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03/2019 Zuhause

Wohn.kultur

Mit Weitsicht gebaut

Eine Aussicht, die einem den Atem raubt, und ein Haus, das bis zum Dach offen ist – und damit den Raum zum Atmen wieder zurückgibt. Das Einfamilienhaus mit Blick über den Bodensee ist für die Bauherrschaft ein Domizil, das auch im Alter noch ihren Bedürfnissen entsprechen wird.

Text Ramona Ronner | Fotos Patrick Moehrle, Müller + Partner AG Architekten + Planer | Pläne Müller + Partner AG Architekten + Planer

 

Am Nordhang von Kaltenbach im Kanton Thurgau eröffnet sich eine freie Sicht auf den Bodensee, den Rhein und die rund ein Dutzend Hegauer Vulkane, die sich jenseits der deutschen Grenze über die Landschaft verteilen. Eine Aussicht, die das Ehepaar Müller auch nach 20 Jahren noch zu schätzen weiss. Doch das Wohnhaus von 1974 war in die Jahre gekommen und entsprach nicht mehr den praktischen und ästhetischen Anforderungen der Bauherrschaft. Die Kinder sind längst ausgezogen und das Heim war zu gross geworden für zwei Personen. Ein Ersatzneubau bot sich als ideale Lösung an, um in Zukunft barrierefrei und altersgerecht auf einem Geschoss zu wohnen. Zugleich sollte die Möglichkeit bestehen, das Gebäude später wieder als Familienhaus zu nutzen.

Im Neubau sind sämtliche Wohnräume im Erdgeschoss untergebracht und wurden an die persönlichen Abläufe der Bauherrschaft angepasst. Der Wohn- und Essbereich ist bis unter den Dachfirst offen. «Das lässt die Gebäudeform spürbar werden und vermittelt ein grosszügiges Raumgefühl», so Architektin Linda Attinger von der Müller + Partner AG Architekten + Planer. Die Loggia ist zugleich das Sommerschlafzimmer der Bauherrschaft und bietet freie Sicht über Stein am Rhein. Als Erweiterung des Koch-Ess-Bereichs schafft auch die Veranda viel Raum, um Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Zur Strasse hin ist dem Haus ein Naturgarten vorgelagert, der durch einen Geräteschuppen von der Strasse abgegrenzt wird. Eine grosse Buche spendet Schatten an heissen Tagen.

Flexible Räume

Das Untergeschoss in Massivbauweise ist über eine Treppe direkt neben dem Eingang erreichbar. Es bietet Platz für das grosse, offene Büro und ein Gästezimmer. Da das Büro direkt neben dem Eingang platziert ist, können dort auch Kunden oder Geschäftspartner empfangen werden, ohne dass Zutritt zu den privaten Räumen gewährt werden muss. «Mit nur wenigen Massnahmen kann das Büro ausserdem in zwei Schlafzimmer unterteilt werden», erklärt die Architektin das baulich flexible Konzept. Dadurch kann das Gebäude zu einem späteren Zeitpunkt auch wieder als Familienhaus umgenutzt werden. Für das Tragwerk haben die Zimmerleute der Sigrist Rafz Holz + Bau AG vor allem Rahmenholz (24 m3), aber auch Brettschichtholz (4 m3) aus Schweizer Fichten- und Tannenholz verwendet. Die Ständerkonstruktion ist mit Zellulosefasern ausgeflockt. Das Satteldach mit Eternitdeckung hat eine Neigung von 25 Grad und ist ebenfalls mit Zellulosefasern isoliert. Verkleidet wurde der Baukörper mit einer Schindelfassade, montiert auf einer horizontalen Schalung mit Hinterlüftung und Weichfaserplatte. «Der Bauherrschaft war es wichtig, dass das Haus auch von aussen mit rohem Holz bekleidet wird», so Attinger, «damit auf den ersten Blick ablesbar ist, dass es sich um ein Holzhaus handelt.» Die Schindeln sind in traditioneller Handwerkskunst alle einzeln angebracht. Nach innen sind die Aussenwände mit OSB-Platten und anschliessend mit furnierten Dreischichtplatten aus Weisstanne beplankt. Denn auch im Innern sollte sich die Holzkonstruktion widerspiegeln. «Im Kontrast zur eher rauen Aussenhaut sorgt die feine, astlose Wand- und Deckenbekleidung für ein angenehmes und warmes Raumempfinden», beschreibt die Architektin.

Die furnierten Dreischichtplatten in Sichtqualität brachten aber auch Herausforderungen mit sich. Sie können sehr leicht beschädigt werden, daher war beim Transport und bei der Montage besondere Vorsicht geboten. «Nach der Aufrichte schützten wir die Wände mit Hartfaserplatten», erklärt Nicolas Schneider, Projektleiter der Sigrist Rafz Holz + Bau AG, das Vorgehen. Weil auch die anderen Holzelemente in Sichtqualität ausgeführt wurden, mussten sich die Zimmerleute bei der Montage äusserst vorsichtig bewegen.


Unsichtbare Verbindungen

Eine weitere Herausforderung zeigte sich bei der Planung der Innenwände. Die Bauherrschaft wünschte keine sichtbaren Verbindungsmittel für die 19 Millimeter dicken Dreischichtplatten aus Schweizer Weisstanne. Aber wie gelingt es, dass auch die Gegenseite eines Innenwandelements keine Spur eines Verbinders aufweist? Die Lösung brachten GUT-Verbinder. Das Produkt funktioniert wie eine Art Keil. «Wenn das Element hineingeschoben wird, pressen sich die Elemente aneinander», erklärt Schneider. Die GUT-Verbindungen wurden vorgängig an Hilfshölzer, sogenannte Einfahrhölzer, angeleimt und konnten so hinter die Weisstannenwand eingefahren werden. Zwischen den Kontaktflächen wurde zusätzlich Leim angebracht, damit die Konstruktion dauerhaft ist. Damit schafften es die Zimmerleute, dass im gesamten Haus keine Schrauben oder andere Verbindungsmittel sichtbar sind. Alle Weisstannenplatten sind abschliessend mit UV-Stopp behandelt, um ihr gleichmässiges Aussehen zu bewahren.

Ein klarer Kontrast zum Holz der Wände und Decken bildet der Terrazzo-Bodenbelag. «Das Farb- und Materialkonzept im Wohn- und Essbereich wird von den Kontrasten hell-dunkel und hart-weich geprägt», erklärt die Architektin die zugrunde liegenden Überlegungen. Die zurückhaltende Oberfläche verleiht den Räumen trotz der Kontraste ein harmonisches Bild.


Fokus auf Details

Auf kleine Details legten alle Beteiligten im ganzen Haus viel Wert. So wurde etwa die Estrichtreppe in das Bodenelement eingelassen, damit die verkleidende Platte durchlaufen kann und somit auch die Holzmaserung fortgeführt wird. Zudem war es wichtig, dass bei den Weisstannenplatten keine Stirnholzkanten zu sehen sind. «Wo dies doch der Fall gewesen wäre, hätten wir eine Massivholzkante angeleimt oder auf Gehrung geschnitten», erzählt Schneider.

Das Haus entspricht nun nicht nur den ästhetischen Anforderungen, sondern auch vor allem den praktischen. Die funktionale und altersgerechte Planung zeigt sich einerseits beim Bau des Einfamilienhauses, bei dem das Büro auch ein Schlafzimmer für allfälliges Pflegepersonal werden kann und die Dusche schwellenlos ist. Andererseits wird in der Gartengestaltung mit den neuen Hochbeeten die planerische Weitsicht erkennbar. Einem entspannten Altersdomizil mit umwerfender Aussicht steht somit nichts mehr im Wege.

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Ersatzneubau altersgerechtes Einfamilienhaus
Standort: Kaltenbach (TG)
Bauherrschaft: privat
Baujahr Vorgängerbau: 1974
Baujahr Ersatzneubau: 2018/2019
Bauzeit: Produktion April – Mai 2018, Aufrichte Juni 2018,
Fertigstellung Juli 2018 – Februar 2019
Architektur: Müller + Partner AG Architekten + Planer, Stein am Rhein (SH)
Holzbau: Sigrist Rafz Holz + Bau AG, Rafz (ZH)
Gebäudevolumen: Wohnhaus inkl. Garage 1513 m3
Bruttogeschossfläche: UG 139,5 m2, EG 235 m2
Holz: Tragwerk 28,5 m3, Innen- und Aussenwände, Dach- und Bodenelemente 520 m2


Das Holzbauunternehmen

Die Sigrist Rafz Holz + Bau AG unter der Gesamtleitung von Thomas Iten beschäftigt an den Standorten Rafz, Bülach und Kloten über 60 Mitarbeitende. Zum Unternehmen gehören sowohl eine Zimmerei als auch eine Schreinerei. Vor 10 Jahren wurde zudem die Partnerfirma IHT Rafz gegründet – ein Ingenieurbüro. Gesamtgeschäftsführer Thomas Iten ist auch ausserhalb seiner Geschäftsführungstätigkeiten eng mit dem Werkstoff Holz verbunden. So ist er seit 2016 Zentralpräsident des Verbands Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM). Itens Engagement in der Branche intensiviert sich durch seinen Betrieb weiter: Die Sigrist Rafz Holz + Bau AG übernahm 2018 die Hallauer Firma Rupli + Partner AG, ein ehemaliges Unternehmen des langjährigen Zentralpräsidenten von Holzbau Schweiz, Hans Rupli. sigrist-rafz.ch


Die Architekten

Das Architekturbüro Müller + Partner AG Architekten + Planer wurde 1960 von Theo Müller gegründet und bis 2016 von seinem Nachfolger Harry Müller geführt. Heute liegt die operative Leitung bei Oliver Stihl, Patrick Moehrle und Linda Attinger (-Müller). Das 15-köpfige Team besteht aus Architekten, Hochbauzeichnern, Projektleitern und Bauleitern. mp-arch.ch

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