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02/2019 Reflektiert

Lebens.raum

«Ich musste erst das Vertrauen gewinnen»

Einen Wallfahrtsort umzubauen, bedeutet, einen sensiblen Umgang mit dem Bestand zu wahren. Und doch ist der Architekt gefragt, Neues zu schaffen. Gion A. Caminada ist der Spagat gelungen. Das Gasthaus in Hergiswald verbindet Alt und Neu, Religion und Säkularismus, Präsenz und Transzendenz. Und doch musste auch ein preisgekrönter Architekt, wie es Caminada ist, erst noch das Vertrauen der Bauherrschaft für sich gewinnen. Wie er das erreichte und warum er den Wallfahrtsort auch nach der Übergabe weiterhin aufsuchen muss, verrät er im Interview.

Text Sandra Depner | Foto Gion A. Caminada

Sie sagen: Hergiswald mag, unabhängig von verschiedenen Lebensvorstellungen, die Besucher zu berühren. Wie ist das bei Ihnen persönlich? Was macht der Wallfahrtsort mit Ihnen, Herr Caminada?
Es gibt Orte, die einen berühren, man weiss oft nicht, warum. Hergiswald ist so ein Ort. Diese Gründe zu erforschen, sehe ich als Teil meiner Arbeit, vor allem in der Lehre. Ich erachte dieses Phänomen als ein grosses Kapital für den Raum, für die Architektur. Hergiswald ist ein Ort mit einer hohen Präsenz, gleichzeitig sind Elemente der Transzendenz spürbar. Es ist etwas da, das über den Ort hinausweist. So etwas gibt es vor allem an Orten mit einer starken Autonomie.

Kannten Sie den Ort vor Projektbeginn?
Nein.

Das Vorprojekt startete 2015. Sie besuchten Hergiswald. Was fanden Sie damals vor?
Einen gefassten Ort, eine aussergewöhnliche Kirche, ein nostalgisches Holzhaus. Es war für mich klar, mit dem alten Gasthaus ist nicht viel zu machen. Entweder weiter betreiben – ohne grosse Umrüstungen – oder ersetzen. Die konstruktive Substanz war derart zerstört. Das Haus hatte aber einen gewissen Charme. Ich verstand die Bedenken der Freunde von Hergiswald gegenüber einem Neubau. In den vielen Gesprächen ging es darum, Vertrauen für das Neue zu gewinnen. Das ist für mich einer der besten Momente im Prozess des Entwerfens. Bei der ersten Betrachtung war für mich zudem klar: Das neue Haus muss am gleichen Ort gebaut werden wie das alte. Das schien mir wichtig für die Wechselbeziehung zwischen den Elementen des Ortes: die Kirche, der Weg und das Gasthaus. Dass das neue Gasthaus nun auf den alten Mauern steht, unterstreicht diese Bedeutung. Zudem drückt dies eine Wertschätzung gegenüber den Erbauern aus und impliziert eine Erinnerungskultur.

 

«Auf kultureller Ebene zu diskutieren, ist für mich das Grösste in der Architektur.»

 

Ein Projekt in einem Wallfahrtsort ist nicht alltäglich. Können Sie auf Erfahrungen in dem Bereich zurückgreifen?
In erster Linie geht es bei unseren Arbeiten immer darum, eine sinnstiftende Idee zu entwickeln – für ein gutes Leben. Das war in Hergiswald nicht anders. Herausfordernd war für uns, zusammen mit der Albert Koechlin Stiftung über den Wendepunkt von Hergiswald nachzudenken: Soll der spirituelle Ort gestärkt werden oder der säkulare Ort optimiert werden? Auf dieser kulturellen Ebene zu diskutieren, ist für mich das Grösste in der Architektur. Dass die Bauherrschaft in Hergiswald diese Möglichkeit zuliess, das ist grossartig. Das Zurückschauen und das Vorwärtsschauen sind wichtig – entscheidend ist jedoch die Gegenwart, die Präsenz.

Das Zurückschauen beim Wallfahrtsort Hergiswald bedeutet: mehr als 500 Jahre Geschichte um den Ort seit der Entdeckung durch Eremit Johannes Wagner zu betrachten. Wie haben Sie sich in Hergiswald eingearbeitet? Sind Sie in Ihrer Recherche auf Überraschungen gestossen?
Jeder Ort und jede Aufgabe ist immer anders, ist neu. In der Architektur gibt es sogenannte Konstanten, die es zu berücksichtigen gilt: Raum, Topografie, Konstruktion, Material. Mit der Bearbeitung dieser Phänomene lassen sich Bedingungen schaffen damit Ereignisse möglich werden. Natürlich stösst man auf Überraschungen. Betrachten wir die Überraschung als einen positiv anzunehmenden Zufall, so eröffnen sich interessante Optionen. In Hergiswald ist ein Stück der alten Mauer beim Bauen zusammengefallen. Wir haben mit dem neuen Raum darauf reagiert und die Poetik des Raumes hat gewonnen.

Der Neubau ruht auf den alten Kellermauern. Während das Erdgeschoss in Ständerbauweise realisiert ist, sind die beiden oberen Geschosse in Strickbauweise konzipiert – eine der ursprünglichsten Bauweisen im westlichen Kulturkreis. Welche Rolle spielt die Strickbauweise in Ihrer beruflichen Praxis?
Ich habe mich mein Leben lang mit dem Strickbau beschäftigt. Die Herausforderung war stets, die Regeln auszuloten, ohne die Gesetzmässigkeit der Konstruktion zu verlassen. Dieses Spiel ist eine Gratwanderung. Der italienische Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa sagte: «Alles muss sich ändern, damit es so bleibt, wie es ist.»

Sie haben nahezu vollständig mit Schweizer Holz gebaut. Warum? Nicht selten hört man von Planern, dass Schweizer Holz aufgrund zu hoher Kosten keine Option ist. Wie stehen Sie dazu?
Das Material des Ortes zu verwenden, ist für mich eine kulturelle Verpflichtung. Es ist der Zugang zu einer Kultur des Raumes. Das heisst nicht, dass man fremde Materialien nicht nutzen darf, denn das lokal verfügbare Material eignet sich nicht für alles. Kulturen entstehen aus Beziehungen und Beziehung heisst Nähe gewinnen: zum Material, zu der Konstruktion, aber auch zu den Menschen, zu den Handwerkern. Durch die Nutzung des Lokalen entsteht viel Bewegung im Raum, erst diese Bewegungen fördern die Beziehungen. Die Materialkosten sind bei einem Bauwerk im Verhältnis zu den Gesamtkosten relativ bescheiden. Das mit den Mehrkosten ist meiner Meinung nach eine etwas faule Ausrede. Ziehe ich alle anderen Mehrwerte in Betracht, so gibt es kaum Diskussionen. Gefordert ist das Bekenntnis zum Ort.

 

«Das Haus hat mir so viel abverlangt. Ich werde immer wieder zurückkommen.»

 

Gibt es etwas, das Ihr Entwurf zwar vorsah, jedoch nicht umgesetzt werden konnte?
Darüber denke ich nicht nach. Die Intensität beim Planen und Bauen war so gross, dass es nur die Gegenwart gab. Es ist so, wie es ist.

Wie gestaltete sich die Arbeit mit den anderen Fachplanern und der Bauherrschaft?
Es gab eine intensive Zusammenarbeit mit den Bauleitern, den Landschaftsarchitekten, den Spezialplanern und mit den Handwerkern. Und natürlich mit der Albert Koechlin Stiftung. Ausserordentlich war auch die Zusammenarbeit mit dem Künstler Christian Kathriner. Wir haben im Laufe des Prozesses entschieden, eine besondere Saaldecke zu entwickeln

Sind alle Arbeiten in Hergiswald nun abgeschlossen?
Ja. Das heisst nicht, dass ich weg bin. Das Haus hat mir so viel abverlangt, dass ich immer wieder zurückkommen werde.

caminada.arch.ethz.ch

Gion A. Caminada

Gion A. Caminada (*1957) ist Architekt in Vrin und Professor für Architektur und Entwurf an der ETH in Zürich. An seinem Heimatort im bündnerischen Vrin eröffnete er sein Architekturbüro. Eben diesen Ort hat Caminada über die Jahre hinweg zu einem beispielhaften Raum des alpinen Bauens mit Holz und der traditionellen Strickbauweise entwickelt – die Metzgerei, die Totenstube, selbst eine Telefonzelle sind so gebaut. Seine Werke wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen prämiert – darunter dem Internationalen Preis für neues Bauen in den Alpen, dem Prix Meret und dem Bündner Kulturpreis.

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