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02/2022 Standpunktfrage

BAU.WERK

Saatgut mit Tiefgang

Das Unternehmen Sativa ist der grösste Biosaatguthersteller der Schweiz. Sein neues Produktions- und Verwaltungs­gebäude in Rheinau (ZH) dient auch als Lager tief verborgen im Untergrund.

Text Susanne Lieber | Fotos Roland Bernath | Pläne Staufer & Hasler Architekten AG

 

Rund zwei Drittel des weltweiten Saatguts werden von gerade mal drei Grosskonzernen produziert. Monopole, die zu bedenklicher Abhängigkeit führen. Denn in der Regel handelt es sich um sogenanntes Hybridsaatgut, das gentechnisch verändert wurde. In erster Linie wird es auf Ertrag und Resistenzen gezüchtet, das Aroma bleibt da oft auf der Strecke. Welch fade Früchte solche Züchtungen bisweilen tragen, wird im Supermarkt deutlich: makelloses Obst und Gemüse, null Geschmack. Ein weiterer grosser Nachteil der Hybridsamen ist die Tatsache, dass sie sich nicht für die Vermehrung eignen. Sprich, das Saatgut muss jedes Jahr neu gekauft werden. Die Preise geben die Grosskonzerne vor.


Kostbare DNA

Die Sativa Rheinau AG hat sich zur Aufgabe gemacht, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und die kostbare genetische Vielfalt von Obst, Gemüse, Blumen und Co. zu erhalten. Auch alte oder weniger ertragreiche Sorten sollen den nächsten Generationen zur Verfügung stehen. Das 1999 gegründete Unternehmen – es gehört zur Rheinauer Stiftung Fintan – ist der grösste Biosaatgutbetrieb in der Schweiz. Und der einzige mit eigener Züchtung von neuen Sorten. Speziell ist hierbei, dass Sativa ausdrücklich erlaubt, dass ihr Saatgut für den Eigenbedarf vermehrt werden darf. Ganz anders agieren in der Regel die grossen Produzenten. Diese verhindern die Vermehrung, indem sie ihre Hybridsamen entsprechend genetisch ausrüsten und sie obendrein durch Patente schützen.

Die Nachfrage nach biologischem Saatgut ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Nicht zuletzt aufgrund der Coronapandemie, in der vor allem die Zahl der Hobbygärtner exponentiell angestiegen ist. Das stetige Wachstum brachte das Unternehmen Sativa an seine Kapazitätsgrenze. Ein grösseres Betriebsgebäude wurde unumgänglich, um mehr Platz zu geschaffen für Produktion, Konfektionierung, Lagerung und Versand des Saatguts. Im Herbst letzten Jahres war es so weit: In Rheinau wurde der prägnante Neubau aus Holz – entworfen vom Büro Staufer?&?Hasler Architekten AG und realisiert von der Egli Zimmerei AG – fertiggestellt.
 
Eine besondere Herausforderung hierbei war, das gesamte Nutzungsprogramm auf maximal 30 mal 30 Metern Grundfläche unter­zubringen. Was wahrlich nicht viel ist für einen Produktions- und Verwaltungsbau. Ebenfalls knifflig erwies sich die Aufgabe, das Gebäude in das historisch gewachsene Umfeld des Klosters Rheinau zu integrieren. Mit zwei Geschossen orientiert sich der Holzbau deshalb an der Höhe der Umgebungsbebauung. Das Volumen des Gebäudes wurde in vier langgestreckte Giebelhäuser aufgebrochen, die nebeneinanderliegen. «Bezüglich der Aussenform wurden wir von den Landwirtschaftsbauten der Umgebung inspiriert», erklärt Architektin Astrid Staufer.


Tief verwurzelter Holzbau

Was man dem Bau von aussen nicht ansieht: Er reicht etwa genauso tief ins Erdreich, wie er oben mit seinen vier Giebeln aus der Erde «spriesst». Die enorme Bautiefe hat mit den für die Samen erforderlichen Lagerungs­bedingungen zu tun. Saatgut benötigt eine konstante Temperatur von 14 Grad Celsius, um nicht an Qualität zu verlieren. Zudem bedarf es der richtigen Luftfeuchtigkeit, die zwischen 30 und 40 Prozent liegen sollte. Um diese hohen raumklimatischen Anforderungen zu erfüllen, wurden zwei Untergeschossen gebaut. Dort stehen nun Raumkühler mit Kältemaschinen und ein Trockenluftsystem. Im Brandfall schützt eine Rauch- und Wärme­abzugsanlage das kostbare Saatgut, das in vollautomatischen Hochregallagern deponiert wird. Der Energiebedarf der aufwendigen Technik wird über eine Solaranlage auf dem Dach gedeckt.


Innere und äussere Schönheit

Auf der Giebelseite mit Eingang präsentiert sich die ungewöhnliche Konstruktion des Holzbaus am eindrucksvollsten: Unter dem gleichmässigen Zickzack der Satteldächer zeichnen sich bogenförmige Träger ab. Im Innern des Gebäudes formen sie Räume mit besonderer Atmosphäre. «Hier befindet sich die Verwaltung mit Sitzungs- und Aufenthaltsräumen der Mitarbeitenden», erklärt der Projektverantwortliche Rico Lauper.

Die Tragstruktur des Gebäudes basiert auf einem Stützen- und Wandraster. Die Grosse Spannweite zwischen Erdgeschoss und Obergeschoss wurde mit einer hybriden Rippendecke aus Brettschichtholzträgern und Stahlbetonplatten überbrückt. Besonders beeindruckend sind die gebogenen Träger im Obergeschoss. Sie erinnern an gotische Kirchenschiffe und verleihen den Räumen einen sakralen Charakter.

Wo immer möglich, wurde beim Bau auf natürliche Materialien gesetzt und sogar auf Leim verzichtet. So wurden sämtliche Aussenwände aus stehenden Massivholzbohlen mit Doppelnut-Feder-Verbindung zusammengesteckt. Beim gesamten Holz, das für das Tragwerk und den Ausbau verwendet wurde, handelt es sich zudem um Mondholz. Also Holz, das zu bestimmten Mondphasen gefällt wurde. Diese besondere Verbundenheit zur, aber auch die tiefe Demut vor der Natur macht das Gebäude in seiner Gesamtheit zu einem ganz speziellen Ort. Möge daraus etwas Wunderbares keimen. eglizimmerei.ch 

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Sativa Rheinau AG,
Produktions- und Verwaltungsgebäude
Standort: Im Chorb, Rheinau (ZH)
Bauherrschaft: Stiftung Fintan, Rheinau
Studienauftrag: 2017 (1. Rang)
Fertigstellung: 2021
Architektur: Staufer & Hasler Architekten AG, Frauenfeld (TG). (Projektverantwortung: Rico Lauper; Projekt- und Bauleitung: Cihad Bilir)
Bauingenieur: SJB Kempter Fitze AG, Frauenfeld
Holzbau: Egli Zimmerei AG, Oberhelfenschwil (SG)
Holz: Fichte, Buchensperrholzträger
Geschossfläche: 2652 m2
Gebäudevolumen: 15 980 m3
Baukosten: CHF 11 Mio.


Staufer & Hasler Architekten AG

1994 von Astrid Staufer und Thomas Hasler gegründet, widmet sich das Frauenfelder Büro Staufer?&?Hasler Architekten einem breiten Spektrum an Bauaufgaben. Dazu gehören öffentliche Gebäude wie Schul-, Verwaltungs-, Gesundheits-, Sport- und Kulturbauten, aber auch Wohnobjekte. Mittlerweile sind rund 60 Mitarbeitende für das Architekturbüro tätig. Zur Geschäftsleitung zählen die Bürogründer sowie Emil Häberlin, Rico Lauper und Stephan Selb. Neben ihrer praktischen Tätigkeit widmen sich alle Geschäftsleitenden auch der Lehre und engagieren sich im Bereich Baukultur. staufer-hasler.ch

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