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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

04/2019

Lebens.raum

Sommer in St.Moritz

St. Moritz ist ein offizielles Trainingszentrum von Swiss Olympic. Seit letztem Jahr ergänzen zwei spezielle Holzbauten die Leichtathletikanlage: ein temporärer Pavillon für die Athleten in der Trainingsphase im Sommer, und ein Lager, in dem die mobile Konstruktion im Winter verstaut wird. Ein Projekt im Spannungsfeld zwischen Qualität, Material, Architektur und Anspruch.

Text Sandra Depner | Fotos Laura Egger

 

St. Moritz ist ein alpiner Ferienort der Extraklasse, weithin bekannt für sein «prickelndes Champagner-Klima». Ein Klima anderer Art schätzen die Athleten, die ins Engadiner Tal reisen. Ideale Bedingungen für den Ausdauersport auf 1856 m ü. M. haben St. Moritz als Höhentrainings- und Wettkampfzentrum bekannt gemacht. Ein trockenes, alpines Reizklima und durchschnittlich 322 Sonnentage im Jahr: Hier treffen Iron-Man-Kandidaten, Olympiasieger und Weltmeister, die sich auf ihre Wettkämpfe vorbereiten, auf den Breitensportler.

Höhentraining hat Tradition

Seit den 1960er Jahren bietet St. Moritz Athleten die Möglichkeit, sich im Höhentrainingszentrum auf anstehende Wettkämpfe vorzubereiten. Den Anstoss dazu lieferten die Olympischen Sommerspiele 1968 in Mexico City – selbst auf einer Höhe von 2300 m ü. M. Das Höhentrainingszentrum St. Moritz ist heute ein offizielles Trainingszentrum von Swiss Olympic und trägt das Label «Swiss Olympic Training Base Gold». Verschiedene Anlagen ermöglichen den Sommer- und Wintersport in und um St. Moritz. Im Ortsteil St. Moritz Bad befindet sich die offene Leichtathletikanlage (siehe Situationsplan).

Die Infrastruktur wurde im Sommer 2018 um eine mobile Konstruktion erweitert: ein Pavillon auf der Polowiese, der den Athleten geschützte Umkleide- und Aufenthaltsbereiche bietet. Hinzu kommt seit Herbst 2018 das Lagergebäude, in dem nicht nur diverse Sportutensilien untergebracht werden: Über den Winter ist hier der Pavillon eingelagert.

Der Pavillon ist aus verschiedenen Gründen als temporärer Bau konzipiert. Zum einen, weil das Höhentrainings- und Wettkampfzentrum St. Moritz auf das Training von Sommersportarten ausgerichtet ist. Zum anderen, weil im Winter die Polowiese anderweitig genutzt wird.

Neubau ersetzt Zelt und Baracke

Schon 2013 war ein neues Höhentrainings- und Wettkampfzentrum und damit eine Teilrevision der Ortsplanung der Polowiese für St. Moritz im Gespräch. Den Neubaukredit lehnte das Stimmvolk ab. Somit ging der Betrieb an dem Standort ohne Änderungen so weiter: Ein provisorisches Zelt bot den Athleten Schutz. Es gab kein Lagergebäude. Einzig eine «Baracke», wie es Holzbauingenieur Walter Bieler beschreibt, stand unten an der Strasse zur Verfügung.

Im Februar 2017 lud die Gemeinde zum Ingenieur-Wettbewerb ein. Die Vorgabe war klar: Eine Verbesserung der Infrastruktur mit einem temporären Garderoben- und Lagergebäude direkt auf der Polowiese, angrenzend an die Laufbahnen. Der gemeinsame Entwurf von Holzbauingenieur Walter Bieler (Walter Bieler AG) und Architekt Georg Krähenbühl (Krähenbühl Architekten Studio) setzte sich gegen zwei weitere Eingaben durch.

Eine unruhige Siedlungsstruktur

In St. Moritz Bad treffen Bauten aus verschiedenen Epochen auf undefinierte Aussenräume und dominierende Parkplatzflächen. Für Architekt Georg Krähenbühl ein sehr heterogener Ort. Für ihn ist die architektonische Qualität dieser Bauten zugunsten der Gewinnmaximierung in den Hintergrund gerückt worden: «Die Siedlungsstruktur wirkt dadurch sehr unruhig. Einzig die schöne Landschaft gibt dem Ganzen Halt, sodass das Auge des Betrachters ein wenig zur Ruhe kommt», urteilt Krähenbühl. Die örtlichen Gegebenheiten motivierten Bieler und Krähenbühl dazu, mit ihrem Projekt einen Mehrwert für den Ort zu schaffen und zur räumlichen Verbesserung beizutragen – durch die architektonische Gestaltung sowie die Setzung der Gebäude.

Pavillon – Rückzugsort für Athleten

Die Athleten finden im mobilen Holzbau auf 175 Quadratmetern zwei Garderoben, einen Aufenthaltsraum, Räumlichkeiten für Theorie-Einheiten und Massagen sowie ein kleines Lager vor. Zusätzliche Aufenthaltsfläche bietet die Terrasse – geschützt unter dem ausladenden Dach. Hier können sich die Sportlerinnen und Sportler in den Trainingspausen abseits der Bahn ausruhen.

Zusammen mit der Gemeinde definierten Bieler und Krähenbühl die wichtigsten Parameter am Bau. Gewählt wurde ein Raster von 2,40 × 2,40 Meter. Die Dreischichtplatten, die sich von Stütze zu Stütze spannen, dienen der statischen Aussteifung. Die Stützen aus Esche ermöglichen im Vergleich zu anderen Hölzern einen schlankeren Querschnitt und erwecken somit einen filigranen Eindruck. Provisorisch-temporär hingegen soll die Verkleidung wirken: eine Hülle aus Polycarbonat, die das Holz schützt. Den Abschluss bildet das Blechdach, «ein fliegendes Dach», wie es Architekt Krähenbühl beschreibt. Der Pavillon liegt auf mehreren einfachen Einzelfundament auf.

Alle Jahre wieder: Im Frühjahr wird der Pavillon an der Ziellinie aufgebaut, nach der Sommersaison wird er dann im Lager verstaut. Experten bräuchte es für die Montage laut Bieler nicht, der Montageplan und Erfahrung seien ausschlaggebend. Ein speziell dafür entwickeltes Fügungsprinzip macht es möglich, dass der Pavillon unkompliziert zusammen- und wieder auseinandergebaut wird. Bei der Montage werden die Elemente der leichten Holzkonstruktion zusammengefügt und mit Bauschrauben miteinander verbunden. Die Aufgabe übernimmt mittlerweile eine Werkgruppe der Gemeinde St. Moritz: drei bis vier Personen bauen den Pavillon in maximal fünf Tagen auf. Als Hebemittel kommt ein Forstschlepper oder ein Radbagger zum Einsatz. Etwas Routine und Erfahrungswerte sowie Verbesserungsvorschläge seitens des Montageteams haben dazu geführt, dass der Auf- und Abbau nun speditiver erfolgt.

Hartholz ist Hart im Nehmen

Saison um Saison wiederholt sich also der Auf- und Abbau der mobilen Konstruktion. Das stellt besondere Anforderungen an die Konzeption des Holzbaus und an das Material. Das Bauwerk muss stabil sein, das Material hart im Nehmen. Und das für die nächsten 50 Jahre. Der Pavillon ist nutzerorientiert geplant. Das heisst für Holzbauingenieur Bieler: «Möglichst nur eine Dimension, immer nur eine Verbindung und immer die gleiche Verschraubung.» All das unter der Gewährleistung der uneingeschränkten Tragfähigkeit und Stabilität. Der Pavillon ist so konzipiert, dass er leicht ist und unkompliziert auseinandergenommen werden kann. Die Holzbauelemente aus Hartholz (Esche) halten Bieler zufolge der häufigen Demontage statt. Sie sind jeweils über eine einzige Verschraubung miteinander verbunden, wobei das Gewinde mit Stahlröhrchen verstärkt ist.

Lager – Rückzugsort für den Pavillon

Seit Herbst 2018 vervollständigt das Materiallager die Infrastruktur der Leichtathletikanlage. Die Vorgabe war, einen Bau mit Lagermöglichkeiten zu schaffen, der auch einen ästhetischen Mehrwert bietet. Ein entsprechendes Gebäude ist in der Zone für öffentliche Bauten realisiert worden. In dem 260 Quadratmeter grossen Bau überwintert der Pavillon in seinen Einzelteilen. Aber auch die Sportgeräte für den Leichtathletikbetrieb sind hier untergebracht. Die horizontale und vertikale Staffelung des Volumens verleiht dem Neubau mehr Komplexität – und macht zugleich die verschiedenen Nutzungen im Inneren lesbar.

Architektonische Qualität und die Funktionalität standen bei der Planung des Lagers im Fokus. «Lagergebäude haben meist keine so einladende Ausstrahlung», sagt Krähenbühl. Dass Ästhetik und Funktion gut Hand in Hand gehen, zeigt der Architekt hier: ein Sockel aus Beton, darauf ein Holzbau, eingekleidet in handgespaltene Schindeln aus Engadiner Lärche, runde Ecken und Schiebetore, die mehr nach Fassade als nach Tor aussehen.

Platziert ist der Bau in direkter Nachbarschaft zur Kirche St. Karl Borromäus, einem Sakralbau aus dem späten 19. Jahrhundert. «Die Kirche ist ein wichtiges kulturhistorisches und identitätsstiftendes Erbe für St. Moritz Bad», erklärt Krähenbühl. «Um das Erscheinungsbild des Ortes zu verbessern, sind eine sensible Auseinandersetzung mit unserer Umgebung und eine spezifische Architektur nötig.»
 
Mit dem Pavillon und dem Lager hat die Gemeinde auf das Bedürfnis der Athleten nach entsprechenden Infrastrukturen reagiert. Eine Aufwertung des Standorts ist auch aus touristischer Sicht eine lohnende Investition: Im Jahr 2018, so schätzt St. Moritz Tourismus, fielen allein 20'000 Logiernächte auf die Gruppe der Sportler. walterbieler.ch, kraehenbuehlarch.ch, foffa-conrad-holzbau.ch, stmoritz.com/de/swiss-olympic-training-base/


Das Projekt – die Fakten

Objekt: Höhentrainings- und Wettkampfzentrum St. Moritz
Standort: St. Moritz (GR)
Fertigstellung: 2018
Bauherrschaft: Gemeinde St. Moritz
Architektur: Krähenbühl Architekten Studio, Davos (GR)
Holzbauingenieur: Walter Bieler AG, Bonaduz (GR)
Holzbau: Foffa Conrad Holzbau AG, Valchava, Zernez, Scuol (GR)
Schindelfassade: Patrik und Heidi Stäger, Untervaz (GR)
Baukosten: CHF 1,6 Mio.
Gebäudevolumen (SIA 416): Pavillon 439 m3, Lager 1115 m3
Nettogeschossfläche (SIA 416): Pavillon 175 m2, Lager 260 m2
Holz: (Pavillon): 3,7 m3 Esche, 9,5 m³ Brettschichtholz Fichte
Holz (Lager): 52 m² Brettschichtholz Fichte, Schindeln aus Lärche

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