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01/2013 Symbiose am Bau

Wohn.kultur

Urbanes Flair im Grünen

Die Wohnüberbauung «Neugrüen» im aargauischen Mellingen ist das grösste Minergie-A-Eco-Projekt der Schweiz und setzt ökologisch ganz neue Massstäbe. Die Siedlung wird komplett in Holzbauweise erstellt, was ganz den Ansprüchen des heutigen Wohnens und dem Grundsatz der Nachhaltigkeit entspricht.

Die Siedlung «Neugrüen» hat Vorbildcharakter. Sie demonstriert, was viele nicht wissen: Ökologisch und gleichzeitig modern bauen ist möglich und zwar auch bei grossen Wohnsiedlungen. Die Zweieinhalb- bis Viereinhalb-Zimmer-Wohnungen und die Viereinhalb- bis Fünf­einhalb-Zimmer-Reihenhäuser, die in der Siedlung Neugrüen in Mellingen nach Miner­gie-P-Eco und Minergie-A-Eco-Standard gebaut werden, entsprechen den neuesten Nachhaltigkeitsstandards und verfügen über einen über­durchschnittlichen Innenausbau. Insofern kommt der Überbauung eine Pionierrolle in der Schweiz zu. Auf Mellingens Südwesten ist die Anlagegruppe CSA Real Estate Switzerland aufmerksam geworden. Diese hat dort drei Hektaren Land gekauft und 118 Millionen Franken investiert, um eine Siedlung mit dem Namen Neugrüen zu erstellen.

Konstruktion in Holzbauweise
Für die Siedlung setzt man auf Holz, denn der Baustoff ist bei energieeffizienten Häusern besonders geeignet. Neben seiner guten Dämmwirkung ist das Material ein CO2-Speicher und damit der einzige Baustoff, der aktiv das Klima schützt. Holz kann anfallende Luftfeuchtigkeit aufnehmen und zeitverzögert abgeben, was sich positiv auf das Raumklima auswirkt. Wer mit Holz baut, kann die graue Energie auf ein Minimum reduzieren. Auch ein Rückbau ist problemlos möglich. Zudem ist korrekt vor Witterung geschütztes Holz robust und dauerhaft. Massivholz hält entgegen der landläufigen Meinung bei einem allfälligen Brandfall dem Feuer sehr lange stand.

Die tragenden Decken bestehen aus Brettstapeln in Holz-Beton-Verbundbauweise. Erdbebensicherheit und Fluchtwege werden von den aussteifenden, in Beton gefertigten Lift- und Treppenkernen garantiert. Die Aussenwände werden in der Zimmerei vorfabriziert und vor Ort zu einem Ganzen zusammengefügt, was ein schnelles Voranschreiten des Bau­vorgangs erlaubt. Dies schlägt sich in der Wirtschaftlichkeit der Bebauung nieder. Der architektonische Ausdruck wird von der Aussenhaut charakterisiert, einer geschindelten Aussenschale. Diese ist mit einer Lasur behandelt, die Farbpigmente enthält, um eine künstliche Alterung zu erzeu­gen. Eine Patina, die das Einbinden der Gebäude in den Bestand selbstverständlich macht.

Minergie-Standards
Ökologie wird in der Siedlung grossgeschrieben: Die Überbauung entspricht dem Standard Minergie A-Eco: Neugrüen wird genauso viel Energie generieren, wie für den Siedlungsbetrieb benötigt wird. Wie lässt sich dieses Ziel erreichen? «Wir haben uns für Wärmepumpen in Kombination mit Fotovoltaikzellen entschieden. Wärmepumpen nutzen die Wärme der Erde und des Abwassers. Die Wärmepumpen beziehen Solarstrom aus den Dachpanels», erklärt Dietrich Schwarz, Geschäftsführer des Zürcher Architekturbüros Schwarz Architekten, das die Überbauung konzipiert hat.

Neben dem Minergie-Standard A-Eco wird die Siedlung auch dem Minergie-Standard P-Eco gerecht. Das heisst, dass die Wohnungen die Wärme im winterlichen Halbjahr effizient nutzen und im sommerlichen Halbjahr vor Überhitzung schützen. Das Planungsteam ist auch folgenden Komfort- und Gesundheitsanforderungen nachgekommen: In allen Wohnungen herrschen optimale Tageslichtverhältnisse. Zu­dem verwendet man aus­schliesslich lösungsmittel- und formaldehydfreie Baustoffe. Auch ein eingebautes kontrolliertes Belüf­tungs­­sy­s­tem reduziert die Schadstoffmenge: Dessen feine Filter fangen selbst Staub oder Mikropartikel auf. Weiter blockt der integrierte Schallschutz Lärmimmissionen ab. Neben den Minergie-Standards strebt die Siedlung die Zertifizierung mit Greenproperty Gold an, dem Gütesiegel für nachhaltige Immobilien. Für den Holzbauingenieur Josef Kolb wird mit dem Bau dieser Siedlung ein Zei­chen gesetzt: «Eine Siedlung in dieser Grös­se, komplett in Holzbauweise erstellt, ist ein ökologischer, siedlungspolitischer und holzbautechnischer Meilenstein. Zugleich erge­ben sich neue Massstäbe in Holzbauplanung und Herstellung von Grossbauten: 23 grosse Häuser mit rund 200 Wohnungen und zusätzlichen Gewerberäumen müssen fast gleichzeitig geplant, hergestellt und auf der Baustelle passend zusammengefügt werden.»

Nachhaltig und modern mieten
Neugrüen ist mit fast 200 Wohnungen bis-lang die grösste ökologische Siedlung in der Schweiz, für die eine durchmischte Nutzung vorgesehen ist. Für Familien gibt es 34 Reihenhäuser mit je einer Vier­einhalb-Zimmer­-Woh­nung und 34 Reihenhäuser mit je einer Fünfeinhalb-Zimmer-Wohnung samt eigenem Vorplatz und einem Garten. Die Ebenen der dreistöckigen Maisonettewohnungen sind ver­setzt: so, als ob man die Häuser in der Mitte durchgeschnitten, um ein halbes Stockwerk versetzt und wieder zusammengefügt hätte. Dieser so genannte Splitlevel ergibt schöne Durchblicke und schafft grosszügige Raumverhältnisse.

Für jüngere und ältere Singles sowie Paare entstehen 57 Zweieinhalb- und 62 Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen, die mit elf Viereinhalb-Zimmer-Wohnungen in drei vierstöckigen Punkthäusern untergebracht sind. Auf den Visualisierungen wirken die mit hellem Holz ausgekleideten Fassaden leicht und luftig. Reihenhäuser mit je einem eigenen Garten sowie in kleinen Parkanlagen stehende Punkthäuser wirken intim und vermitteln Geborgenheit. Gleichzeitig evozieren die Bilder jene heitere Zeitlosigkeit, die mediterranen Orten eigen ist und zum Flanieren und Bummeln einlädt, beispielsweise der Lenzburgerstrasse entlang, an der eine Bäckerei, ein Restaurant und diverse Spezialgeschäfte geplant sind. Verweilen lässt es sich auch auf dem quadratischen Neugrüen-Platz, der mit Brunnen und Café zum richtigen Dorfplatz werden soll.

Im Gespräch mit Dietrich Schwarz, Architekt

Das Projekt Neugrüen in Mellingen ist bereits Ihr drittes Grossprojekt, welches das Gütesiegel Greenproperty anstrebt. Wie kam es dazu?
Die Bauherrin, die CSA Real Estate Switzerland, hat das Land mit der Absicht erworben, eine Wohnsiedlung mit schweizweitem Vorbildcharakter zu planen und zu realisie­ren. Sie führt damit ihre Strategie für nachhaltige Immobilien fort. Nach den zwei bisher realisierten Aufträgen wurden wir eingeladen, auch für Mellingen am Wettbewerb teilzunehmen. Dabei haben wir gezielt auf Nachhaltigkeit gesetzt und entsprechend überzeugt.

Warum hat sich die Bauherrin entschieden, gerade in Mellingen eine nachhaltige Siedlung zu bauen?
Die Wohnsiedlung passt ausgezeichnet zu Mellingen, da nachhaltiger und zeitgemässer Wohnraum in nächster Nähe zur Natur und zu städtischen Zentren entsteht. Das Konzept und die Lage der neuen Siedlung richten sich an alle, für die hohe Lebensqualität ein wichtiger Faktor ist. Mellingen bringt mit seinen Nah­erholungsgebieten in unmittelbarer Nähe, einer historischen Altstadt, Einkaufsmöglichkeiten und guten Verkehrsanbindungen alle Voraussetzungen mit für Menschen, die im Grünen in einer attraktiven Wohnsiedlung wohnen, aber doch zentral sein wollen.

Schränkten die ökologischen Vorgaben Ihre Arbeit als Architekt ein?
Im Gegenteil. Die ökologischen Vorgaben sind der Katalysator für ein wegweisendes Projekt. Der umsichtige Umgang mit der Umwelt beziehungsweise der Welt, von der wir Teil sind, eröffnet neue Betrachtungsweisen. Diese wiederum führt zu einem neuen Architekturverständnis und auch zu einer neuen Ästhetik. Ein ganzheitlich nachhaltiges Projekt zu planen, ist eine Herausforderung, der wir uns stellen. Das Konzept der Nachhaltigkeit in Mellingen übersteigt dabei die Ebene einer ökologischen nachhaltigen Siedlung. Die gängige Auseinandersetzung ist hier um die Bereiche der sozia­len und ökonomischen Nachhaltigkeit erweitert. Das Ziel ist eine Ausgewogenheit auf einem sehr hohen Niveau.

Nachhaltigkeitsprojekte sind Ihre Spezialität. Wo lagen für Sie als Architekt denn noch die Besonderheiten bei dieser Überbauung?
Neugrüen ist das grösste Minergie-A-Eco-Projekt der Schweiz und setzt damit ökologisch ganz neue Massstäbe. Weiter ist die Siedlung komplett in Holzbauweise erstellt – was ganz den Ansprüchen des heutigen Wohnens und dem Grundsatz der Nachhaltigkeit entspricht. Aber die Herausforderung lag vor allem darin, dass Mellingen mit drei Hektaren Land für uns bisher die grösste Baufläche war. Eine solche Dimension geht gedanklich über eine Über­bau­ung hinaus – es entsteht ein ganzes Quartier. In der Planung und Umsetzung haben wir also auch die sozialen Komponenten und die Komplexität eines Quartiers berücksichtigt.

Heisst das, Neugrüen ist eine Art Mehrgenera­tionenquartier?
Soziale Nachhaltigkeit steckt generell noch in Kinderschuhen. Die veränderte Demografie, mit anteilsmässig immer mehr alten Menschen, aber auch die veränderten Familienstrukturen werden uns in Zukunft beschäftigen. Die Selbstorganisation der Quartierbewohner durch Nachbarschaftshilfe soll helfen. Dazu müssen ent­sprechende Wohnformen und Orte der Begegnung geschaffen werden. Also durchaus auch eine architektonische Aufgabe. Mellingen macht mit Neugrüen einen Schritt in Richtung soziale Nachhaltigkeit.

Besteht denn nicht die Gefahr, dass Neugrüen zu einem Altersquartier verkommt?
Neugrüen bietet Platz für Bewohner jeder Altersgruppen. Wir haben darauf geachtet, dass es in der Siedlungsstruktur unterschiedliche Wohnsituationen gibt: Reihenhäuser mit Garten und hindernisfreie Etagenwohnungen. So entsteht eine sozial ausgewogene Siedlung. In den Obergeschossen an der Lenzburgerstrasse entstehen altersgerechte Wohnungen, die eine direkte Anbindung an allfällige Dienst­leistungen im Erdgeschoss haben. Kurze Wege und eher kleinere Wohnungen bieten Raum für ältere Personen, stehen aber auch bei jungen Singles hoch im Kurs.

Was soll jüngere Singles und Paare nach Mellingen in die Überbauung Neugrüen locken?
Jüngere Singles suchen komfortables, mo­der­nes, gemeinschaftliches und nachhaltiges Woh­nen sowie die Nähe zu städtischen Zent­ren. Die nahe Natur bietet ihnen zugleich Platz für die aktive Freizeit. Junge Paare haben hier zudem die Möglichkeit, innerhalb eines Quartiers, aus der Phase der Zweisamkeit den Schritt in ein gemeinsames Familienleben zu wagen; sie können ihren Kindern die Möglichkeit geben, sich zu entfalten und, nach deren Wegzug, wieder in eine passende Etagenwohnung zu ziehen. Die Bewohner werden sich mit dem Quartier identifizieren. Die Bauherrin rechnet mit einer grossen Nachfrage seitens aller Altersgruppen – nicht zuletzt auch wegen der zentralen Lage der neuen Siedlung, ihrer verkehrstechnisch guten Erschlies­sung sowie ihrer ökologischen Ausrichtung.

Bei drei Hektaren Baufläche stellt man sich grosszügige Wohnungen und Räume vor. Neugrüen überrascht allerdings mit einem kom­pakten, eher engen Konzept. Was steckt hier dahinter?
Der Siedlungsraum soll nicht mehr ungebremst wachsen und wertvolles Kulturland verdrängen. Dies verlangt auch das Schweizer Stimmvolk mit der Annahme des revidierten Raumplanungsgesetzes. Wir planen also bewusst dicht, auch wenn wir in Mellingen der dörflichen Umgebung entsprechend mit Reihenhäusern einen flachen Bautypus gewählt haben. Dieser dichte Siedlungskörper gibt uns aber auch die Möglichkeit, präzise öffentliche Räume herauszuschälen, einen Quartiersplatz für Jung und Alt, dem Langsamverkehr angepasste Quartiersstrassen, die sich zu Höfen entwickeln, aber auch private Gärten, die den Bezug zum Grund und Boden stärken. So kann Heimat entstehen.

Führt diese räumliche Nähe nicht vermehrt zu Konflikten zwischen den Nachbarn?
Vielleicht – aber Nachbarschaft muss nicht zwingend eitler Sonnenschein bedeuten. Mir ist zum Beispiel ein Streit zur Umgebungspflege lieber als Anonymität. Isoliertes Wohnen, also die Individualisierung von Wohnraum, führt in einem ersten Schritt zu gefühlter Freiheit, aber sehr schnell auch zu Einsamkeit, speziell bei nicht berufstätigen, alleinstehenden Menschen. In modernen Blocksiedlungen geht man mit dem Individualisierungskonzept so weit, dass Tiefgaragen mit Liftzugang direkt in die Wohnung gebaut werden. Und weil die Garagenzufahrt meist am Rand der Siedlung positioniert ist, werden Begegnungen ausgeschlossen. Man kennt einander gar nicht, so können keine sozialen Strukturen in der Nachbarschaft entstehen.

Bewohner von Neugrüen werden demnach gezwungen, sozial nachhaltig zu leben?
Ja, aber nicht nur die Bewohner in Neugrüen. Die grösste Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist, dass unsere Gesellschaft mit dem einen Planeten, auf dem wir leben, auskommt. In der Schweiz und in Europa haben wir drei strukturelle Probleme. Einmal den demografischen Wandel, das heisst die zunehmende Lebenserwartung des Menschen. Zum zweiten die Energiefrage, womit alle Ressourcen gemeint sind, die wir im Übermass ver­brauchen. Und schliesslich den knappen Raum. Dies führt zwangsläufig zur Verdichtung und wird den Städtebau massiv verändern. Dieses Dilemma ist nicht finanzierbar und es braucht neue Lösungsansätze, wie das Neugrüen bietet.

Liegt es denn in der Verantwortung von Bauherren und Architekten, die Makrotrends ­Demografie, Raum- und Energieknappheit zu bewältigen?
Ja, wir Architekten und Bauherren übernehmen quasi die Vorreiterrolle, wie es früher auch beim energieeffizienten Bauen war. Für mich als Architekt und Unternehmer geht es darum, aufzuzeigen, wo die Trends im gesellschaftlichen Zusammenleben hingehen. Bei institutionellen Anlegern wie der CSA Real Estate Switzerland geht es ebenfalls um langfristige Betrachtungen. Ich versuche, die Anlaufstelle für institutionelle Anleger zu sein und so Siedlung für Siedlung nachhaltig zu bauen.

Dietrich Schwarz

Dietrich Schwarz gründete nach dem Studium an der ETHZ 1991 sein Architekturbüro. Er gewann mit seinen Bauten viermal den Schweizer Solarpreis, 2007 den internationalen DETAIL-Preis und 2009 den Watt d’Or des Bundesamtes für Energie, 2012 den Prix Lignum, Region Ost. 2002 gründete er die Firma GlassX für energieopti- mierte Glasfassaden. Seit 2012 führt er das Unter- nehmen als Dietrich Schwarz Architekten AG in Zürich weiter. 2008 wurde er als Professor an die Universi- tät Liechtenstein berufen, wo er den Master für Sustainable Design leitet.


Das Projekt – die Fakten und Zahlen

Ort: Grosse Kreuzzelg, Mellingen AG
Projekt: 198 Mietwohnungen, 2500 m² Gewerbe/Dienstleistung
Bauherrschaft: CSA Real Estate Switzerland, eine Anlagegruppe der Credit Suisse Anlagestiftung
Generalunternehmer: Implenia Schweiz AG, Buildings Nordwest – GU, Aarau
Architektur: Dietrich Schwarz Architekten AG, Zürich
Holzbauingenieur: Josef Kolb AG, Romanshorn
Landschaftsarchitektur: Hager Partner AG, Zürich
Vermarktung: Privera AG
Bauholz: 2000 m3
Brettstapel: 1600 m3
Fassade: 11?000 m2
Spezialitäten: Decken in Holz-Beton-Verbund, geschuppte Fassade
aus Rhomboidschalung
Anlagekosten: CHF 118 Mio.
Realisierung: 2012 bis 2014

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