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4/2017 Vorbilder

Stil.Form

Ein elegantes Faltdach für das Théâtre de Vidy

Was verbindet den neuen, origamiartigen Holzpavillon des Théâtre de Vidy mit den bereits vorhandenen Bauten von Max Bill aus Stahl und Glas? Viel mehr, als man auf den ersten Blick denken könnte.

Text SD, Blumer-Lehmann AG | Fotos Blumer-Lehmann AG

Leicht verpasst man ihn, den neuen Pavillon des Théâtre de Vidy an der Lausanner Strandpromenade, gebaut als Erweiterung für 250 Zuschauer. Von der Strasse her wirkt der grau lasierte Holzbau hinter den Bäumen eher unscheinbar. Beim Näherkommen wird indes seine Einzigartigkeit sichtbar: Wie ein aufgefalteter Akkordeonbalg liegt das Bauwerk in der Wiese - als könnte man es zusammenschieben und in einen Koffer packen.

Ästhetik und Funktion

David Riggenbach ist Projektleiter beim Holzbauunternehmen Blumer-Lehmann AG, das den Theaterbau in Zusammenarbeit mit dem Laboratoire Ibois der ETH Lausanne unter Yves Weinand plante und umsetzte. Riggenbach erklärt: "Zwei Aspekte sind sehr aus-sergewöhnlich, nämlich die Konstruktionsweise wie auch die Geometrie der Gebäudehülle." Dabei sei die Geometrie nicht bloss ein Genuss fürs Auge, sondern Teil der optimierten Statik. So besteht das Hallengebäude, dessen Dach die Distanz von 20 Metern ohne Stützen überwindet, aus zwei parallelen Schichten von Holzwerkstoffplatten, die je nur 45 Millimeter dick sind. In den Raum zwischen den beiden Lagen wurde Isola-tionsmaterial eingeblasen. Dass die dünnen Platten statisch tragen, liegt an der Anordnung der dreieckigen Bauteile, die sich gegenseitig stabilisieren. Zugleich entsteht auf diese Weise die faszinierende Origami-Faltform.

Historische Methode neu angewendet

Die zweite Spezialität des Baus, welche ebenfalls die Statik betrifft, ist die Verbindungsweise. "Die Holzplatten wurden mit einer ausgeklügelten Holz-Holz-Zapfenverbindung in-einandergefügt", erläutert Riggenbach. "Ähn-lich der traditionellen Schwalbenschwanz-methode. Leim oder Schrauben waren deshalb kaum nötig." Das Ibois der ETH Lausanne hatte im Vorfeld intensiv die Kräfteübertragung solcher Zapfenverbindungen erforscht. Um dem Verbiegen der unterschiedlich geformten Bauteile entgegenzuwirken, untersuchte das Institut auch, welche Holzplatten sich hierzu am besten eignen. Zum Zug kam schliesslich eine fünfschichtig verleimte Fichtenplatte. Für die Blumer-Lehmann AG war der Austausch mit dem Ibois herausfordernd und inspirierend: "Zwar arbeiten wir mit demselben Werkstoff, begegnen diesem jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven."

Eine Andeutung von Gotik

Unterschiedliche Perspektiven werden wohl bald auch die Theaterbesucher einnehmen: Von aussen für den Besucher sichtbar ist eine dritte Holzhülle, die genau in derselben Geometrie parallel auf der tragenden Kon-struktion angebracht ist. Sie bildet eine Art Wettermantel des Gebäudes mit einer Bitumenabdichtung auf dem Dachrücken. Erst im Inneren trifft der Besucher auf die tragende Struktur, schwarz gestrichen, um möglichst kein Licht zu reflektieren. Der Übergang der gefalteten Wände in die Decke erinnert an ein Zitat gotischen Strebewerkes. "Wir waren erstaunt, wie unterschiedlich die Geometrie von innen und aussen wirkt, obwohl die Formen exakt dieselben sind. Wir sind gespannt auf die Reaktion des Theaterpublikums", sagt Riggenbach. http://ateliercube.chateliercube.ch, blumer-lehmann.ch, ibois.epfl.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Pavillon Théâtre de Vidy
Standort: Lausanne
Baujahr: 2016/2017
Bauherrschaft: Théâtre de Vidy    
Architektur: Yves Weinand, Lausanne, Atelier Cube, Lausanne
Holzbau: Blumer-Lehmann AG, Gossau (SG)
Lieferung und Zuschnitt: Schilliger Holz AG, Küssnacht am Rigi (SZ); Balteschwiler AG, Laufenburg (AG)
Grundfläche: 540 m2
Kosten: CHF 2,8 Millionen für Bau, Szenografie und Technik (ohne Technologiestudien und Transfer von Ibois)


Zahlen und Fakten

250             Sitzplätze
19×11 Meter grosse Bühne mit offener Tribüne
10 Meter      Lichtraumhöhe im Gebäudeinnern
12 Monate    Dauer der Bauarbeiten (Start August 2016)
308 Stück    Plattenbauteile der Faltwerkkonstruktion mit individueller Geometrie
350 m³        verbautes Holzvolumen (Tragwerk/Fassade/Ausbau), davon 67% Schweizer Holz
690 m2        hinterlüftete Fassade aus sägeroher Fichte mit Vorvergrauung
680 m       hinterlüftete Dachfläche mit einer zweilagigen, bituminösen, beschieferten Dachabdichtung

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