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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

01/2021

Stil.Form

Holz in der neobarocken Rolle

Der flüchtige Blick erfasst das Stadtcasino in Basel als massiven Baukörper. Hinter dem geschlossenen Gemäuer spielt die Musik, hinter den Rundbogenfenstern liegt ein neues Foyer. Ein Absatz in der Fassade verrät den Anbau, verborgen bleibt jedoch die wahre bautechnische Konstruktion. Was da seine Ecke im neobarocken Stil in den Barfüsserplatz reckt, ist anspruchsvolles Holzbauhandwerk.

Text Sue Lüthi | Fotos Markus Lamprecht, Ruedi Walti, Eveline Salzmann | Pläne Herzog & de Meuron, PM Mangold Holzbau AG

 

Bereits bei der Erstellung des Musiksaals – er wurde 1876 an das Casino angebaut – wurden gewisse Bauteile in Holz ausgeführt und entsprechend der gestalterischen Absicht gestrichen. Zum Beispiel erstellten die Baumeister das massive Dachgesims schon damals vollständig in Holz und strichen es im selben Farbton wie die steinerne Fassade. Auch die Säulen des Saals wurden aus akustischen Gründen in Holz oder in Gips erbaut und mit einer steinern anmutenden Bemalung verziert. Dieses Wissen inspirierte die Architekten Herzog & de Meuron und sie liessen für den neuen Anbau Holz die Rolle der strukturierten Putzfassade spielen. Holz kann die konstruktiven Anforderungen erfüllen und den historischen Stil nachahmen.

Mit dem Umbau, der letzten Juni fertiggestellt wurde, lösten Herzog & de Meuron den Musiksaal vom Casino los und erweiterten ihn Richtung Barfüsserkirche. Die Basler Architekten haben sämtliche Entwürfe, die an den Musiksaal andockten, als lächerliche Bastelarbeit verworfen und den bereits 1876 als Palazzo konzipierten Baukörper als solchen freigespielt. Im Innern erlebte das Gebäude die Jahre hindurch eine Vielzahl von Veränderungen: Wände, Stuck, Mobiliar, Leuchten wechselten ihre Farbtöne und Materialien. Die akustische Qualität hingegen blieb immer auf höchstem Niveau. Im Rahmen der Erweiterung renovierten die Architekten zusammen mit der Denkmalpflege auch den Musiksaal. Als oberste Vorgabe wurde der Erhalt der akustischen Eigenschaften definiert, ferner das möglichst originalgetreue Zurückführen des Saals in seine ursprüngliche Form. Das Oblicht und die ­Seitenfenster wurden wieder geöffnet, die Bestuhlung für 1400 Zuhörerinnen und Zu­hörer wurde nachgebaut, die Neigung des Balkons verringert, das Parkett in seiner ursprünglichen Form ersetzt und die Farbgestaltung wiederhergestellt. Zur Erschlies­sung des oberen Geschosses haben die Architekten herrliche Treppen gestaltet. Auf den ausufernden Podesten staunt man in die Höhe und die Tiefe und hält sich am kunstvoll geschliffenen Holzhandlauf fest, damit man nicht im satten Rot der Tapeten versinkt.


8000 Einzelteile auf Mass

Durch die Erweiterung auf der Längsseite wächst der historische Musiksaal aus sich heraus und geht in ein geräumiges Foyer über. Dieser Innenraum, der früher aussen war, ist innen wie aussen optisch gleich verkleidet: mit Holz verschiedener Arten. Es sieht aber aus wie Stein. Die Steinfassade zu imitieren, stellte an die PM Mangold Holzbau AG grösste Anforderungen. Total 8000 Einzelteile in 18 verschiedenen Schalungstypen produzierte das Unternehmen aus Ormalingen (BL). Jedes auf Mass genau, zugeschnitten mit der CNC-Maschine, der Tischkreissäge und der Kehlmaschine sowie von Hand. «Die ganze Palette des Zimmererhandwerks kam zum Einsatz», sagt Christoph Schneider, Bauführer Holzbau der PM Mangold Holzbau AG. Die Aufgabe war sehr aufwendig. Die Architekten stellten zwar detaillierte Pläne zur Verfügung, doch die Verkleidung erlaubte keine Bautoleranzen. So mussten die Zimmerleute vor Ort Mass nehmen, zurück im Werk das Brett zeichnen, Daten generieren, Pläne erstellen, dann zuschneiden, mit Farbe allseitig vierfach beschichten, wieder nach Basel fahren und montieren.


Selbst die Stürze der sieben Rundbogenfenster waren aufgrund der Bautoleranz des Baumeisters unterschiedlich, obwohl auf den Plänen gleich. Die Unterkonstruktion der Erweiterung ist eine 35 Zentimeter starke Betonwand mit Steinwolle (28 cm) homogen gedämmt. Darauf folgte die Unterkonstruktion für die äussere Schalung. Sie übernimmt das Fugenbild der historischen Fassade, das um Millimeter variiert. Jedes Steinband ist mit drei Holzbrettern nachgebaut, die miteinander verleimt oder verschraubt sind. «Die Fensterleibungen konnten wir erst nach der Montage der Fenster einmessen, vor Ort anpassen ging nicht, weil die Schnittstellen farbbehandelt sein mussten», erklärt Schneider das Vorgehen. In der Verkleidung, die einen Sturz in Mauerwerk vorgibt, liegt Kunsthandwerk in Puzzleform verborgen. Die abgewinkelten Bretter – herausgelöst erinnern sie an Hockeyschläger – mussten haargenau und symmetrisch stimmen.


Stetiges Anpassen am Bau

Da der Natursteinsockel eine lange Lieferfrist hatte, arbeiteten sich die Holzbauer von der Mitte her nach oben. Die Fensterbogen und das Dachprofil waren sehr anspruchsvoll in der Montage. Nach der Vollendung des Sockels und der Umgebung wurde das untere Geschoss nochmals eingerüstet und fertig verkleidet. Mit den Arbeiten waren mehrere Zimmerleute, ein Vorarbeiter, ein Polier sowie Lernende befasst. «Für eine solche Aufgabe muss man Leute einsetzen, die Freude und das Flair für Genauigkeit haben», sagt David Schreiber, Geschäftsführer der PM Mangold Holzbau AG.

Da die Holzverschalung eine Kopie der historischen Fassade darstellen sollte, war der konstruktive Holzschutz eine grosse Herausforderung. Bei den 40 bis 70 Millimeter dicken Brettern sind die Stirnseiten voll bewittert und beim Versatz dicht übereinander geschoben, so dass Staunässe zu erwarten ist. Normalerweise lässt man Luft zwischen den Brettern, in diesem Projekt sind sie verleimt oder verschraubt. Das Lehrbuch verachtet solches, aber das Nachbauen der Fassade erforderte, dass die Fachleute von ihren Grundsätzen abwichen und mit der rich­tigen Holzart und der entsprechenden Behandlung das Resultat zu erreichen suchten.

Durch die hohe Masshaltigkeit, das geringe Schwind- und Quellmass und die extreme Dauerhaftigkeit entschieden sich die Holzbauingenieure für Accoya. Es ist ein mit Essig behandeltes Radiata-Kieferholz, das in Neuseeland nachhaltig produziert wird und sehr beständig ist. Das modifizierte Holz ist rein, weist keine Äste und Harzgallen auf und verzieht sich kaum. «Es ist nicht speziell hart, beim Verarbeiten gibt es fast kein Sägemehl, eher Staub», erklärt Schreiber das Material, das sonst im Terrassenbereich eingesetzt wird. Der Brisanz der Materialwahl war man sich bewusst, darum liessen die Architekten schon frühzeitig ein Mock-up der Fassade erstellen, an dem zwei Jahre lang die Details und die Farbbehandlung beobachtet werden konnte. Der Test gelang und so gibt also Holz, behandelt mit Keimfarben, dem neobarocken Stadtcasino eine neue Grösse.
stadtcasino-basel.ch

Das Projekt – die Fakten

Projekt: Aussenfassade der Erweiterung Musiksaal Stadtcasino Basel
Bauherrschaft: Casino-Gesellschaft Basel
Architektur: Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel
Bauleitung: Ritter Giger Schmid Architekten AG, Basel Fassadenplaner,
Holzbauingenieur: Pirmin Jung Schweiz AG, Rain (LU)
Ausführung Fassade: PM Mangold Holzbau AG, Ormalingen (BL)
Ausführung: Januar 2019 bis August 2020
Gebäudevolumen (SIA 416): 46 943 m3
Fassadenfläche: 945 m2
Holzbau: CHF 875 000.– (Dämmungen, Lattenrost, Schalung)
Eingesetzte Holzwerkstoffe: Dreischichtplatten (3,5 m³), Unterkon­struktion Fichte (20 m3), Unterkonstruktion
Accoya (5,5 m3), Schalung Accoya (44 m3)


Herzog & de Meuron

Das Architekturbüro Herzog & de Meuron wurde 1978 in Basel gegründet und wird von Jacques Herzog und Pierre de Meuron gemeinsam mit den Senior-Partnern Christine Binswanger, Ascan Mergenthaler, Stefan Marbach, Esther Zumsteg und Jason Frantzen geführt. Ein internationales Team von fast 500 Mitarbeitenden arbeitet an Projekten in ganz Europa, Amerika und Asien. Der Hauptsitz befindet sich in Basel, weitere Büros sind in London, New York, Hongkong, Berlin und Kopenhagen. Namhafte Bauten in der Schweiz in Holz von Herzog & de Meuron sind zum Beispiel die Klinik Rehab in Basel, das Restaurant auf dem Chäserrugg und das Naturbad in Riehen.
herzogdemeuron.com

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