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03/2019 Zuhause

AUS.GEZEICHNET

Mut zur Lücke

Das Studio Lois bewies Mut zur Lücke. Auf einem kleinen Grundstück schuf Architektin Barbara Poberschnigg viel Wohnraum: mit einem Holzbau, der nach aussen dezent und aufregend zugleich auftritt. Im Inneren zeigt der Hybridbau einen spannenden Materialmix und spielt mit der Dachform. Mut wird belohnt. In diesem Fall mit einer Anerkennung beim Holzbaupreis Tirol 2019.

Text SD, Studio Lois | Fotos und Pläne Studio Lois

 

Wenn ein Projekt den Titel «Mut zur Lücke» trägt, wirft das Fragen auf. Fragen wie: Was oder wo ist die Lücke, und wofür braucht es Mut? Im Fall des neuen Doppelhauses ist das Grundstück selbst die Lücke: eine schmale L-förmige Parzelle, mit eingeschränkter Zufahrt mitten im Stadtgebiet der österreichischen Grossstadt Innsbruck; mit Grundstückstiefen von zehn beziehungsweise zwölf Metern und gemäss Bebauungsplan mit offener Bauweise nach Tiroler Bauordnung eigentlich nicht zu Wohnzwecken bebaubar. Und Mut brauchte es seitens der Architektin vom Studio Lois, diese Parzelle unter den gegebenen Voraussetzungen mit einem Doppelhaus zu bebauen. Der Hindernislauf mit den gesetzlichen Parametern war zugleich Herausforderung wie auch indirekter Formgeber für das Bauwerk.

Geschickt in die Lücke gefügt

Studio Lois hat ein monolithisches Gebäude entworfen, das mit seinem asymmetrisch aufgesetzten Dach und der dunkel lasierten Fassade robust wirkt, sich aber nicht in den Vordergrund drängt. Es fügt sich geschickt in die Lücke zwischen einem Supermarkt, einer alten Fabrik, Villen mit Gärten und einem Archivgebäude ein. Das Auffalten sowie Vor- und Rücksprünge formieren das Gebäude so, dass es nicht wie ein grosser Baukörper massiv in Erscheinung tritt. Stattdessen werden zwei kleine selbständige Häuser sichtbar.

Auf der bebauten Fläche von 150 Quadratmetern schuf Poberschnigg in je einer Doppelhaushälfte eine Wohnnutzfläche von 122 beziehungsweise 128 Quadratmetern – Keller und Nebenräume nicht eingerechnet. Das Bauen in dieser Lücke ermöglichte nur eine Fassadenausrichtung nach Süden. Ein Atrium an der Nordseite schafft für die beiden Wohneinheiten eine gemeinsame Kommunikationsebene.

Die Holztreppen sind in beiden Häusern als Oberflächen in Form von Regalen konzipiert. Das erste Obergeschoss ist ein offener, teilweise zweigeschossiger Wohnraum mit Glasfront, Terrasse und grossem Sitzfenster für den Blick in den Garten. Die Galerien sind zum Wohnraum als offene Arbeits- und Erholungsbereiche konzipiert. Einschnitte im Dach bilden kleine Terrassen aus. Im Inneren wird die Dachlandschaft ästhetisch und funktional mitgenutzt – massgefertige Möbel, Regale und Sitzecken schöpfen den Grundriss aus.


Holz und Beton bleiben sichtbar

Die Konstruktion ist ein Hybrid aus Massivholz und Beton. Nach dem Grundsatz «Es ist, was es ist» wurden alle Sichtoberflächen beibehalten. Das Erdgeschoss ist aufgrund der umliegenden Bestandsbauten der Nachbarn nur teilunterkellert und deshalb teilweise aus Betonwänden gebaut. Die Strukturschalung aus Schwartlingen verleiht dem Sichtbeton eine Holzmusterung und stellt eine Analogie zum restlichen Holzbau her. Beim Fussboden handelt es sich im Unter- und im Erdgeschoss um einen Betonestrich, im Obergeschoss bildet die Oberfläche der Deckenkonstruktion aus Brettsperrholz (Fichte) den Boden aus. Auch die Decken, die aufgehenden Wände und die Treppen sind aus Massivholz in Sichtqualität gebaut und wurden weiss lasiert. Die Dachflächen mit ihrer Neigung und Höhenentwicklung entsprechen dem Hohlraumprofil der Bauvorschriften. Aus diesem Profil ergeben sich 13 Dreiecksflächen, die sich als stabiles Dachformwerk gegenseitig aussteifen. Auch die Dachflächen sind im Innenbereich wie der restliche Holzbau als Sichtkonstruktion konzipiert. Die Einrichtung aus einfachen Fichten-Dreischichtplatten ist in den Holzbau integriert mitgebaut worden. Die Fassade aus riftgeschnittenen Lärchenholz wurde dunkel geölt. Diese Fassadenbretter ziehen sich über das Dach und erscheinen für die höheren Stadthäuser als weitere Fassade des Gebäudes.
studiolois.io, proholz-tirol.at
 

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Doppelhaus «Mut zur Lücke»
Standort: Innsbruck (AT)
Bauzeit: Juni 2016 bis Frühjahr 2017
Bezug: Mai 2017
Bauherrschaft: privat
Architektur: Barbara Poberschnigg, Studio Lois, Innsbruck (AT)
Statik: Dibral, Natters (AT)
Holzbau: Schafferer Holzbau, Navis (AT)
Baukosten: keine Angaben
Grundstücksgrösse: 418 m2
Wohnnutzfläche Doppelhaushälfte: 122 m2 beziehungsweise 128 m2
Gebäudevolumen: 1300 m3
Holz: 620 m2 Massivholz Fichte Brettsperrholz (Tragkonstruktion), 385 m2 Lärche (Fassade und Dach)

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