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Lebens.raum

Ganz schön wahnsinnig

Hinter dieser knalligen Fassade wuchert es wahnsinnig. In dem glänzenden Würfel steckt unglaublich viel Zürcher Wald – mitten in der Stadt. Wahnsinnig, aber auch wahnsinnig schön, und als Festspielzentrum «Future Forest» wie gemacht für die Zürcher Festspiele 2018, die das Thema «Schönheit und Wahnsinn» zelebrierten.

Text und Fotos Sandra Depner | Pläne HSR Rapperswil

Hier und da zur frühen Morgenstunde kreuzen hastende Passanten den Münsterhof im historischen Stadtkern Zürichs. Später erst lassen sich auch jene Menschen blicken, die Zeit haben, den Münsterhof zu entdecken – und mit ihm den riesigen pinken Kunstrasen, auf dem ein gleichfarbiger, glänzend lackierter Holzwürfel thront – vollgepackt bis oben hin mit all den Pflanzen, Sträuchern und Bäumen, die der Zürcher Wald so hergibt.

Die temporäre Kunstinstallation trägt den Namen Future Forest, Zukunftswald. Sie war im Juni 2018 das Herzstück der dreiwöchigen Festspiele Zürich. Future Forest war nicht nur das Festspielzentrum und die Anlaufstelle für geschätzt 120 000 Besucher, sondern auch täglicher Schauplatz für die unterschiedlichsten Veranstaltungen – vom Jazzkonzert über Performances und Lesungen bis hin zum grossen Familientag. Die Festspiele Zürich realisierten in Zusammenarbeit mit dem Institut für Landschaft und Freiraum ILF der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) mit Future Forest eine kleine Waldwelt im urbanen Umfeld. Knallig pinker Glanzlack aussen, die Natur im Inneren. Und doch: Es passt und versinnbildlicht das Leitbild der Zürcher Festspiele 2018 «Schönheit und Wahnsinn».

Dass sich hinter dem pinken Glanzlack tatsächlich schlichte Brettsperrholzplatten verbergen, ist nicht sofort ersichtlich. Erst bei genauem Hinsehen zeichnet sich die typische Maserung ab, die die lackierte Fassade prägt. Holzbau müsse man nicht zwingend erkennen können, sagt Daniel Wütschert: «Es sind ja die inneren Werte, die zählen», sagt der Zimmermeister und Leiter der Abteilung Holzbau bei der W. Rüegg AG, Kaltbrunn (SG). Er koordinierte das Projekt für den Betrieb. Die Gesamtbauleitung hatten die Landschaftsarchitekten.

 


Raus aus der Stadt, hinein in den Wald

Ein schmaler Schlitz an der Seite des Kubus zieht den Besucher in eine andere Welt. Denn hinter der Fassade wuchert es wahnsinnig. Es ist der Zürcher Stadtwald im Kleinformat, auf fünf mal fünf mal fünf Metern. Feuchter Nebel schwängert die Luft, es zischt, es zwitschert, es ist dunkel, die Innenwände sind schwarz. Tageslicht dringt nur von oben durch die runden Öffnungen ein und durch zwei diagonal positionierte Zugangsschlitze. Es duftet nach Wald. Der weiche Humusboden wölbt sich über dem Pflasterstein zu einem unebenen Bodenbelag. Es ist eng auf den 25 Quadratmetern mit all den Farnen, Sträuchern und Bäumen. Kaum hat man sich an den merkwürdigen, aber idyllischen Ort gewöhnt und die Enge akzeptiert, ist das Abenteuer auch schon wieder vorbei. Man verlässt auf der gegenüberliegenden Seite durch einen ebenso schmalen Schlitz den Kubus wieder – und ist zurück im Grossstadtdschungel. Am Institut für Landschaft und Freiraum ILF der HSR Rapperswil wurde Anfang 2017 der Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Studierende des vierten Semesters reichten im Rahmen des Fachs Pflanzenverwendung 21 Entwürfe ein. Nadine Jost und Regula Luder überzeugten die Jury mit ihrer Idee vom «Jungle Cube».

«Die Voraussetzungen waren klar: Die Installation sollte auf dem Münsterhof als starkes Bühnenelement wirken, in den städtischen Kontext integriert sein, eine hohe Aufenthaltsqualität bieten – und natürlich umsetzbar sein», erklärt Viola Thiel vom ILF. Sie und Belén Montoliú, Kuratorin der Festspiele 2018, führten den Entwurf von «Jungle Cube» weiter zum finalen Ausführungsprojekt «Future Forest». Dafür integrierten sie in Workshops die künstlerische Intention der Festspiele, berücksichtigten die Perspektive der Landschaftsarchitektur, diskutierten Materialwahl, Pflanzenarten, Optik, Wirkung auf dem Platz im Kontext der historischen Kulisse und all jene Details, die eine temporäre Intervention im öffentlichen Raum mit sich bringt.

 

Ein Kubus aus holz ist die Hülle für den Miniaturwald

Für den Temporärbau aus Fichte hatten Daniel Wütschert und sein Team zwei Monate Vorlaufzeit für Planung, Produktion und Aufrichte. Der Montagezeitraum war sehr kurz bemessen: Am 1. Juni war die offizielle Eröffnung. Drei Tage vorher konnte mit dem Aufbau der Kunstinstallation samt Kunstrasen und Waldbefüllung am Münsterhof begonnen werden. Für eine schnelle Aufrichte kam der Würfel bereits in zehn vorproduzierten Elementen auf die Baustelle. Die Monteure verschraubten sie über eingeblattete Stosslaschen miteinander. Ein Fundament war nicht notwendig: «Wir stellten den Bau ohne Fundament auf den Platz. Er hält dank seines Eigengewichts», erläutert Daniel Wütschert. Zuvor liess der Zimmermeister Tachymeteraufnahmen vom unebenen Münsterhof machen. Diese Daten flossen in den Abbund ein, sodass die Platten mit den entsprechenden Schrägen produziert wurden. Die Konstruktion musste nicht noch zusätzlich auf dem Platz befestigt werden – die Humusschicht und die Winkelelemente sorgten hier für die nötige Stabilität.

Der Holzwürfel ist simpel konstruiert. Es gab keinen aufwendigen Ausbau, lediglich die Versorgung mit Strom und Wasser für die Nebel- und Bewässerungsanlage musste gewährleistet sein. Eine vollflächig aufgeleimte Feuchteschutzschicht bewahrte die schwarzen Innenwände vor eindringender Feuchtigkeit. An den zwei schmalen Öffnungen befand sich je eine Schiebetür aus Dreischichtplatten – diese Massnahme sollte die Kunstinstallation vor möglichem Vandalismus schützen.

 

Das Dach ist der stabilisierende Faktor

Eine Herausforderung stellte die Statik dar. Es war eine Lösung gefragt, die trotz leichter Bauweise und schlanker Konstruktionsstärken von zehn bis zwölf Zentimetern funktionierte. Die Dachplatte bildete als letztes Montageelement das alles entscheidende Glied im ganzen Projekt, da sie dem Holzrahmenbau Stabilität verleihen sollte. Bevor es so weit war, wurden zuerst die vier Wände des Würfels aufgestellt. Daraufhin befüllte der Gartenbauer das Bauwerk durch die Dachöffnung von oben mit Humus und den Pflanzen. Erst dann konnte die Dachplatte montiert werden.

Drei Wochen lang war der Future Forest das Herzstück der 22. Ausgabe der Festspiele Zürich. Ob der Würfel auch beim nächsten Mal wieder zum Einsatz kommt, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass der Münsterhof mit den Festspielen Farbe abbekommen hat. Und auch dessen Umgebung im Nachhinein. Denn wer sich heute ein paar Querstrassen weiter umschaut und den Blick in eine Hofeinfahrt schweifen lässt, dessen Augen bleiben unweigerlich an einem grossen Stück des flauschigen, pinken Kunstrasens hängen. ruegg-kaltbrunn.ch, ilf.hsr.ch, festspiele-zuerich.ch


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Temporärbau Future Forest
Baujahr: 2018
Standort: Münsterhof Zürich
Bauherrschaft: Festspiele Zürich, Belén Montoliú Kuratorin 2018
Landschaftsarchitektur: Institut für Landschaft und Freiraum, HSR Hochschule für Technik Rapperswil (SG); Viola Thiel (Projektleitung) und Prof. Mark Krieger
Holzbauingenieur: J. Siegfried Holzbauplanung, Freidorf (TG)
Holzbau: W. Rüegg AG, Kaltbrunn (SG)
Baukosten: CHF 50 000
Gebäudevolumen: 125 m3
Grundfläche: 25 m2
Holz: 14 m3 Fichte Brettsperrholz

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