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04/2016 Höhenflug

Wohn.kultur

Freilager Zürich – ein urbanes Leuchtsignal

Wohnraum in Grossstädten ist knapp, in Zürich ist er knapper. Umso bedeutender ist das Freilager Zürich, das als letzte grosse Bauparzelle in der Metropole für 2500 Menschen Raum schafft – zum Wohnen und zum Arbeiten. Drei der Neubauten sind die Langhäuser in Holzbauweise.

 

TEXT SANDRA DEPNER | FOTOS ZELJKO GATARIC IMHOFF| PLÄNE ROLF MÜHLETHALER ARCHITEKT BSA SIA

"Diese Gebäude darf man durchaus als ein Leuchtsignal für die städtebauliche Zukunft se­hen", sagt Matthias Kaufmann von der Renggli AG. Er begleitete als Projektleiter die Produktion und Montage der drei Holzbauten im neuen Quartier Frei­lager Zürich, das im Sommer eröffnete. "Es bietet auf einer Fläche von 70 500 Quadratmetern Platz für eine der grössten und ambitioniertesten Überbauungen des Landes." Das Quartier im Stadtteil Albisrieden setzt sich zusammen aus zwei aufgestockten Altbauten und zehn Neubauten – drei davon sind die Langhäuser mit rund 130 Wohnungen. Die von Architekt Rolf Mühlethaler entworfenen Langhäuser sind reine Holzsystembauten, lediglich der Treppenhauskern besteht aus Beton. Mit sechs Stockwerke, 20 Metern Höhe, 18 Metern Breite und einer Länge von 70 und 90 beziehungsweise 100 Metern ist dieser Auftrag der gröss­te, den die Holzbauunternehmung Renggli AG je umgesetzt hat. "Es macht uns stolz, dass wir unseren Beitrag im Holzbau leisten konnten. Auch bezogen auf die Fassade und die Balkone, die wir in Schweizer Holz umgesetzt haben", sagt Kaufmann. Holzbauingenieure waren Indermühle Bauingenieure aus Thun.

Das neue Quartier befindet sich auf einem Areal, das nahezu ein Jahrhundert lediglich Platz für Waren bot. Da, wo jetzt verteilt auf zwölf Gebäude gelebt und gearbeitet wird, war einst zollfreies, umzäuntes Nie­mands­land. Das Zollfreilager Zürich war ab 1923 ein Dreh­kreuz für Waren zur zollfreien Lagerung und deren Transit. Ein wichtiger Schritt Richtung Quartiersentwicklung war die Umzonung 2008: von einer Industrie-, Dienstleistungs- und Handelszone zur Zentrumszone mit hohem Wohn­anteil. 2010 erarbeitete die Bauherrschaft Zürcher Freilager AG gemeinsam mit Meili & Peter Architekten AG sowie einem Ingenieurs­büro, einem Landschaftsarchitekten und der Stadt Zürich ein zukunfts­orientiertes, städtebauliches Konzept. Beim Freilager Zürich wich die einst betonierte Industriefläche einer modernen Wohnüberbauung mit einem Drittel Grün- und Frei­fläche. Die zwölf Gebäude bieten Platz für 800 Mietwohnung, 200 Studentenwohnungen, Büro-, Gewerbe- und Lagerflächen für Restaurants, Cafés, Praxen, sowie die Kinderbetreuung in Kindergarten und Kinder­tagesstätte. Der Baustart erfolgte 2013. Die ersten Mieter zogen 2016 ein.

Woodstock in Zürich

"Woodstock" hat Architekt Rolf Mühlethaler die drei Langhäuser im Minergie-P-Eco-Standard getauft. Damit setzte sich der Berner im Wettbewerb durch, der zwar die Form der Gebäude vorgab, die Materialität jedoch offenliess. Mit seinem Entwurf von den länglichen Holzbauten brachte er das Holz ins Freilager. "Inspiriert haben mich die alten, langen, hölzernen Lagerhäuser auf dem Areal." Das sichtbare Holz – Fassaden­elemente, Säulen und Holzroste – besteht aus Schweizer Weisstanne. Im Inneren ist vom Holzbau aus brandschutztechnischen Gründen nichts zu sehen. Das Konstruktions­holz stammt aus den Alpenländern und umfasst Tanne, Fichte sowie Brettsperrholz und Brettschichtholz. Die Aussen- und Innenwände tragen die Geschossdecken aus Brettstapelholz. Ob für Familien, Wohngemeinschaften, Paare oder Singles – die unterschiedlichen Grundrisse der Wohnungen ermöglichen alle Lebensentwürfe unter einem Dach. Sie setzen sich aus den immer gleichen, vorfabrizierten Elementen zusammen, die sich auf den sechs Geschossen stapeln. Der Abschluss wird nicht durch ein Attikageschoss gebildet. Mühlethaler ist damit dem Gedanken der sozialen Durchmischung gefolgt, der sich an einem thronenden Attikageschoss stossen würde.

Die Langhäuser wurden vor den neuen Brandschutzvorschriften von 2015 geplant. Die Umsetzung erklärt der Holzbauingenieur Daniel Indermühle von Indermühle Bau­ingenieure, der auch für den Brandschutz des sechsgeschossigen Holzbaus verantwortlich war: "Nach den zum Zeitpunkt der Planung geltenden VKF-Vorschriften mussten Wohnbauten mit vier und mehr Geschossen einen Brandwiderstand von 60 Minuten aufweisen, wobei die Tragkonstruktion mit einer nichtbrennbaren Verkleidung mit 30 Minuten Brandwiderstand zu versehen waren. Dies machte eine sichtbare Anwendung des Holzbaus im Gebäudeinneren unmöglich. Die Eschliessungskerne sind in Massivbauweise erstellt." Insbesondere im Mehrfamilienwohnungsbau ist der Schallschutz ein wichtiges Thema. So wurden mit einer klaren und entkoppelten Leitungsführung und Konstruktion sowie Detailausführungen die Anforderungen gemäss der Norm für Schallschutz im Hochbau, SIA 181, umgesetzt.

 

 Modular, präzise, effizient

Die Grundrisse des Schottenbaus sind modular angelegt. Das eignet sich ideal für die Elementbauweise. Was das für ein Holzbauunternehmen wie Renggli konkret bedeutet, erklärt der Projektleiter Matthias Kaufmann: "Wir konnten tausende gleiche Fassaden- und Bodenelemente fertigen und damit die Vorteile des industriellen Holzbaus voll und ganz ausschöpfen. Viele identische Elemente erhöhen die gesamte Produktionsleistung sowie die Effizienz unserer Prozessabläufe." Dank geringer Steigzonen, einer einfachen Ableitung der Kräfte und hoher Fensterformate habe sich der Holzelementbau auch als konstruktiv ideale Bauform erwiesen, wobei laut Mat­thias Kaufmann kaum Stahl zum Einsatz kam. Die Herausforderung für die Renggli AG sei mehr in der Grösse des Projekts gelegen, denn es gab einen klar gesteckten, engen Zeitrahmen. Der Fokus wurde deshalb auf die Organisation des Projekts und die logistische Abwicklung gelegt. "Von der Holzlieferung bis zur Montage mussten wir alles just in time abstimmen, um tausende Wand-, Decken- und Fassadenelemente möglichst effizient zu produzieren und am Bau zu verarbeiten. Im Werk haben wir eine separate Produktions­station ein Jahr lang ausschliesslich für die Wand­elemente eingesetzt", erzählt Matthias Kaufmann rückblickend. Diese zwölf Meter langen Elemente inklusive Fenster und allen Installationen lieferte Renggli fortlaufend auf die Baustelle. Dort war ein Team von sechs Mitarbeitenden vor Ort.

In nur sechs Monaten Montagezeit wuchsen die Langhäuser Stock um Stock. Mit ein Grund dafür ist die Holzsystembauweise. Im modernen Holzsystembau werden individuelle Wand-, Decken- und Bodenelemente in der Werkhalle vorgefertigt. Holzbauer wie die Renggli AG versehen dabei die Boden-, Wand- und Deckenkonstruktionen mit der entsprechenden Wärmedämmung, allen Leitungen sowie den gewünschten Elektroanschlüssen. "Das A und O bei Grossprojekten sind die Logistik und die Terminplanung. Je besser die Abläufe ineinandergreifen, umso reibungsloser ist die Montage. Nimmt man sich bereits in der Planungsphase die Zeit für eine gut organisierte Abstimmung, profitiert das Projekt in seiner Gesamtheit", sagt Matthias Kaufmann von der Renggli AG. Frühzeitig involviert, können Material- und Konstruktionsfachwissen des Holzbauers bereits in den Entwurf einfliessen. Das Freilager Zürich ist das schweizweit grösste bewohnte 2000-Watt-Areal. Die Gebäude sind energieeffizient und entsprechen dem Mi­ner­gie-Eco-Standard, die Langhäuser dem Minergie-P-Eco-Standard. Das Freilager Zürich ist geprägt vom Gedanken an den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Ein Augenmerk liegt darauf, das Quartier möglichst autofrei zu gestalten. Die Wärme wird über ein Erdsondenfeld gewonnen, Regenwasser kommt bei den Grün­flächen zum Einsatz. In dieses nachhaltige Gesamtkonzept des Quartiers fügen sich die Langhäuser in Holzbauweise nahtlos ein. freilager-zuerich.ch

 

Das Buch

Mit "Freilager Zürich" ist eine umfassende Dokumentation zum neuen Quartier in Zürich erschienen. 352 Seiten, ISBN 978-3-03860-035-0, für CHF 69.-. park-books.com


Das Projekt – die Fakten

Das Objekt: Freilager Zürich mit drei Langhäusern in Holzbauweise, Zürich (2016)
Baustandard: Minergie-P und Minergie-P-Eco
Bauherrschaft: Zürcher Freilager AG, Zürich
Totalunternehmung: Allreal Generalunternehmung AG, Zürich
Gesamtprojektleitung/Bauherrenvertretung: Brandenberger + Ruosch AG, Dietlikon (ZH)
Gestaltungsplan und Architektur: Meili & Peter Architekten AG, Zürich
Freiraumgestaltung: Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich
Architektur Langhäuser (Holzbau): Rolf Mühlethaler Architekt BSA SIA, Bern
Holzbauingenieur: Indermühle Bauingenieure GmbH, Thun
Holzbau: Renggli AG, Schötz (LU)
Realisation: 2013 – 2016
Baufläche total: 70 500 m2
Kosten gesamt: CHF 360 Millionen

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