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3/2022 Zeitgemäss

Stand.punkt

«Heute wird oft unnötig viel Hightech in Gebäude gebuttert»

Auch im Holzbau ist weniger oft mehr. Statt blindlings alle technischen Möglichkeiten auszureizen, sei es manchmal ratsam, besser auf Lowtech zu setzen, verrät Holzbauingenieur Markus Zimmermann.

Interview Susanne Lieber | Foto zVg


Herr Zimmermann, was fasziniert Sie an Holz?
Holz ist der vielseitigste Baustoff überhaupt. Er ist lebendig, nachhaltig, behaglich, emotional, identifikationsstiftend. Und wir können ihn mit wenig Aufwand bearbeiten und nutzen. Was mir zudem immer wieder positiv auffällt: Menschen, die mit Holz zu tun haben, sind meistens sehr angenehme Charaktere. (lacht)

Wann ist der ideale Zeitpunkt, einen Holzbauingenieur zu einem Projekt hinzu­zuziehen?

Je früher, desto besser! Bei kleineren Projekten braucht es aber nicht zwingend einen Holzspezia­listen mit Hochschulabschluss. Bei grösseren Tragwerken mit mehreren Geschossen oder grossen Spannweiten natürlich schon. Dann sollte der Holzbauingenieur im Idealfall bereits in der Entwurfsphase involviert werden – sofern schon klar ist, dass mit Holz gebaut wird. Dann kann man gleich entsprechende Leitplanken setzen. Ansonsten kann es passieren, dass Grundrisse geplant werden, die im Holzbau gar nicht umsetzbar sind. Versätze in der vertikalen Lastableitung sind beispielsweise ein No-Go. Im Holzbau wird ja nicht nur bemessen, sondern vor allem konstruiert.  

Und wie sieht es in der Realität aus? Wann werden Sie als Spezialist ins Boot geholt?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Projekte, bei denen Holz als Baumaterial von vornherein gesetzt ist. Entsprechend früh werden wir dann involviert. Es gibt allerdings auch Projekte, die hinsichtlich Rendite oder Bauordnung optimiert geplant werden. Nicht selten passiert es, dass die Verantwortlichen kurz nach der Baubewilligung zur Erkenntnis gelangen, dass ein Holzbau eigentlich auch schön wäre. Dann ist der Zug für vernünftige Lösungen in Holzbauweise aber leider oft schon abgefahren.

An welchen Hebeln kann oder sollte man an­setzen, um den Holzbau so wirtschaftlich wie möglich zu gestalten? Stichworte Digitalisierung, Robotik, Rasterdenken.

Ich glaube, das muss man sehr differenziert betrachten. Ein Unternehmen arbeitet nicht automatisch besser oder wirtschaftlicher, wenn es in moderne Maschinen und Technik investiert. Es braucht das richtige Werkzeug am richtigen Ort. Ich habe manchmal das Gefühl, dass alte und bewehrte Konstruktionsmethoden leider in Vergessenheit geraten. Wenn ich Jahrzehnte alte Pläne aus einem Archiv vor mir liegen habe, steht meist auf wenigen Seiten alles Wichtige darauf. Heute braucht es ein 3D-Modell und sehr viele Planungsunterlagen. Aber damit ich nicht missverstanden werde: Auch wir arbeiten selbstverständlich mit 3D-Modellen, mit BIM und mit optimierten Prozessen. Manchmal genügt aber auch einfach ein A4-Blatt, um gute Lösungen zu erarbeiten und das Wesentliche darzustellen. Was ich damit sagen will: Von vornherein alles digital meistern zu wollen, kann einen manchmal auch blind machen.

Welche Projekte reizen Sie als Ingenieur am meisten und wieso?

Mich reizen vor allem Projekte, die nicht nach Schema F funktionieren. Als Ingenieur ist man geschult, Herausforderungen anzunehmen und für jedes Problem eine Lösung zu suchen. Wenn alles schon klar ist, ist es nur noch halb so spannend. Wenn mich allerdings ein Projekt sehr gefordert hat und ich deshalb schlaflose Nächte hatte, freue ich mich auch wieder auf einen simplen Carport. (lacht)


Haben Sie ein Wunschprojekt, an dem Sie gerne arbeiten würden?

Mich hätte der Wiederaufbau der Notre-Dame in Paris sehr gereizt. Und ich würde gerne eine Brücke bauen – nach dem Vorbild von Hans Ulrich Grubenmann (Zimmermann und Baumeister, 1709–1783; Anm. d. Red.), allerdings mit den technischen Möglichkeiten von heute. Zurzeit wollen ja alle Hochhäuser bauen und bei gros­sen Projekten mitarbeiten. Mich reizen grundsätzlich eher Projekte, an denen sich das Potenzial von Holz ablesen lässt. Und solche, die die Einsatzmöglichkeiten von Holz erweitern – Stichpunkt Leuchtturmprojekte.

Was macht aus Ihrer Sicht ein Gebäude zum Leuchtturmprojekt?

Das sind Bauten, die auch in 500 Jahren noch stehen. Und von denen die Leute später noch sagen: Genial, wie das konstruiert ist. Heute wird oft unnötig viel Hightech in Gebäude gebuttert – statt Lowtech mit Know-how.

Markus Zimmermann

Der gebürtige Glarner (46) – ausgebildeter Zimmermann und Holzbauingenieur FH/SIA – ist
Geschäftsführer und Partner der IHT Ingenieurbüro für Holz + Technik AG in Schaffhausen.
Seit 2019 ist Markus Zimmermann zudem Mitglied der Zentralleitung Holzbau Schweiz (Bereich Technik & Betriebswirtschaft). iht-ing.ch, holzbau-schweiz.ch

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