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01/2021

Stand.punkt

Startschuss für ein neues, öffentliches Beschaffungswesen

(BöB) eröffnet den Weg raus aus der Tiefpreisspirale hin zu einem Qualitätswettbewerb, bei dem Vergabekriterien wie Nachhaltigkeit, Innovation oder Preisplausibilität stärker ins Gewicht fallen. Seit dem 1. Januar 2021 ist es in Kraft und soll in ersten Pilotprojekten auf die Praxistauglichkeit getestet werden. Die Revision stärkt den Holzbau – da ist Holzbauunternehmer Stefan Müller zuversichtlich. Aber politische Lippenbekenntnisse allein genügten nicht.

Interview Sandra Depner | Bild zVg


Herr Müller, wo sehen Sie die grössten Chancen im neuen Beschaffungsrecht?
Ganz klar darin, dass Dumpingangebote mit versteckten Mehrkosten nicht mehr die höchste Punktzahl bekommen. Es ist ja nicht so, dass bis anhin nur der Preis ausschlaggebend war. Da diese Zuschlagskriterien nicht immer so gut mess- und vergleichbar sind, wurden Arbeitsvergaben nicht selten rechtlich angefochten und die Aufträge mussten im Nachhinein doch wieder dem Günstigsten vergeben werden. Neu bekommt jedoch das verlässlichste Angebot, das dem Median aller eingereichten Angebote am nächsten liegt, die beste Bewertung.

Sie haben die Verlässlichkeit des Preises als wichtiges Vergabekriterium angesprochen. Daneben zählen in der Bewertung neu auch Vergabekriterien wie «Innovationsgehalt» oder «Lebenszykluskosten».

Und das Kriterium «Nachhaltigkeit». Nicht nur auf ökologischer Ebene, sondern auch auf sozialer. Es geht hier im neuen BöB um die striktere Kontrolle einer lückenlosen Umsetzung des GAV und den grösseren Stellenwert von Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Das freut mich als Zentralleitungsmitglied von Holzbau Schweiz im Bereich Soziales und Fachbeiratsmitglied von Holzbau Plus sehr. Schliesslich wird das auch die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Bauunternehmungen gegenüber ausländischen Anbietern verbessern.

Apropos Nachhaltigkeit: Wo sehen Sie die grössten Chancen speziell für den Holzbau?

Die neuen Kriterien «Umweltverträglichkeit» und «Ressourcenschonung» sprechen insbesondere in der Entwicklungs- und Planungsphase stark für Holzbauprojekte. Grosse Vorteile sehe ich auch im Hinblick auf die Lebenszykluskosten.

Was sind aus Ihrer Perspektive die Herausforderungen, die der Baubranche nun bevorstehen?

Das neue Beschaffungsrecht klingt in der Theorie vielversprechend. Doch es stellt sich die Frage, wie die Kantone es in der Praxis umsetzen werden. Wird eine Harmonisierung gelingen? Gelingt es, die neuen Zuschlagskriterien messbar und vergleichbar aufzustellen? Man hört die Tage oft: «Nach den Juristen sind die Praktiker gefragt.» Jetzt stehen wir vor der Umsetzung. Und dann wird sich zeigen, ob der Paradigmenwechsel gelingt.

Totalrevision des Bundesgesetzes über das öffentliche Beschaffungswesen (BöB)

Seit dem 1. Januar 2021 ist das revidierte Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen in Kraft. Damit einher geht ein Wandel im Vergabeverfahren hin zu mehr Nachhaltigkeit in einem Qualitätswettbewerb. Dabei regelt das öffentliche Beschaffungsrecht ein bedeutendes Segment der Schweizer Volkswirtschaft. Allein die zentrale Bundesverwaltung beschaffte im Jahr 2018 Bauleistungen, Waren und Dienstleistungen im Wert von 5,55 Milliarden Franken. Zur Harmonisierung des Vergaberechts auf Ebene der Kantone und Gemeinden wurde 2019 die revidierte Interkantonale Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen verabschiedet (IVöB). Es steht nun den Kantonen frei, ob und wann sie das neue Vergaberecht umsetzen möchten. Zum Redaktionsschluss sind es die Kantone Waadt, Bern, Aargau, Zürich, Schwyz und Appenzell Innerrhoden. bauenschweiz.ch/de/neue-vergabekultur, kbob.admin.ch


Stefan Müller

Als Jungunternehmer machte sich Stefan Müller 2009 mit der damals neu gegründeten S. Müller Holzbau AG in Wil (SG) selbstständig. Der Betrieb und weitere eigene Firmen in den Bereichen Architektur, Eventbau und Immobilien zählen heute mehr als 100 Mitarbeitende. Der gelernte Zimmermann und Techniker engagiert sich seit über neun Jahren in der Zentralleitung von Holzbau Schweiz, aktuell im Bereich Soziales. Daneben ist Müller ein aktives Vorstandsmitglied der Schweizerischen Paritätischen Berufskommission Holzbau (SPBH) und leitet den Fachbeirat der Branchenlösung Holzbau Plus.
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