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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

04/2019 Zukunft

Lebens.raum

Hinter hohem Schilf

Als Perle am Pfäffikersee bezeichnet sich die Gemeinde Pfäffikon. Keine Muschel, dafür ein neuer Holzbau ziert nun das Ufer des Sees. Im Naturzentrum sollen die Besucher wertvolle Tipps für den nachhaltigen Umgang mit dem Naturschutzgebiet erhalten.

Text Kündig Architekten SIA AG, RR | Fotos Marco Blessano

 

Mit seinen Ufern und Moorlandschaften ist der Pfäffikersee seit 1948 geschützt und ein beliebtes Naherholungsgebiet der Agglomeration Zürich. Die lokalen Riedwiesen sowie Hoch- und Flachmoore sind bedeutender Lebensraum einer aussergewöhnlich vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt. Der Verein Naturzentrum Pfäffikersee ist Bauherr und Betreiber des neuen Gebäudes. Die Trägerorganisationen des Vereins sind die Vereinigung pro Pfäffikersee, BirdLife Zürich, BirdLife Schweiz und Pro Natura Zürich. Das neue Informations- und Ausstellungszentrum sensibilisiert für die einmalige Biodiversität am Pfäffikersee.

Das Gebäude tritt auf drei Seiten roh und robust in Erscheinung. Und doch ist die Eingangsfront geschliffen – ein Gestaltungsmerkmal, das im Haus Fortsetzung findet: Unbehandeltes Fichtenholz ist präzise zu einer stattlichen Raumskulptur gefügt, die das gesammelte Wissen und wichtige Informationen über die Bewahrung des Naturraums präsentiert.

Am Übergang vom Siedlungsraum zur Naturlandschaft spannt das Naturzentrum Pfäffikersee gemeinsam mit dem Bootshaus der Seerettung und dem offenen Netzhaus einen neuen öffentlichen Platz auf. Der Holzbau verlängert die Promenade vom Seequai nach Westen. Damit fügt sich das Naturzentrum gut in das bestehende Gebäudeensemble ein.

 

Robuster Charakter und glattes Kleid

Das Gebäude wurde auf 24 Betonbohrpfählen, das heisst Reibungspfählen mit einem Durchmesser von 350 Millimetern und Längen von bis zu 27 Metern, gegründet. Die darüberliegende lastverteilende, wasserdichte Bodenplatte aus Stahlbeton wurde oberseitig gedämmt und mit einem geschliffenen, beheizten Betonboden versehen. Die sägerohe Deckleistenschalung verleiht dem Gebäude auf drei Seiten einen rauen, robusten Charakter. Auf der gegen das Seequai gerichteten Ostseite hingegen präsentiert sich dem Besucher ein glattes Kleid aus weich gehobelten Brettern. Präzise gefaltet, teilweise überhängend und gewölbt, betont die Fassade den öffentlichen Charakter des Hauses. Der Gebäudesockel ist aus Sichtbeton. Sämtliche Fassaden bestehen jedoch aus einheimischem, unbehandeltem und FSC-zertifiziertem Lärchenholz.

Die natürliche Materialisierung setzt sich im Haus konsequent fort. Geschliffene Betonböden bilden die Basis für hohe Räume, die sich bis unter den First öffnen. Auf eine farbliche Behandlung der Oberflächen wurde zugunsten der warmen Farbtöne von natürlichem Holz verzichtet. Das Gebäude bietet somit einen stattlichen, aber zurückhaltenden Rahmen für Informationen und Ausstellungen, die im Laufe der Jahre wechseln und farbige Akzente setzen können. Für die Aussen- und Innenwände sowie die Dachkonstruktion verwendeten die Holzbauer rund 54 Kubikmeter einheimische, FSC-zertifizierte Hölzer. Die Decken wurden mit Akustik-Elementen aus unbehandelter Weisstanne verkleidet. An den Wänden bilden unbehandelte Drei-Schicht-Platten aus Fichte den raumseitigen Abschluss. Die Holzfenster sind mit dreifachem Wärmeschutz-Isolierglas ausgestattet. Die Gläser wurden zudem mit Vogelschutzfolien versehen.

 

Nisthilfen in der Fassade

Im Gebäude stellen gezielt gesetzte Ausblicke einen unmittelbaren Bezug zur Umgebung her. Die Ausstellung thematisiert die Interaktion des Menschen mit der Natur und bietet durch das grosse Ostfenster Aussicht über das Schilf der nahen Weiher, zum alten Dorfkern und weiter bis hin zu den Glarner Alpen. Im Mehrzweckraum, wo Informationen zur Flora und Fauna des Sees vermittelt werden, schweift der Blick nach Westen in den neu gestalteten Aussenraum. Dort wurden Trockensteinmauern aus rund 25 Tonnen Rorschacher Sandstein erstellt. Zusammen mit neu gepflanzten einheimischen Bäumen, Sträuchern und Stauden dienen sie als Lebensraum für Kleintiere. Zudem wurden spezielle Strukturen und Nisthilfen für Wildbienen, Mauersegler und Fledermäuse erstellt.

Die vollintegrierte Photovoltaikanlage der nach Süden gerichteten Dachfläche erzeugt ein Mehrfaches der für den Betrieb des Gebäudes benötigten Elektroenergie. Die Anlage erzeugt rund 17'000 Kilowattstunden im Jahr, während der Strombedarf des Gebäudes sich auf nur etwa 7000 Kilowattstunden jährlich beläuft. Der Überschuss wird ins Stromnetz der Gemeinde eingespeist. Die rund 220 Quadratmeter grosse gegen Norden gerichtete Fläche wurde bei einer Dachneigung von 15 Grad als extensiv begrüntes Steildach ausgeführt. Damit soll das Dach den Effekt der Flächenversiegelung reduzieren. Darüber hinaus mindern ein hohes Mass an Wärmedämmung in der Gebäudehülle und die grosse Speichermasse der Betonböden den Wärmebedarf, und eine zeitgemässe LED-Beleuchtung minimiert den Strombedarf des Naturzentrums. Insgesamt konnte so ein nachhaltiges Haus realisiert werden, das auch ohne komplexe technische Anlagen einen sinnvollen Umgang mit den Ressourcen fördert und gleichzeitig den Komfort der Nutzer gewährleistet.

Das Raumprogramm umfasst einen Ausstellungsraum mit Infotheke sowie einen multifunktionalen Raum für Filmvorführungen und Schulungen. Daneben wurden Lager- und Büroflächen für den Betrieb und die Verwaltung des Naturzentrums sowie Arbeitsplätze für die Pfäffikersee-Ranger realisiert. Mehr als die Hälfte der rund 308 Quadratmeter Nutzfläche sind öffentlich zugänglich. Der Mehrzweckraum kann zusammen mit der Garderobe und den Toiletten vom Nebeneingang separat erschlossen werden, somit kann dieser Teil ausserhalb der Öffnungszeiten für lokale Vereine zugänglich gemacht werden.
naturzentrum-pfaeffikersee.ch, jampen-holzbau.ch, kuendig-architekten.ch


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Naturzentrum Pfäffikersee
Standort: Pfäffikon (ZH)
Fertigstellung: 2019
Bauzeit: 10 Monate, Planung 26 Monate
Bauherrschaft: Verein Naturzentrum Pfäffikersee, Pfäffikon (ZH)
Architektur/Gesamtleitung: Kündig Architekten SIA AG, Pfäffikon (ZH)
Ingenieur: HKP Bauingenieure AG, Zürich
Holzbauplanung und -umsetzung: Jampen Holzbau, Hittnau (ZH)
Baukosten: CHF 2,2 Mio. (ohne Ausstellungsinhalte)
Gebäudegrundfläche: 318 m2
Gebäudevolumen: 1740 m3
Umgebungsfläche: 1130 m2
Geschossfläche: 374 m2

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