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01/2022 Starker Auftritt

FOKUS.THEMA

Perfektes Investment

Eine Bank aus Holz? Warum nicht! Mit ihrem neuen Hauptsitz setzt die Obwaldner Kantonalbank ein Zeichen in Sachen Architektur und Nachhaltigkeit. Und stärkt gleichzeitig die Region als Wirtschaftsstandort.

Text Susanne Lieber | Fotos Rasmus Norlander | Pläne Seiler Linhart Architekten

 

2005 war ein Katastrophenjahr. Heftige Niederschläge liessen im Alpenraum Flüsse und Gewässer über die Ufer treten und sorgten für verheerende Schäden. Auch die Gemeinde Sarnen in Obwalden war betroffen. Sarnersee und Sarneraa drangen bis ins Ortszentrum vor und überschwemmten alles, was ihnen im Wege stand. Die Wasser- und Schlammmassen preschten mit voller Wucht durch die Gemeinde, rissen Strassen und Bahngleise weg. Auch viele Gebäuden wurden schwer beschädigt, darunter der Hauptsitz der Obwaldner Kantonalbank, kurz OKB. Schalterhalle und Untergeschosse sind dabei so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass wegen Beeinträchtigung der Tragstruktur zeitnah eine umfassende Sanierung oder ein Neubau ins Auge gefasst werden musste. Die OKB entschied sich für: Neubau.

Die Naturkatastrophe war ein schwerer Schlag für das 1886 gegründete Finanzinstitut. Aber auch eine Chance, wie sich rückblickend zeigt. Denn der neue Hauptsitz hat Strahlkraft. Ein Bankgebäude aus Holz? Kein Novum, aber (noch) eine Seltenheit. Bevor das Projekt im letzten Jahr fertiggestellt werden konnte, dauerte es allerdings. Zunächst war der Bau des neuen OKB-Hauptsitzes wieder im Ortszentrum geplant. Aufgrund eines Einspruchs wurde jedoch die 2011 erteilte Baubewilligung vom Bundesgericht wieder entzogen. Also hiess es: zurück auf Anfang.
 
Richtig Fahrt nahm das Projekt 2016 auf, als ein neuer Bauplatz ausserhalb des Ortszen­trums gefunden wurde. Und zwar im Norden von Sarnen, wo in den nächsten Jahren ein neues attraktives Quartier zum Wohnen und Arbeiten entstehen soll. Das Areal liegt zwischen dem Gewerbegebiet Feld, dem Wohnquartier Bünten und dem Bahnhof Sarnen Nord. Mit dem Bau der Kantonalbank wurde der Startschuss für die neue Siedlungsentwicklung gegeben. Die offizielle Einweihung des neuen Bankgebäudes – auch «Quadrum» genannt – fand dann im September 2021 statt. Mit anderen Worten: Ziel erreicht.


Identität in Holz gefräst

Der fünfgeschossige Bau mit extensiv begrüntem Flachdach ist in seiner Kubatur schlicht und kompakt. Die Feinheit des Entwurfs aus der Feder des Architekturbüros Seiler Linhart offenbart sich erst, wenn man die Fassade genauer in Augenschein nimmt: In den oberen drei Geschossen sind die Fensterstürze als quer verlaufende Profile ausgebildet. Textile Storen bilden den Sonnen­schutz. In den beiden unteren Geschossen hingegen schützen fein profilierte Schiebeläden aus Aluminium – passend zu den Fenstern golden eloxiert – vor der Sonne. Zoomt man auf die Stürze, lässt sich ein feines Ornament erkennen, das ins dunkle Fichtenholz gefräst ist. Das Ornament ist als Hommage an die regionale Schnitzkunst zu verstehen. Aber nicht nur. Es ist auch ein identitätsstiftendes und originelles Gestaltungselement, das auf die Kantonalbank selbst verweist: Das grafische Muster setzt sich aus drei Buchstaben zusammen: O, K und B.


Stabtragwerk aus Esche

Die differenzierte Fassadengestaltung macht aussen ablesbar, dass die Geschosse unterschiedlich genutzt werden. In den beiden unteren befindet sich vornehmlich der öffentliche Kundenbereich mit Empfangshalle, Räumen für Kundengespräche und Veranstaltungen sowie eine Cafeteria. Die oberen drei Geschosse sind ausschliesslich den Mitarbeitenden vorbehalten und umfassen Büros, Mehrzweck- und Aufenthaltsräume, Teeküchen und einen begrünten Innenhof.

Erschlossen wird das Bankgebäude über die zweigeschossige Halle mit elegant geschwungener Treppe und aparter Möblierung, weshalb der Raum eher an eine Hotellobby erinnert als an eine Bankfiliale. Hier offenbart sich die Konstruktion des Gebäudes und es wird sichtbar, was das Bauwerk so besonders macht: das Stabtragwerk aus Holz. Gefertigt wurde dieses von der Küng Holzbau AG und der Holzbautechnik Burch AG, die für dieses Projekt eine Arge gründeten. An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass es sich bei dem Gebäude um keine reine Holzkonstruktion handelt, sondern um einen Hybridbau. Der Erschliessungskern mit Treppenhaus, Aufzugschacht und Toilettenanlagen wurde in Beton ausgeführt.

Das Rastermass, das dem Holzkonstrukt zugrunde liegt, beträgt 2,80 Meter. Wobei hier nicht alle Knotenpunkte mit Stützen belegt sind. Die sichtbaren Unterzüge überspannen die Eingangshalle teilweise mit knapp acht­einhalb Metern. «Speziell an diesem Tragwerk ist, dass die statisch besonders beanspruchten Elemente nicht aus Fichtenholz, sondern aus Esche gefertigt sind. Das ermöglichte uns eine etwas schlankere Dimensionierung», erklärt Architektin und Projektleiterin Julia Wurst bei einem Gespräch. Bei genauer Betrachtung lässt sich zudem erkennen, dass die Stützen oben und unten leicht konisch zulaufen. Somit wurden die statischen Möglichkeiten des Holzes maximal ausgereizt. Aber nicht nur aus konstruktiven Gründen hat man sich bei dem Bankgebäude für Eschenholz entschieden. Es punktet auch mit optischer Qualität: «Die Feinporigkeit der Maserung verleiht dem Holz einen besonderen Ausdruck», so die 37-jährige Architektin. Bei allen Holzbauteilen, die für das Tragwerk und bei der Fassade eingesetzt wurde, handelt es sich im Übrigen ausschliesslich um Baumaterial aus dem Kanton Obwalden. Insgesamt 610 Kubikmeter Fichtenholz und 180 Kubikmeter Eschenholz wurden verbaut.


Leuchtende Decke, begrünter Hof

Um die repräsentative Empfangshalle gleichmässig auszuleuchten, wurde eine flächige LED-Lichtdecke eingebaut, die den natürlichen Tageslichtverlauf nachahmt. Mit rund 120 Quadratmetern bildet diese Decke allerdings eine sehr grosse Fläche, weshalb diese optisch aufgelockert werden sollte. Die kreative Lösung der Architektin: ein Stecksystem, das aus 20 auf 20 Zentimeter grossen und grau lackierten MDF-Scheiben besteht. Die einzelnen Elemente bringen eine gewisse Dynamik in den Raum, obwohl sie sich nicht bewegen.
 
Ganz anders stellt sich die Lichtsituation in den oberen Mitarbeitergeschossen dar. Hier sorgt ein begrünter, rund zehn Meter hoher Innenhof für natürlichen Lichteinfall in den umlaufenden Erschliessungsgängen, die auch als Kommunikationszonen dienen. Pro Stockwerk wurde eine kleine Teeküche in Form einer Wandnische integriert. Und wie überall im Bankgebäude ist Eschenholz auch in den Fluren omnipräsent: Beim Bodenbelag handelt es sich um Massivholzparkett, die Deckenpaneele sind furniert.

Von den Gängen aus gelangt man zu den einzelnen Mitarbeiterbüros, Besprechungszimmern und Veranstaltungsräumen. Abgetrennt sind diese durch Elementwände, die bei Bedarf versetzt werden können – ein grosser Vorteil für eine langfristig flexible Nutzung der Büroflächen. Zwischen den sichtbaren Unterzügen der Rippendecke wurde die Haustechnik integriert.


Stärkung der Region

Der enge Bezug der Obwaldner Kantonalbank zur Region manifestiert sich im gesamten Gebäude. Die am Bau beteiligten Unternehmen sind fast alle in der Umgebung beheimatet, und auch die Materialien stammen weitestgehend von dort. So handelt es sich beim Bodenbelag in der Eingangshalle beispielsweise um einen Kunststeinboden aus Giswiler Flusskies. Die Gesteinsmischung wurde zuerst mit einem Bindemittel zu Blöcken gegossen und danach in grossformatige Platten geschnitten. Selbst die Bepflanzung im Innenhof lässt Lokalkolorit erkennen: Moose nehmen Bezug zur Hochmoorlandschaft in Glaubenberg (OW), und die Hängepflanzen sind eine Referenz an die Vegetation in der Region, in der Felshänge häufig von üppiger Vegetation überwuchert sind. Nicht zuletzt wurde für das gesamte Tragwerk – es ist von der Küng Holzbau AG und der Holzbautechnik Burch AG an Pfingsten 2021 in nur neun Tagen errichtet worden – ausschliesslich Holz aus Obwalden verwendet.

Den Holzbau und die Region als Wirtschaftsstandort zu stärken, war denn auch erklärtes Ziel der OKB beim Bau des neuen Bankgebäudes. Die Wald- und die Holzwirtschaft sind Branchen, die seit jeher im Kanton Obwalden stark verwurzelt sind. Und so erstaunt es auch nicht, dass das neue Bankgebäude von Anfang an sehr gut von der Bevölkerung angenommen wurde. «Der Holzbau hat hier einfach ein gutes Image» bringt es die Architektin Julia Wurst auf den Punkt.
kueng-holz.ch, holzbautechnik.ch

Seiler Linhart Architekten

2001 zunächst als Einzelfirma von Patrik Seiler gegründet, formierte sich das Architek­turbüro 2010 zu seiner heutigen Form: Seiler Linhart Architekten mit Sitz in Luzern und Sarnen. Geführt wird das Büro von Patrik
Seiler (*1966 in Sarnen) und Søren Linhart (* 1977 in Saalfeld, Thüringen); Assoziierte sind Julia Wurst und Raphael Wiprächtiger. Zum Portfolio des Büros zählen private sowie öffentliche Bauten. Auch Gewerbebauten wie das neue Bürogebäude des Holzbauunternehmens Küng gehören dazu, für dessen Entwurf das Architektenteam internationale Beachtung fand. seilerlinhart.ch


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Hauptsitz Obwaldner Kantonalbank
Standort: Feld, Sarnen (OW)
Bauherrschaft: Obwaldner Kantonalbank, Sarnen
Bauzeit: 2019–2021
Gebäudevolumen (SIA 416): 30 300 m3
Geschossfläche (SIA 416): 8870 m2
Architektur: Seiler Linhart Architekten, Sarnen / Luzern (Projektleitung: Julia Wurst)
Holzbauingenieur, Bauphysik, Brandschutz: Pirmin Jung AG, Rain (LU)
Holzbau (Arge): Küng Holzbau AG, Alpnach (OW); Holzbautechnik Burch AG, Sarnen
Aussenwände und Fassade (Verarbeitung): Hartwag AG, Buchs (ZH)
Aussenwände und Fassade (Holz): Fichtenholz (130 m3) aus dem Kanton Obwalden
Tragwerk (Verarbeitung): neue Holzbau AG, Lungern (OW)
Tragwerk (Holz): Fichtenholz (480 m3) und Eschenholz (180 m3) aus dem Kanton Obwalden
Deckenbekleidungen (Verarbeitung): NH Akustik & Design AG, Lungern
Deckenbekleidungen (Holz): Eschenfurnier aus der Schweiz, Rheintal (SG), 1000 m2
Kunststein (Verarbeitung): Schmitt Natursteinwerk AG, Herisau (AR)
Kunststein («Obwaldner Brekzie»): Obwaldner Flusskies aus Giswil (OW), 1000 m²

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