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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

02/2019 Reflektiert

BAU.WERK

Ausgedacht

Es gehört zu den grundlegenden Elementen eines Bauwerks – das Dach. Dass es darüber hinaus ein formenstarker Ausdruck architektonischer Gestaltung sein kann, zeigt die Max Felchlin AG in Ibach (SZ) am Fusse der Mythen. Beim fünfgeschossigen Hybridbau des Schokoladenherstellers zieht der imposante Dachaufbau die Blicke auf sich.

Text Meili, Peter & Partner Architekten AG, SD | Fotos Karin Gauch, Fabien Schwartz

Die Max Felchlin AG blickt auf eine über 100-jährige Unternehmensgeschichte zurück. Der Gründer, Kaufmann Max Felchlin, handelte zu Beginn 1908 zunächst noch mit Honig und baute die «Honigzentrale Schwyz» auf. Die erste Fabrik wurde 1920 in Seewen (SZ) errichtet, drei Jahre später stieg Felchlin in das Schokoladengeschäft ein. 1962 übernahm Sohn Max Felchlin junior das Unternehmen. Kurz darauf erwarb dieser das 11'000 Quadratmeter grosse Areal in Ibach – dort, wo heute der neue, fünfgeschossige Gewerbebau steht.

Das Unternehmen passte die bauliche Entwicklung über mehrere Generationen den unternehmerischen und produktionstechnischen Anforderungen an. Mit dem Neubau wollte die Firma Max Felchlin drei Standorte auf dem Industrieareal in Ibach zusammenlegen – um Synergien zwischen den einzelnen Geschäftsbereichen besser nutzen, die Flexibilität steigern und die Innovationskraft erhöhen zu können. Zudem sollte die Kundschaft in einer atmosphärisch ansprechenden Umgebung empfangen, betreut und geschult werden. Die ersten drei Geschosse sind als Hybrid-, das vierte und fünfte Obergeschoss als Holzbau realisiert. Der Skelettbau, ergänzt mit Holzwänden, ist eine flexible Konstruktion, die zu einem späteren Zeitpunkt auch anderweitig genutzt werden kann.

Anhand des Studienwettbewerbs wurde der Projektvorschlag von Meili, Peter & Partner Architekten AG aus Zürich zur Weiterbearbeitung ausgewählt. Gemeinsam mit der Pirmin Jung Ingenieure AG, der Hecht Holzbau AG, der Bisang Holzbau AG, der neuen Holzbau AG und weiteren Baupartnern realisierten sie den  neuen Firmenhauptsitz. Die Ausführungsarbeiten dafür starteten im April 2017. Die offi-zielle Übergabe an die Bauherrschaft fand schliesslich im Februar 2019 statt.

Architektur und Erscheinung
Der Kanton Schwyz weist mit seiner offenen Landschaft selbst nach einem Jahrhundert der Urbanisierung und Industrialisierung noch kein geschlossenes urbanes Gefüge auf. Auch nach der starken Verstädterung der vergangenen Jahrhunderthälfte ist die Region geprägt von der ursprünglichen Streusiedlungsweise, die sich vom südlichen Fusse der Mythen bis in den Talboden erstreckt, in dem sich Industriebetriebe wie die Max Felchlin AG entwickelt haben.

Mit dem Fokus auf eine ausdrucksstarke Dachkonstruktion schliesst der Neubau an eine lange Tradition an. Bauwerke in dieser Region fanden zumeist ihre Manifestation in der von Weitem sichtbaren Form und Silhouette. Wie beispielsweise bei dem nur wenige Kilometer entfernten barocken Kloster-Kollegium in Schwyz: Auch hier bilden die Dachformen das signifikante Element des Bauwerks.

Das nahmen Meili, Peter & Partner Architekten zum Anlass, dem neuen Firmensitz Max Felchlins den Charakter eines imposanten Dachaufbaus zu geben. Der Neubau steht in einem fast unwirtlichen Gelände neben der wilden Muota – einem Fluss, der bei Brunnen in den Vierwaldstättersee mündet. Die Idee: Das Dach soll von nah und fern die Silhouette bilden. Von Süden kommend, schweift der Blick über die Ebene, welche im Vordergrund von vereinzelten Gehöften und Industriebauten geprägt wird. Ihre Fortsetzung findet sie entlang der Gotthardstrasse, die bis zur baulich heterogenen Struktur von Ibach führt und am Muotaknick den Punkt der grössten Konzentration erreicht. Im Hintergrund liegt das Dorf Schwyz am Fusse der Mythen.

Skelettstruktur mit Leichtbauwänden 
Mit einem Höhenmass der Traufe von 20 Metern ragt die Silhouette des Neubaus dezent hervor. Die fein geformte Linie des Daches soll die Konzentration des bestehenden Produktionsstandorts mit den Schulungs- und Verwaltungsräumen symbolisieren. Der Standort ist zuallererst Produktionsstätte hochwertiger Schokolade. Der Zweck prägt dadurch unmittelbar die Architektur des neuen Firmenhauptsitzes. Die unteren Geschosse mit Empfang, Fabrikladen und Büros folgen den Ordnungen der bestehenden und geplanten Fabrikanlagen. Erst fast über deren Dächern sind die repräsentativeren Schulungs- und Verpflegungsräume für Mitarbeitende und Kunden situiert. Die Zufahrt erfolgt direkt über den Werkhof und legt sofort die Anordnung der Gebäude offen. Die innere Organisation der Bürogeschosse ist sorgfältig: Ihre Konstruktion bildet eine Skelettstruktur mit Leichtbauwänden, die auch langfristige Ansprüche an  die Beweglichkeit der Betriebsabläufe aufnehmen kann. Die holzverkleidete Fassade folgt der Typologie der umgebenden Bauten.

Pyramidales Faltwerk
Die Dachkonstruktion manifestiert die Kompetenz lokaler Zimmermannskunst. Sie formt die Faltwerke der Schulungsräume und des Verpflegungsraumes zu einem imposanten Dachstuhl, der elegant und simpel die immensen Auskragungen in eine Stabkonstruktion einwebt. Die grosse Flächensteifigkeit des pyramidalen Faltwerkes erlaubt eine punktuelle Auflagerung auf wenige Stützen. An den nördlichen Flächen der Faltwerke sind Oblichter zur optimalen Ausleuchtung der Schulungsräume mit Tageslicht eingelassen. Wer den Blick über die Fassade schweifen lässt, der erkennt, dass der Raumabschluss gegenüber des Tragwerks leicht zurückgesetzt ist. Die aussen platzierten, freigestellten Stützen erlauben dennoch eine umfassende Aussicht auf das Panorama.

Die Umgebung
Der neue Firmensitz ordnet die Industriefläche in verschiedene bestehende und zukünftige Baufelder. Das verschafft dem Unternehmen ein möglichst hohes Mass an Flexibilität für spezifisch benötigte, aber heute noch unbekannte Produktionsgebäude. Vor den Bautätigkeiten übernahmen verschiedene Elemente der Natur und der Kunst die raumwirkende Funktion und substituierten mit ihrer Anordnung mögliche Gebäudeumrisse. Durch die Platzierung des Neubaus wurden unterschiedliche Aussenraumtypologien generiert: der Haupteingang als repräsentative Erschliessungsfläche, der Baumhain und der Obstgarten als hochwertige Grünräume. Sie alle korrespondieren in Gestaltung und Funktionalität direkt oder indirekt mit dem Innenraum und seiner Nutzung – sei es funktional oder über inhaltliche Bezüge wie die Kulinarik des Obstgartens. Jeder der Aussenräume ist eigenständig gestaltet, tritt jedoch in Dialog mit angrenzenden Räumen, Atmosphären und Inhalten. Vordergrund und Hintergrund verflechten und bereichern sich, ohne sich zu vermengen.

meilipeter.ch, hecht-holzbau.ch, bisangag.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Neuer Firmensitz Max Felchlin AG
Standort: Ibach (SZ)
Baujahr: 2019
Bauzeit: Start Ausführungsarbeiten April 2017, Übergabe Februar 2019
Bauherrschaft: Max Felchlin AG, Ibach
Architektur / Generalplaner: Meili, Peter & Partner Architekten AG, Zürich
Tragwerk Holzbau / Brandschutz: Pirmin Jung Ingenieure AG, Rain (LU)
Mitarbeit Tragwerk: Création Holz GmbH, Herisau (AG)
Holzbau: Hecht Holzbau AG, Sursee (LU), Bisang Holzbau AG, Küssnacht (SZ), neue Holzbau AG, Lungern (OW)
Baukosten BKP1-9: CHF 24 Mio.
Gebäudevolumen SIA 416: 22'467 m3
Nettogeschossfläche SIA 416: 4466 m2
Verwendetes Holz: 1296 m3, 84 Prozent davon aus Schweizer Herkunft

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