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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

03/2021

Lebens.raum

Bauen nach hohen Energie- und Umweltstandards

Die Gesellschaft und die Politik haben nach wie vor hohe Erwartungen bezüglich Umwelt- und Klimaschutz. Labels und Standards wie der SNBS Hochbau, Minergie-Eco oder das 2000-Watt-Areal stellen hohe Anforderungen und unterstützen die Planenden in der Umsetzung.

Text Nicolas Gattlen | Foto Team Burkard GmbH

 

Seit rund einem Jahr prägt eine markante Überbauung das Dorfbild im luzernischen Eschenbach. Das Besondere am Zentrum Oberhof: Der private Investor Beat Burkard orientierte sich nicht am raschen Profit, sondern an nachhaltigen Prinzipien. Das Projekt sollte die Umwelt schonen, die Wertschöpfung in der Region steigern und ein attraktives, gesundheitsförderndes Wohnumfeld bieten. Das zahle sich letztlich auch für den Investor aus, erklärt Burkard: «Zufriedene Bewohner wechseln weniger häufig und die Leerstandquote ist in einem Objekt mit derart vielen Annehmlichkeiten bedeutend tiefer.»

Gemeinsame Lösungssuche
Der Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) bildet als erster Schweizer Standard im Baubereich sämtliche Aspekte der Nachhaltigkeit ab. Sein Kriterienkatalog umfasst 45 Indikatoren, die etwa zu gleichen Teilen auf die drei Bereiche Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt verteilt sind. Jeder Indikator wird mit einer Note von 1 bis 6 bewertet. Abhängig von der Gesamtnote erhält das Gebäude die Auszeichnung Silber (4,0 bis 4,9), Gold (5,0 bis 5,4) oder Platin (5,5 bis 6,0). Beat Burkard schätzt die Flexibilität dieses Standards, der Spielräume offenlässt und zum Denken anregt: «Die Planer und die ausführenden Unternehmen müssen sich mit allen Themen rund um Nachhaltigkeit beschäftigen und gemeinsam Lösungen suchen.» Die hat man in Eschenbach gefunden: Der Oberhof wurde mit Gold ausgezeichnet.

Schweizweit wurden bereits 14 Projekte nach dem SNBS Hochbau erstellt und zertifiziert. Weitere 70 Bauvorhaben sind im Zertifizierungsprozess. «Der SNBS Hochbau ist eine Erfolgsgeschichte», sagt Joe Luthiger, Geschäftsführer des Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS). Und er ist sich sicher, dass es mit noch höherem Tempo weitergeht. «Die Erwartungshaltung der Gesellschaft ist heute so gross, dass es sich professionelle Investoren wie Pensionskassen, Versicherer oder Banken nicht mehr erlauben können, auf einen Nachhaltigkeitsstandard zu verzichten. Und die privaten Investoren dürften ihnen
folgen.»

Neue Vorgaben für öffentliche Bauherren
Reagiert hat auch die Politik, indem sie die Ausschreibungsvorgaben für öffentliche Bauten geändert hat. Schrieb das Bundesgesetz bisher «den wirtschaftlichen Einsatz der öffentlichen Mittel» vor, werden neu «der wirtschaftliche und der volkswirtschaftlich, ökologisch und sozial nachhaltige Einsatz der öffentlichen Mittel» verlangt. Die Nachhaltigkeit wird zudem ausdrücklich als Zuschlagskriterium genannt. Die Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren KBOB empfiehlt den Bauherren, bei der Berechnung die Indikatoren des SNBS Hochbau zu verwenden.

Im Bereich Umwelt baut der SNBS Hochbau auf den Standards Minergie und Minergie-Eco auf. Während Minergie darauf abzielt, den Energieverbrauch mit einer kompakten, gut gedämmten und luftdichten Gebäudehülle tief zu halten, berücksichtigt Eco zusätzlich die Materialisierung (ökologische Baustoffe), das Gebäudekonzept (z. B. einfache Rückbaufähigkeit), das Wohlbefinden (Innenraumklima, Tageslicht) und die graue Energie eines Bauwerks. Bereits seit 2017 schliesst der Minergie-Standard fossile Brennstoffe für Neubauten aus, seit 2020 auch für Modernisierungen. Das Bauen nach Eco spart zusätzlich graue Energie und graue Treibhausgasemissionen ein; diese entstehen bei der Herstellung, beim Transport, beim Rückbau und bei der Entsorgung von Baumaterialien. Um das im August 2019 vom Bundesrat vorgegebene Ziel «Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050» erreichen zu können, müssen auch diese Emissionen rasch gesenkt werden.


Verschärfte Anforderungen an 2000-Watt-Areale

Die neuen Klimaziele und die Vorgaben der Energiestrategie 2050 hat die 2000-Watt-Gesellschaft in ihrem revidierten Leitkonzept aufgenommen. Das Konzept fordert Netto-Null bis Mitte dieses Jahrhunderts. Dazu soll die Energieversorgung bis 2050 zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien abgedeckt und der Pro-Kopf-Energieverbrauch auf 2000 Watt gesenkt werden. Im Gebäudebereich werden die Visionen der 2000-Watt-Gesellschaft durch den SIA Effizienzpfad Energie und auf Arealstufe durch das 2000-Watt-Areal-Label des Bundesamtes für Energie (BFE) konkretisiert. Die Trägerschaft des Labels hat nun eine Zusatzregel eingeführt, die Netto-Null bei der Wärmeerzeugung (inklusive Wärmenetze) verlangt. Weil für die klimaneutrale Erstellung von Gebäuden noch kein gangbarer Ansatz besteht, wird der SIA Effizienzpfad Energie nun überarbeitet. Sobald der revidierte Standard vorliegt, werden Anpassungen für die 2000-Watt-Areale vorgenommen.


Auch Beat Burkard hat sich bei der Planung des Zentrums Oberhof intensiv damit beschäftigt, wie man die grauen Emissionen am besten in den Griff bekommt. Das Planerteam entschied sich für einen Hybridbau mit Aussenwänden und Fassaden aus Holz. «Die CO2-Bilanz dieses Werkstoffs ist hervorragend», sagt Burkard, insbesondere wenn die Transportwege kurz gehalten werden. Rund 500 Kubikmeter Holz wurden im Zentrum Oberhof verbaut, 88 Prozent davon stammen aus dem Schweizer Wald und wurden in der Schweiz verarbeitet. Damit erfüllt die Überbauung die Anforderungen des Labels «Schweizer Holz». «Die Objektauszeichnung mit diesem Label war uns wichtig», erklärt der Bauherr. «Wir nutzen sie für die Vermarktung.»


Holzlabels stellen Nachhaltigkeit sicher

Seit April 2021 sind auch Holzwerkstoffe mit dem Label «Produziert aus Schweizer Holz» auf dem Markt. Das dafür verwendete Holz stammt zu mindestens 66 Prozent aus Schweizer Wäldern und wird im nahegelegenen Ausland verarbeitet. Dank strengen gesetzlichen Vorgaben zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung ist bei Holz aus dem Schweizer Wald gesichert, dass es hohen Nachhaltigkeitsansprüchen genügt. Auch die beiden Labels FSC und PEFC stellen sehr hohe Ansprüche an die Umweltverträglichkeit der Waldbewirtschaftung. Mit FSC-Projekt-Zertifizierungen lassen sich ganze Gebäude oder einzelne Bereiche eines Bau- oder Sanierungsvorhabens (z. B. Fassade, Fenster) nach dem Standard ausweisen.

 

«Für eine breitere Zielgruppe interessant»

Interview Nicolas Gattlen | Foto NNBS

Herr Stünzi, der Verein NNBS hat Anfang dieses Jahres den neuen Standard SNBS Hochbau 2.1 eingeführt. Was ändert sich damit?
Mit der neuen Version können nun auch Bildungsbauten beurteilt und zertifiziert werden. Das ist für die öffentlichen Bauherren interessant, stehen doch zahlreiche Schulbauten in der Erneuerung oder vor der Ausschreibung. Zudem wurden einige Unklarheiten beseitigt und die Instrumente verbessert. Eine wichtige Änderung ist, dass ein Gebäude auch dann zertifiziert werden kann, wenn pro Bereich Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft maximal eine Note ungenügend ist.

Warum wurde das geändert?

Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich je nach Standort und Bauprojekt nicht alle Anforderungen erfüllen lassen. Wenn beispielsweise ein Anschluss an den ÖV weit entfernt ist oder die geologischen Randbedingungen sehr anspruchsvoll sind, lässt sich unter Umständen die Note 4 im jeweiligen Indikator nicht erfüllen. Die neue Regelung macht den Standard flexibler und für eine breitere Zielgruppe interessant.

Ist der SNBS Hochbau auch für kleinere Bauvorhaben anwendbar?

Im Prinzip ja. Weil der Standard sehr umfassend ist, erfordert er aber doch einigen Aufwand. Bei grösseren Projekten fällt das Kosten-Nutzen-Verhältnis besser aus. Im Schnitt umfassen die zertifizierten Projekte eine Geschossfläche von 5000 bis 20 000 Quadratmetern.

 

Erster Nachhaltigkeits-Check

Auch ohne grosse Fachkenntnisse können sich Bauherren und Planende ans nachhaltige Bauen machen. Der SNBS-Pre-Check ermöglicht bereits ab der frühen strategischen Planung einen raschen Überblick über Stärken und Schwächen eines Projekts. Den Pre-Check sowie Hilfstools für die Bearbeitung einiger Indikatoren kann man kostenlos herunterladen. shop.nnbs.ch


Förderbeiträge und Kurse

Viele Kantone fördern bereits seit Längerem die Zertifizierung nach Minergie. Manche beteiligen sich auch an der Zertifizierung nach SNBS Hochbau. Die kantonalen Energiefachstellen können darüber Auskunft geben.
endk.ch
Minergie unterhält in allen Landesteilen ein umfangreiches Weiterbildungsangebot für Baufachleute. minergie.ch
Kurse zum SNBS Hochbau sind auf der Website (Bereich Weiterbildung) aufgeschaltet.
snbs-hochbau.ch


Übersicht über Standards und Labels

Auf der Website des Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS) findet sich die aktualisierte «Landkarte der Standards und Labels». Sie erleichtert es herauszufinden, welcher Standard beziehungsweise welches Label sich für das jeweilige Bauprojekt eignet. nnbs.ch

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