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04/2016 Höhenflug

Lebens.raum

Eine Gratwanderung

Die Dossenhütte thront auf einem Felsvorsprung in den Berner Alpen. 2010 stand ihr der grösste Umbau in ihrer 111-jährigen Geschichte bevor. Den Herausforderungen zwischen Himmel und Erde stellte sich ein ambitioniertes Team aus Architekten, Ingenieuren und Holzbauern.

TEXT SANDRA DEPNER | FOTOS HECTOR EGGER HOLZBAU AG | PLÄNE BÜRGI SCHÄRER ARCHITEKTUR UND HOLZBAU AG

 

Eine der beliebtesten Touren zur Dossenhütte in den Berner Alpen startet in Rosenlaui. Sie führt als eine vier Kilometer lange Reise durch eine Gletscherschlucht, weiter über einen schmalen Hüttenweg hin zu einem auffälligen Moränenkamm und steilem, weitaus schrofferem Gelände. Erfahrung, Trittsicherheit und Vertrautheit mit exponiertem Gelände sind bei dieser Alpinwanderung gefragt, um die 1350 Höhenmeter zu meistern. Am Tourenziel angekommen auf 2663 Metern über dem Meer, zwischen Engelhörnern und Dossenhorn, besticht die Dossenhütte durch ihre einmalige Lage auf dem Dossengrat, Wind und Wetter trotzend. Sie grenzt direkt an das Unesco-Weltkulturerbe Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn. Nur in den Sommermonaten ist die Unterkunft des Schweizer Alpen Clubs (SAC) geöffnet.

Der Altbau der Dossenhütte stammt aus dem Jahr 1899, umgebaut wurde sie 1928 und zuletzt in den 1970er Jahren. Platzmangel und veraltete Infrastrukturen zwangen die SAC-Sektion Oberaargau, die Dossenhütte 2010 zu modernisieren. Das architektonische Konzept dazu lieferte das Team von der Bürgi Schärer Architektur und Planung AG aus Bern. Der neue, zweistöckige Holzbau liegt gegen die Gratseite. Darin befinden sich Küche, Technik- und Sanitärräume, Lager sowie Privaträume der Hüttenwartin Cyrille. Der Holzrahmenbau aus Brettschichtholz mit tragenden Wänden und Stützen ist innen an nahezu allen Flächen – Boden, Wand, Decke – in einheimisches Tannenholz gekleidet. Die Geschossdecke ist eine vorgefertigte Hohlkastendecke. Vor Witterung geschützt, verbirgt sich der Holzbau hinter einer Fassadenverkleidung aus Eternit. Auf dem Flachdach befinden sich Solarzellen für Strom und Warmwasser, so dass der Anbau fast autark betrieben werden kann. Mit dem würfelförmigen Holzbau, den dort untergebrachten Infrastrukturräumen und dem modernisierten Altbau bietet die Dossenhütte als Ganzes nun mehr Platz. In einer möglichen zweiten Etappe soll der Altbau um ein Stockwerk erhöht werden. Damit würde das Hauptgebäude durch die neuen Proportionen das Gesamtensemble wiederum stärken und gleichzeitig mehr Schlafplätze bieten.

Schnee, Eis und starker Wind

Auf dieser Höhe – Wind, Eis und Schnee vollkommen ausgesetzt – muss ein Bau einiges ertragen. Der Ingenieur Lukas Rüegsegger vom Ingenieurbüro Timbatec begleitete 2010 den Neubau der Dossenhütte. Timbatec leistete die Kostenschätzung, lieferte die statischen Berechnungen und die Konstruktion und begleitete die Ausführung. Rüegsegger weiss, was auf Gebäude in dieser Lage zukommt: "Da sind einmal die sehr hohen Schneelasten. Das Dach der Dossenhütte wurde für eine Schneelast von rund 850 Kilogramm pro Quadratmeter ausgelegt. Dieser Wert ist sehr hoch." In welchen Dimensionen Rüegsegger hier rechnet, veranschaulicht er mit dem Vergleich zu einer weniger schneebelasteten Region: So sei in Bern beispielsweise mit einer Schneelast von etwa 100 Kilogramm zu rechnen. "Schneelasten wie auf der Dossenhütte bedeuten, dass die Konstruktion sehr robust sein muss. Das heisst auch, mit möglichst kurzen Spannweiten zu arbeiten. So kann man dicke und teure Bauteilaufbauten vermeiden. Die vertikale Lastabtragung verläuft durchgehend vom Dach bis ins Fundament. Teure Verteilkon­struktionen sind somit an dieser Stelle nicht nötig."

Nicht nur Schnee macht der Hütte zu schaffen. Auch der Wind spielt eine grosse Rolle. An einer so exponierten Stelle wirken enorme Kräfte auf den Holzbau: An den Gebäudeecken können die lokalen Windbelastungen bei 2,5 Kilonewton liegen, an Dachrändern sogar bei bis zu 6,6 Kilonewton pro Quadratmeter, was sehr hohe Anforderungen an die Gebäudeaussteifung stellt. "Das ist der Grund, weshalb bei den aussteifenden Holzrahmenbauwänden die Beplankungen nicht wie üblich mit den Ständern verklammert oder vernagelt sind. Sie sind stattdessen über eine Schraubpressverklebung verbunden. Die Kräfte werden in den Untergrund weitergeleitet."

Jede Rotation zählt

All diese Ansprüche an Material und Kon­struktion gehen beim hochalpinen Bauen mit einer weiteren Forderung einher: Das Material muss leicht sein und schnell montierbar. Bei Projekten, die so hoch oben gelegen und schlecht zugänglich sind, stossen die Beteiligten auf Bedingungen, die hochalpines Bauen so faszinierend machen, aber auch sehr planungsintensiv. Am Ende des Tages und der Bilanzierung dreht sich alles um die Rotationen des Helikopters, wenn kein anderes Transportmittel zur Verfügung steht. Um die Anzahl der Transportflüge so gering wie möglich zu halten, braucht es belastbares Material, leicht im Gewicht und leicht in der Montage, idealerweise in einem grossen Format. Noch bevor das erste Holzbauelement produziert worden ist, wurden bei der Planung Montageszenarien durchdacht, wie Ingenieur Rüegsegger von Timbatec erklärt: "Es geht dann unter anderem um Detaillösungen, die im Rahmen der hektischen Helikoptermontage umgesetzt werden können. Wir müssen bei der Konstruktion darauf achten, dass die Elemente sehr schnell montiert werden können. Damit wird der Helikopter nur so kurz wie möglich benutzt."

Die Rotationen sind nicht nur teuer, sondern geraten auch ab einem Punkt an ihr Limit bei einer Transportlast des Helikopters von nur wenigen hundert Kilogramm. Eine Ausgangslage wie diese stellt höchste logistische Anforderungen, um das Material an den Bestimmungsort zu bringen: "Die Holzelementtransporte durften das maximale Gewicht von 750 Kilogramm nicht überschreiten. Nicht nur der Helikoptertransport ist eine Herausforderung. Allein die Zufahrt mit den Lastwagen zum Umladeplatz, ein Kiesplatz unterhalb des Rosenlauihotels, war schwierig", sagt Thomas Rosenberg von der Hector Egger Holzbau AG, die für die Produktion und Montage der Holzbauelemente zuständig war. Zu einem schnellen Baufortschritt trugen die Elemente für den Holzrahmenbau bei: Inklusive Verbindungsteile fertigte die Hector Egger Holzbau AG diese im Vorfeld auf den Millimeter genau. Per Helikopter erreichten die Elemente ihren Bestimmungsort auf dem Dossengrat bereit für die Montage. Architekt Hanspeter Bürgi ist überzeugt davon, dass dem Holzbau die Zukunft gehört: "Die modernen Prozesse eröffnen vom Architekturplan bis zur digitalen Fertigung neue Möglichkeiten. So sind heute hohe Häuser ebenso wie hochkomplexe Strukturen in Holz ökonomisch machbar." Das Wissen um die Bedeutung des Holzbaus bringt Bürgi als Leiter des Studiengangs Master Architektur auch an die Berner Fachhochschule mit dem neuen thematischen Schwerpunkt "Architektur & Holz".

Die SAC-Sektion Oberaargau zeigte besonderen Einsatz bei dem Projekt Dossenhütte. Insgesamt mehr als 3000 Stunden arbeiteten die Mitglieder mit, grösstenteils im Innenausbau. René Ammann war damals Hüttenchef und erinnert sich an die Aufrichte: "Es dauerte etwa drei Tage. Der Hubschrauber war permanent unterwegs und lieferte ständig neue Elemente." Rosenberg von der Hector Egger Holzbau AG stand der Zusammenarbeit mit den Frondienstleistenden anfänglich kritisch gegenüber. Aber das änderte sich vor Ort: "Schnell stellte sich heraus, dass die Verantwortlichen den Personaleinsatz gut geplant hatten. Alle waren mit Stolz bei der Arbeit."

Manchmal jedoch, so erzählt Rosenberg, schossen sie über ihre Leistungsgrenze hinaus. "Das zeigte sich dann am Abend, als viele schon sehr früh ins Bett gingen." Anfang Oktober 2016 endete die Hütten­saison. Und wie es sich für eine moderne Hüttenwartin wie Cyrille im 21. Jahrhundert gehört, läutete sie das Saisonende auf dem Newsblog der Dossenhütte ein: "Das letzte Mal Brot backen, das letzte Mal Kuchen backen, das letzte Mal Tagessuppe, Marschtee, Abendessen, Abwaschen, Morgenessen, Abrechnen, Verabschieden, früh Aufstehen – mit Wehmut und grosser Dankbarkeit für diese tolle Saison." dossenhuette.ch, timbatec.com, buergischaerer.ch, hector-egger.ch

 

Das Projekt – die Fakten

Projekt: Dossenhütte (2010)
Bauherrschaft: SAC-Sektion Oberaargau, Langenthal (BE)
Architektur: Bürgi Schärer Architektur und Planung AG, Bern
Holzbauingenieur: Timbatec Holzbauingenieure Schweiz AG, Thun
Holzbau: Hector Egger Holzbau AG, Langenthal (BE)
Fassade: Spenglerei Arnold, Flüelen (UR)
Bedachung: Franz Flückiger AG, Langenthal
Gesamtkosten: CHF 995 000

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