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01/2016 Bewegung im Holzbau

Stil.Form

Ein Nest für Besucher

Das neue Besuchszentrum der Schweizerischen Vogelwarte Sempach ist das erste dreigeschossige Lehmgebäude in der Schweiz. Zwischen den massiven Wänden leitet ein Holzpfad den Besucherstrom in das lichte Foyer in Holzbauweise. Von dort aus können die Besucher zu den interaktiven Ausstellungen ausschwärmen.

Schwalben bauen ihr Nest aus Lehm in der Nähe menschlicher Siedlungen. Wie passend, dass das neue Besuchszentrum der Schweizerischen Vogelwarte Sempach auf dasselbe Material setzt. Es kombiniert gestampften Lehm mit einer leichten Holzkonstruktion. Die Aussenwände aus Lehm sind selbsttragend. Hier steht ein bauökologisches Novum, denn laut Bauherrschaft handelt es sich hier um das schweizweit erste dreigeschossige Lehmgebäude. Der dreiteilige Gebäudekomplex liegt am Ufer des Sempachersees. Das neue Nest für die Besucher will Laien und Politiker die einheimische Vogelwelt näherbringen und für den Vogelschutz und die Biodiversität sensibilisieren. Vor Ort können Besucher im Inneren sowie im Freien rund um den See entdecken, welch bedeutende Rolle die Vogelwarte beim Schutz, bei der Erforschung und dem Erhalt der Vögel spielt.

Aus Lehm und Holz

Das Konzept des neuen Besuchszentrums stammt vom Bieler Architektenteam :mlzd. Dabei liegt für Projektleiterin Julia Wurst die Kombination aus Holz und Lehm sehr nahe: «Holz und Lehm harmonieren, da beide natürliche und ‹echte› Materialen sind. Sie sind lebendig und entwickeln eine Patina. Dabei unterstreicht das Holz die Massivität des Lehms.» Das Besuchszentrum besteht aus drei Gebäudeteilen: die beiden massiven, poly­go­nalen Lehmvolumen und das dazwischen gespannte, verbindende Foyer aus Holz. Die kompakten Lehmwände, ergänzt durch eine einfache Holzkonstruktion, prägen das im ­Minergie-P-Eco-Standard erbaute Besuchs­zen­trum.

Der Besucher betritt bereits am Haupteingang den Holzpfad, der ihn durch das Foyer vorbei an den einzelnen Attraktionen bis in den Garten begleitet. Eine Schauvoliere mit Vögeln am Ende des Foyers bildet den fliessenden Übergang von innen nach aussen. «Das Foyer aus Holz wird zu einer Erweiterung des Aussenraums und tritt in Kontrast zu den massiven Lehmkörpern», erklärt die Architektin. Massive Wände aus rund 1000 Tonnen gestampftem Lehm aus dem Laufental bilden die selbsttragende Aussenhülle des Gebäudes. Holz und Lehm prägen nicht nur die Fassade und das Äussere. Sie sind auch im Innenraum sichtbar. Stampflehm wie in der Vogelwarte erlebt eine Renaissance in der Schweiz. Zu den jüngsten Bauwerken aus Lehm zählen unter anderem das neue Ricola-Gebäude in Laufen (BL) sowie ein Gewölbe an der ETH Zürich.

Herausforderung Statik

Alle sichtbaren Hölzer – Konstruktionsholz, Decken und Boden – sind aus Lärche und, wenn immer möglich, aus Schweizer Holz gefertigt. Die beiden natürlichen Materialien sind aufeinander abgestimmt und ergänzen sich, wie Projektleiterin Julia erklärt: «Der warme Farbton des Lärchenholzes schafft gemeinsam mit dem Lehm eine angenehme Atmosphäre.» Das lichte Foyer verbindet die kompakten Gebäudeteile. An dieser Stelle spielt auch der Vogelschutz eine entscheidende Rolle. Jährlich sterben laut Angaben der Vogelwarte Sempach Hunderttausende Vögel in der Schweiz allein durch die Kollision mit einer Glasscheibe. Deshalb wurde bei der Verglasung des Foyers darauf geachtet, Vögel mittels spezieller Scheiben vor dieser Gefahr zu schützen.

Konstruktiv liegt das Foyerdach in einem Auflager im Lehm auf. Das Holz wird dabei von den Lehmwänden getragen. Doch genau hier musste erst noch eine kreative Lösung gefunden werden, erklärt die Projektleiterin: «Die Anschlüsse – statisch und thermisch – an den Lehm mussten entwickelt werden. Hierfür gab es keine Standardlösung, Vor­bilder oder Erfahrungswerte.» Heute stehen an den Fassaden Brettschichtholzstützen. An­sonsten ist der Raum mit seinem unregelmässigen Grundriss stützenfrei. «Zudem haben wir an Strassen- und Seeseite grosse Auskragungen und zwei grosse Dachausschnitte für Voliere und Oberlicht vorgesehen. Dies war eine statische Herausforderung, sollte doch ein leichter und unkomplizierter Eindruck entstehen», sagt Julia Wurst.

Flexible Forschung

Das Foyerdach und der Holzsteg wurden vom Holzbauingenieurbüro Pirmin Jung konzipiert. Das ist nicht der erste Beitrag zur Vogelwarte seitens des Rainer Ingenieurbüros. Bereits beim dreigeschossigen Forschungsgebäude der Vogelwarte mit Büro, Lager, Seminarräumen, Cafeteria und Bibliothek im Minergie-
P-Standard wirkte das Ingenieurbüro mit. Dieser Holzbau mit Holzbetonverbunddecke und Holzrahmenbauwänden wurde bereits 2009 fertiggestellt. Das L-förmige Gebäude ermöglicht der Vogelwarte Sempach, bei der Raumeinteilung flexibel auf den aktuellen Bedarf des Forschungszentrums zu reagieren: Dank grosser Stützraster, die über die Jahre angepasst werden können, bleibt die statische Struktur unverändert und Räume können flexibel genutzt werden. Mit der rohen, rot behandelten Fichtenschalung zeigt sich das Gebäude auch in seinem Erscheinungsbild als moderner Holzbau.

«Zwitscherdütsch» entdecken

Nach zwei Jahren Bauzeit öffnete das Besuchs­zentrum im Frühjahr 2015 im Beisein von Bundesrätin Doris Leuthard seine Pforten. Seitdem zeigt das Besuchszentrum in einer flexiblen Ausstellungshalle allerlei Informa­tionen über die Vogelwelt und die Arbeit der Vogelwarte. Interaktive Ausstellungen erklären Themen wie Fortpflanzung, Fressen, Federn oder Fliegen. Das mechanische Theater «Singfonie» weiht die Zuhörer in die Geheimnisse der Vogelsprache ein und gibt eine erste Lektion in «Zwitscherdütsch». Im Kino nimmt der Tierfilmer Marc Tschudin die Besucher mit auf eine eindrückliche Rundreise durch die Schweiz. Teil der neuen Anlage ist auch eine Vogelpflegestation, die bereits Ende 2014 in Betrieb ging. Pflegerinnen und Pfleger kümmern sich hier um bis zu 1000 verletzte oder von den Elterntieren verlassene Wildvögel. Bei der Eröffnungsfeier erklärte Bundesrätin Leuthard, 40 Prozent der einheimischen Vogelarten seien in ihrer Existenz bedroht. Gemeinsam mit den Kantonen wolle sich der Bund finanziell für Biodiversität einsetzen. Das neue Besuchszentrum, die Pflege­station und die Renaturierung der Uferparzelle kosteten rund 15 Millionen Franken. Finanziert wurde das Projekt über Donatorenbeiträge von Stiftungen, Firmen und Privaten, des weiteren über Gelder von Kantonen, vom Bund und der Gemeinde Sempach.

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Besuchszentrum Schweizerische Vogelwarte Sempach (LU)
Bauherrschaft: Schweizerische Vogelwarte Sempach
Bauzeit: 2013–2015
Geschossfläche: 2030 m?2
Bauleitung: kunzarchitekten AG, Sursee (LU)
Architektur und Gesamtleitung: :mlzd, Biel
Bauingenieur Holzbau: Pirmin Jung Ingenieure für Holzbau AG, Rain (LU)
Bauingenieur Massivbau: WAM Planer und Ingenieure AG, Bern
Lehmbau: Lehm Ton Erde Baukunst GmbH, Schlins (AT)
Bauphysik: B+S AG, Bern
Landschaftsarchitekt: Fontana Landschaftsarchitektur GmbH, Basel
Ausstellungsplaner: Steiner Sarnen Schweiz AG, Sarnen (OW)

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