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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

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Menschen

NACH.GEFRAGT

«Die Arbeit des Architekten ist immer auch politisch» In der Rubrik NACH.GEFRAGT sprechen Architekten über Inspiration, Ideen und Idole. In dieser Ausgabe kommt der Brite Andrew Waugh zu Wort. Für ihn haben Architekten eine grosse Verantwortung – im politischen und im gesellschaftlichen Sinn. Warum Architekten eine hohe politische Verantwortung tragen und warum Waugh lieber für Fremde als für Freunde baut, verrät er im Interview.

Text Sandra Depner

Wenn Sie an Holz denken, welche drei Begriffe fallen Ihren zuerst ein, Herr Waugh?
Gesund, nachhaltig und nützlich.

Stellen Sie sich vor, dem Holzbau wären keine Grenzen gesetzt – weder konstruktiv noch gesellschaftlich. Wie würde die Welt aus Ihrer Sicht dann aussehen?

Das lässt sich mit einem einzigen Wort ausdrücken: Dominanz. Ich meine weltweite Dominanz der Bauweise und spreche damit von reinem Holzbau und nicht von Hybriden. Es muss eine Technik sein, mit der wir die ganze Welt bebauen. Nicht nur hier und dort mal was in Holzbau. Wir können einfach nicht mehr mit Beton bauen. Es ist schlecht für den Planeten und ich denke, es ist ziemlich ungesund, darin zu leben. Es ist, wie in einem Gefängnis zu leben. Doch bevor das einmal Realität wird, müssen wir mit den Vorbehalten bei den Menschen aufräumen, die sie daran hindern, mit Holz zu bauen. Ich meine Risiko, Kosten und vor allem Brandschutz. Den furchtbaren Brand des Londoner Grenfell Tower musste ich von meinem Zimmer aus beobachten. Spricht man mit einem Feuerwehrmann, so sagt er, dass für ihn Beton-Stahl-Konstruktionen in ihrem Brandverhalten unvorhersehbar sind. Bei Holz hingegen wissen wir genau, wie es brennt und was die Kohleschicht bewirkt. Ich lebe in einem Holzbau – im siebten Stock. Und ich schlafe dort gut und ruhig.

Holzbau wächst weltweit in die Höhe. Soll es im Holzbau immer höher gehen oder ziehen Sie irgendwann eine Grenze?

Die Mehrheit der Gebäude sollte 12 bis 14 Geschosse haben – in seltenen Fällen höher. Beim Bauen mit Holz geht es um Nachhaltigkeit und um schöne und gesunde Städte gefüllt mit Luft, Licht und viel Grün. Hohe Gebäude funktionieren da nicht. Es gibt Studien zur Verdichtung, die ergeben haben, dass hohe Gebäude nicht unbedingt dienlich sind. Es braucht vielmehr humane Gebäude. Speziell beim Holzbau ist meine Sorge: Je mehr die Menschen über hohe Holzbauten reden und je weniger davon tatsächlich realisiert werden, desto mehr wird es zu einem kurzweiligen Trend. Solange, bis der nächste Trend diese Bauweise ablöst. Aber Holzbau muss ein fundamentaler Wandel sein, wie wir bauen. Architekten sind furchtbare Menschen: Sie gehen von einem Trend zum nächsten. Besonders im 21. Jahrhundert halten sie immer Ausschau nach dem nächsten schönen Ding. Wir vergessen dabei, dass das Wort Architekt aus dem Griechischen kommt und «Baumeister» bedeutet. Es geht um das schöne Bauen – und nicht um das schöne Zeichnen.

«Es geht ums schöne Bauen,
nicht ums schöne Zeichnen»

Welche Architekten oder welche Bauwerke inspirieren Sie?
Meine Faszination für Holzbauarchitektur habe ich in der Schweiz entdeckt. Ich habe die Architektur von Julius Natterer studiert, aber auch von anderen seiner Schule wie Hermann Kaufmann. Ihr Vorstellung von Holzbauarchitektur hat mich fasziniert. Ich mag historische Gebäude, Schweizer Chalets oder britische Kirchen, die inspirierendes Handwerk und Schönheit von Holz demonstrieren. Hermann Kaufmann, Julius Natterer und Hermann Blumer sind inspirierende Persönlichkeiten. Welch ein Ingenieurwesen, das sie an den Tag legen! Wir wären nirgends ohne diese Menschen. Meinen ersten Holzbau habe ich 2003 gebaut. Der Prozess war einfach perfekt und es hat Spass gemacht. Das Ergebnis auch. Und so habe ich weiter geforscht und recherchiert zu dem Thema, um mehr und mehr in Holz zu bauen. Die Arbeit eines Architekten ist immer politisch, gesellschaftlicher Natur. Bestes Beispiel dafür ist der soziale Wohnungsbau. Fast alle unserer Bauten zählen dazu. Wie auch ein Fünfgeschosser im Norden Londons, Baujahr 2015. Ich habe eine dreifache Mutter besucht, die in eine der Wohnungen einzog. Sie sagte mir, es sei ihre erste richtige Wohnung überhaupt. Hohe Dichte, urbanes Wohnen ist das, wo es uns als Architekten braucht. Unsere Städte wachsen und wachsen. Deshalb müssen wir gute, gesunde Städte bauen.

«Freunde sind die
schwierigsten Auftraggeber»


Kommen wir zu Ihren eigenen Projekten: Welches ist Ihr Liebling?

Mein Lieblingsprojekt ist mein eigenes Haus in London. Aus mehreren Gründen. Ich bin hie und da ein Risiko eingegangen, was ich bei anderen Auftraggebern nicht machen würde. Einen Teil haben wir verkauft. In der Mitte ist ein Studio, die Wohnungen liegen darüber. Das Studio bildet ohne Säulen einen offenen Raum. Ich lebe nun seit sechs Jahren dort. Die Idee zum Hausbau kam mit einem Freund, dann kam ein weiterer hinzu. Also haben wir das Haus gebaut. Aber eines sei gesagt: Freunde sind die schwierigsten Kunden. Man will sie unbedingt zufriedenstellen und ihnen zeigen, dass man ein gutes Gebäude bauen kann. Das ist sehr fordernd. 

Andrew Waugh

Andrew Waugh gründete mit seinem Partner Anthony Thistleton 1997 das Londoner Architekturbüro Waugh Thistleton Architects. Die beiden lernten sich an der Londoner Kingston University kennen, wo sie Architektur studierten. Stets interessiert an der Entwicklung neuer Bauweisen, bauten sie 2003 ihr erstes Gebäude aus kreuzverleimtem Brettsperrholz (CLT) und erarbeiteten sich seitdem eine Expertise in Holzbauweise. Waugh gilt als einer der Pioniere hinsichtlich hohen Holzbaus. 2009 bereits erstellte er mit seinem Team den neunstöckigen Wohnungsbau «Murray Grove» aus vorfabrizierten, Massivholzelementen. waughthistleton.com

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