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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

01/2020

BAU.WERK

Transformation im Industriequartier

Im Westquartier der Stadt Thun prägen Industrie- und Bürobauten das Ortsbild. Hier steht auch die denkmalgeschützte Westhalle. Ihre Transformation hat das Architekturbüro Lanzrein + Partner mit viel Sorgfalt umgesetzt. Eingebaute Raumkörper aus Holz erweitern die Funktionalität der Räume – und nehmen in ihrer rohen Qualität den Industriecharme des Bestands auf.

Text Lukas Bonauer, SD | Fotos Christian Helmle | Pläne Lanzrein + Partner Architekten AG

 

Die Westhalle Thun ist ein Zentrum für kulturübergreifende Anlässe und Begegnungen. Ein bunter Mix aus unterschiedlichen, freikirchlichen und sozial engagierten Mietern hat sich unter dem Verein Westhalle gruppiert, um in der Halle neben regelmässigen Gottesdiensten sozial nachhaltige Projekte umzusetzen. Der Verein liess dafür die ehemalige Kunststofffabrik Eschmann AG für 1,5 Millionen Franken umbauen. Nach einem halben Jahr Bauzeit wurde die neue Westhalle Thun im Sommer 2019 eröffnet.

Das Tragwerk der alten Halle stammt vom Schweizer Ingenieur Heinz Isler. Es handelt sich um einen Betonskelettbau mit Kuppeldeckung, bestehend aus vier stützenfreien Buckelschalen, jeweils 14 mal 20 Meter gross – und das bei einer Betondicke von etwa acht Zentimetern. Die Westhalle Thun zählt zu den wenigen Bauobjekten Islers, bei denen die Kraftableitung durch zulaufende Stützen erfolgt. Das Betontragwerk ist auch der Grund, weshalb das 1958 erbaute und 1963 erweiterte Fabrikgebäude zum Inventar schützenswerter Bauten des Kantons Berns gehört.

 

Hochwertig und preiswert

Der Entwurf der Architekten Daniel C. Suter und Bruno Stettler (Lanzrein + Partner Architekten AG) sah einen mit viel Sorgfalt eingebauten Raumkörper aus Holz vor, der sich in das bereits vorhandene Tragwerk aus Beton fügt. Die Vorgabe war, eine preiswerte, nachhaltige, hochwertige sowie barrierefreie Architektur mit Mehrfachnutzung aller Räume zu entwickeln. Grosse Veranstaltungen finden heute in der Eventhalle und der dazugehörigen Galerie mit 650 Sitz- oder 1000 Stehplätzen und einer dafür entsprechend dimensionierten Bühne statt. Des Weiteren befinden sich im Erdgeschoss ein Foyer mit Bistro, zwei Büros, Sanitäranlagen und ein Sozialraum. Im Obergeschoss des Foyers stehen zwei Multifunktionsräume sowie ein Sitzungsraum zur Verfügung.

Statische Eingriffe benötigte es beim Umbau kaum. Der Eventsaal kommt ohne Stützen aus. Entfernt wurde ein alter Kran mit Laufkatze. An seiner Stelle sind die Bühnentechnik und Kronleuchter aus Holz in das bestehende Tragwerk an den oberen Enden der Betonstützen aufgehängt. Der Saal nutzt die komplette Raumhöhe von maximal sieben Metern bis zur Betonschale aus.

 

Um den Bestand herum

Die Statik und die gewölbte Form der bestehenden Betonschale beeinflussten den Entwurf und inspirierten die Architekten. So dient etwa die vorhandene und einfache Hallenraumstruktur dazu, die unterschiedlichen Nutzungen respektive Raumsequenzen zu gliedern. Die Mietfläche der Industriehalle unterteilt sich – unter je einer Betonschale – in vier Raumabschnitte, wobei zwei Abschnitte den Saal mit Empore, ein weiterer den Sozialraum mit Galerie und der vierte Abschnitt das Foyer bilden.

Die in die Kuppeldeckung eingelassenen, runden doppelwandigen Polyesterschalen stammen aus dem Bestand. Der Entwurf sah vor, die Einbauten von der denkmalgeschützten Substanz der Buckelschalen Islers klar abzulösen und die riesigen Oblichter, die alle vier Hallenteile zenital belichten, nicht mit den Einbauten zu verdecken.

 

Neue Dachform gefordert

Der Bestand stellte die Planer vor Herausforderungen. Der neue Einbau im Foyer sollte zweigeschossig gebaut werden – in einen Bestand mit einer Raumhöhe von fünf Metern am Rand der Betonkuppel. Um die Oblichter im Foyer optisch nicht zu verdecken, sind die Obergeschossräume um den zentralen, sieben Meter hohen Eingangsraum unter der Kuppel organisiert. Gemeinsam mit dem Holzbauingenieur Hansueli Bühlmann vom Thuner Ingenieurbüro Indermühle wurde für das Obergeschoss eine Dachform entwickelt, die dem traditionellen Prinzip einer Binderkonstruktion folgt. Sie erinnert an die Innenseite eines Holzschiffs. Diese schiffsartige Überdeckung gibt den Räumen, die am Rand nur 210 Zentimeter lichte Höhe aufweisen, die nötige Grosszügigkeit: Am höchsten Punkt messen sie 335 Zentimeter.

Die Träger werden zur Raummitte hin immer steiler, die Horizontalkräfte minimieren sich. Dadurch ist es möglich, die Zugstäbe, die die Horizontalkräfte aufnehmen, im Verhältnis immer höher anzuordnen. Mit einem leichten Schwung folgen sie horizontal dem vertikalen Bogen – mit einfachsten Mitteln und standardisierten Holzquerschnitten. Zwischen den Trägern wurden CNC-gefräste Querträger eingebaut, die unten und oben mit Dachlatten verkleidet sind. Mit den Überlappungen der Dachlatten werden die gekrümmten Flächen der Felder gebildet. Unter den Räumen entstand durch einen minimierten Boden- respektive Deckenaufbau mittels Holzträger, Brettstapeldecke und Unterlagsboden eine Raumhöhe von 245 Zentimetern.

Sozialraum trägt mit

Die Wände, die den Sozialraum vom Saal und Foyer trennen, sind in Holzständerbauweise erstellt, beplankt mit Gipsfaserplatten und auf Seiten des Sozialraums mit OSB-Platten versehen. Dank entsprechender Planung der Ständer und Verbindungen sowie spezieller Verankerungen in die Betonstützen und Schalenunterzüge besteht ein statisch wirksamer Verbund, der die Erdbebensicherheit des Gebäudes wesentlich verbessert. Damit wurde auf einfache Weise den seit 2019 geltenden Vorschriften entsprochen. So manche Veranstaltung verlangt einen stockdunklen Raum. Für solche Einsätze lassen sich die Oblichter im Saal mobil verdunkeln – mithilfe der dekorativen Kronleuchter unterhalb. Über ein Flaschenzugsystem mit vier Kurbeln fährt der Kronleuchter auf bis zu einem Meter über Bodenniveau hinab. Anschliessend wird ein schwarzes Tuch mit einem Durchmesser von sechs Metern von Hand eingehängt. Wieder hochgezogen verdeckt der Kronleuchter die Kuppelöffnung. Nicht nur Licht, sondern auch Akustik und Schallschutz spielen bei Veranstaltungsräumen eine grosse Rolle. Aufgrund der Ansprüche an die Raumakustik für Musik ist der Saal mit Molton ummantelt, eine Kunstfaser, die mittelfrequente und hohe Tonlagen absorbiert. Die Empore ist hinter den Holzlamellen mit Dämmplatten verkleidet, was die tiefen Frequenzen dämpft.

 

Rohe Flächen und minimaler Aufwand

Sämtliche Eingriffe bei der Westhalle Thun erfolgten mit möglichst kleinem Aufwand. Was auch daran liegt, dass die Finanzierung des Umbaus komplett über Spenden, Darlehen und Sponsorengelder erfolgte. Nichtsdestotrotz lautete eine Vorgabe, Einbauten mit einer stark anziehenden Raumwirkung für die unterschiedlichen Mieter sowie Besucher zu entwerfen.

Das unbehandelte Fichtenholz und die OSB-Platten des Einbaus nehmen den Industriecharme der Umgebung auf. Die Anhydrit-Unterlagsböden sind leicht angeschliffen und mit Steinöl behandelt. Diese Veredelung verleiht den neuen Räumen im Obergeschoss einen industriellen Charakter, was sie stark mit dem Bestand verbindet. Für Lanzrein + Partner Architekten galt es, das Gleichgewicht zu finden zwischen einem gesunden Mass an möglichen Lösungen und der geforderten Qualität. Die Integration roher Oberflächen und unkonventioneller Lösungen gibt der Westhalle Thun ihren unverkennbaren Ausdruck. westhalle.ch, i-b.ch, gfeller-holzbau.ch, neueholzbau.ch, tschopp-holzbau.ch

Lanzrein + Partner Architekten AG

Seit Oktober 2017 führen Daniel C. Suter und Bruno Stettler das Architekturbüro Lanzrein + Partner Architekten in Thun. Mit der Westhalle Thun ist nach einer Primarschule und einem Arztpraxis-Umbau das dritte Projekt in Thun entstanden, bei dem Arbeiten mit rohen, unbehandelten Materialien zentral waren. Dabei kam vorwiegend Holz zum Einsatz. Die Projekte mit jeweils sehr unterschiedlichen Hintergründen haben eines gemeinsam: Suter und Stettler ging es darum, auszuloten, wo zwischen «roh, unfertig, ungewohnt» und «sorgfältig, detailliert, schön» die goldene Mitte liegt, um einen stimmigen Gesamteindruck der Räume und Raumabfolgen zu erzielen. Eine weitere Parallele zwischen den drei Projekten ist das bewusst unterschiedliche Gestalten von Raumsequenzen, die das räumliche Erlebnis vielfältiger macht. lanzrein-partner.ch

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