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FOKUS.THEMA

Kunst im Dorf

Grün wie die Wiese, pink wie Nelkenblüten: Das Swiss House XXXII wirkt auf den ersten Blick künstlich inmittendes wilden Calancatals. Der Architekt will mit der lebendigen Skulptur sein Heimatdorf im abgelegenen Tal bereichern.

Text Helen Oertli | Fotos Alexandre Zveiger, Photos-souvenirs © Daniel Buren – ADAGP Paris /Davide Macullo
 

Hoch über die tosende Calancasca führt eine Bogenbrücke in das Calancatal. Die Strasse schlängelt sich dicht an den abschüssigen Hängen entlang, bis sich abrupt das enge Tal zu einer Ebene mit Kastanienhainen und Dörfern weitet. Rossa auf 1100 Metern Höhe ist das letzte Dorf im Calancatal. Endstation für das Postauto. Nur ein Saumpfad führt von hier weiter Richtung San Bernardino.

Einem bunten Marzipanturm gleich erscheint zwischen den grauen Schieferdächern und urigen Blockhäusern das Swiss House XXXII. Ein Kreuz in der vertikalen Projektion, die Kanten gerundet und das Dach um 30 Grad verdreht. Mit 14 Metern Höhe überragt der Bau die meisten der umliegenden Häuser. Die Haustür steht offen, eine Klingel fehlt. Davide Macullo – barfüssig, in Sommerhemd und signalorangen Badehosen – beendet gerade ein Telefonat und begrüsst seinen Besuch mit einer herzlichen Umarmung. Letzte Woche war er noch in Tel Aviv, wo das Architekturbüro Davide Macullo Architects ein Spital baut. Das Wochenende zwischen den Terminen verbringt der Architekt in seinem Haus in Rossa. Das «Festa del Carmine» wird an diesem Sonntag gefeiert. Ein Madonnenumzug führt durch das Dorf, danach trifft man sich zum Mittagessen im Festzelt. Freiwillige kochen, geben Wurst und Kartoffelsalat aus. «Die einen kochen, andere machen Kunst», sagt Macullo, dessen Grosseltern hier aufgewachsen sind. Der Einsatz ist vielseitig, aber verfolgt würde dasselbe Ziel: das Dorf, geprägt von Abwanderung, wieder zu beleben.

 

Lebendige Skulptur

Grün leuchtet die untere Fassadenhälfte, magentafarben die obere und über die bunten Farbflächen laufen weiss lackierte Holzstäbe. Auf den ersten Blick fremd und künstlich, sind die Farben dennoch der Natur nachempfunden. Den wilden Nelken, die entlang des Flussufers wachsen, und dem Farbspiel des Abendhimmels. An den Hängen der umliegenden Bergen orientiert sich die geschwungene Linie, die zwischen den beiden Farben verläuft. Entworfen hat die Fassade Daniel Buren. Der französische Künstler, in den 1970er Jahren Nonkonformist und heute eine feste Grösse in der Kunstwelt, ist bekannt für seine Streifenbilder: parallele, vertikale Streifen in exakt 8,7 Zentimeter Breite, alternierend weiss und farbig. Macullo bewunderte den Künstler als Jugendlicher für dessen radikale Ansichten. Wie zum Beispiel, dass Kunst nicht ins Museum gehört, sondern in den öffentlichen Raum. Ebendas will Macullo: sein Wochenendhaus soll als lebendige Skulptur sichtbar sein für den Passanten auf dem Weg in die Pizzeria, den Badenden in der Calancasca wie auch für den Wanderer vom San Bernardino herkommend.

Das Swiss House strahlt weit über seine nahe Umgebung hinaus: Viel wurde geschrieben über den Bau und seit der Fertigstellung im Jahr 2017 verschlägt es regelmässig Interessierte in das abgelegene Dorf. Allein an diesem Sonntagmittag tauchen Bekannte, Arbeitskolleginnen und Freunde Macullos im Swiss House auf. Mustern das ungewöhnliche Haus, finden sich später zusammen im Festzelt wieder, wo Meinungen ausgetauscht und mit dem Architekten diskutiert werden.

 

Über Skizzen kommunizieren

Um seine Idee zu verwirklichen, setzte Macullo auf einen langjährigen Partner: Sepp Steiger, oder «unseren Helden», wie Macullo ihn nennt. Steiger ist Inhaber und Geschäftsführer von der Frei Holzbau AG in Kriessern (SG). In den vergangenen Jahren ist die Frei Holzbau AG von der Zimmerei zum Holzbaubetrieb gewachsen, der sich auf komplexe Projekte spezialisiert hat. Beim Innenausbau eines Firmengebäudes haben Macullo und Steiger zum erstem Mal zusammengearbeitet. Siebzehn Jahre sind seither vergangen und die beiden sind ein eingespieltes Team geworden. «Wir ticken ähnlich», erklärt Steiger. Macullo erzählt ihm von seinen Ideen, der Holzbauer setzt sie um. Die Fensterbänke des Swiss House habe Macullo nur grob skizziert, erzählt Steiger, der dann das Modell gezeichnet und ein Mock-up angefertigt hatte. Innert eines Tages war die Konstruktion geklärt und die Fensterbänke gingen in Produktion.

Eine ganz ähnliche Skizze – vergrössert und auf Glas aufgezogen – hängt prominent in Steigers Büro. Sie zeigt Macullos ersten Entwurf des Swiss House. Was mit einfachen Strichen hingeworfen wurde, hat Steiger innerhalb eines Jahres in einen massiven, dreigeschossigen Holzbau übersetzt. Aus Stahlbeton ist der Keller, über eine Setzschwelle wurde das Obervolumen aus Fichtenholz gebaut und die Wände wurden mit recyceltem Papier ausgedämmt. Für die Aussteifung setzte Steiger auf OSB-Platten. «Ein Gerippe mit aussteifenden Elementen», fasst der Holzbauer die Konstruktion zusammen. Wegen all der Rundungen musste das Traggerippe mit vertikalen Pfosten aus Brettschichtholz gebaut werden. Die horizontalen Teile des Tragwerks sind auf der fünfachsigen CNC-Maschine auf Form gefräst worden. In jeder Schwelle steckt Aufwand – rund, gebogen, verdreht – kein Teil gleicht einem anderen. «Nichts war normal», erzählt Steiger. Beim Aufrichten ging das Team geschossweise vor. In drei Tagen hatten sie zu viert den 14 Meter hohen Bau aufgerichtet. «Die Leute vom Dorf sind auf die Baustelle gekommen, um den Zimmermännern beim Aufrichten zuzuschauen», erinnert sich Macullo.

 

Den Blick nach aussen in Szene gesetzt

Die Dachkonstruktion mit Grat und verkanteten Hölzern, deren Anschlüsse mit Schwalbenschwanzverbindungen gelöst sind, haben die Zimmermänner auf dem Boden des dritten Stockwerks montiert, dann mit dem Kran nach oben gehievt und um die geforderten 30 Grad gedreht platziert. Die Haustechnik ist entlang den Rundungen in der Konstruktion eingebaut. Die Küche in den beiden oberen Geschossen ist rudimentär gehalten. Espresso wird hier zubereitet, gekocht wird im Souterrain, wo eine funktionale Küche, Vorratsschränke und alles Praktische untergebracht sind. Diesen Hausteil teilen sich die beiden Parteien, die beim Swiss House gemeinsam als Bauherrschaft agierten: Macullo vom obersten Stockwerk und Oksana Kudin, die mit ihren Töchtern das zweite Geschoss bewohnt.

Der kreuzförmige Grundriss ist in den Innenräumen unterteilt: Von der Küchennische zum Wohnbereich führt ein ganzer Kreuzbalken, Eingang und Bad sind in den beiden Ecken untergebracht. Über diesen liegt jeweils ein Zwischengeschoss, das als Schlafraum dient und über eine ausziehbare Leiter erreicht wird. Das Zentrum in allen drei Geschossen bilden die massiven Holztische, die ebenfalls aus Steigers Werkstatt stammen. Bei Macullo stapeln sich darauf grossformatige Bildbände, es liegen Fachzeitschriften und lose Skizzen verstreut.

Diese hohen, hellen Räume aus naturbelassener Fichte haben wenig gemein mit der buntgrellen Aussenfassade. Die Architektur nimmt sich zurück und schafft eine Bühne für den Hauptdarsteller: die Natur. Jedes Fenster orientiert sich an einer anderen Ansicht. Hier das Dorf, dort dichter Wald und gegenüber karge Felswände. Die runden Formen ermöglichen einen fliessenden Blick auf diese Aussichten. Anders als in eckigen Räumen fehlt die gewohnte Orientierung, die Ausblicke könnten von irgendwoher stammen. «Wer das Haus betritt, versteht, wieso wir diese Form gewählt haben und dass wir die Tradition und die Natur hochschätzen», sagt Macullo. Mittlerweile haben die meisten Dorfbewohner Macullo in seinem Haus besucht. Bei vielen ist die anfängliche Skepsis einer Begeisterung gewichen. Das ist auch besser so, denn der Architekt hat grosse Pläne für das kleine Dorf. Eine Studentenresidenz, eine regionale Kunstbibliothek und Häuser für zehn Künstler sind geplant. Das Swiss House ist also erst ein Anfang. macullo.com, frei-holzbau.ch, galleriacontinua.com

Davide Macullo Architects

Davide Macullo ist ein Schweizer Architekt und lebt und arbeitet in Lugano, Schweiz. Er studierte Kunst, Architektur und Innenarchitektur an verschiedenen Schulen in der Schweiz und in Berkeley, Kalifornien (USA). Während 20 Jahren (1990–2010) war er Projektarchitekt im Atelier von Mario Botta mit Verantwortung für über 200 internationale Projekte weltweit. Er eröffnete sein eigenes Atelier im Jahr 2000. Seine Arbeiten werden im In- und Ausland veröffentlicht und ausgezeichnet.


Auszeichnungen

Architizer A+Awards 2018: Sieger in der Kategorie «Concepts – Plus-Architecture+Art»
ABB Leaf Award 2018: Shortlisted
Dezeen Award 2018: longlisted
The Plan Award 2018: Honorable Mention Color.Structure.Surface 2018 by AIT and Caparol: nominiert


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Swiss House XXXII Rossa
Standort: Rossa, Calancatal (GR)
Projektbeginn: 2014
Bauzeit: September 2016 bis Juni 2017
Bauherrschaft: Oksana Kudin, Davide Macullo
Architekt / Bauleitung: Davide Macullo Architects, Lugano (TI)
Holzbau: Frei Holzbau AG, Kriessern (SG)
Gebäudevolumen: 1000 m3
Gesamtfläche: 300 m2
Holz: 100 m3 Fichte

SWISS HOUSE XXXII Rossa
by Daniel Buren & Davide Macullo
In collaboration with Mario Cristiani - Galleria Continua

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