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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

02/2014 Naturnah

Stil.Form

Das wohl sinnlichste Waldhaus

Unzählige Hütten stehen in unseren Wäldern: kleine, grosse, private und öffentlich nutzbare. Auch Architekt Gion A. Caminada hat sich einem Waldhaus gewidmet, das nun über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen sorgt: die Tegia da vaut in Domat/Ems.

Am Übergang von voralpinem Schafweideland zum hügeligen Waldgebiet Ils Aults oberhalb der Station Reichenau bei Domat/Ems thront sie: die Waldhütte von Gion A. Cami­nada. Bürgerratspräsident Theo Haas erzählt die Entsteh­ungsgeschichte mit Freude: «Wir wussten, dass der bekannte Architekt und ETH-Professor Gion A. Caminada aus Vrin nicht nur ein begnadeter Holzbauplaner und Holzbauer ist, sondern dass er auch gerne mal etwas Spezielles im Wald entwerfen und bauen würde.» Im Januar 2009 kontaktierte der Bürgerrat den Architekten – und wie erhofft, zeigte Herr Caminada sofort Interesse am Projekt. Ende Mai besichtigte die eingesetzte Arbeitsgruppe zusammen mit dem Architekten bestehende Waldhütten in Bonaduz, Chur und Haldenstein. Dann erfolgte im Juli ein Augenschein der vorgeschlagenen sieben Standorte. Unter Abwägung von Vor- und Nachteilen entschied man sich gemeinsam für den Standort Plong Vaschnaus.

Dann der erste Dämpfer: Kaum hatte man den Standort gefunden, signalisierte die Einwohnergemeinde, dass sie sich am Projekt finanziell nicht beteiligen könne, diesem aber positiv gegenüberstehe. Man beschloss, trotzdem weiterzumachen. Caminada hatte die Idee einer Tegia da vaut als Nurdachhaus mit Naturschindeldach. Dazu Bauherr Theo Haas: «Eines Tages rief uns Caminada an und lud uns zu sich nach Vrin im hintersten Lumnezia ein. Er sagte bloss, er habe ein Modell erstellt, wir sollten es anschauen kommen.» Die Arbeitsgruppe staunte nicht schlecht: Da standen sie vor einem Modell im Massstab 1:1! Die Bürgerversammlung genehmigte im November 2011 einstimmig das Projekt und einen Baukredit von 950 000 Franken. Das Baumaterial, Mondholz aus Weisstanne, wurde kurz vor Weihnachten auf 1400 Metern auf Gemeindegebiet, wenige Kilometer von Plong Vaschnaus entfernt, geschlagen.

NEUKONZEPTION
Doch der zweite Dämpfer folgte auf dem Fusse. Im Januar 2012 teilte die Feuerpolizei der Gebäudeversicherung Graubünden dem Bürgerrat mit, dass man Caminadas Projekt nicht bewilligen könne – wegen des Schindeldaches. Der abschlägige Bescheid stachelte den weltberühmten Architekten nur noch mehr an. Innerhalb von nur acht Wochen präsentierte er das Projekt des heutigen Waldhauses, das die «Neue Zürcher Zeitung» wie folgt huldigt: «[Sie] lädt den Besucher durch Formgebung und Materialität zu einer imaginären Sinnesreise ein.» Und dieses neue Projekt war gesetzeskonform. Anfang August 2012 erfolgte die Baueingabe und am 11. Dezember 2012 erteilte der Regierungsrat des Kantons Graubünden die lang ersehnte Baubewilligung. Von da an gings schnell: Anfang März 2013 war Baubeginn und bereits Mitte Mai feierte man Aufrichte. Im Juni erfolgte die Einweihung der Tegia da vaut Domat.
Wenn man das erste Mal von der technisierten Welt beim Zusammenfluss der beiden Rheinflüsse mit Kieswerk und Hochspannungsleitung zur Schafweide Plong Vaschnaus hinauf zum offenen Bergwald wandert, fühlt man sich urplötzlich in einer anderen Welt. In einer kleinen Waldlichtung spannt sich die lang gezogene Wand eines Gebäudes auf, das mit seiner geschuppten Holzfassade fast wie eine Sperre wirkt. Es ist aber keine riesige Baute, die einen begrüsst (im Grundriss rechtwinklig 17 m lang und 12,6 m breit, inkl. 2,6 m Laube mit kleiner Remise, hinten 3,5 und vorne 6,5 m hoch), nein, es ist ein schlichtes Bauwerk, das zu Ort und Umgebung passt – eigentlich scheu und geduckt, unter dem beginnenden voralpinen Baummeer. Die Tegia da vaut erinnert an eine Arche, die durch das Tannenmeer gondelt. Am leicht ansteigenden Waldhang ist ihr Heck sozusagen tiefergelegt, der untere Rand des Gebäudes folgt dem leicht abfallenden Boden. Das Dach wölbt sich in einem eleganten Bogen zum drei Meter höheren Bug, der zwischen den Baumkronen zum Himmel emporsteigt. Das Waldhaus bekommt so seine weiche Form und verliert seinen ursprünglichen Widerstand.

SAKRALE ERHABENHEIT
Die geschlossene seitliche Wandfläche hat in der Mitte ein tiefes Loch. Über ein paar Treppenstufen führt diese Durchdringung ins ­Innere zum grossen zentralen Raum, zum gros­sen Saal. Eine Doppelreihe aus grossen, eigentlich überdimensionierten Pfeilern steht sozusagen Spalier. Jeder Besucher kann sich erstmals der starken Präsenz des Materials kaum entziehen. Es erinnert zudem an sakrale Erhabenheit: Wie ein Mittelschiff ist der grosse Raum von den zwei Pfeilerreihen eingefasst. Bei der Eingangsseite auf der Ostseite schliesst sich ein Gang an, wo sich Nebenräume und eine kleine Küche befinden. Die westseitige Längsfassade zum Wald hin ist transparent und offen. Die davorliegende, gedeckte Terrasse, als Bindeglied und Übergang zur Natur, ist über grosse Schiebefenster erreichbar. Dazu Gion Caminada: «Die bodennahe Terrasse ist ein gebauter Aussenraum zwischen dem Kulturraum des Hauses und dem Naturraum des Waldes. Keine Panoramasicht stört die Beziehung zwischen dem architektonischen Raum und der Landschaft. Die Durchsicht und die Enge wirken gleichzeitig als Befreiung und Einschränkung.» Die Trennung von Natur und Kultur scheint aufgehoben: Man fühlt sich drinnen und draussen. Das Licht dringt zwischen den Bäumen hindurch in den Raum und wirft lange Schatten auf den Riemenboden. Die leichten Unebenheiten und die Poren der Holz­oberflächen werden vom einfallenden Licht fein modelliert. Die zwei Bögen für Dach und Stirnfassade prägen die einfache, aber prägnante Form. Handgefertigte Lärchenholzschindeln kleiden die Tegia da vaut sinngerecht ein. «Es geht mir auch darum, das Selbstverständliche, das oft in die Unsichtbarkeit zu verschwinden droht, aus seiner paradoxen Lage herauszulösen», erklärt der Meister traditioneller Baukultur, und weiter: «Mit den übergrossen Pfeilern wird der Raum in unserer Wahrnehmung stärker geschlossen.» ­Caminada verleiht dem Material Holz eine besondere Präsenz. So zum Beispiel auch durch die offenen, unbehandelten, sägerohen Holz­oberflächen mit ihrer eigenen, welligen Rhythmik, die ebenfalls zu Projektionsflächen unserer Sinne werden. Der Architekt: «An einem Ort wirkt das Holz geschichtet und schwer, an einem anderen ist es gewebeartig eingesetzt und erzeugt Leichtigkeit. Die Detaillierungen wollen nicht auffallen, sondern einfach dazugehören – sie möchten Teil einer Ganzheit sein.»

BERUHIGENDE RAUMAKUSTIK
Die Akustik des Raumes ist ausgezeichnet, fast schon etwas dumpf. Gespräche wirken gedämpft und Geräusche werden gut absorbiert. Caminada weist auf eine ähnliche Wirkung der Baumäste in einem dichten Wald hin. Zu dieser beruhigenden Raumatmosphäre trägt zur Hauptsache die spezielle Akustikdecke bei, die aus einem zehn Millimeter starken und offenen Brettergeflecht sowie einer sichtbaren Absorptionsschicht aus Schafwolle besteht. Hierzu bemerkt Bürgerratspräsident Theo Haas nicht ohne Stolz: «Wir brachten die Idee mit der Schafwoll­auskleidung ein. Warum denn ein solch wertvolles Naturmaterial einfach wegwerfen oder gar verbrennen, wenn wir es quasi vor der Türe haben – und erst noch gratis?»

Die Tegia da vaut wirkt nicht nur wie eine ­ruhende Barke, bei näherer Betrachtung schwebt sie sozusagen auf einem zurückgesetzten, massiven Betonrostfundament leicht über dem Waldboden. Die insgesamt 38 Zentimeter starke Wandkonstruktion mit ihren sechs Schichten erfüllt problemlos den Minergie­standard – ebenso die fast gleich starke, gewölbte Dachkonstruktion, ebenfalls sechsschichtig konstruiert mit fast 20 Meter langen Dachhautbahnen aus Kupfer. Für diese nahtlosen Kupferbahnen mussten sich Planer und Unternehmer etwas einfallen lassen. Kurzerhand konstruierte man vor Ort eine einfache, aber gut funktionierende Abwickel- und Dachblech-Aufzugsmaschine.

OFEN, STÜHLE UND TISCHE
Nochmals zurück ins Innere. Beim Eintritt über die erweiterte Garderobennische fällt dem Besucher sofort der aus grauem Hinterrheingranit schlicht gestaltete und sozusagen frei dasitzende Kachelofen auf. Zwei Meter tief, ein Meter breit und knapp ein Meter hoch. Auch da ein mit dem Ofenbauer entworfenes und konstruiertes Unikat, das für eine einwandfreie Funktion einiger kleiner Anpassungen bedurfte. Dieser in der Raumbreite mittig und auf der Raumlängsseite im ersten Drittel dasitzende Steinkörper verleiht dem Raum mit den einfachen Holztischen und -stühlen die bereits beschriebene spezielle Atmosphäre. Caminada erklärt es so: «Das aufsteigende Kaminrohr zeigt seine Rolle als Feuerstelle an. Die Wärme, die vom Ofen ausgestrahlt wird, gewinnt durch das Nähertreten an Intensität. Man spürt, dass die Luftbewegungen nur mässig sind. Die Luftmasse bekommt durch die Ruhestellung eine Schwere. Die gefühlte Speckigkeit möchte man auf Händen tragen.» Die Auskleidung der beiden Sanitärräume ist aus dem gleichen Steinmaterial wie der Ofen. Apropos Ofen. Auf der hinteren, waldseitigen 1,3 Meter überdachten Aussenrückwand ist mittig eine Feuerstelle, ein ebenso einfacher wie funktionaler Grillofen aus Stahl, angebaut – daneben ein schlichtes, kistenartiges Brennholzlager.

Für Caminada gehört zum diesem besonderen Ort und Waldhaus eben auch auf Baute und Umgebung angestimmtes, eigenständiges Mobiliar. Er hat speziell dafür Stühle sowie Bänke und Tische entworfen. Dabei war ihm besonders wichtig, dass das Hauptmaterial – also Weisstannenholz – aus dem gleichen Mondholzschlag stammte wie jenes für den Bau der Tegia da vaut. Natürlich sägeroh sowie in Struktur und Textur gleich wie das Holz der Innenräume.

VIELFÄLTIGE NUTZUNG
Das wohl eigenständigste, funktionalste und schönste Waldhaus der Schweiz bietet für 80 Personen Platz. Es soll sowohl Gesellschafts- wie auch Schulungsraum sein. Hier können alle in Waldberufen tätigen und für Natur und Gesellschaft interessierten Menschen naturnah unterrichtet und informiert werden. Bereits vor Baubeginn wählte der Bürgerrat von Domat/Ems Frau Vreni Jäger- Bargetzi zur Verwalterin der Tegia da vaut. Sie erfüllt diese Aufgabe mit Leidenschaft. Begeistert erzählt sie, dass schon im ersten Betriebsjahr die kühnsten Erwartungen übertroffen wurden. «Von der Bündner Kantonsregierung über den Domat/Emser Einwohnergemeinde- und Bürgerrat bis hin zu gros­sen Firmen- und Bankvorständen, von kantonalen Ämtern über Versicherungen bis natürlich zu Forst- und Jagdgesellschaften nutzten bereits unser aller Stolz. Und natürlich die Bewohner aus unserer Gemeinde und Umgebung sowie – nicht zu vergessen – einige Schulen.»

Und Bürgerratspräsident Theo Haas fügt bei: «Wir möchten vermehrt und insbesondere die Schulen und unsere Jugend ansprechen und für die erlebbare Natur animieren. Dazu ist ein spezieller Wald- und Naturlehrpfad geplant.» Bereits gibt es Reservationen bis ins Jahr 2017. Verwalterin Vreni Jäger-Bargetzi verrät eine besonders herzergreifende Geschichte: «Ein Hochzeitspaar wollte unter allen Umständen seine Feier in der Tegia da vaut abhalten. Leider war zum vorgesehenen Zeitpunkt unser Waldhaus unverrückbar gebucht. Da verschob doch das Paar tatsächlich seine Trauung – auf einen noch offenen Termin der Tegia da vaut.» Ein wahrhaftes Kompliment und eine besondere Wertschätzung für Bauherrschaft, Architekt und alle weiteren Beteiligten für ihr architektonisch- kulturelles Meisterwerk.

Das Projekt – die Zahlen und Fakten

Objektstandort: Plong Vaschnaus in Domat/Ems
Entwicklungs- und Planungszeit: 2009 bis 2012
Bauzeit, Fertigstellung: knapp 4 Monate, Juni 2013
Bauherrschaft: Bürgergemeinde Domat/Ems
Architektur/Planung: Gion A. Caminada, Vrin, Mitarbeit Jan Berni
Bauleitung: Christiane Bertschi Rageth, Domat/Ems
Holzbauplanung/Ingenieur: Walter Bieler AG, Bonaduz
Holzbauarbeiten: Mark Holzbau AG, Scharans
Innenausbau: Schreinerei Spescha, Rueun
Preis/Auszeichnung: Erster Preis Gute Bauten Graubünden 2013 und Auszeichnung im neuen Architekturführer «Bauen in Graubünden» 2013


Gion A. Caminada – Denker in Holz und ETH-Professor

Gion A. Caminada (geb. 1957 in Vrin) besuchte nach der Lehre als Bauschreiner die Kunstgewerbeschule in Zürich. Danach folgte ein Nachdiplomstudium an der ETH Zürich und er eröffnete danach sein eigenes Architekturbüro in Vrin im Val Lumnezia. Ab 1998 war Gion Caminada Assistenzprofessor an der ETH Zürich und ist dort seit 2008 ordentlicher Professor für Architektur und Entwurf. Gion Caminada und seine Bauten erhielten zahlreiche Auszeichnungen. So bekam er 2006 die internationale Auszeichnung für Neues Bauen in den Alpen, 2008 den Deutschen Kritikerpreis, 2010 den internationalen Prix Meret Oppenheim und 2011 den Bündner Kulturpreis, die höchste Auszeichnung des Kantons sowie viele weitere.

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