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Lebensraum

Academia Vivian: Botschafterin der Natur

Die Academia Vivian lädt ein, Natur und Bergwelt zu erleben. Im Bündner Bergwald, oberhalb von Disentis/Mustér, erinnert sie in einem von wilden Stürmen gebeutelten Gebiet an die enorme Kraft der Natur.

Text Sandra Depner | Fotos Ralph Feiner

Wo lassen sich Wald, Fauna und die heimische Tierwelt am besten verstehen und erleben? Natürlich mittendrin: in der ungestörten Landschaft, weit entfernt von Stadt, Lärm und Getümmel. Wie das aussehen kann, zeigt die Academia Vivian im Bündner Bergwald. Sie befindet sich in einer Waldlichtung auf dem Bergrücken des Stagias. «Der Bau liegt bewusst etwas abseits des Weges. So kann der Besucher direkt die starke Verbindung mit der Natur erleben», sagt die Architektin Marlene Gujan von Gujan + Pally Architekten. Hier im Bündner Oberland auf 1630 Metern Höhe lässt sich nicht nur die Natur, sondern gleichzeitig auch Geschichte studieren. Da sind die jungen Birken, die dünn bewachsenen Wälder rund herum in der Berglandschaft – sie erzählen vom Sturm Vivian. 1990 fegte «Vivian» in den Schutzwäldern der oberen Surselva knapp 200?000 Kubikmeter Wald nieder. Das einschneidende Ereignis – einschneidend für Natur und Mensch – verbindet die drei Bündner Gemeinden Medel/Lucmagn, Disentis und Tujetsch, die geografisch betrachtet am Standort der Academia Vivian aufeinandertreffen.

Die elegante, sich zusehends verjüngende Academia Vivian, das zweite Waldschulzimmer Graubündens, liegt oberhalb von Disentis/Mustér. Seit Sommer 2014 ist der langgezogene Holzbau ein Anziehungsort für Naturinteressierte, für Schulklassen, private Gruppen oder auch Firmen, die am Lagerfeuer Stille und Naturidyll geniessen wollen. Die Academia Vivian ist umgeben und geschützt von den jungen Birken und den paar wenigen übrig gebliebenen Bäumen, die den Sturm Vivian 1990 überstanden haben.

Der Sturm vor mehr als 25 Jahren und seine Folgen beeinflussten die Gestaltung des Baus, wie Architektin Marlene Gujan erläutert: «Die Materialisierung und das Erscheinungsbild sollen im weitesten Sinn die Verwandtschaft mit einem der gefallenen Bäume erahnen lassen: lang, dünn, konisch und mit einer rauen Oberfläche ähnlich einer Baumrinde.» Die Öffnungen am Bau – zur Nord- und Südseite – sind sehr bewusst und präzise gesetzt: Sie sollen immer wieder einen Ausblick in den wachsenden Wald und auf die majestätische Bergwelt geben. Die kleinen, seitlichen Öffnungen hingegen wollen die Möglichkeit bieten, die nahe Pflanzenwelt zu beobachten.

Segment um Segment ein Stück jünger

Der 20 Meter lange Baukörper liegt auf sieben Einzelfundamenten auf. Der Holzbau setzt sich aus acht einzelnen Segmenten zusammen. Sie sind jeweils zweieinhalb Meter lang und verjüngen sich von Süd nach Nord. Das zeigt auch der Vergleich der Masse deutlich: Während die Südseite mit Veranda und Zugang zur Feuerstelle 6,60 Meter breit und 4 Meter hoch ist, misst die Nordseite mit dem Haupteingang nur noch 5,20 auf 3 Meter. Die tragende Holzkonstruktion für Boden, Wände und Decke besteht aus einer dreifachen Konstruktion aus 12 mal 12 Zentimeter breiten Balken. Für die von Gujan + Pally Architekten entwickelte Tragkonstruktion kamen 45 Quadratmeter heimisches Schnittholz zum Einsatz. Die Fichtenbalken wurden naturgetrocknet. Rund 3000 ins Holz geschlagene Holzdübel halten sie an Ort und Stelle.

Der Besucher betritt die Academia Vivian über den Haupteingang an der Nordseite. Zunächst ist da der Windfang, zu dessen beiden Seiten liegen Sanitäranlagen. Das in Tanks geführte Abwasser kann bei Bedarf zum Düngen verwendet werden. Weiter führt der Weg zur Küche. Ihr gegenüber liegt der Technikraum. Danach erstreckt sich der 55 Quadratmeter grosse Aufenthaltsraum mit sichtbaren Deckenträgern und Specksteinofen. Darin haben bis zu 40 Personen Platz. Von hier aus erreicht man die Veranda, von der Treppenstufen hinab zum grosszügigen Grillplatz führen. Der Specksteinofen beheizt den Raum – so ist die Academia Vivian auch für frostige Temperaturen im Winter gewappnet. Zur Wärmedämmung tun die dreifach verglasten Holzfenster wie auch die mit Holzfaserdämmplatten ausgestatteten Wände, der Boden sowie das Dach ihr Übriges.

Mit Umgebung und Region verzahnt

Der Bau ist eng verzahnt mit seiner Umgebung. Vom Werkstoff bis zur Verarbeitung wurde auf Regionalität gesetzt. Das Holz stammt direkt aus dem Wald des Val Medel und wurde im Verhältnis des dort wachsenden Bestandes bei der Academia Vivian eingesetzt: Den Grossteil macht das Fichtenholz aus mit 97 Prozent, dann folgen Lärche mit 2,5 Prozent und schliesslich Arve mit 0,5 Prozent. Aus Fichte bestehen das Konstruktionsholz, das Täfer, die Schindeln und die Aussenhülle. Der Holzriemenboden, die Fenster und die Holzmöbel sind aus Lärche gefertigt. Arve kam bei den inneren Fensterleibungen zum Einsatz. Auch das lokale Gewerbe wurde miteinbezogen, indem die Verarbeitung in den Sägereien der Region erfolgte. Die Zimmerei Tarcisi Maissen ist ebenfalls ein ortsansässiger Betrieb.

Zeichen von Respekt und Zurückhaltung

Die Arbeit mit den lokalen Sägereien und deren Möglichkeiten bedeutete aber auch, dass die Konstruktion mit gewissen Einschränkungen erfolgten musste. Laut Architektin Marlene Gujan waren maximale Längen und Querschnitte vorgegeben. Grund dafür ist, dass nur bis zu sieben Meter gesägt werden konnte oder die Bäume im jungen Bergwald ohnehin weniger massen. Damit musste die Architektin konstruktiv umgehen: «Wir entwickelten zusammen mit dem Bauingenieur ein System, das aus drei Lagen relativ schmaler Balken besteht. Alle drei Lagen sind nur mit Holzdübeln verbunden, was ein völlig natürliches Konstruktionssystem ohne Metallteile ergibt.» Die Umgebung wurde möglichst natürlich belassen und nur durch die Feuerstelle und die Tische und Bänke vor dem Gebäude ergänzt. Bewusst sollen die Besucher über den Waldboden zum Gebäude gehen und nicht über eine Strasse. Die Academia Vivian ist ein ausgesprochen lang gezogener Baukörper. Theoretisch wäre noch etwas Platz gewesen, um den Bau mehr in die Breite zu ziehen. Das lag aber nicht in der Intention der Architektin Marlene Gujan: «Der schlanke Baukörper ist gezielt so gewählt. Das hat zum einem mit der Grundidee zu tun, dass die Academia Vivian optisch an die Silhouette eines umgefallenen Baums angelehnt ist. Zum anderen gab es keinen Grund, das Gebäude ausgehend vom Raumprogramm und vom Betriebsablauf breiter zu gestalten.» Ausserdem sei die maximal mögliche Holzlänge von der Sägerei vorgegeben gewesen, was dem schlanken Baukörper entgegenkam. «Uns war aber auch wichtig, dass der Baukörper eine gewisse Eleganz behält und nicht plump erscheint.»
die idee 2009 erhielten die Revierförster von Disentis/Mustér, Medel und Tujetsch den Alpinen Schutzwaldpreis für ihre ausgezeichnete Wiederaufforstung des vom Sturm Vivian nahezu vollständig zerstörten Schutzwaldes. «20 Jahre später präsentieren sich die Flächen in einem sehr erfreulichen, beispielhaften Zustand», urteilte die Jury damals. Diese Auszeichnung liess bei den Förstern die Idee aufkeimen, ein Waldschulzimmer zu bauen. Es sind die Gemeinden Tujetsch, Medel/Lucmagn und Disentis/Mustér sowie die angrenzenden Gemeinden Sumvitg, Trun und Breil/Brigels, welche die Realisierung der Academia Vivian ermöglichten. Finanziell wurde der Bau des Waldschulzimmers von der Schweizer Berghilfe sowie von Seiten des Kantons und des Bundes unterstützt. Der Wettbewerb wurde 2011 ausgeschrieben. Zwei Jahre dauerte die Planungs- und Vorlaufzeit. Der Bau konnte schliesslich im Jahr 2014 innert vier Monaten aufgerichtet und fertiggestellt werden.

«Die Bauherrschaft wollte ein Gebäude mit möglichst hundertprozentiger regionaler Wertschöpfung und natürlich in Holz gebaut. Gleichzeitig sollte es unbedingt der Natur den nötigen Respekt erweisen und zurückhaltend bleiben», sagt Architektin Marlene Gujan rückblickend. Dies sei auch ein Grund, weshalb in der Academia Vivian keine Übernachtungsmöglichkeiten eingeplant seien. Ausserdem sollte der Bau nicht mit denen bereits in der Region vorhandenen Unterkünften in Konkurrenz treten, sondern mit ihnen zusammenarbeiten. Der Plan war also ein Gebäude, das dem Ort, der Vorgeschichte und der Region gerecht wird. Und das ist gelungen. «Die Academia Vivian zeigt auf, dass auch heute die regionale Wertschöpfung gepflegt werden sollte und dass somit durchaus zeitgemässe Objekte entstehen können», so Marlene Gujan. Geht es nach der Architektin, so vermittelt die Academia Vivian darüber hinaus eine übergeordnete Botschaft: «An diesem Standort, mitten im einst zerstören Gebiet, ruft sie die Gewalt und Kraft der Natur wieder ins Gedächtnis. So können wir wieder lernen, die Natur zu respektieren und uns entsprechend zu verhalten. Besonders dann, wenn man nicht aus der Bergregion stammt kommt. Das lässt Besucher die rohe Kraft der Natur vielleicht ein wenig erleben oder zumindest erahnen.» gujanpally.ch

Gujan + Pally Architekten AG

1998 gründeten Marlene Gujan und Conrad Pally ihr Architekturbüro in Curaglia (GR). Acht Jahre später kam noch eine zweite Niederlassung in Igis (GR) hinzu. Die Materialisierung spielt für die Bündner Architekten eine grosse Rolle – aus Gründen der Behaglichkeit sowie der Wirtschaftlichkeit. Bevorzugt werden natürliche Materialien aus der Region. «Holz ist immer noch der Rohstoff, welcher in unserer Region am häufigsten vorkommt. Entsprechend soll er genutzt und gefördert werden. Der Holzbau bekommt wieder mehr Beachtung und Anerkennung, was uns persönlich freut», sagt Marlene Gujan.

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