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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

04/2019

Lebens.raum

Haus am Teich

Raum für Bewegung und Selbstbestimmung: Das bietet das Haus am Teich auf dem Lindenfeld-Areal in Suhr (AG). Die Pflegeeinrichtung ist auf die Bedürfnisse weglaufgefährdeter Menschen mit Demenz ausgerichtet. Ein Spitalbau wie dieser – zweigeschossig und komplett in Holz gebaut – ist erst möglich, seit das Bauen mit Holz im Rahmen der revidierten Brandschutzvorschriften dem Massivbau gleichgestellt wurde.

Text Sandra Depner | Fotos Pirmin Jung Schweiz AG

 

Die Schweiz steht den Herausforderungen des demografischen Wandels gegenüber. Die Gesellschaft wird älter. Damit ändern sich die Bedürfnisse und somit auch die Anforderungen an die Wohnsituation. Landesweit sind schätzungsweise 145 000 Menschen an Demenz erkrankt. Aktuellen Prognosen zufolge wird sich diese Zahl bis 2045 auf 215 000 Betroffene weiter nach oben schrauben. Laut der Organisation Alzheimer Schweiz leiden aktuell geschätzt 60 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner einer Senioreneinrichtung an Demenz. Das erfordere grundsätzlich demenzfreundliche Pflegeeinrichtungen.

Eine davon steht in Suhr bei Aarau: das Haus am Teich auf dem Lindenfeld-Areal, ein Beherbergungsbau für Demenzerkrankte. Das Untergeschoss und die Tiefgarage sind aus Beton, die darüberliegenden zwei Geschosse sind in Holzbauweise erstellt: ein Holzrahmenbau mit Liftschächten und das Treppenhaus in Brettsperrholz, das Flachdach in Massivholz, die Decken sind als Holz-Beton-Verbund ausgebildet. Im Mai 2019 wurde der Neubau eröffnet. Die Bauherrschaft ist der Gemeindeverband Lindenfeld, eine Trägerorganisation von 30 Gemeinden aus dem Grossraum Aarau.


Wie ein kleines Dorf

Wer eine Pflegeeinrichtung für Menschen mit Demenz entwirft, muss multisensorisch denken: Farbe, Licht, Haptik, Materialien und Oberflächen, die sinnlich sind. Wichtig ist, eine Atmosphäre zu schaffen, die Sicherheit und Orientierung ermöglicht, Inklusion schafft und Hilfen im Alltag integriert.

Im Haus am Teich können sich demente Menschen mit hohem Bewegungsdrang und geringem Bedarf an Pflege in einem gesicherten Rahmen frei bewegen. Die Bewohnenden können Tag und Nacht im und ums Gebäude spazieren. Der Alltag orientiert sich am früheren Familienleben mit gemeinsamen Essen und Ritualen – das soll laut Heimleitung Vertrauen und Sicherheit fördern. Im Haus am Teich spielt sich das komplette Leben der Bewohnenden ab. «Deshalb soll das Haus wie ein kleines Dorf funktionieren», sagt Architekt Jörg Kissling.

Der Bau verfügt über 23 Zimmer, die als Ein- oder Zwei-Personen-Zimmer genutzt werden. Flexible Trennwände ermöglichen es, zwei Zimmer zusammenzufassen. Die zwei Wohngeschosse sind über eine Rampe miteinander verbunden, ein helles Atrium im Zentrum lässt viel Tageslicht einfallen. Es wäre nicht ein kleines Dorf, wenn es nicht auch noch etwas Grünfläche gäbe: einen Garten mit vielen Bäumen, Wegen zum Flanieren, Sitzgelegenheiten, Pavillons und Kleintiergehegen.


Demenzfreundliche gestaltung

Offen, klar und ohne Sackgassen: So gestalten sich die Räume und Verbindungswege im Haus am Teich. Anhand der Farbgebung und Materialwahl sollen sich die Bewohnenden im Gebäude orientieren können. Die Rampe und der speziell für die Bedürfnisse entwickelte Lift kommen dem Bewegungsbedürfnis entgegen und erlauben eine selbstständige Fortbewegung im Haus und im Aussenbereich.

Die Rampe im Zentrum lässt die Zweigeschossigkeit auf die Bewohnenden wirken: So spüren sie, laut Architekt Kissling, die Grösse des Hauses. Es handelt sich um eine Gehrampe mit einer Steigung von 9,6 Prozent. Der Grund dafür ist, dass die typischen Fusswege in Pflegeheimen meist nur eine Richtung kennen: geradeaus und eben. «Durch die Gehrampe können wir die Motorik gezielt fördern.»

Ende 2015 fiel der Entscheid für den Neubau, Anfang 2016 wurde das Projekt an einen Generalunternehmer vergeben. Änderungen am Bau und eine Einsprache führten dazu, dass das Submissionsverfahren neu aufgerollt werden musste. Der Spatenstich erfolgte schliesslich im September 2017. Nach dem Aushub starteten die Baumeisterarbeiten an der Tiefgarage. Im März 2018 begann der Bau des Tunnels, der unterirdisch das Haus am Teich mit dem Lindenfeld verbindet. Im Juni 2018 konnte die Schäfer Holzbautechnik mit der Aufrichte beginnen. Im Vorfeld wurden die Holzbauelemente innerhalb von neun Wochen gefertigt. Die Montage dauerte dann weitere sechs Wochen – Etappe um Etappe.

Installationen, Brandschutz, jedes einzelne Holzbauelement – alles war vor Baustart bis ins kleinste Detail geplant. Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit zwischen Holzbauer, Holzbauingenieur und dem Architekten entwickelt. Besonders die hohen Brandschutzanforderungen zwangen die Planer zu einer genauen Planung der Haustechnik. «Jede einzelne Leitung wurde geplant», erklärt Marc Huggenberger, Projektleiter des Holzbaus. Die Gebäudetechnik musste einem definierten Konzept folgen, das der Holzbau vorgab. Ab den Ausführungsplänen erfolgte dann die Werkplanung vom Holzbauer über rund drei Monate. Diese Zeit beschreibt Huggenberger als eine Phase des «Pingpongs» zwischen den Fachingenieuren, dem Holzbauer und dem Architekten. «Das ist vergleichbar mit einem analogen BIM. Ganz wichtig war der persönliche Austausch unter den Beteiligten.» Details wurden überarbeitet, angepasst oder gar umgeplant.

Die Ingenieure der Pirmin Jung Schweiz AG erarbeiteten die Tragwerksplanung, das Brandschutzkonzept und die Bauphysik am Haus. Bei Beherbergungsbetrieben der Kategorie A sind im Bereich der Flucht- und Rettungswege besondere Vorgaben umzusetzen. Im Fall einer Evakuierung sind die Bewohnenden teilweise auf fremde Hilfe angewiesen. Das Ziel ist deshalb, die Menschen schnell horizontal über einen sicheren Bereich zu führen. Darum sind die einzelnen Geschosse in Brandabschnitte unterteilt: Jeder einzelne verfügt über einen unabhängigen vertikalen Fluchtweg.


Komplett gekapselt

Sämtliche Wände und Decken sind aufgrund der Anforderung an den Feuerwiderstand gekapselt ausgeführt – Neuland für alle am Bau Beteiligten. In der Praxis erfordert das einen hohen und präzisen Vorfertigungsgrad. Denn auf der Baustelle konnten später keine Änderungen mehr vorgenommen werden. «Es ist sehr herausfordernd, alle Ecken und Schnittstellen in der Planung zu eruieren, damit diese allseitige Kapselung der Bauteile auch funktioniert», sagt Christian Amstutz, Projektleiter der Tragwerksplanung. «Zudem muss auch der Leitungsführung sehr grosse Aufmerksamkeit geschenkt werden, da diese innerhalb von gekapselten Bauteilen nicht zulässig ist. Dies verlangte spezielle und durchdachte Lösungen. Vor allem an den Stellen, wo keine Vorsatzschale geplant war.»

Laut Amstutz können seit der Revision der Brandschutzvorschriften 2015 noch nicht viele Beherbergungsbetriebe Typ A entstanden sein, die komplett in Holzbauweise gemäss dem Standardkonzept realisiert worden sind. Auch Holzbauer Huggenberger ist überzeugt, dass es sich um ein Leuchtturmprojekt für die Branche handelt: «Der nachwachsende Baustoff Holz wird durch die revidierten Brandschutzvorschriften konkurrenzfähiger im Vergleich zum Massivbau. Moderne Bauwerke wie das Lindenfeld mit hohen Schall- und Brandschutzanforderungen sind optimale Werbung für den gesamten Holzbau. Holz ist nicht weiter nur heimelig. Holz ist modern und konkurrenzfähig.» lindenfeld.ch, schaefer-holzbautechnik.ch,
pirminjung.ch, hk-architekten.ch

Bauen für Demenz

Im Zuge des demografischen Wandels ist die Architektur heute und in der Zukunft mehr denn je gefordert, die Gestaltung von Wohnsituationen für alternde Menschen und vor allem solche mit Demenz neu zu denken. «Bauen für Demenz» wurde als Leitfaden für eine zeitgemässe und würdevolle Architektur entwickelt, die Menschen mit Demenz gerecht wird und sie als inklusiven Teil der Gesellschaft versteht. 2016, CHF 46.13, ISBN 978-3-86859-389-1. detail.de


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Haus am Teich
Standort: Suhr (AG)
Fertigstellung: 2019
Bauherrschaft: Gemeindeverband Lindenfeld, Suhr
Architektur: Hutmacher und Kissling Architekten HTL SIA, Buchs (AG)
Holzbauingenieur und Brandschutzplaner: Pirmin Jung Schweiz AG, Thun (BE)
Holzbau: Schäfer Holzbautechnik AG, Aarau
Fassade: Husner AG, Frick (AG)
Baukosten: CHF 11,4 Mio.
Gebäudevolumen (SIA 416): 13'200 m3
Nettogeschossfläche (SIA 416): 4040 m2 total inkl. Untergeschoss
Holz: Tragwerk aus Fichte, Brettschichtholz und Brettsperrholz

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