Grossteil, genau 93 Prozent davon, stammt aus der Schweiz. Für den vorbildlichen Einsatz einer heimischen Ressource wurde der Frümsner Warte- und Gastroraum mit dem Herkunftszeichen Schweizer Holz (HSH) ausgezeichnet. In nur einem Tag, so erläuterte der langjährige Regionalförster anlässlich der Übergabe, sei das hier verbaute Holz in der Region wieder nachgewachsen.

Ein Wochenende lang wurde Anfang April 2018 die grosse Eröffnung gefeiert. Dabei spielte die Nuss eine Hauptrolle: Das Berggasthaus Staubern lud ein zum Tag der offenen Tür, zu Kaffee und dem ein oder anderen Stück von einer 70 Meter langen Rekordnusstorte. frei-holzbau.ch, atelier-drue.ch, staubern.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Warteraum der Talstation Staubernbahn
Standort: Frümsen (SG)
Baujahr: 2018
Bauherrschaft: Daniel und Judith Lüchinger
Architektur: Atelier Drü Architektur + Bauleitungen AG, Flums (SG)
Holzbau: Frei Holzbau AG, Kriessern (SG)
3D-Scan: Units Im-Technology AG, Au (SG)
Datenaufbereitung: Treppenbau.ch AG, Ganterschwil (SG)
CNC-Bearbeitung: Blumer-Lehmann AG Gossau (SG); Gebhard Müller AG, Steinach (SG);
Holzbauingenieur: F&N Tragwerk GmbH, Altstätten (SG)
Gebäudevolumen: 700 m3
Nettofläche innen: 36 m2
Holz: 93 m3 Schweizer Fichte und Nussbaum

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