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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

02/2020

BAU.WERK

Gebaute Identität

Im Bildungszentrum Grammet in Liestal lernen angehende Zimmerleute aus der Region Basel ihr Handwerk. Nun ist auch das Obergeschoss ausgebaut. Holz erfüllt dabei ästhetische sowie funktionale Ansprüche – und ist das identitätsstiftende Material in dieser Bildungsstätte.

Text Cornelia Bisch | Bilder Markus Raub | Pläne Arco Plus AG SIA und Atelier F-Geschoss GmbH

 

Das Bildungszentrum Grammet im basellandschaftlichen Liestal legt bereits im äusseren Erscheinungsbild Zeugnis ab von seiner Bestimmung und Bauherrschaft. Es gehört dem Verband Holzbau Schweiz Region Basel und ist der Aus- und Weiterbildung von Lernenden in holzverarbeitenden Berufen gewidmet. Die helle Holzfassade und die grosszügigen Fensterbänder brechen die Strenge des nüchternen, zweistöckigen Flachdachgebäudes. Es wurde bereits im Jahr 2014 gebaut. Im Erdgeschoss befinden sich die Werkstatt sowie kleinere Schulräume, welche der praktischen Ausbildung der Lernenden dienen. Das Obergeschoss jedoch wurde – abgesehen von einem Aufenthaltsraum für die jungen Handwerkerinnen und Handwerker – aus Kostengründen vorerst im Rohbau belassen. 

«Im Februar 2017 kam die Bauherrschaft auf uns zu mit dem Auftrag einer Studie für das Obergeschoss», erzählt Architekt Martin Hilbel der Arco Plus AG SIA aus Rheinfelden. Das Unternehmen ist bekannt für seine Fachkompetenz im Holzbau. Das Architektenteam erstellte eine Machbarkeitsstudie für den Ausbau des Obergeschosses. Eine der Vorgaben lautete, einen identitätsstiftenden Ausbau zu realisieren. Die rund 310 Quadratmeter grosse Fläche sollte mit Holz und im Minergie-P-Standard ausgeführt werden. Ein weiterer Auftrag bestand darin, die neuen Seminarräume auch für die Öffentlichkeit nutzbar zu gestalten. Es sollten – soweit möglich und sinnvoll – bei der Ausführung Unternehmen aus dem Verband berücksichtigt werden. Der von dritter Seite erstellte Kostenvoranschlag von maximal 500?000 Franken sowie die äusserst knappe Zeitachse von lediglich sechs Monaten für Planung, Submission und Realisierung mussten eingehalten werden. 

 

Zwei Räume funktionieren separat und als Ganzes

Entstanden sind zwei helle Räume von unterschiedlicher Grösse, die für Schulungen, Lehrabschlussprüfungen und weitere Anlässe des Verbands bestimmt sind. Des Weiteren können aussenstehende Organisationen und Firmen die Räume für Weiterbildungen oder Seminare mieten. Die Räume funktionieren einzeln unabhängig voneinander und können zeitgleich für zwei verschiedene Veranstaltungen genutzt werden. Eine Falttrennwand separiert die Räume voneinander. Wird sie eingezogen, entsteht ein einziger Grossraum mit einer Nutzfläche von 153 Quadratmetern. «Rastet die Trennwand ein, gehen Licht-, Storen-, Lautsprecher- und Lüftungssteuerung für jeden Raum automatisch in je einen separaten Schaltkreis über. Zieht man die Trennwand zurück, wird auch die Steuerung all dieser Bereiche automatisch zusammengeführt», erläutert Hilbel. Die kontrollierte Lüftung ist für gesamthaft 100 Personen ausgelegt. «Das bestimmt auch die maximale Auslastung der beiden Räume.»

 

Akustikdecke als raumgestaltendes Element

Unter Einbezug eines Spezialisten entwickelten die Architekten eine auf die örtlichen Gegebenheiten abgestimmte Holz-Akustikdecke. «Die sichtbaren, statisch dominanten Balkenträgerstrukturen an der Decke werden durch die wellenförmig angelegten Holzpaneele der Akustikdecke aufgelockert», führt Architekt Hilbel aus. «So entsteht eine entspannende, harmonische Dynamik in den Räumen.» In die Decke integriert sind Audio- und Video-Anlagen sowie die Raumbeleuchtung, die via Tablet gesteuert werden. Im Kontrast dazu ist der übrige Ausbau der Räume schlicht gehalten. 

Die Falttrennwand lässt sich in einer unauffälligen, geräumigen Schrankwand zwischen den Räumen und dem Foyer verstauen. Ebenso wie 100 Stühle, 20 Tische sowie die kleinen Bistrotische, die für die Empfänge im mehrheitlich mit Holz ausgekleideten Foyer vorgesehen sind. Eine Cateringküche, zwei Kühlschränke und eine Geschirrspülmaschine vervollständigen die Einrichtung. In einem abgehängten, weis­sen Deckenelement verbergen sich Lüftung und Elektronik. Die Tellerleuchten im Foyer sowie die Beleuchtung in den Sälen sind stufenlos dimmbar, sodass beliebige Lichtstimmungen erzeugt und programmiert werden können. 

Der Fussboden ist mit einem offenporigen, geölten Eichenparkett belegt. «Seine Oberfläche ist nicht glatt gehobelt, sondern weist eine sägefeine Struktur auf. Es wirkt fast wie frisch mit der Säge geschnitten», erläutert Hilbel. Die feinen Ungleichheiten sind nicht nur optisch ansprechend, sondern bieten durch ihre Rutschfestigkeit auch mehr Sicherheit. «Man fühlt sich geerdet, wenn man auf diesem Parkett steht.» Zum Raumensemble gehören zudem eine geschickt angelegte, offene Garderobe im Foyer mit einem kleinen Technikraum, ein Putzraum, ein frei verfügbarer Raum von 15 Quadratmetern sowie eine Damen- und eine Herrentoilette – beide rollstuhlgängig. Das gesamte Gebäude ist barrierefrei gestaltet, ein Lift führt ins Obergeschoss. 

 

Künstlerische Elemente schaffen Identität

«Für uns war klar, dass wir in den Räumlichkeiten den sinnvollen Einsatz und die verschiedenen Möglichkeiten von Holz zeigen wollen», betont David Schreiber, Verbandspräsident von Holzbau Schweiz Region Basel. «Dies wurde vom Architekten und den Unternehmern perfekt umgesetzt.» Die Architekten hatten darüber nachgedacht, auf welche Weise sie zusätzlich zur Omnipräsenz des Baumaterials Holz Identitätsbezüge schaffen könnten. «Statt die Schulungsräume lediglich mit Raum 1 und 2 zu beziffern, gaben wir ihnen die Namen von Bäumen», so Hilbel. 

Auf den Raum «Eiche», 60 Quadratmeter gross, weisen in dessen Eingangsbereich zwei aus der mit Klarlack behandelten MDF-­Wandverkleidung ausgefräste, reliefarti­­ge Eichenblätter hin. Auf den grös­seren Raum «Linde», 93 Quadratmeter, deuten zwei Lindenblätter. Neben dem hinterleuchteten Schriftzug «holzbauschweiz region basel» an der Trennwand zwischen Foyer und Garderobe stellen die skulpturalen Blattkunstwerke die einzigen Dekorelemente dar und fallen sofort ins Auge. Die beiden Bäume wurden nicht zufällig gewählt. «Die Eiche steht für Kraft und Ausdauer, die Linde für Harmonie und Ausgeglichenheit», führt der Architekt aus. «In Verbindung prägen die Begriffe Kraft, Harmonie und Beständigkeit die Räume». Ein schönes Motto für die Aktivitäten, die hier stattfinden. 

Der Ausbau wurde im März 2019 fertiggestellt. Zu einer der ersten Veranstaltungen lud die Bauherrschaft selbst ein: zur Generalversammlung von Holzbau Schweiz Region Basel. «Dass der Ausbau nach nur dreimonatiger Bauzeit abgeschlossen war, war nur möglich, weil sämtliche beteiligten Unternehmen eine Spitzenleistung erbracht haben», sagt Architekt Hilbel rückblickend. holzbau-schweiz.ch/de/sektionen/ba-region-basel/home/

Martin Hilbel, Arco Plus AG SIA

Die Arco Plus AG SIA wurde im Jahr 2013 von den Inhabern Barbara ­Kamber-Hilbel und Martin Hilbel in Rheinfelden gegründet. Das Architekturbüro entwickelt und plant seine Projekte nahezu ausschliesslich mit dem Werkstoff Holz. Dazu gehören ­unter anderem Arealüberbauungen, Mehr- und Einfamilienhäuser, gewerbliche Bauten, Erweiterungen und ­Umbauten. Der Architekt Marc Mühry gründete die Atelier F-Geschoss GmbH im Jahr 2015 in Basel. Das ­Architekturbüro plant und realisiert Neubauten, Erweiterungen und ­Umbauten in einem ­dynamischen Prozess. Atelier F-Geschoss war beim Ausbau des Bildungszentrums Grammet als Partnerunternehmen involviert. arcoplus.ch, f-geschoss.ch


Das Projekt – die Fakten

Projekt: Ausbau OG Bildungszentrum Grammet
Standort: Liestal (BL)
Fertigstellung: März 2019
Planungszeit: Oktober bis November 2018
Bauzeit: Januar bis März 2019
Bauherrschaft: Verband Holzbau Schweiz Region Basel
Planung, Entwicklung und Ausführung: Arco Plus AG SIA, Rheinfelden (AG); Atelier F-Geschoss GmbH, Basel (BS)
Schreinerarbeiten: Gebrüder Bürgin AG, Seltisberg (BL)
Akustikdecke: Stamm Bau AG, Arlesheim (BL)
Bodenbelag Parkett: Spaini AG, Basel (BS)
Wände und technische Decke Leichtbau: Hasenböhler + Widmer AG, Frenkendorf (BL)
Ausbaukosten: CHF 500 000
Nettogeschossfläche (SIA 416): 310 m2 
Holz: Akustikdecke aus CH-Tanne, 80 m2 MDF, 90 m2 Akustik-Holzwollplatten, 300 m2 Eichenparkett, Eichen-Blockrahmen (Türen)

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