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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

01/2021

Menschen

«Es braucht Baukultur, damit wir schön und gut bauen»

In NACH.GEFRAGT kommen Architekten und Ingenieure zu Wort. Es dreht sich alles um Inspiration und Ideen – und ums Holz. Und in dieser Ausgabe speziell um Brücken aus Holz. Walter Bieler hat in seiner beruflichen Laufbahn rund zwei Dutzend Brücken aus und mit Holz entworfen. Für den Holzbauingenieur aus dem Bündnerland spielt dabei die Landschaft, in der die Brücke eingebettet wird, die formgebende Rolle. Wir stellen eine kleine Auswahl seiner Brückenkonstruktionen vor.

Interview Sandra Depner | Foto zVg


Herr Bieler, wenn Sie an Holz denken, welche drei Begriffe fallen Ihnen zuerst ein?
Ich denke zuerst an die feine, haptische Wahrnehmung von Holz. Ich berühre es gerne. Holz strahlt eine gewisse Schönheit aus. Zweitens: Es ist leistungsfähig, besitzt hohe Festigkeitswerte parallel zu den Fasern und ist dabei natürlich gewachsen. Und an dritter Stelle denke ich an die Ökobilanz. Im Vergleich mit alternativen Baumaterialien sichert sich Holz einen Platz auf den oberen Rängen: Es wächst im Wald nach und ist regional verfügbar.

Stellen Sie sich vor, dem Holzbau wären keine Grenzen gesetzt – weder konstruktiv noch gesellschaftlich. Wie würde die Welt aus Ihrer Perspektive aussehen?

Dem Bauen mit Holz ist durch die Liberalisierung der Brandschutzvorschriften kaum mehr Grenzen gesetzt. Das heisst aber nicht, dass die gebaute Welt gut aussieht. Schauen Sie sich doch einmal die Touristenorte an mit ihren riesigen Chalets. Die sehen nicht nur schlecht aus, es ist dabei auch eine Menge Holz verbaut, nahezu verschwendet. Also handelt es sich so betrachtet auch architektonisch um eine schlechte Arbeit. Es braucht Baukultur, damit wir schön und gut bauen. Und es ist wichtig, dass auch im Holzbau diszipliniert in der Architektur und in der Konstruktion gearbeitet wird.
 
Eine Schlagzeile über Höhenrekorde im Holzbau folgt der anderen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Grundsätzlich fördern diese Projekte neuere Technologin im Holzbau, was wünschenswert ist. Schlussendlich profitiert auch der gängige Holzbau jenseits der Leuchtturmprojekte davon. Und es lässt die Menschen den gegenwärtigen Standard im Bau hinterfragen. Wer im Holzbau neue Massstäbe setzen will, muss heutzutage relativ kreativ sein und herausfinden, wo Weiterentwicklung möglich ist. Wir leben in einem neuen Zeitalter des Holzbaus, in dem der technische Fortschritt und gute Lösungen im Ingenieurholzbau den Takt angeben. Der Trend, den Holzbau in den urbanen Raum zu tragen, zeichnet sich schon lange ab. Es wird Wohnraum gebraucht und da hat der Holzbau, der mehr und mehr in die Höhe geht, einige positive Punkte anzubieten.

«Der Weg zur perfekten Brückenkonstruktion
fängt für mich bei der ersten Begehung vor Ort an.»


Wer oder was inspiriert Sie?

Ich bin fasziniert von dem starken Ausdruck der Holzkirchen in Norwegen. Diese Stabkirchen aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind fantastische Objekte. Des Weiteren möchte ich Hans Ulrich Grubenmann (Anm. d. Red.: Schweizer Zimmermann und Baumeister von Brücken und Kirchenbauten, 1709–1783) nennen. Vor ihm habe ich fachlich grosse Achtung. Seine Konstruktionen sind grossartig durchdacht und ich habe teilweise den Eindruck, dass sie topmodern sind und auch heute ganz gut in unsere Landschaft passen würden. Dabei stammen sie aus einem ganz anderen Jahrhundert. Sein Verständnis für Statik war hervorragend. Und er war mutig, Grubenmann hat Sachen ausprobiert, die zur damaligen Zeit sicher kein Standard waren. Kürzlich wurde ich mit der Begutachtung eines seiner Projekte, dem Dachtragwerk der reformierten Kirche in Mollis (GL), beauftragt.

Kommen wir zu Ihren eigenen Projekten: Welches ist Ihr Liebling?

Ich bevorzuge kein einzelnes Projekt. Meine Lieblingsprojekte sind alle die von mir entworfenen Holzbrücken. Sie erfordern besondere Beachtung und das nötige Feingefühl bei der Konstruktion. Wie ist der Kontext? Was sind die formbildenden Strukturen und wie passen sie in die jeweilige Landschaft? Das sind wichtige Fragen. An einer Brücke halten alle einmal an. Der Weg zur perfekten Brückenkonstruktion fängt für mich bei der ersten Begehung vor Ort an. Ich höre in mich hinein und überlege, was in diese Umgebung passen könnte. Sollte die Brücke eher filigran sein oder braucht es grössere, grobe Strukturen? Wer wird die Brücke benutzen? Führt sie über einen Fluss und besteht die Möglichkeit für Hochwasser? Dieses Feingefühl bekommt man über die Jahre. Holz ist biologisch abbaubar. Deshalb wurden Holzbrücken in der Vergangenheit immer mit einem Dach gebaut, dem traditionellen konstruktiven Holzschutz. Heutzutage sucht man neue Formen, die die historischen Brücken nicht einfach nachahmen, sondern konstruktiven Holzschutz zeitgemäss umsetzen.

Walter Bieler

Tragwerksplanung und Konstruktionen in Holz, insbesondere im Brückenbau, zählen zu den Spezialkenntnissen Walter Bielers. Seine Lehre zum Tiefbauzeichner schloss der Bündner 1966 ab. Es folgten die Weiterbildung zum diplomierten Bauingenieur und weitere Nachdiplomstudiengänge in Holzbrückenbau, Architektur und Tragsystem sowie Architektur und Landschaft. Seit 1975 führt Walter Bieler sein eigenes, auf Holzbau spezialisiertes Ingenieurbüro. Zu den zahlreichen Referenzprojekten zählen unter anderem aufsehenerregende Bauten wie der Theaterturm Origen auf dem Julierpass (2017), die Eissporthalle Davos (1979) und der jüngst von ArchDaily für den «Building of the Year 2021 Award» nominierte Pavillon des Höhentraining- und Wettkampfzentrum St. Moritz (2018). walterbieler.ch

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