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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

02/2021

Stil.Form

Die gebaute Zeichnung

Wenn aus grossen Visionen ebenso grosse Bauwerke aus Holz werden, ist dieser Mann nicht weit: Bauingenieur und Holzbau-Koryphäe Hermann Blumer. In Waldstatt (AR) hat Blumer mit seinem Projektteam diesen fantastischen, vor Farbe strotzenden Pavillon entwickelt. Die Grundlage dafür: eine auf Millimeterpapier erstellte Zeichnung der Künstlerin Emma Kunz, ihr Werk Nummer 393.

Text Sandra Depner | Fotos Beat Müller, Ernst Bischofberger, Hermann Blumer | Pläne Klauser Holzplan GmbH

 

Möchte man auf den Spuren bedeutender Persönlichkeiten wandeln, so empfiehlt sich die Ortschaft Waldstatt. Am Ortsrand des kleinen Dorfes im Kanton Appenzell Ausserrhoden kreuzen sich die Wege von Emma Kunz und Hermann Blumer. Blumer, der mit seiner Frau in einem Holzhaus in Waldstatt lebt, ist einer der grössten Holzbaupioniere der Schweiz. Ein Zimmermann und Ingenieur, der die hiesige wie auch die internationale Holzarchitektur seit Jahrzehnten prägt. Und Emma Kunz: Sie war ihres Zeichens Heilpraktikerin und Künstlerin, lebte und schaffte ebenfalls in Waldstatt (siehe Info-Box).

Wer am Bahnhof in Waldstatt eintrifft, der ist schon angekommen: auf dem Emma-Kunz-Pfad, der das Leben und Schaffen der Wahl-Waldstätterin nachzeichnet. Er beginnt beim Dorfbrunnen gegenüber der Kirche, ein paar hundert Meter durch das beschauliche Dörfchen, vorbei an den getäferten Fassaden, und schon führt der Pfad durch ein kleines Stückchen Wald und über die Badtöbelibrücke, die Waldstatt und das angrenzende Seniorenheim Bad Säntisblick verbindet. Die Brücke hat Blumer geplant und sie ist eine der Stationen auf dem Holzweg Waldstatt, der sich mit dem Emma-Kunz-Pfad kreuzt. Beide Routen haben von hier an das gleiche Ziel: Vorbei am Seniorenheim eröffnet sich der Blick auf die sattgrüne Appenzeller Hügellandschaft und auf den Emma-Kunz-Pavillon – einen farbenfrohen Pavillon, in dem Holz und Kunst miteinander verschmelzen.

Anlässlich der 300-Jahr-Feier Waldstatts erhielt Blumer den Auftrag, die Zeichnung Nummer 393 von Emma Kunz in ein dreidimensionales Bauwerk weiterzuentwickeln. Wie Ernst Bischofberger, Projektleiter der Bauherrschaft, erklärt, sei bei der Auswahl der Zeichnung aus den mehr als 500 Werken der Künstlerin entscheidend gewesen, ob sich die Zeichnung potenziell als dreidimensionaler Raum umsetzen lasse.


Vom Quadrat zum Vieleck
Der bunte Kleinbau steht auf einem Betonsockel, einem Quadrat von drei auf drei Metern. Ausgehend davon, schraubt sich der Holzbau als Vieleck durch nach aussen angeordnete Wände nach oben und erreicht bei knapp 5,5 Metern den maximalen Durchmesser des Faltwerkdachs. Dieser Kniff in der Konstruktion verleiht dem Raum trotz schmalen Grundrisses ein überraschend grosses Volumen. «Der Grundriss war uns vorgegeben», erzählt Hermann Blumer bei einem Treffen vor Ort. «Aber dadurch, dass sich die Konstruktion nach oben aussen weitet, haben wir das Maximale an Raum herausholen können.» Eine Grosszügigkeit, die sich erst dann richtig erschliesst, wenn man den Pavillon betritt und den Raum auf sich wirken lässt – das geht im Stehen, auf der Sitzbank oder für einmal ganz unkonventionell: im Liegen auf dem Boden. Denn so offenbart sich die Raffinesse der Konstruktion. Wie eingewebt wirken die Holzlamellen des Faltwerks. Das Steildach ist mit seinen feinen farbigen Stäben so konstruiert, dass diese das geometrische Muster von Kunz’ Zeichnung Nummer 393 nachempfinden.

Blumer holt immer das Maximale bei seinen Projekten heraus. Und er weiss, die besten Leute um sich zu scharen, damit diese gelingen. Wie etwa Remo Mazenauer, der mit seinem Team von der ortsansässigen Blumer Schreinerei für die Umsetzung und Aufrichte des Holzbaus verantwortlich war. Oder Philipp Klauser (Klauser Holzplan) und Stefan Rick (SJB Kempter Fitze AG) für die detaillierte Planung des Holzbaus, um hier nur ein paar wenige zu nennen, die beteiligt waren. Der 210 000 Franken teure Pavillon konnte nur dank Stiftungsgeldern und dem freiwilligen Engagement der Beteiligten realisiert werden. Ganz zu Beginn der Arbeiten stand jedoch der kreative Entwurfsprozess von Blumer mit dem norwegischen Architekturbüro Helen & Hard Architekten – allen voran Architektin und Creative Director Siv Helen Stangeland. In dem Austausch wurden dann auch die Farben bestimmt, die für die Lasur des Fichtenholzes zum Einsatz kommen sollten. Mit diesem Entwurf machte sich Schreiner und Projektleiter Remo Mazenauer an die Arbeit: «Wichtig war uns, dass wir eine Lasur verwenden, denn so bleibt die Struktur des Holzes unter dem Anstrich noch erkennbar.» Für die Planung der anspruchsvollen Geometrie und das Errichten des Bauwerks blieben nur wenige Monate. Im April 2020 erreichte Blumer die Anfrage. Dann ging es im Mai los mit der Planung des Baus, der sich heute aus knapp 1000 Einzelteilen zusammensetzt. So weit wie möglich wurde der Pavillon vorproduziert und zum Teil vormontiert. Remo Mazenauer erinnert sich noch gut an diese Zeit: «Normalerweise gehe ich nicht mehr auf Montage. Aber hier war das anders, zwei Tage war ich vor Ort. Dieser Ort gibt Kraft. Es war schön, zu sehen, wie alle zusammengearbeitet haben.» Zur Jubiläumsfeier von Waldstatt wurde der Pavillon schliesslich im September 2020 eröffnet.


Zickzack im Faltdach
Im Inneren des Pavillons ist man geschützt vor dem Aussen, wobei die luftige Wandkonstruktion den Blick hinaus auf die Landschaft frei gibt. In den Betonsockel ist ein Hohlraum eingelassen, der mit Muschelkalk gefüllt ist. Er stammt aus dem Steinbruch in Würenlos, und das mit gutem Grund: Emma Kunz schrieb dem zu Pulver gemahlenen Gestein aus Würenlos eine heilende Wirkung zu. Bedeckt wird der Sockel von einem Bodenbelag aus sternförmig angeordneten Lärchenlatten. Vom quadratischen Grundriss aus weitet sich die Konstruktion aus Fichtenholz nach aussen und oben zu einem zickzackförmigen Faltwerkdach aus. Die Wände – mal geschlossen in Form von Dreischichtplatten, mal als offene Konstruktion aus gesamthaft 160 Latten – sind mittels einer angeschraubten Auflagerlatte aus Eichenholz auf den Beton gesetzt. Holzdübel verbinden sie mit der Sitzbank. Die Verankerung der Wandkonstruktion auf Druck und Zug erfolgt über Stahlplatten, die mit der Sitzbank verbunden sind. Auch auf der Bank zieht sich die bunte Lamellenform durch, weshalb Vorsicht bei der Benutzung geboten ist. Denn was durch die Lamellen hindurchrutscht, das landet wohl oder übel im Muschelkalk.

Die feinen Stäbe des Faltwerkdachs, die die Zeichnung nachahmen, wurden – wie alles an diesem speziellen Kleinbau – bis ins Detail dreidimensional vorgeplant. Die Sparren sind dabei lediglich mittels Überblattungen miteinander verbunden. So kommt es vor, dass an manchen Stellen im Sprengwerk vier oder fünf der Stäbe aufeinandertreffen. Ein mit Schrauben gesicherter Einbinder, der zugleich die sichtbare Traufe darstellt, umfasst das Faltdach am Aussenrand. «Man kann sich die Funktionsweise vorstellen wie bei einem Holzfass mit seinem Fassreifen. Der Einbinder in Fichte wirkt dabei wie ein Zugband oder eine Art Seil», erklärt Holzbauingenieur Klauser. Der umlaufende Kranz gibt die horizontalen Kräfte gleichermassen auf die Wandkonstruktion ab. Dabei sind die Wandelemente mit dem Einbinder über Holzdübel und Leim sowie Vollgewindeschrauben verbunden. Die Dreischichtplatten des Dachs sind statisch miteinander verschraubt. So ist die Konstruktion auf eine maximale Schneelast von 250 Kilogramm pro Quadratmeter ausgerichtet. Insgesamt hat Blumer mit einer Last von zehn Tonnen gerechnet, die auf das Dach wirken können.

Auf den an die Einbinder stumpf stossenden Sparren liegen beschieferte Dreischichtplatten auf. Die elegante und schlanke Dachkonstruktion schliesst ein Band aus Kupfer an der Stirn ab. Und wie schlägt sich so ein Holzbau bei Wind und Wetter? Dafür haben Blumer und seine Mitstreiter schon bei der Planung mit konstruktiven Witterungsschutz Sorge getragen. Blumer: «Die Hölzer sind zum einen überdacht. Zum anderen hängen die Wände über, was wiederrum das Auflager der Holzkonstruktion vor Feuchtigkeit schützt.» Hinzu kommt, dass durch die teilweise offen gestalteten Wände allfällige Feuchtigkeit auch wieder schnell trocknen kann.

Der Emma-Kunz-Pavillon kann ganzjährig in Waldstatt besucht werden. Offen ist noch, ob es bei diesem einen Pavillon bleibt oder ein weiterer folgen soll. Denn die Werke der Künstlerin werden sowohl schweiz- wie auch weltweit in Ausstellungen präsentiert. Warum sollte da nicht auch ein mobiler Pavillon mit von der Partie sein? «Die Idee eines portablen Pavillons begleitet uns eigentlich seit Beginn der Planung», so Mitinitiant und Projektleiter Ernst Bischofberger. «Der Pavillon könnte dann jeweils vor den Ausstellungsräumen platziert werden.» Doch noch fehlen für die Umsetzung dieses Plans die Sponsoren.
blumer-schreinerei.ch, sjb.ch, klauser-holzplan.ch

Hermann Blumer

Hermann Blumer (*1943) ist Zimmermann, diplomierter Bauingenieur ETH/SIA sowie Honorarprofessor an der FH Aachen. Der Gründer der Création Holz AG trägt mit seinen Entwürfen und Machbarkeitsstudien dazu bei, dass architektonische Visionen in Holz realisiert werden können. Zu den Referenzen des Holzbauspezialisten gehören unter vielen Projekten in der Schweiz und weltweit eine Forschungsstation am Südpol, das Centre Pompidou in Metz (F) und der Säntispark in Abtwil (SG).

creation-holz.ch, hermann-blumer.ch


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Emma-Kunz-Pavillon
Standort: Waldstatt (AR)
Fertigstellung: 2020
Eigentümerin: Gemeinde Waldstatt (AR)
Projektleitung: Ernst Bischofberger, Waldstatt
Architektur: Creation Holz, Hermann Blumer, Herisau (AR); Architekturbüro Helen & Hard Architekten, Stavanger (N)
Holzbau, Ausführung: Blumer Schreinerei AG, Remo Mazenauer, Waldstatt
Holzbau, Detailstatik und Werkplanung: SJB Kempter Fitze AG, Stefan Rick, Frauenfeld; Klauser Holzplan, Philipp Klauser, Degersheim (SG)
Baukosten gesamt: CHF 210 000 .–
Holz: 12,5 m3 Fichte, 1 m3 Lärche


Emma Kunz

Emma Kunz kam 1892 in Brittnau (AG) zur Welt und lebte von 1951 bis zu ihrem Tod 1963 in Waldstatt (AR). Schon zu ihrer Zeit war sie bekannt als Heilpraktikerin. Sie selbst jedoch bezeichnete sich als Forscherin. Durch ihr künstlerisches Werk hat sie internationalen Ruf erlangt. Ab 1938 schuf Emma Kunz grossformatige Bilder auf Millimeterpapier. Ihr bildnerisches Werk umschrieb sie wie folgt: «Gestaltung und Form als Mass, Rhythmus, Symbol und Wandlung von Zahl und Prinzip». Als visionäre Künstlerin hinterliess sie ein faszinierendes Bildwerk, das verschlüsseltes Wissen enthält. Die Bilder sind der direkteste Weg, die Persönlichkeit von Emma Kunz zu erfahren. Eine Auswahl ihrer Werke zeigt die Dauerausstellung im Emma Kunz Zentrum in Würenlos (AG). emma-kunz.com

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