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02/2022 Standpunktfrage

AUS.GEZEICHNET

Pritzker-Preis für einen Zimmermann

Was für Filmschaffende der Oscar und für Naturwissenschaftler der Nobelpreis, ist für Architekten der Pritzker-Preis. Die bedeutendste Auszeichnung für Architektur geht dieses Jahr an Francis Kéré. Er ist der erste Architekt mit afrikanischen Wurzeln, der diesen Preis erhält.

Text Susanne Lieber | Fotos Iwan Baan, Lars Borges (Porträt) | Plan Kéré Architecture

 

Das Leben von Francis Kéré ist bewegt. Und bewegend. 1965 in Burkina Faso geboren, war er der erste in seiner Gemeinde, der eine Schule besuchte. Das Klassenzimmer: ein kleiner Raum aus Zementblöcken, dunkel und ohne Belüftung. Keine optimale Ausgangslage, um ein Gespür für gute Architektur zu entwickeln. Könnte man meinen.

Aber oft ist es gerade ein Mangel, der zur Antriebsfeder wird, Dinge anders machen zu wollen – zum Beispiel Schulen zu bauen, in denen man sich wohl fühlt, die nicht überhitzen und die ein angemessenes Umfeld bieten, um vernünftig lernen zu können. Eine Schule war es denn auch, für die Kéré erstmals als Architekt ausgezeichnet wurde: die Gando Primary School in Burkina Faso. Der Bau brachte ihm 2004 den Aga Khan Award for Architecture ein und gab ihm den Impuls, 2005 ein eigenes Architekturbüro in Berlin zu gründen.

Schon bevor Francis Kéré in Berlin Architektur studierte, verschlug es ihn in die Ferne nach Deutschland. 1985 erhielt er ein Berufsstipendium für das Zimmermannshandwerk. In der Ausbildung lernte er den Umgang mit Holz von der Pike auf. Er weiss also, wie man Dächer konstruiert oder auch Möbel baut. Während der Lehre besuchte er abends eine weiterführende Schule. 1995 ermöglichte ihm ein zweites Stipendium ein Architekturstudium an der Technischen Universität Berlin. 2004 hatte er dann sein Diplom in der Tasche.

Das Spektrum seiner Arbeiten reicht von Schulen und medizinischen Einrichtungen in Burkina Faso, Kenia, Mosambik und Uganda bis hin zu Prestigeprojekten wie seinem Pavillonentwurf für die Serpentine Gallery in London. Was seine Arbeiten ausmacht, begründet die Jury unter anderem so: «Das Gesamtwerk von Francis Kéré zeigt uns die Kraft der Materialität, die im Ort verwurzelt ist.» Mal ist es Lehm, mal Stein, mal Holz.

Holz ist denn auch das Material, aus dem der Pavillon «Xylem» entstanden ist. Der kleine, offene Bau gehört zum Kunstzentrum Tippet Rise in Montana, USA, und versteht sich als Begegnungsort für die Besucher. Bei den roh belassenen Kieferstämmen handelt es sich um das Holz von Bäumen, die gefällt wurden, um den Wald in der Nähe vor Schädlings­befall zu schützen. Von sieben Stahlstützen getragen, besteht das Dach aus besagten Kieferstämmen, die durch sechseckige Stahlmodule zu einzelnen Bündeln zusammengefasst werden. Die Höhen variieren dabei und nehmen Bezug zur bewegten Topo­grafie.

Inspiriert wurde Kéré bei der Dachgestaltung von der Toguna, einer speziellen Hütte aus Holz und Stroh, die typisch ist für die Dörfer der Dogon (westafrikanische Volksgruppe). Die offene Hütte ist ein zentraler Treffpunkt im Dorf, wo sich die Bewohner ein schattiges Plätzchen unterm Strohdach suchen, um miteinander zu diskutieren oder den Dorfältesten um Rat zu fragen. Das Dach ist bewusst niedrig gehalten, damit sich alle hinsetzen müssen – eine Art Präventionsmassnahme gegen Gewalt, falls Diskussionen hitzig werden. Im Sitzen gibt es deutlich weniger Handgemenge. Der Pavillon von Francis Kéré hingegen ist so bemessen, dass man sehr wohl darin stehen kann. Die maximale Dachhöhe beträgt 4,75 Meter (aussen), die Dachfläche misst 250 Quadratmeter. Analog zur Dachgestaltung sind auch die organisch ausgeformten Sitzbänke aus unbehandelten Kieferstämmen gefertigt.

Auch der Hocker «Ziba» besteht aus einem massiven Holzstamm. Formal lehnt sich das Sitzmöbel an typische afrikanische Hocker an, die aus dem Stamm von Sheabäumen geschnitzt werden. Bei «Ziba» wird allerdings Zedernholz verwendet und die Form maschinell herausgearbeitet, nicht mit handgefertigtem Werkzeug. Der Hocker war integraler Bestandteil von Kérés hölzernem Pavillonentwurf für die Serpentine Gallery.
https://youtu.be/azS1bRSv8PY

VIDEO

FRANCIS KÉRÉ

Als Pritzker-Preis-Träger 2022 reiht sich der gebürtige Burkiner Francis Kéré in die Liga der besten Architekten der Welt. Seine Projekte – in erster Linie ökologisch und sozial nachhaltige Architekturen – brachten ihm bereits viel Anerkennung. Neben zahlreichen internationalen Auszeichnungen erhielt Francis Kéré auch Preise in der Schweiz: den BSI Swiss Architectural Award (2010) sowie den Global Holcim Award Gold (2012). Seit 2005 führt Francis Kéré ein Architekturbüro in Berlin. Zudem engagiert er sich mit seiner eigenen Stiftung Kéré Foundation für die Umsetzung nachhaltiger Architektur in Burkina Faso. Seit 2017 ist er Professor für Architekturdesign und Partizipation an der Technischen Universität München.
kerearchitecture.com


PRITZKER-PREIS-TRÄGER

1979:    Philip Johnson (USA)
1980:    Luis Barragán (Mexiko)
1981:    James Stirling (Grossbritannien)
1982:    Kevin Roche (Irland)
1983:    I.M. Pei (China)
1984:    Richard Meier (USA)
1985:    Hans Hollein (Österreich)
1986:    Gottfried Böhm (Deutschland)
1987:    Kenzo Tange (Japan)
1988:    Oscar Niemeyer (Brasilien) / Gordon Bunshaft (USA)
1989:    Frank Gehry (Kanada)
1990:    Aldo Rossi (Italien)
1991:    Robert Venturi (USA)
1992:    Álvaro Siza (Portugal)
1993:    Fumihiko Maki (Japan)
1994:    Christian de Portzamparc (Frankreich)
1995:    Tadao Ando (Japan)
1996:    Rafael Moneo (Spanien)
1997:    Sverre Fehn (Norwegen)
1998:    Renzo Piano (Italien)
1999:    Norman Foster (Grossbritannien)
2000:    Rem Koolhaas (Niederlande)
2001:    Jacques Herzog, Pierre de Meuron (Schweiz)
2002:    Glenn Murcutt (Grossbritannien)
2003:    Jørn Utzon (Dänemark)
2004:    Zaha Hadid (Irak)
2005:    Thom Mayne (USA)
2006:    Paulo Mendes da Rocha (Brasilien)
2007:    Richard Rogers (Grossbritannien)
2008:    Jean Nouvel (Frankreich)
2009:    Peter Zumthor (Schweiz)
2010:    Kazuyo Sejima, Ryue Nishizawa (Japan)
2011:    Eduardo Souto de Moura (Portugal)
2012:    Wang Shu (China)
2013:    Toyo Ito (Japan)
2014:    Shigeru Ban (Japan)
2015:    Frei Otto (Deutschland)
2016:    Alejandro Aravena (Chile)
2017:    Rafael Aranda, Carme Pigem, Ramon Vilalta (Spanien)
2018:    Balkrishna Doshi (Indien)
2019:    Arata Isozaki (Japan)
2020:    Yvonne Farrell, Shelley McNamara (Irland)
2021:    Anne Lacaton (Frankreich), Jean-Philippe Vassal (Marokko)
2022:    Francis Kéré (Burkina Faso)

pritzkerprize.com


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