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01/2020

Lebens.raum

Kleinod zwischen Faultürmen und Abwasser

Angrenzend an den Wald öffnet sich der Pavillon als gedeckter Aussenraum. Architekt Lukas Imhof liess sich beim Entwurf von kleinen Parkbauten inspirieren, das Bild eines Tempiettos im Hinterkopf. Einzig ungewöhnlich: sein Standort.

Text Sandra Depner | Fotos Hannes Heinzer | Pläne Lukas Imhof Architektur

 Zur Linken erstreckt sich die Landebahn des Flughafens St. Gallen-Altenrhein. Es geht weiter auf einer schmalen Strasse im Niemandsland, einen Steinwurf von der Landesgrenze zu Österreich entfernt. Ein Schild deutet die Richtung zum Campingplatz «Idyll». Doch das ist nicht das Ziel dieser Reise. Das gesuchte Kleinod liegt versteckt. Auf dem Areal des Abwasserverbands Altenrhein, kurz AVA Altenrhein. Die dortige Kläranlage zählt zu den modernsten Europas. Und sie ist die Einzige, auf der die «Blume» zum Stehen kommt – ein Bild, das Architekt Lukas Imhof gern verwendet, wenn er den Pavillon beschreibt.

Die AVA Altenrhein stellt im Auftrag ihrer 17 Verbandsgemeinden die Ableitung des Schmutzwassers und die Reinigung des Abwassers sicher. Daneben befasst sie sich mit der Schlammbehandlung und produziert Energie – unter anderem durch das Vergären von Klärschlamm und biogenen Abfällen in Faultürmen. Bei der Reinigung werden Grobstoffe, Sand und Fette, Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor sowie organische Stoffe aus dem Abwasser entfernt. Und seit Neuestem auch winzig kleine Mikroverunreinigungen und Spurenstoffe etwa von Chemikalien, Antibiotika oder Bioziden, die mithilfe von Ozon und Aktivkohle eliminiert werden. In diese neue, vierte Reinigungsstufe investierte die AVA Altenrhein 20 Millionen Franken. Seit 2019 ist sie in den Kreislauf der Abwasserreinigung integriert.

 

Wie eine Stadt mit Gassen, Höfen und Plätzen

Das Büro von Architekt Lukas Imhof aus Zürich wurde zur architektonischen Gestaltung des für die vierte Reinigungsstufe geforderten Neubaus (EMV) hinzugezogen. Aus diesem heraus ergab sich für Imhof eine weitaus umfassendere Arbeit: Der Entwurf einer Gesamtstrategie für das Areal der AVA Altenrhein, deren Bestand aus den 1970er Jahren stammt. Imhof vergleicht die über die Jahre gewachsene Kläranlage, ihre Bauten und die Zwischenräume mit einer kleinen Stadt: «Es gibt Gassen, Strassen, Höfe und Plätze und eine klare Grenze zum umgebenden Naturraum des Alten Rheins. Die einzelnen Bauten dieser ‹Kleinstadt› haben eigene Identitäten, Adressen und zuweilen auch Innenhöfe.» Imhofs Strategie setzt dabei nicht auf Kontraste oder Konfrontation von Alt und Neu: «Vielmehr versuchten wir, die Qualitäten des Bestands zu suchen, zu stärken und in neuer Form weiterzuentwickeln.»

Der EMV-Neubau bildet nun zusammen mit dem Bestand einen neuen Raum. In dessen Fluchtpunkt steht, auf einer leichten Anhöhe, der neue Infopavillon und schliesst den Platz zum angrenzenden Wald ab. Zwischen all den umliegenden technischen Bauten aus Stahl und Beton handelt es sich bei dem schmucken Tempel um den ersten Holzbau auf dem gesamten Areal. Er zeigt einen Wandel an: «Die neuen Hallen werden sehr wahrscheinlich auch in Holz realisiert. Ich denke, dass aus Umweltschutzgründen und in Bezug auf CO2-Emmissionen grundsätzlich mehr in Holz gebaut wird», stellt Imhof hinsichtlich des Gesamtkonzepts in Aussicht.

 

Multifunktioneller Raum für Besucher und Belegschaft

Der Infopavillon stellt im Grunde ein Nebenprodukt dar, das im Verlauf des EMV-Neubaus entstand. Damals äusserte die Bauherrschaft den Wunsch nach einem multifunktionellen Raum. Dessen 60 Quadratmeter vereinen heute viele Funktionen: Er ist die Unterwarte, von der ausgehend der Techniker via Tablet Zugriff auf die Schaltkreise im EMV-Neubau hat. Und er ist Dreh- und Angelpunkt für Vorträge. Dann, wenn Schulklassen oder Delegationen anreisen, um sich einen Eindruck von der Anlage zu verschaffen, die jährlich knapp zehn Millionen Kubikmeter Schmutzwasser säubert. Auch dient der Pavillon nicht zuletzt als Sozialraum für die Mitarbeitenden. Hier kann grilliert und gegessen werden.

Nach der ersten Entwicklung einer Idee davon, wie der Pavillon aussehen könnte – das war Ende 2018 –, ging es im darauffolgenden Jahr sehr schnell. Die Bauzeit belief sich auf knapp drei Monate und wurde im Sommer 2019 abgeschlossen. Die längste Zeit fiel für das Betonieren der Bodenplatte an. In nur zwei Wochen richtete dann das Team die Eilinger Holzbau aus Goldach (SG) den vorgefertigten Holzbau auf. Was auf den Plänen, jedoch noch nicht auf den Bildern zu sehen ist: das Cheminée, das sich bis hoch zur Decke des Pavillons zieht. Er wurde erst später eingebaut.

 

Zwei Analogien und zwei Blumen

Architektonisch vereint der Pavillon zwei Analogien. «Aus der Ferne erscheint der Bau technisch. Ähnlich wie die benachbarten Faultürme», beschreibt ihn Imhof. «Erst auf den zweiten Blick erinnert er auch an das diametral entgegengesetzte Spektrum architektonischer Analogien: an ein Tempietto.» Ein kleiner Rundtempel also, ausgeführt als Holzstabwerk, isoliert mit Steinwolle, ausgefacht mit Brettschichtholzplatten und umhüllt von einer vorvergrauten Fichtenschalung.

Und dann bringt Imhof einen Vergleich, der auf dem Gelände einer Kläranlage zwischen Faultürmen überraschen mag – mit einer Blume. Im Sommer erfährt der kleine Nutzbau eine Metamorphose. Wenn seine Fenstertüren weit offen stehen und die roten Sonnenstoren unten sind, verwandelt sich der vermeintlich technische Faulturm zu einer Blume. Die Inszenierung des Kleinods setzt sich im Inneren fort: Mittelpunkt sind die Streben des flach geneigten Zeltdachs. Dadurch, dass die Leuchten direkt unter den Balken montiert wurden, werfen sie einen faszinierenden Schatten an die Decke: Er zeichnet das Bild einer Schattenblume.

 

Wenig Technik, dafür mehr Physik

Der Betrieb des Pavillons soll sich so unkompliziert und günstig wie möglich gestalten. Einem Simplizitätsgedanken entsprechend verfolgte Imhof deshalb einen Low-Tech-Ansatz. Weniger Technik, dafür mehr Physik. Die Lüftung und die Kühlung des Raumes erfolgen über natürliche Konvektion: «Von Schächten ausserhalb des Gebäudes verlaufen vier Rohre unter der Bodenplatte zur Raummitte, wo sie durch eine Art Lüftungsgitter – handelsübliche gusseisernen Schachtdeckel – in den Raum münden.» Die drei Fenster im oberen Bereich sind im Sommer immer gekippt. Ein wichtiges Detail: «Das erzeugt einen Kamineffekt, eine natürlich Konvektion. Das heisst, dass durch die erdverlegten Leitungen die Luft kühl durch den Boden ins Innere dringt und dann oben durch die Fenster wegzieht.» Zentrum des Raums ist das offene Cheminée. Während im Sommer in ihm grilliert werden soll, kann es bei kalten Temperaturen den sonst unbeheizten Raum wärmen.

Ganz ohne Technik kommt der Pavillon aber doch nicht aus: Dank automatischer Sensoren schliessen die Fenster bei Regen. Auch die roten Storen lassen sich per Knopfdruck steuern. Funktional lautete der Ansatz auch bei den Materialien im Innenraum: Da treffen die hellen, sichtbar belassenen Brettschichtholzplatten an der Wand auf einen grauen Holzzementboden, der leicht dämmt und fusswarm ist. Die moderne Küchenzeile umrahmt das Cheminée im Halbkreis.

 

Annäherung zwischen Bestand und Neubau

Imhofs Gesamtstrategie für die Anlage der AVA Altenrhein versucht, Bestand und Neubau einander anzunähern. Es sind Details, die die Verbindungen zwischen den Bauten schaffen und der gewachsenen Stadt am Alten Rhein ein einheitliches Erscheinungsbild verleihen: dunkel gestrichene Putze, Sichtbeton und vertikal gegliederte Holzfassaden in vorvergrautem Lärchenholz. Zum Schutz dieser Holzfassaden werden Vordächer aus Beton eingesetzt. Imhof zielt auf eine Reduktion ab und bevorzugt wenige, aber technisch und ökologisch sinnvolle Elemente. «Sodass die Anlage der AVA Altenrhein bei zukünftigen Erweiterungen immer mehr an gestalterischer Qualität gewinnt – und zwar als Ganzes, nicht als Ansammlung von Einzelobjekten.» lukasimhof.ch, ava-altenrhein.ch 

 

Lukas Imhof

Lukas Imhof (*1974) schloss 2001 sein Architekturstudium an der ETH Zürich ab. Im Anschluss daran ging er mit dem Büro Imhof Nyffeler Architekten der selbstständigen Tätigkeit nach. Seit 2014 führt er sein eigenes Büro, Lukas Imhof Architektur, in Zürich. Zu seinen Lehrund Forschungsaufträgen zählen die Lehre an der HSLU Luzern sowie das Engagement als Gastkritiker an unterschiedlichen Hochschuleinrichtungen.


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Pavillon
Standort: Altenrhein (SG)
Fertigstellung: 2019
Bauherrschaft: Abwasserverband Altenrhein (AVA)
Architektur: Lukas Imhof Architektur GmbH, Zürich; Lukas Imhof und David Brückmann
Holzbau: Eilinger Holzbau AG, Goldach (SG)
Baukosten: k. A.
Gebäudevolumen (SIA 416): 425 m3
Nettogeschossfläche (SIA 416): 60 m2
Holz: Tanne / Fichte

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