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Stil.Form

Klangtempel auf Zeit

Die Tonhalle Maag ist der Konzertsaal für Klassik in Zürich-West. Sie ist ein Provisorium, das ihresgleichen sucht. Auf dem Maag Areal in einem der dynamischsten Industriequartiere Zürichs hat das Tonhalle-Orchester ein neues Zuhause gefunden. Die Kulisse ist ein Holzbau, der als Raum-im-Raum-Konzept in einen Stahlbau eingefügt wurde.

Text Sandra Depner | Fotos Hannes Henz – Prix Lignum 2018

Zürich West ist ein vielseitiger und belebter Stadtteil  – am Tag sowie in der Nacht. Freitagabend, Maag-Areal: In der Tonhalle Maag hatte gerade das Jugend Sinfonieorchester Zürich seinen Auftritt. Der Konzertsaal ist leer, die letzten Gäste geniessen noch ein Getränk im Foyer. Draussen vor der Halle klopfen Eltern ihrem mit grossen Streichinstrumenten beladenen Nachwuchs auf die Schulter. Andere haben sich schon auf den Heimweg gemacht. Ein Paar, beide sind in ihren 70ern, geht langsam entlang der stillgelegten Gleise Richtung Haltestelle Hardbrücke – vorbei an Gruppen Jugendlicher, für die die Nacht erst gerade angefangen hat. Diese Freitagnacht ist Sinnbild dafür, was Spillmann Echsle Architekten im Sinne hatten: «Der temporäre Standort in Zürich West bringt neue, unkonventionelle Musikformate in das Haus selbst und klassische Musik in das junge trendige und moderne Quartier.»

KLASSISCHE TÖNE IM INDUSTRIEQUARTIER

Bis 2020 dient das Provisorium als temporäre Spielstätte des Tonhalle-Orchesters Zürich.Grund dafür sind die Bauarbeiten an der Tonhalle am Seeufer. Der Standort der Tonhalle Maag im Schatten des Prime Tower hat Geschichte. Denn hier befand sich ab dem Jahr 1913 die Zahnradfabrik Maag. Auf dem Werkgelände an der Hardbrücke wurden noch bis in die 1990er-Jahre Zahnräder, Getriebe und Pumpen gefertigt. 1994 stand der Ersatz der «Maag Zahnräder»-Leuchtschriften durch «Maag Areal» symbolisch für die Neuausrichtung der Nutzung durch Gewerbe, Dienstleistungen und Kultur. Im Jahr 2000 wurde ein städtebauliches Konzept für die weitere Entwicklung des Areals vorgelegt, das seither umgesetzt wird.

Die Interimsspielstätte des Tonhalle-Orchesters Zürich zählt zu einem der neuesten Projekte auf dem Maag-Areal. Da, wo einst mit schweren Maschinen Zahnräder geschliffen wurden, schlagen die Symphonieorchester nun ganz andere Töne an. Geblieben ist der Industriecharme, der von der Vergangenheit zeugt. Das Orchester und die Besucher finden darin einen hochwertigen Konzertsaal vor, der in die bestehende Struktur auf dem Maag-Gelände gefügt ist. Es handelt sich um einen Saal aus Fichten- und Tannenholz, der in die Industriehalle
hineingebaut wurde.

EINE BOX IN DER BOX

Nach der Garderobe gelangt man in das Foyer – ein offener Raum mit Bar und Stehtischen. An der Bar vorbei geht es Richtung Konzertsaal. Der Umraum des Konzertsaals offenbart die nackte Konstruktion: hohe Stahlstützen, 70 insgesamt, und ein daran fixierter Holzbau aus Fichte.

2015 stand die Gesamtsanierung bevor. Spillmann Echsle Architekten beschreiben das weitere Vorgehen wie folgt: «Das Dach wurde um einen Meter angehoben, Stützen entfernt, die Baustruktur wurde von der benachbarten Halle getrennt und Schächte wurden von neu geforderten Lüftungs- und Entrauchungsanlagen baulich vorbereitet. Der Einbau des Konzertsaals in die ehemalige Industriehalle erfolgte als entkoppelter Holzelementbau und bildet eine hölzerne Box in der Box.» In dem rund 950 Quadratmeter grossen Konzertsaal gibt es Platz für 1224 Personen auf samtbezogenen Stühlen auf dem Parkett, den Balkonen und der Empore. Insgesamt stehen hier etwa 200 Plätze weniger zur Verfügung als in der Tonhalle. Die Interimsspielstätte präsentiert sich nicht als Spiegelbild der heimischen Spielstätte am See, sondern vielmehr als Gegenentwurf zur 1895 erbauten Tonhalle. Unaufgeregt und puristisch ist der Auftritt, bestimmt durch klare Linien und Formen – und viel Fichtenholz an Decke und Wand. Der Boden ist aus Eichenholzparkett.

Spillmann Echsle Architekten versteht den Konzertsaal als einen einzigen Klangkörper: «Die innere präzise Formausbildung des Saales folgt den Regeln der Raumakustik. Durch die fein abgewinkelt angeordneten Wand- und raumseitig konvex gewölbten Deckenpaneele werden die rechten Winkel im Saal gebrochen und der Schall wird optimal verbreitet.» Nach 100 Tagen Betrieb lud das Tonhalle Orchester im Dezember 2017 zur Pressekonferenz ein. Als «sehr transparent» wurde die Akustik des Konzertsaals beschrieben, durchaus herausfordernd für die Musiker und Besucher. Davon haben sich in der ersten Saison der Tonhalle Maag rund 200 000 Besucher überzeugen können. spillmannechsle.ch,
pirminjung.ch, strabag.ch

Auszeichnungen:

Prix Lignum 2018: Anerkennung Region Nord
Award für Marketing und Architektur 2018: Sieger in der Kategorie «Temporäre Bauten und Messebau»
Best Architects 19: Sieger in der Kategorie «Innenausbau»


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Konzertsaal der Tonhalle Maag
Standort: Zürich
Baujahr: 2017
Bauherrschaft: Tonhalle-Gesellschaft, Zürich
Architektur und Planung: Spillmann Echsle Architekten AG, Zürich
Holzbau: Strabag AG, Schlieren (ZH)
Ingenieur: Pirmin Jung Ingenieure AG, Rain (LU)
Weitere: BBM Akustik Technologie GmbH, Karlheinz Müller, Planegg (DE)
Konzertsaal: 22,5 m breit, 43,3 m lang, 10,2 m hoch
Konzertsaalfläche: 975 m2
Bühnenfläche: 185 m2
Holz: Fichte / Tanne, 184 m3 Dreischichtplatten, 84 m3 weitere Holzelemente

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