Verband Schweizer Holzbau-UnternehmungenHolz macht stolz - Das Portal der Schweizer Holzbaubranche
Magazin FIRST

Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

04/2021 Hin und weg

Menschen

«Ich bin überzeugt: Unsere künftige Welt wird aus Holz gebaut sein»

In NACH.GEFRAGT kommen Architekten und Ingenieure zu Wort. Es dreht sich alles um Inspiration und Ideen – und ums Holz. Holzbauingenieur Pius Renggli prognostiziert dem (Bau-)Material eine vielversprechende Zukunft. Aber es braucht (noch) Ausdauer, eine Menge Entwicklungsarbeit und eine gehörige Portion Engagement, um Holz als Baustoff entsprechend voranzutreiben.

Interview Susanne Lieber | Fotos Conrad von Schubert

Wenn Sie an Holz denken, welche drei Begriffe fallen Ihnen zuerst ein?
Wärme, Natur und Vielfalt. Wenn die Frage so gestellt ist, dann denke ich bei «Holz» nicht gleich an «Holzbau». Würden Sie fragen, welche Begriffe mir zu «Holzbau» einfallen, dann sage ich: Entwicklung, Zukunft, ein ganzer Wirtschaftszweig – vom Wald bis zum Esstisch in einem modernen Wohnraum.

Stellen Sie sich vor, dem Holzbau wären keine Grenzen gesetzt – weder konstruktiv noch gesellschaftlich. Wie würde die Welt aus Ihrer Perspektive aussehen?

Sind dem Holzbau denn überhaupt Grenzen gesetzt? Es sind vielmehr mangelndes Vertrauen, Normvorstellungen und die Angst vor Veränderungen, die dem Holzbau Grenzen setzen. Institutionen und einzelne Meinungen bremsen so den Holzbau. Die Branche stellt schrittweise ihr Können unter Beweis. Das tun wir heute und das taten Pionierinnen und Pioniere vor uns. Es braucht noch Jahre der Entwicklung und Ausdauer sowie viel Engagement – doch die Welt verändert sich. Nichts ist so stetig wie der Wandel, dies hat schon vor langem ein gelehrter Mann gesagt. Ich bin überzeugt: Unsere künftige Welt wird aus Holz gebaut sein. Denn die Zukunft gehört erneuerbaren Ressourcen und dem verantwortungsvollen Umgang damit in sinnvollen und langfristigen Kreisläufen – nicht mehr länger in einem linearen Wirtschaftssystem, ausgerichtet auf Verbrauch und Abfall. Das gilt insbesondere für die Baubranche. Wir müssen dringend vorwärts machen, denn die Zeit läuft uns davon.

Eine Schlagzeile über Höhenrekorde im Holzbau folgt der anderen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Hochhäuser aus Holz sind Leuchtturmprojekte und damit Multiplikatoren – das ist wichtig für die Branche. Ob die Gebäude auch gut und sinnvoll sind, kann ich nicht beurteilen. Die grössere Wirkung haben aber die unzähligen Anbauten, Aufstockungen und mehrgeschossigen Gebäude aus Holz. Das sind die wichtigen Treiber unserer Branche. In diesen Gebäuden leben wir. Hier halten sich die Menschen auf und leben nachbarschaftlich zusammen – Familien, Personen mit körperlichen Einschränkungen, Wohngemeinschaften, Alleinstehende. Verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Raumbedürfnissen. All diesen Personen wollen wir bessere Alternativen bieten als ein Vinylboden, vier Wände und eine
Decke mit Weissputz in einem Betonklotz. Ja, die Entwicklung wird in die Höhe gehen, aber die Massen bleiben unter der Hochhausgrenze.

Wer oder was inspiriert Sie?

Der natürliche und geniale Rohstoff Holz, der sehr viele Facetten hat und regional, manchmal sogar direkt vor der Haustüre wächst. Die Holzwirtschaft bildet eine Kette, die lokal und regional unglaublich viel Wertschöpfung generiert – mithilfe vieler guter Unternehmen und sehr fähiger, top ausgebildeter Zimmerleute. Sie sind die Garantie für qualitativ hochwertige Arbeit und positive Entwicklung. Mich inspiriert die Qualität ihres Handwerks, die Kreativität bei der Lösungsfindung, die Menschen dahinter als aufrichtige, ehrliche Personen.
 
Kommen wir zu Ihren eigenen Projekten: Welches ist Ihr Liebling?

Mein Lieblingsprojekt ist die Kletter- und Boulderhalle O’bloc in Ostermundigen. Wir durften die Halle als Jungunternehmer planen. Die Bauherrschaft – das waren selbst Jungunternehmer mit einer Vision, mit Elan, Tatendrang, Mut und vielleicht auch etwas Grössenwahn. Wir passten also wunderbar zusammen! Die Kletterhalle mit ihren schweizweit einmaligen 18 Metern Kletterhöhe und der trapezförmigen Bindergeome­trie, den sichtbaren BSH-Trägern mit Spannweiten von bis zu rund 19 Metern, war einer der ersten Aufträge von Holzprojekt. Und jetzt gibt es eine Fortsetzung – die Halle soll erweitert werden. Dass Holzprojekt wiederum dabei sein kann, ist ein enormer Vertrauensbeweis und eine grossartige Wertschätzung für unsere Leidenschaft, den Holzbau. 

Pius Renggli

Pius Renggli (*1982) wuchs auf dem elterlichen Bauernhof im luzernischen Rothenburg auf. Der Berufswunsch Zimmermann stand bereits früh fest. Nach der Lehre und einigen Praxisjahren folgte das Studium zum Holzbauingenieur an der BFH in Biel. Dort lernte Pius Renggli Denys Thommen und Andreas Stump kennen. Hinzu kam Franz Willimann. Das Viererteam prägte die Anfangszeit der Firma Holzprojekt. Nach dem Studium folgten ein paar Jahre in einem Bauingenieurbüro mit Schwerpunkt Stahlbetonbau und Projektmanagement. Doch die Leidenschaft für Holz und den Holzbau war so gross, dass 2013 als logische Konsequenz die Gründung von Holzprojekt Ingenieure und Planer erfolgte. So entstand die Vision, den Holzbau zum grössten Segment im Hochbau zu entwickeln. Die Firma ist in den letzten acht Jahren von zwei auf 22 Mitarbeitende und von einem auf drei Standorte angewachsen. Pius Renggli engagiert sich in diversen Branchenverbänden und Interessensgruppen, um die optimalen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die gesamte Holzkette und den mehrgeschossigen Holzbau zu schaffen. Im Kalender des dreifachen Familienvaters stehen wöchentlich Papitage, an denen Emely, Paula und Tim und nicht der Holzbau im Zentrum sind. holzprojekt.ch

Magazin Wir HOLZBAUER

Das Mitglieder- und Verbandsmagazin von Holzbau Schweiz