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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

03/2020

Stil.Form

Leben statt lagern

Auf dem Industrieareal im solothurnischen Nuglar wurde lange Schnaps gebrannt und Wein gelagert. Die Zeiten sind vorbei. Der Ort hat sich gewandelt: in ein Reihenhaus mit Loftcharakter. In das urbane Wohnkonzept verwoben sind Versatzstücke des Bestands.

Text Sandra Depner, Lilitt Bollinger Studio | Fotos Mark Niedermann | Pläne Lilitt Bollinger Studio

In die Liestalerstrasse im solothurnischen Nuglar ist Leben eingezogen. Kreidezeichnungen zieren den Asphalt. Bunte, selbstgeschreinerte Designersessel nach den Entwürfen Enzo Maris säumen die Veranda entlang der Ostseite. Auf der Südseite, unter dem grosszügigen Dach, schafft die gedeckte Aussenküche mit Sitzplatz gemeinschaftlichen Raum für die Bewohner der sechs Loftwohnungen. Hier wird zusammengesessen. Das war nicht immer so. In dem Bauwerk aus dem Jahr 1956 wurde jahrelang Hochprozentiges gelagert: Erzeugnisse der Urs Saladin Destillerie AG. Aufgrund des Ablaufs der Brennkonzession 1983 sowie Erbstreitigkeiten kam die Produktion zum Erliegen. Zuletzt wurde die einstige Schnapsbrennerei als Lager genutzt. Bis Architektin Lilitt Bollinger das Potenzial erkannte. Zufällig stiess sie auf die Lagerhäuser der Urs Saladin AG, die zum Verkauf ausgeschrieben waren, und überzeugte Roland Hürzeler von der Hürzeler Holzbau, gemeinsam ein Projekt zu entwickeln. Ende 2017 leiteten sie die Transformation vom einstigen Weinlager und Lagerhaus zum Wohnatelierhaus ein. Ab April 2019 haben die Stockwerkeigentümer und Mieter ihre Wohnungen bezogen. Die sechs Loftwohnungen entsprechen in Materialität, Raumfolge, Verortung der Galerie und Farbakzenten den individuellen Wünschen ihrer Nutzer. Bei allen gleich sind hingegen die Galerie, der Ateliercharme, der Einsatz von rohem Material sowie die Kombination aus neuem Holz und bestehender Bausubstanz. Ummantelt ist das Ensemble von den alten Aussenmauern, die die Vergangenheit bewahren. Zum gemeinsam genutzten Raum gehört der Keller. Hier wird gewerkelt, gelagert und getrommelt. Im Aussenbereich ist Platz zum Gärtnern, Werken, Spielen und Feiern. Urbanes Leben eben – im 1500-Seelen-Dorf Nuglar.

Das Wohnhaus bildet von Osten her den Auftakt des alten Dorfkerns, steht zur Strasse leicht zurückversetzt und ist in das gewachsene Terrain eingebettet. Mit seinem markanten Volumen ist das Bauwerk ein Teil der städtebaulichen und kulturellen Geschichte der Gemeinde Nuglar. Die Umzonung des Gewerbeareals zur Wohnzone W2 vor einigen Jahren attestierte dem Gebäudevolumen eine zu grosse Ausnützungsziffer. Als Folge hätte das Gebäude abgerissen werden müssen. Wenn da nicht Architektin Bollinger und die Bauherrschaft – die Hürzeler Holzbau AG aus Magden (AG) – eingesprungen wären. Sie konnten mit ihrem Entwurf einer Arealüberbauung die Gemeinde und den Kanton überzeugen und eine Ausnahmebewilligung erringen.


Sanfte Transformation

Bollingers erklärtes Ziel war es, bei der Transformation die gewachsenen Strukturen so beizubehalten, dass mit einem neuen, leicht reduzierten Gebäudevolumen ein nahezu identischer städtebaulicher Kontext erhalten bleibt. Das ist der Grund, warum nur die Obergeschosse des Weinlagers zurückgebaut wurden. Erhalten ist der massive Sockel mit dem hallenartigen Untergeschoss. Auf diesem Fundament kommt der vorfabrizierte Holzrahmenbau zu stehen. Die alten Bruchsteinwände rundherum formen die Brüstung. Der neue Aufbau orientiert sich an der Gestaltung des alten Gebäudes: Ein massiges Volumen steht unter einem grossen, auskragenden Dach. Dadurch, dass das Volumen etwas kleiner ausgefallen ist, entstand an der Südseite unter dem in Welleneternit eingedeckten Satteldach der grosszügige, gemeinschaftliche Aussenraum.

Die Grundstruktur des Holzbaus ist auf den Bestand und dessen Struktur des Kellergeschosses mit seinen Pilzstützen angepasst. Sieben neun Meter hohe Holzrahmenwände sind über die Fassade und die Decke miteinander verbunden und bilden so sechs Wohneinheiten aus. Die Wohnungen orientieren sich mit ihren raumhohen Verglasungen in Richtung Ost und West. Der Grundausbau des Wohnateliergebäudes ist in der Ausführung zunächst einfach und günstig gehalten, was eine ideale Basis für die Stockwerkeigentümer schafft, ihre Wohnung individuell auszubauen und ihren Vorstellungen anzupassen. Eine Loftwohnung besteht prinzipiell zunächst aus einem einzigen Raum im Erdgeschoss mit einer Raumhöhe von 8,6 Metern und einer Grundstruktur mit Küche, Bad und Treppe. Das einfache Holzbausystem erlaubt es, Böden für zwei weitere Geschosse einzuziehen. So lassen sich verschieden grosse Galerien erzeugen oder weitere Räume ergänzen.

Holz, Beton und Farbe

Das Reihenhaus ist als ein reiner Holzbau aus Fichtenholz erstellt. Im Innenausbau wurde nahezu alles vor Ort mit Dreischichtplatten (27 mm) gebaut. Die Oberflächen sind innen entweder roh behalten oder mit einer Lasur gestrichen – je nach Wunsch der Bewohner. Aussen ist das Holz mit Schwedenfarben gestrichen oder in der Fläche mit einer Vorvergrauung behandelt. V-förmige Holzstreben tragen das Flachsatteldach. Sichtbare Knoten und Verbindungselemente legen die Details der Konstruktion offen. Spezifische statische Verbindungselemente sind in Stahl konstruiert – wie zum Beispiel die Auflager der Deckenbalken. Leuchtend gelb signalisieren Stahlwinkel die Lastübertragung vom Dach in die Wand. Der Materialmix setzt neben Holz in Sichtqualität auf starke Akzente in Beton. Zum Beispiel im Erdgeschoss: So greifen der gegossene Betonboden und die markanten Betonelemente wie etwa die Arbeitsflächen in der Küche oder die Badewanne die Materialität des massiven Kellersockels auf.

Die Baugeschichte weiterschreiben
Die alten Oberflächen im Aussenbereich zeigen die Patina der letzten 50 Jahre. Sie schaffen eine Gleichzeitigkeit der verschiedenen Phasen des Gebäudes. «Es liegt nun an den Bewohnern, das Gebäude und die Umgebung weiter zu gestalten», sagt Bollinger. Dabei verschwimmen die Grenzen, die Phasen greifen ineinander. Das Grün der alten Aussenmauern taucht als matter Farbakzent an in den neuen Wohnungen auf.

Und wer von der Liestalerstrasse kommend auf das Gebäude zuläuft, blickt auf das alte Mauerwerk des Weinlagers. Stark verblichen ruft ein Schriftzug die Vergangenheit in Erinnerung: In grossen Lettern steht «URS SALADIN DISTILLERIE WEINHANDLUNG» geschrieben. Das alte Wandbild bleibt als eine Art Westernfassade erhalten und erzählt von der industriellen Vergangenheit. Kaum zu erkennen: Die Wand trägt einen verwaschenen Hautton. Einer der sechs Stockwerkeigentümer hat sich dafür entschieden, die Holzbauteile in der Wohnung in derselben Farbe zu lasieren. «In Fleisch», wie Architektin Lilitt Bollinger ergänzt. Oder in «Schweinchenrosa» wie es die ausführenden Zimmerleute nannten.
huerzeler-holz.ch, lilittbollinger.ch


Lilitt Bollinger Studio

Die Architektin Lilitt Bollinger (Foto) gründete 2013 Lilitt Bollinger Studio. In ihrer Arbeit bewegt sie sich in den Bereichen Architektur, Produkt und Handwerk. Ein Fokus liegt dabei im Umbau vom Bestand. «Mich interessieren ungewöhnliche Lösungen für Konstruktion und Material. Ausserdem habe ich ein grosses Interesse an Form und Gestalt», sagt Bollinger. Das Wohnatelierhaus «Altes Weinlager» erhielt 2019 die Auszeichnung «Goldener Hase» der Fachzeitschrift «Hochparterre».


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Altes Weinlager, Reihenhaus mit sechs Wohnungen
Standort: Nuglar (SO)
Fertigstellung: März 2019
Bauzeit: 15 Monate
Bauherrschaft und Holzbau:
Hürzeler Holzbau AG, Magden (AG)
Holzbauingenieur: Winter + Walter AG, Gelterkinden (BL)
Planung und Ausführung Zimmerer- und Schreinerarbeiten: Hürzeler Holzbau AG
Architektur: Lilitt Bollinger Studio, Nuglar
Gebäudevolumen (SIA 416): 5496 m3
Nettogeschossfläche (SIA 416): 612 m2
Baukosten: CHF 3,15 Mio.
Holztragwerk: 120 m3 Fichte/Tanne

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