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01/2019 Blickfang

BAU.WERK

Eine Blackbox für die Fragen der Gegenwart

Mit dem Lügner schlechthin – Pinocchio – an der Pergola, begibt sich das Stapferhaus in der Ausstellung «FAKE» auf die Suche nach der Wahrheit. Der blauschwarze Holzbau mag wohl architektonisch an eine Blackbox erinnern. Ideell bleibt sich die Aargauer Kulturinstitution treu und öffnet den Neubau für einen direkten Diskurs über die Fragen unserer Zeit.

Text Makiol Wiederkehr AG, Pool Architekten, PD | Fotos Stapferhaus / Anita Affentranger, Oliver Lang; Ralph Feiner

Die Aargauer Kleinstadt Lenzburg verfügt über ein breites Kulturangebot. Zu den zahlreichen Museen und Begegnungsstätten zählt seit Sommer 2018 nun auch ein «Haus, das sich in den Dienst der Inhalte, der Vermittlungsformate und des Publikums stellt»: das Stapferhaus, so wie es die Bauherrschaft beschreibt. Oder sollte man besser «Wahrheitsamt» sagen? Denn im Rahmen der aktuellen Ausstellung «FAKE» verwandelt sich das Haus eigenen Angaben zufolge zum «Amt für die ganze Wahrheit» und lädt seine Besucher ein, den Lügen auf den Zahn und der Wahrheit den Puls zu fühlen. Das Stapferhaus wurde bereits 1960 als Tagungs- und Veranstaltungsort gegründet. Seit den 1990er Jahren werden in Ausstellungen und Veranstaltungen die grossen Fragen der Gegenwart in den Mittelpunkt gestellt: Was prägt das Leben? Was beschäftigt das Land, was bewegt die Welt? Die Ausstellungen widmeten sich zuletzt verschiedenen Perspektiven zu Themen wie etwa Heimat, Geld oder Strafen.

Mit der Ausstellung «FAKE» führt das Stapferhaus die Tradition fort, gesellschaftsrelevante Themen zu fokussieren. Neu hingegen ist der Raum, in dem sich der Diskurs öffnet. Das dreigeschossige Stapferhaus mit Bistro, Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen und einem Obergeschoss für die Büros der Mitarbeitenden ist im städtischen Kontext verortet und transformiert den heterogenen Bahnhofsbereich in einen attraktiven, öffentlichen Ort. Die Schlüsselübergabe des Neubaus fand im Juli 2018 statt. Fünf Jahre zuvor lud der Stiftungsrat zum Architekturwettbewerb ein, den Pool Architekten aus Zürich 2014 mit ihrem Projekt «blaues Haus» für sich entschieden. 2016 erfolgte die Baueingabe und im Mai 2017 der Spatenstich. Im November desselben Jahres wurde die Aufrichte des Holzbaus gefeiert. Gemeinsam mit den Ingenieuren der Makiol Wiederkehr AG und dem Holzbauunternehmen Zaugg AG Rohrbach wurde innerhalb der 15 Monate dauernden Gesamtbauzeit ein architektonischer Blickfang direkt am Bahnhof der Aargauer Stadt geschaffen.

 

ALLES UNTER EINEM DACH VEREINT

Mit dem Neubau startet das Stapferhaus in eine neue Ära: Es erhält für seine Ausstellungen eine eigene Spielstätte und vereinigt im neuen Haus erstmals die Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Büroräume unter einem Dach. Zuvor befanden sich die Büroräume auf Schloss Lenzburg. Mit seinen Ausstellungen zu Gegenwartsthemen war es ab 1994 in zwischengenutzten Räumen unterwegs, zuletzt siebzehn Jahre lang in einem Provisorium im Zeughaus Lenzburg. Die neue Stapferbühne am Lenzburger Bahnhof wirkt als offene, bespielbare Pergola und ist zugleich Bindeglied zur Stadt. Sie soll für jede Ausstellung neu inszeniert werden und funktioniert in Verbindung mit dem Café auch als Begegnungsort.

 

 

 

KLARE STRUKTUREN UND OFFENE RÄUME

Der blauschwarze Holzbau weist mit seiner klar lesbaren Struktur auf die grossen Räume im Inneren hin. Die innovative Holzbautechnologie, verbunden mit einer duldsamen Holzkonstruktion in Bezug auf technische Bearbeitung und verschiedene Oberflächenbehandlungen, ermöglicht eine Fülle an szenografischen Interventionen in den Innenräumen. Darüber hinaus ist auch die Aussenhülle für Ausstellungszwecke bespielbar.

Die Tragstruktur und die Bauteile über Terrain, das Treppenhaus und der Liftschacht sind in Holzbauweise ausgeführt. Die Lastabtragung übernehmen die Aussenwände in Holzrahmenbauweise mit integrierten Unterzügen und Stützen. Die Geschossdecken und das Dach überspannen die rund zwölf Meter Distanz zwischen den Aussenwänden. Sie sind aufgebaut als Rippenplatten aus Brettschichtholzträgern mit Querschnitten von bis zu 360 auf 860 Millimetern und im Verbund aufgebrachten Brettsperrholzplatten mit einer Stärke von 240 Millimetern.

 

HOHE SPANNWEITEN GEBEN SPIELRAUM

In der Ausstellungshalle ist für die Geschossdecke über dem Erdgeschoss und für das Dach eine tragende Mittelachse in Brettschichtholz ausgeführt, womit die Spannweiten zwischen den Aussenwänden hier auf 12 beziehungsweise 15 Meter reduziert werden konnten. Die Deckenelemente überspannen das längere Feld mit Brettschichtholzrippen, die im Querschnitt bis zu 360 auf 1040 Millimeter messen. Entsprechend ausgeführte Aussenwände sorgen für die Stabilisierung und Aussteifung des Gebäudes. Die Trennwände in Holzbauweise sind alle nichttragend. Die Liftschächte und das runde Treppenhaus sind in Holzmassivbauweise ausgebildet. Eine effiziente Wärmeerzeugung und eine gute Gebäudehülle halten die Betriebskosten niedrig.

Noch bis zum 24. November 2019 läuft die Ausstellung «FAKE». Das Stapferhaus bietet in diesem Rahmen Veranstaltungsreihen an, die sich um das Thema Wahrheit und Lüge drehen; mal auf Expeditionen ausserhalb des Hauses, dann wieder in den Räumlichkeiten des Neubaus zur «Stunde der Wahrheit». poolarch.ch, stapferhaus.ch, holzbauing.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Stapferhaus
Standort: Lenzburg (AG)
Fertigstellung: 2018
Bauzeit: Februar 2017 bis Juli 2018
Bauherrschaft: Stiftung Stapferhaus Lenzburg,
vertreten durch Buchhofer AG, Zürich
Architektur: Pool Architekten, Zürich
Generalplaner: Pool Architekten; Takt Baumanagement AG, Zürich
Holzbau- und Brandschutzingenieur: Makiol Wiederkehr AG, Beinwil am See (AG)
Holzbau: Zaugg AG Rohrbach, Rohrbach (BE)
Baukosten BKP 1-9: etwa CHF 16 Millionen
Baukosten Holzbau: CHF 3,6 Millionen
Gebäudevolumen SIA 416: 17?400 m3
Nettogeschossfläche SIA 416: 2954 m2
Holz: Brettschichtholz 595 m3, Brettsperrholz 535 m3, Profilbretter für Massivholzböden in Eiche 535 m2 und
in Tanne 1490 m2, Profilbretter für Fassade in druckimprägnierter Tanne 1650 m2

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