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03/2017 Wertewandel

Stil.Form

Expressive Scheunenkunst

Einmalig, extrem, expressiv: Das sind die temporären Bühnen der Bündner Kulturinstitution Origen. Jenseits verstaubter Theaterräume spielen sie mit der rauen Landschaft. Dementsprechend hoch sind da die Ansprüche an ein neues Stammhaus. Es muss etwas Besonderes sein. Das ist das herrschaftliche Anwesen am Dorfrand Rioms. Minimale Eingriffe beliessen dem Stallbau seinen Charakter und verwandelten ihn in das Wintertheater «Clavadeira».

Text Carmen Gasser Derungs, PD, SD | Fotos Benjamin Hofer, Bowie Verschuuren

«Origen» ist Rätoromanisch und beutet «Ursprung». So hat sich eine der eigenwilligsten Kulturinstitutionen im Bündner Alpenraum getauft. Geht man weiter zurück auf den lateinischen Wortstamm, sind Bedeutungen wie etwa «Schöpfung» oder «Erschaffen» enthalten. Das passt, denn jährlich kreieren die Künstler mit dem Origen Festival Cultural ein ungewöhnliches Schauspiel im rauen Umfeld des Bündner Dorfes Riom. Es ist ein Bekenntnis zur kulturellen Kraft der dreisprachigen Region, die vom Austausch lebt.

Zuerst war da das «Opernhaus»

Origen interpretiert Theaterformen abseits des Spartendenkens städtischen Kulturlebens neu. Anders sind da auch die Spielstätten: Das Kulturfestival erkundet extreme Landschaften, nutzt sie als Kulisse und errichtet temporäre Bauten – weit entfernt vom klassischen Theaterhaus. Aktuellstes Beispiel dafür ist der 30 Meter hohe Holzturm am Julierpass. Die Theatermacher bespielen nicht nur temporäre Orte, sondern inszenieren auch in zwei festen Stammhäusern in der Heimat Riom. Da ist die mittelalterliche Burg, die schon 2006 nach dem Umbau ihre Pforten öffnete. Von Origen wird diese Spielstätte als das «Opernhaus» bezeichnet. Jüngstes Stammhaus ist die historische Clavadeira, das sogenannte Wintertheater. 2015 eröffnete das Origen Festival Cultural die umgebaute Scheune, die den ganzjährigen Theaterbetrieb ermöglicht. Zwei Jahre dauerte der Umbau der historischen Scheune zu einem einmaligen Theatergebäude.

Der Ort ist von subtilen Eingriffen und dem dezidierten Umgang mit der alten Baustruktur geprägt. Der grosse Theatersaal der Clavadeira besticht durch einen spektakulären Tageslichteinfall und goldfarbene Zuschauerränge. Der Flusskieselboden sowie die alten Holzdekorationen sind erhalten und in das Gebäude integriert. Dadurch bilden sie einen natürlichen Kontrast zu der reduzierten Ausstattung und den modernen Materialien.

Hof des Monsieur Carisch

Origen lebt von dichten Atmosphären und ist geprägt von theaterfernen Räumen. Dabei gilt das Interesse der Atmosphäre des verlebten, gebrauchten, gewachsenen Raumes. Der Hof von Sontga Crousch ist solch ein atmosphärischer Ort. Alles hat geerdete Grösse. Die voluminöse Scheune mit ihren klassischen Rundbögen erzählt ihre eigene Geschichte: Der damalige Bauherr, Lurintg Carisch, kehrte aus Paris zurück in seine Heimat in Graubünden. Carischs Ziel war es, der grösste Landwirt im Tal zu werden. Gleichzeitig sollte das Wohnhaus den Lebensgewohnheiten der Pariser Bourgeoisie genügen. So treffen sich in Riom Weltstadt und Bergdorf, Substanz und Dekoration, Bauernwelt und Bürgertum.

Origen erwarb die Liegenschaft Sontga Crousch drei Jahre vor dem Spatenstich. Das stattliche Anwesen bestand aus einem fünfstöckigen Wohngebäude, einer Scheune mit Platz für 40 Rinder, einem Backhaus und einem Gemüsegarten sowie einem Park. Das Team von Gasser Dehrungs Innenarchitekturen realisierte eine Stätte für Kultur der besonderen Art. Ein grosszügiger neuer, aber historischer Raum für Theater, Konzerte, Tanz, Proben und Anlässe unterschiedlicher Darstellung und Form.

Die Umbauten in Sontga Crousch wollen vor allem eines: die einmalige Atmosphäre des Anwesens erhalten, freilegen, künstlerisch nutzen und Geschichten erzählen an geprägten Orten. In Riom findet sich keine Infrastruktur für Klein- oder Kellertheater, auch kein pompöses Foyer. Der Hof wird bespielt als das, was er ist: ein stattliches Wohnhaus, das bewohnt und belebt werden soll; und eine geräumige Scheune, die Platz bietet für Experimente.

Experimenteller Tanz im Bestand

Durch die Klärung der Räume und den Rückbau der Ställe in der Scheune ist ein einzigartiger Saal entstanden. Der nahezu quadratische Grundriss ermöglicht eine flexible Bespielung. Eine einfache Arenatribüne umgibt die Bühnenfläche. Als ein Experiment bespielten Tänzer der Staatsballette aus Wien, Hamburg und Amsterdam die Scheune bereits im Sommer 2014 vor dem Start der Bauarbeiten.

Wie früher der Stall, die Scheune und das Wohnhaus in ihrer Funktion miteinander verbunden waren, so sind es heute Theater und Foyer in der ehemaligen Scheune mit dem Wohnhaus, in dem sich das Café und sanitären Anlagen sowie die Heizzentrale befinden. Eine neue Betontreppe verbindet das Foyer in der ehemaligen Remise mit dem grossen Theatersaal und dem kleinen Saal im Obergeschoss. Letzterer kann für Lesungen, Kammerkonzerte oder kleine Tagungen genutzt werden. Die Eingriffe sind subtil, nehmen Rücksicht auf den Bestand, haben aber auch die neuen Bedürfnisse im Blick und schaffen Raum für Kunst.

Minimale architektonische Eingriffe

Als Erstes erhielt die Scheune ein neues Dach. Die Giebel wurden rundum erneuert und ausgedämmt. Die Öffnungen in der Scheune wurden aus energetischen, thermischen und akustischen Gründen mit grossflächigen Verglasungen geschlossen. Die Abschlüsse sind aussen angebracht. Die Scheune des Monsieur Carisch lässt spektakuläres Licht zu. Durch die Holzdekorationen in den Fassaden fällt sparsames Tageslicht und taucht den Raum in eine mystische Atmosphäre. Die Rundbogenfenster wurden neu verglast. Die grossen Fensterscheiben schaffen die notwendige Abdichtung des Raumes und lassen das Tageslicht einfallen. Während tagsüber weiterhin das Lichtspiel durch die Ritzen der alten Holzverschalung sichtbar bleibt, kann abends hingegen eine Theaterinszenierung stattfinden ohne irritierende Spiegelungen auf den Glasscheiben.

Die innen aufgedoppelten und gedämmten Scheunentore lassen sich wie früher öffnen. Die morsche Holzbalkendecke über der alten Remise und dem Pferdestall musste entfernt werden und wurde durch eine neue, sichtbar belassene Betondecke ersetzt. So entstand über dem neuen Foyer ein grosszügiger Raum, der zum Verweilen einlädt – ideal für einen Apéro oder eine Lesung. Die Decke im Foyer besteht aus einer Stahlbetondecke mit integrierten Heizschlaufen. Die Aussenwände, in Holzständerbauweise, sind ausgedämmt. Eine leistungsfähige Fussbodenheizung wurde in den grossen Theatersaal eingebaut. Durch den sorgfältigen Umgang mit der Bausubstanz konnte die Patina innen und aussen erhalten bleiben und gleichzeitig wurden die Anforderungen an die neue Nutzung, an Komfort, Energie und Denkmalpflege wahrgenommen. Vieles ist an diesem einzigartigen Ort möglich, das in der Stadt unvorstellbar wäre.

Riom ist ein Dorf mit Burg im Oberhalbstein (Graubünden) mit knapp 200 Einwohnern. Die Kulturinstitution Origen verfolgt eine einfache Vision: Das Bauerndorf Riom soll sich zum Theaterdorf wandeln. Hier, weit weg vom städtischen Kulturschaffen, erfinden die Künstler unter dem Gründer und Theatermann Giovanni Netzer das alpine Theater neu. gasserderungs.ch, uffer.ch, walterbieler.ch, origen.ch

Der rote Turm auf dem Julierpass

Er ist die neueste Spielstätte des Origen Festival Cultural: Auf dem Julierpass, auf 2300 Höhenmetern, hat das Origen einen markanten roten Turm erbaut. Der Turm ist ein vertikales Bühnenspiel, alle Jahreszeiten bespielbar, jedoch nur temporär für vier Jahre erstellt. Zur Einweihung im Juli 2017 führte Origen Gion Antoni Derungs Oper «Apocalypse» auf. Der 30 Meter hohe Holzturm hält Windböen von bis zu 240 Stundenkilometern stand. Ohne Fundament bringt der Turm 410 Tonnen auf die Waage. Die Bauzeit dauerte zweieinhalb Monate. Bis zur Eröffnung wurden mehr als zwei Millionen Franken in den Turm investiert – der wintertaugliche Ausbau des Turmes wird laut Origen eine weitere Million kosten. Origen begleitete den Entstehungsprozess: So gab beispielsweise der Holzbauingenieur Walter Bieler bei einem Atelierbesuch Einblick in die Rechenarbeit seines Büros. Die Uffer AG lud in ihre Werkhallen ein, in der sich die fertigen Turmelemente stapelten. In der «Nacht der Kurven» konnten Interessierte den Schwertransport auf den schmalen Strassen zum Julierpass erleben. Mehr zum Turmbau von Riom erfahren Sie in der nächsten Ausgabe von «FIRST», die am 2. November 2017 erscheinen wird.


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Wintertheater Clavadeira
Standort: Sontga Crousch, Riom (GR)
Baujahr: 1864
Umbau: Winter 2015/2016
Bauherrschaft: Origen Festival Cultural, Riom
Architektur/Innenarchitektur: Gasser Derungs Innenarchitekturen GmbH, Chur/Zürich
Projektleitung: Remo Derungs, Steff Nägeli, Marcel Hegg
Bauingenieur: Walter Bieler, Bonaduz (GR); Guido Luzio, Savognin (GR)
Holzbau: Uffer AG, Savognin Holzbau, Restauration: von Büren Restaurieren, Cunter (GR)
Schreinerarbeiten: Demarmels Schreinerei AG, Salouf (GR) Bauphysik / HLKS-Planer: Raumanzug, Zürich
Verwendetes Holz: Fichte und Lärche
Auszeichnungen: Award für Marketing & Architektur 2016, Kategorie Publikumsbauten
Baukosten Umbau: CHF 1,7 Millionen
Gebäudevolumen (SIA 416): 2800 m3

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