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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

02/2021

FOKUS.THEMA

Den eigenen Wald verbaut

Bäume der Burgergemeinde Bern sind heute in drei Mehrfamilienhäusern in Kehrsatz, einem Vorort von Bern, verbaut. Ein Beispiel, wie die Wertschöpfungskette des Materials Holz durchgehend und auf kleinem Raum umgesetzt werden kann.

Text Sue Lüthi | Fotos Immoprofoto | Pläne Burkhalter Architekten AG

 

Um die viereckige, flache Parzelle in Kehrsatz bei Bern ist viel los: Auf einer Seite rollt die S-Bahn, auf der anderen fahren die Autos zum nahen Flughafen Belp. Stirnseitig liegen eine Tankstelle und ein Einkaufszentrum. Das Landstück gehört der Burgergemeinde Bern. Die «Bernburger» besitzen auch viel Wald und nicht wenige von ihnen sind in der Baubranche tätig. Ein Architekturwettbewerb mit Präqualifikation führte die Eigentümer zu den Burkhalter Architekten, die auf dem gut erschlossenen Grundstück drei Gebäudezeilen mit insgesamt 57 Mietwohnungen entwarfen.

Die drei geknickten Baukörper sind nach Süden ausgerichtet und schaffen geschützte Freiräume, die die Überbauung zusammenhalten und beleben. Auf die schnellen Bewegungen auf der Kantonsstrasse reagieren die Architekten mit einem langen Gebäude, in dem ein internes Laubengangsystem die Wohnungen erschliesst und sie räumlich von der Strasse abgrenzt.


Radius: 20 Kilometer
Auffallende horizontale Blechgurte trennen die Stockwerke ästhetisch sowie brandschutztechnisch voneinander ab. Sie verweisen auch auf die hybride Bauweise mit massiven Decken und Fassadenelementen aus Holz. In diesen stecken 276 Kubikmeter Holz aus den umliegenden Wäldern. R20 nennt die Burgergemeinde ihr Label: Das Holz ist innerhalb eines Radius von 20 Kilometern ums Bundeshaus gewachsen. «Die gesamte Wertschöpfungskette konnte an diesem Objekt durchgespielt werden», erklärt Heinz Beer, Geschäftsführer von Beer Holzbau in Ostermundigen. Die Bernburger Waldbesitzer haben Kontakte zu den Sägereien, die wiederum die Lieferanten für die Rohhobler sind. So kamen die Stämme in die nahegelegene Sägerei, die sie entrindete, einsägte, schnitt, trocknete und der Firma Toma nach Buttisholz lieferte. Toma hat das Holz zu Rahmenholz verleimt. Das Material für die Fassadenverkleidung bestellte Beer Holzbau direkt bei der Sägerei Olwo AG in Worb BE. Olwo konnte nachweisen, dass das Holz aus dem Wald der Bernburger stammte. Das Nachweisverfahren stellt sicher, dass jeder in der Kette belegen kann, dass er in einem bestimmten Zeitraum eine entsprechende Menge Holz von einem bestimmten Ort verarbeitet hat. «So wissen wir, dass wir hundertprozentig Schweizer Holz erhalten», erklärt Heinz Beer.

«Als Konstruktions- und Brettschichtholz verarbeiten wir sowieso möglichst Schweizer Holz. Fichte oder Tanne für nicht sichtbare Qualität können in der Schweiz gut verarbeitet werden. Der Schweizer Wald kann genug liefern, auch wenn er etwas überaltert ist. Die alten Bäume können gut genutzt werden und der junge Wald wächst schnell nach. Die Holzart beeinflusst die Verarbeitung nicht und schränkt uns nicht ein», sagt Beer. Für das Projekt in Kehrsatz war das optimal, da nur die vorvergraute Fassadenschalung sichtbar ist. Innen schliessen Gipsfaserplatten die Elemente ab, dazwischen liegt die Ständerkonstruktion, ausgedämmt mit Iso-floc (300 mm), darauf folgen eine Fermacell-Platte, das Windpapier und die Kreuzlattung mit der Schalung.


Sportlicher Etappenplan

Die Fassadenelemente haben keine tragende Funktion. Sie wurden vor die Stahlstützen, auf denen die Betondecken liegen, platziert und abgedichtet. Die Innenwände sind ebenso in massiver Bauweise erstellt. Für die Montage der Holzelemente waren häufig fünf Zimmerleute vor Ort, denn die Realisierung folgte einem Etappenplan: Das dritte Gebäude war noch im Rohbau, während im ersten schon die Mieter einzogen. Das Aufwendigste am hybriden Bauen seien die Anschlüsse, sagt Heinz Beer. Besonders dann, wenn die Fenster nicht im Werk eingebaut werden können.


Die Holzindustrie müsste aufrüsten

Die Burgergemeinde Bern ist eine sogenannte Personengemeinde im Gegensatz zu den territorial organisierten Einwohnergemeinden. Sie setzt sich aus rund 18?600 Angehörigen von Gesellschaften und Zünften zusammen und vertritt viele Interessen. Dass mit Holz gebaut wird, ist nicht automatisch gesetzt, die Palette an Baumaterialien ist bekanntlich variantenreich. Doch als grösster Waldbesitzer des Kantons gab die Burgergemeinde die Auflage, für die Überbauung in Kehrsatz Radius20-Holz einzusetzen und ihre Beziehungen zu den Holzabnehmern spielen zu lassen.

Um diese Nachweiskette schweizweit durchzusetzen, müsste die Holzindustrie aufrüsten. Angesprochen sind Sägereien, die einschneiden und trocknen, aber auch Betriebe, die das Material zu Halbfabrikaten zusammenleimen. Die Holzbauer seien genau die Abnehmer für das Holz, das nicht der Sichtqualität entspreche, schildert Heinz Beer die Situation. Im Moment hätte die Holzbranche viele Abnehmer für Konstruktionsholz, doch die Industrie komme nicht nach, es fehle an leistungsfähigen Betrieben. Und was ist die Ursache für diese Lücke? Heinz Beer nimmt Stellung: «Die Schweizer Holzindustrie hat verschlafen. Vor rund 15 Jahren haben sich viele Holzbaubetriebe auf Nischenprodukte konzentriert, weil ihre Arbeit für Standardprodukte zu teuer war. So geriet die Industrie ins stocken, obwohl ein paar wenige Betriebe die nötigen Investitionen getätigt haben. Heute stellen wir fest, dass wir mit Hilfe der industriellen Fertigung durchaus konkurrenzfähig sind. Denn wenn alles automatisiert ist, fallen die Lohnkosten nicht mehr so stark ins Gewicht.» Beer engagiert sich für den Verband Holzbau Schweiz und ist dort für den Aktionsplan Holz zuständig. Er betont, dass es auch wichtig sei, das «hinterletzte» Teilchen eines Stammes zu verwerten. Für diesen Teil der Kette sind die Zellulosefabriken wertvolle Abnehmer. In der Schweiz ist von diesem Industriezweig noch die Perlen Papier AG übrig. Fehlen die Abnehmer, müssen Stoffe von geringer Qualität teuer wegtransportiert werden.


Ein Aufruf, zu investieren

Der Ruf nach Investitionen in die Verarbeitungsindustrie wird immer lauter. Gefragt sind neben Sägereien auch weiterverarbeitende Betriebe, die Halbfabrikate herstellen. Eine Schwierigkeit ist, Standorte für solche Gewerbe zu finden. In der Schweiz wären mehrere, dezentrale und nicht zu grosse Betriebe wahrscheinlich eher bewilligungsfähig als ein Riesenbetrieb. Nur 30 Prozent der Nachfrage kann in der Schweiz abgedeckt werden. In den vergangenen Monaten hat die globale Nachfrage nach Holz stark zugenommen. Die Folge sind turbulente Zeiten auf dem Holzmarkt, die nicht nur international, sondern auch in der Schweiz spürbar sind. Heinz Beer wagt zu sagen, dass er mit der momentanen Preissituation, die aus der Knappheit resultiert, nicht nur unglücklich ist. Dadurch, dass im Ausland die Preise massiv angestiegen sind, wird Schweizer Holz wettbewerbsfähig. Er appelliert an alle Betriebe der Schweizer Wertschöpfungskette, stabil zu bleiben, keine Reservekäufe zu tätigen und den Preis nur so weit anzuheben, dass die Abläufe funktionieren und niemand kollabiert. «So können wir unsere Arbeit international auch preislich attraktiv machen.»


Die Knappheit als Chance

Heinz Beer setzt sich in seinem Betrieb und bei Holzbau Schweiz für das Aufgleisen der gesamten Wertschöpfungskette ein. «Volkswirtschaftlich betrachtet, wenn wir berücksichtigen, wie viel Arbeit und wie viele Betriebe mit Holz arbeiten, ist Schweizer Holz immer günstiger.» Jetzt sei der Moment zum Investieren und Vorwärtsgehen, damit die Abnehmer von Halbfabrikaten eine Alternative haben, der Wettbewerb spielt und der Preis sich egalisiert. Parallel fordert Holzbau Schweiz auch, dass das Reglement Schweizer Holz die Verarbeitung im nahen Ausland akzeptiert. «Lieber Schweizer Holz, das im Schwarzwald verarbeitet wird, als kein Schweizer Holz», sagt Heinz Beer. Denn im Moment kann im Inland der Bedarf an Halbfabrikaten nicht abgedeckt werden. Das Bedürfnis nach Schweizer Holz ist da. Und dass die Verarbeitung von A bis Z in nächster Umgebung zu einem konkurrenzfähigen Preis verbaut werden kann, zeigt die Siedlung in Kehrsatz.
burkhalterag.ch, bgbern.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Neubau Mehrfamilienhäuser Breitenacker, Kehrsatz (BE)
Bauzeit: Januar 2019 bis August 2020
Nutzung: 2,5- bis 5,5-Zimmer-Mietwohnungen
Bauherrschaft: Burgergemeinde Bern
Architektur: Burkhalter Architekten, Ittigen (BE)
Ingenieursarbeiten: Bächtold & Moor AG, Bern
Holzbau: Beer Holzbau, Ostermundigen (BE)
Sägerei: Olwo AG, Worb (BE)
Baukosten: CHF 25,9 Millionen
Kosten Holzbau: CHF 2,24 Millionen
Holz: 276 m3 Schweizer Fichte und Tanne, Label R20
Gebäudevolumen: 40?264 m2
Nettogeschossflächen: 7470 m2

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