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Stil.Form

Wo die Wölfe heulen

Einem Pavillon trotz geringen Volumens einen starken Ausdruck verleihen – das war das Ziel der Architekten, als sie das Besucherzentrum im Tierpark La Garenne entwarfen. Der bikonkave Grundriss ergab sich aus der hügeligen Topografie des Jura. Der Natur nachempfunden sind die runden und triangulären Geometrien. Der Pavillon erhielt beim Prix Lignum 2018 den zweiten Rang der Region West.

Text Helen Oertli | Fotos Matthieu Gafsou – Prix Lignum 2018

Faul liegen die Luchse unter dem Baum, durch das Gehölz gut verborgen. Aufgeweckter sind die Wölfe im nächsten Gehege, die nahe an den Zaun treten und neugierig die Besucher beäugen. Der Bartgeier knabbert derweil an einem alten Knochen herum. 50 verschiedene Spezies aus dem Alpenraum leben im Tierpark La Garenne. 150 Tiere sind es insgesamt. Die Besucher kommen zahlreich in den Tierpark in Le Vaud. Sie reisen vom Waadtland und dem nahe gelegenen Frankreich an.

La Garenne wurde vor über fünfzig Jahren gegründet. Im Jahr 2016 wurde die ursprüngliche Anlage rückgebaut und auf der gegenüberliegenden Strassenseite auf einer Fläche von 30000 Quadratmetern neu angelegt. Gleichzeitig erhielt der Tierpark ein neues Besucherzentrum, das 2018 mit dem zweiten Rang des Prix Lignum in der Region West ausgezeichnet worden ist.

SIMPLE, STARKE FORM

Der Pavillon ist ein flaches und schmales Gebäude mit wenig Infrastruktur. Ein Ticketschalter, sanitäre Anlagen, ein Vorführungssaal, ein Shop und ein Café sind darin untergebracht. Um dem Gebäude trotz des geringen Volumens eine Identität zu verleihen, suchten die Architekten vom Büro Localarchitecture aus Lausanne nach einer simplen, aber starken Form, die den Pavillon definiert, dem nichts hinzuzufügen ist. Antoine Robert-Grandpierre, Partner bei Localarchitecture, begrenzte Aussen und Innen mit zwei Kreisbögen, eingepasst in die hügelige Topografie des Jurasüdhangs. Zwischen den beiden Bogen materialisiert sich der Raum: ein gegen den Hügel und auf die offene Fläche hin länglicher, konkaver Baukörper.

Auch der First folgt einer geschwungenen Linie: Das Dach sinkt in der Mitte, markiert dort den Eingang ins Gebäude, und steigt gegen beide Seiten auf 2,8 Meter hoch. Auf den Seiten kragt es weit hinaus und überdacht den Vorführungssaal und den Aussenplatz des Cafés. Die Form erinnere an die offenen Flügel eines Sommervogels, beschreibt es Robert-Grandpierre. Rechtwinklige Formen finden sich kaum im Gebäude, sondern runde, geschwungene oder trianguläre Geometrien. Die Fassade wird von spitzwinkligen Dreiecken abwechselnd aus Holz und Glas gebildet. Auf den hölzernen Spitzen liegt die Konstruktion auf. Dadurch wirkt der Baukörper leicht, offen und kontrastreich.

DETAILPLANUNG IM 3D-MODELL

Trotz der runden Formen sind alle Holzteile – bis auf die grossen Dachpfetten – gerade. Die Rundungen ergeben sich aus einzelnen, sich wiederholenden Segmenten, die rationell und wirtschaftlich produziert werden konnten. Von Beginn an konstruierten die Architekten das Gebäude in 3D. Die Daten wurden mit dem Holzbauer abgestimmt und die Einzelteile dann auf der fünfachsigen CNC-Maschine zugeschnitten. Die Holzbauelemente wurden fertig vorfabriziert geliefert und innert zehn Tagen aufgerichtet. Dabei war der Anspruch an die Präzision hoch. «Einzelne Abweichungen – und seien es nur Millimeter – hätten sich in der Montage zu groben Fehlern addieren können», erzählt Architekt Robert-Grandpierre. Insgesamt wurden 157 Kubikmeter Holz verbaut. 97 Prozent davon stammen aus der Schweiz, mehrheitlich aus der Waadtländer Region.

PRIX LIGNUM IST EIN WICHTIGES SIGNAL

Für das Lausanner Architekturbüro ist der Pavillon längst nicht das erste Holzbauprojekt. Bereits seit 2005 setzen die drei Partner auf Holz und wurden für ihre Projekte mehrfach ausgezeichnet. Die Nachhaltigkeit des Werkstoffes einerseits und andererseits die Möglichkeit, dank den neuen digitalen Instrumenten völlig freie Formen zu entwickeln, schätzt Robert-Grandpierre am Bauen mit Holz. Der Prix Lignum ist für ihn eine wertvolle Anerkennung der Arbeit und ein wichtiges Signal dafür, «dass in der Schweiz Holzbau längst nicht mehr gleichbedeutend mit den traditionellen Holzbauten ist.»

Den Tieren ist die Auszeichnung wohl einerlei. Mit Einbruch der Dämmerung werden nun die Biber aktiv, die den Tag über in ihrem Bau schliefen. Und bevor sich das Wolfsrudel in seine Höhle verkriecht, stimmen die Wölfe ihr abendliches Jaulen an. Man hört es noch von weitherum. localarchitecture.ch, flk-ing.ch, ratio-bois.ch, lagarenne.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Besucherpavillon des Tierparks La Garenne
Standort : Le Vaud (VD)
Bauzeit: März 2015 bis März 2016
Bauherrschaft: Conseil de Fondation du Parc Animalier de la Garenne
Architektur: Localarchitecture, Lausanne
Holzbauingenieur: Ration Bois Sàrl, Ecublens (VD)
Bauingenieur: FLK Ingénieurs Civils Sàrl, Gland (VD)
Holzbauer: Schaller et fils SA, Gingins (VD)
Verwendetes Holz: Fichte
Label: FSC / Herkunftszeichen Schweizer Holz (HSH)
Gebäudefläche (SIA 416): 315 m2
Gebäudevolumen (SIA 416): 1710 m3

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