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02-2019 Reflektiert

Stil.Form

Kaleidoskop im Gebirge

Im Rahmen des Gstaader Kunstprojekts «Elevation 1049» entstand ein Holzhaus, das von aussen wegen seiner Spiegelverkleidung kaum zu erkennen ist. Diese optischen Eigenschaften und die Lage der Skulptur ?«Mirage» brachten einige Herausforderungen mit sich.

Text PD, RR | Fotos Torvioll Jashari

Auffällig und gut getarnt zugleich ist die Skulptur «Mirage» des kalifornischen Künstlers Doug Aitken in Gstaad. Sie ist Teil des Kunstprojekts «Elevation 1049», das nach Gstaads Höhenlage über dem Meeresspiegel benannt ist. Das spiegelverkleidete Holzhaus setzte die Nüssli (Schweiz) AG aus dem thurgauischen Hüttwilen um. Eineinhalb Monate planten die Ingenieure das kunstvolle Gebäude.

Die von Kunstschaffenden aus aller Welt gestalteten Werke stehen überwiegend unter freiem Himmel in der nahen Umgebung von Gstaad. Elevation 1049 ging 2019 unter dem Motto «Frequencies» in die dritte Winterausgabe. Künstler Aitken setzte das Thema mit seiner Interpretation von Lichtfrequenzen um: In dem dynamischen Spiel aus Licht und Spiegelfassade reflektiert das Holzhaus die umliegende Alpenlandschaft.

Intensive Tüftelei
Für das Kunstprojekt waren die statischen Vorschriften sehr streng. Denn Mirage steht während den zwei Jahren der Ausstellung auch im Winter in den Bergen und Besucher können es betreten. So muss das Kunstwerk Schneelasten von 470 Kilogramm pro Quadratmeter aushalten können. Weitere Richtlinien kamen vom Künstler selbst: Die Montagesysteme für die Spiegelverkleidung, die das gesamte Haus abgesehen vom Boden innen und aussen bedeckte, dürfen nicht zu sehen sein. So mussten die Ingenieure und Zimmerleute an verschiedenen Montagemöglichkeiten und Werkstoffen tüfteln. Schliesslich gelang es ihnen, eine gleichmässige Fläche zu erzeugen, die sich weder im Hochsommer noch im tiefsten Winter verzieht.

Vier Wochen benötigten die Holzbauer, um das speziell dafür entwickelte Einhänge-
system mit den Spiegelverbundplatten anzubringen. In nur zwei Wochen stand dann die zugrunde liegende Holzbauunterkonstruktion. Mirage befindet sich auf 1100 Meter über Meer, direkt an einem Wanderweg. So ist das Objekt für die Besucher gut erreichbar. Für die Bauarbeiten bedeutete die Lage jedoch eine aufwändige Logistik. Grosse Lastwagen kamen nämlich auf diesem Weg gar nicht zur Baustelle. Deshalb mussten alle Baumaterialien im Tal in kleinere Fahrzeuge umgeladen werden.

Flugsicherheit und Vogelschutz
Unweit des Standorts liegt der Flugplatz Gstaad Airport. Reflektierende Spiegel und Flugzeuge sind da keine ideale Kombination. Daher war besondere Vorsicht geboten; sowohl in der Planungsphase als auch später beim Aufstellen des Kunstwerks. Das Gebäude musste so konstruiert sein, dass die Reflektionen die Piloten nicht irritieren würden. Die Flugsicherheit war der entscheidende Punkt, um die Baubewilligung zu erhalten.

Sicheres Fliegen sollte aber nicht nur für Menschen möglich sein. Für Vögel stellt eine vollständig verspiegelte Oberfläche eine grosse Gefahr dar, denn sie nehmen das Haus dadurch nicht als Hindernis wahr. Darum halfen die Experten der Vogelwarte Sempach dabei, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Schliesslich wurden alle drei Zentimeter feine horizontale Linien gezogen. Die Vögel nehmen die Spiegelfassade nun nicht mehr als freie Fläche wahr.

Dem Eindruck für die menschlichen Besucher tut das dennoch keinen Abbruch. Es scheint, als verschwinde das Äussere der Skulptur. Gleichzeitig zieht ihr Innenraum den Betrachtenden in ein nicht enden wollendes Kaleidoskop aus Licht und Reflexionen.

elevation1049.org/gstaad/doug-aitken, nussli.com

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Skulptur «Mirage»
Standort: Gstaad (VS)
Fertigstellung: 2019
Idee und Architektur: Doug Aitken, Redondo Beach, Kalifornien (USA)
Ingenieur: IHT Rafz Ingenieurholzbau und Holzbautechnik GmbH, Rafz (ZH)
Holzbau: Nüssli (Schweiz) AG, Hüttwilen (TG)
Nettogeschossfläche nach SIA 416: 180 m2
Verwendetes Holz: Brettsperrholzplatten für Wände 310 m2, BSH-Deckenelemente 30 m3

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