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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

02/2020

FOKUS.THEMA

Tummelplatz für Sportfreaks

Wenn ein Sportartikelhersteller wie Scott ein neues Headquarter plant, erstaunt es nicht, wenn sich in der Architektur Analogien zum Rad- und Skisport erkennen lassen. Vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber bei genauerer Betrachtung. Was für eine Rolle Holz dabei spielt? Eine bedeutende.

Text Susanne Lieber | Fotos Simon Ricklin, Philipp Zinniker | IttenBrechbühl

Der alte Hauptsitz des Unternehmens Scott platzte schon vor Jahren aus allen Nähten. Der Siebzigerjahrebau, eine ehemalige Eisfabrik in Givisiez im Kanton Freiburg, hatte längst seine Kapazitätsgrenzen erreicht. Nach und nach wurden Arbeitsbereiche ausgelagert und auf andere Gebäude verteilt. Mit einem Neubau sollte endlich Platz geschaffen und wieder alle Abteilungen – darunter Produktdesign, technische Entwicklung und Prototypenbau, Marketing, Verkauf und Personalwesen – unter einem Dach gebündelt werden, um so Synergien besser nutzen zu können. Bis zu 600 Mitarbeitende könnten künftig hier arbeiten. Momentan sind es 320, Tendenz steigend. Das Unternehmen ist auf Wachstum ausgerichtet.

Die Erfolgsgeschichte von Scott begann 1958 mit einer Innovation für den Skisport: Ed Scott, ein amerikanischer Ingenieur und Skirennfahrer, entwickelte die ersten Skistöcke aus Aluminium. Damals ein Novum, denn zuvor hatte es nur Modelle aus Bambus und Holz gegeben. So entstand die Marke Scott, die sich im Laufe der Jahrzehnte mit zahlreichen weiteren Innovationen auf dem Markt etablieren konnte. Nicht nur im Bereich Ski-, sondern auch in den Bereichen Motocross- und Radsport. 1998 wurde das amerikanische Unternehmen im Rahmen eines Management-Buy-out von Beat Zaugg übernommen und der Hauptsitz in die Schweiz nach Givisiez verlegt. Bereits in den Achtzigerjahren hatte es dort einen Firmenstandort gegeben. Mit dem Bau des neuen Headquarters, das im letzten September eingeweiht wurde, konnte nun ein weiteres Kapitel der erfolgreichen Firmengeschichte geschrieben werden.

 

Architektonisches Statement

In der Gewerbezone von Givisiez gelegen, ist der Neubau – nur wenige Meter vom alten Hauptsitz entfernt – in eine nüchterne Umgebung gebettet. «Umso wichtiger war es uns, für die Mitarbeitenden ein Gebäude mit starker Identität zu entwerfen», erklärt Architektin und Projektleiterin Tima Kamberi vom Architekturbüro IttenBrechbühl. Der Bau sollte die DNA des Unternehmens nach aussen tragen und zeigen, wofür die Marke Scott steht: Outdoorsport und innovative Technik. Schlagworte, die sich subtil in der Architektur manifestieren. Beispielsweise an der Fassade: Die auf Basis der Intensität des Sonnenlichts gesteuerten Aluminiumelemente greifen formal die Dreiecksform von Velorahmen auf und dienen als smarter Blendschutz. Je nach Sonnenstand richten sie sich entsprechend aus und tragen gleichzeitig zu einem angenehmen Raumklima bei. Vollautomatisch, versteht sich. Nachts oder bei hohen Windlasten schliessen sich die Klappen aus Sicherheitsgründen komplett. Die Mikroperforierung im Metall gewährleistet trotzdem Ausblick und ausreichend Tageslicht. Selbst dann, wenn alle Flügel gleichzeitig geschlossen sind und es dann wirkt, als wäre das Gebäude durch die Metallverkleidung hermetisch abgeriegelt. 

«Auf die Fassadenelemente, die wir eigens für das neue Scott-Headquarter entwickelt haben, sind wir sehr stolz. Obwohl sie viel Geduld und Kraft gekostet haben», erklärt die Architektin Tima Kamberi und ergänzt: «Ein einzelnes Fassadenelement wurde bereits während der Bauplanungsphase als funktionsfähiges Eins-zu-eins-Modell gebaut, um die technischen Anforderungen, die Statik und die Dimensionen immer wieder zu überprüfen.»

Im Sockelgeschoss des Gebäudes, das übrigens hohe energetische Anforderungen erfüllt, entschied man sich für eine andere Variante des Sonnenschutzes und setzte elektrochromes Glas ein. Mittels elektrischer Spannung können Farbe und Transparenz verändert werden. Bei starker Sonneneinstrahlung wird das Glas automatisch abgetönt. Will man sich indes vor neugierigen Einblicken schützen, wird es opak. Eine technische Spielerei mit handfesten Vorteilen: Wer lässt sich schon gerne bei der Entwicklung innovativer Produkte oder beim Testen von Prototypen in die Karten schauen?

Atrium mit Aha-Effekt

Insgesamt umfasst das Gebäude sieben Geschosse. In den oberen befinden sich die Büros der verschiedenen Abteilungen. Manche wurden offen gestaltet, um den kommunikativen Austausch zwischen den Mitarbeitenden zu fördern. Andere wiederum sind als geschlossene Räume definiert, wo konzentriert gearbeitet werden kann. Dank eines flexiblen Rastersystems lassen sich die Grundrisse jederzeit verändern, sollten es die Bedürfnisse des Unternehmens erfordern. Herzstück des Headquarters ist unangefochten das imposante Atrium mit einer Raumhöhe von 22 Metern.

Der lichtdurchflutete Innenhof erstreckt sich dabei vom Erdgeschoss, wo sich unter anderem auch Kantine, Showroom und Auditorium befinden, bis hinauf zum verglasten Dach. Vorherrschendes Material ist Holz, das in Form von Wandlamellen für eine angenehme Atmosphäre sorgt. Gleichzeitig bildet es einen gelungenen Kontrast zum verbauten Beton und Metall. Erschlossen wird das Atrium über eine breite Treppenanlage, die – der Topografie des Grundstücks folgend – einige Stufen hinunterführt und auf der anderen Seite des Raums in eine geschosshohe Rampe mündet. Der Brückenschlag zu Bike- und Skisport ist unübersehbar. Weniger offensichtlich ist hingegen, was die Holzlamellen und das Tragwerk des Glasdachs mit Wintersport zu tun haben. Licht ins Dunkel bringt die Architektin Tima Kamberi: «Das Wort ‹Ski› kommt aus dem Norwegischen und bedeutet ‹gespaltenes Holz›. Und da Scott Ski herstellt, kamen wir auf die Idee, im Atrium Furnierschichtholz zu verwenden.» 

Allerdings handelt es sich hierbei nicht um gewöhnliches Furnierschichtholz, das üblicherweise aus Nadelholz hergestellt wird. Hier kam sogenannte BauBuche zum Einsatz, die vom Thüringer Unternehmen Pollmeier stammt. Wie der Name schon verrät, besteht das Schälfurnier aus Buche. Zu Platten und Trägern verleimt, weist der Werkstoff eine besonders hohe Festigkeit und Steifigkeit auf. Dadurch sind deutlich schlankere Bauteile als mit Nadelholzwerkstoffen möglich. Und in der Tat, das Dachtragwerk wirkt so filigran, als sei es aus Stahl konstruiert.

«Die Träger, die übrigens statisch bei Weitem noch nicht ausgelastet sind, weisen eine Breite von gerade mal zwölf Zentimetern auf. Wären sie aus herkömmlichem Schichtholz, müssten sie mehr als doppelt so breit sein», erklärt Holzbauingenieur Daniel Indermühle, der für das Dachtragwerk verantwortlich zeichnete. Seiner Konstruktion liegt ein quadratisches Raster zugrunde, bei dem die Hauptträger über die gesamte Breite des Atriums verlaufen. Dazwischen wurden mittels Nut hohle Schotten mit perforierten Flanken geschoben, die Schall absorbieren und so in der Halle für eine verbesserte Akustik sorgen. Die Verglasung ist mit entsprechenden Profilen am Tragwerk befestigt.

 

Schichtarbeit in Szene gesetzt

Im Gegensatz zu den Deckenträgern spielen die vertikalen Holzlamellen statisch keine Rolle. Sie haben in erster Linie gestalterischen Wert und säumen wirkungsvoll die Wände: Wenn über das Glasdach Licht einfällt, bilden sich dort durch das Schattenspiel lebendige Strukturen. Zoomt man dicht an die Lamellen heran, lassen sich hier die einzelnen Furnierschichten deutlich erkennen. Wie gesagt, eine Reminiszenz an den Ski. Die Lamellen sind in gleichen Abständen angeordnet, unterscheiden sich allerdings in der Tiefe, um der Wandgestaltung noch mehr Lebendigkeit und Struktur einzuhauchen. Aufgebracht sind sie auf vorgefertigten und gedämmten Sandwichpaneelen, die als vorgehängte Fassade fungieren und zusätzlich mit einem Schallabsorber ausgerüstet wurden.

Schliesslich sind die Anforderungen an die Nachhallzeiten in einem Raum dieses Ausmasses enorm hoch. Jedes dieser Einzel­elemente hat eine Höhe von 3,5 Metern, was die Wandmontage zu einer durchaus kniffligen Aufgabe machte. Zuerst wurde das Dach eingedeckt, erst dann konnte die Montage der feuchtigkeitsempfindlichen Wandelemente erfolgen. «Deshalb mussten die Paneele zwischen dem bereits aufgebauten Baugerüst und der Wand vorsichtig eingefädelt werden», resümiert Holzbauingenieur Daniel Indermühle und ergänzt: «Die eingeschränkten Platzverhältnisse machten die Montage wirklich schwierig.» Doch dank der Kreativität und dem Fingerspitzengefühl von Alex Gruber, Projektleiter der Holzbaufirma Gutknecht aus Murten, wurde auch diese Hürde genommen.

Eines lässt sich am neuen Headquarter von Scott deutlich ablesen: Der Innovationsgeist des Unternehmens spiegelt sich nicht nur in dessen Produkten wider, sondern auch in der Architektur. Stillstand gibt es nicht, möchte man sagen. Und so wird das Areal, auf dem sich der Neubau befindet, fortlaufend weiterentwickelt. scott-sports.com, gutknecht.ch, i-b.ch

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Headquarter Scott Sports,
Standort: Givisiez (FR)
Bauherrschaft: Scott Sports SA, Givisiez
Planung: 2015 – 2018
Bauzeit: 2016 – 2019
Fertigstellung: 2019
Architektur und Bauleitung: Itten+Brechbühl AG, Bern
Holzbauingenieur: Indermühle Bauingenieure, Thun
Holzbau: Gutknecht Holzbau AG, Murten (FR)
Baukosten: CHF 60 Mio. (exkl. MwSt)
Gebäudevolumen (SIA 416): 107 734 m3 
Nettogeschossfläche (SIA 416): 25 865 m2 
Holz: Dachkonstruktion aus BauBuche Typ Q, 51 m3; Wandbekleidung Lamellen aus BauBuche Typ S, 68 m3 


Tima Kamberi, IttenBrechbühl

Tima Kamberi war als Projektleiterin für den Scott-Neubau verantwortlich. Sie absolvierte zunächst eine Lehre als Hochbauzeichnerin. Später studierte Kamberi an der Berner Fachhochschule Architektur. Es folgten Tätigkeiten beim Büro BSR Architekten sowie bei der Berner Fachhochschule Burgdorf im Bereich Forschung und Entwicklung. Seit 2008 arbeitet sie für das Architektur- und Generalplanungsunternehmen IttenBrechbühl. Vor zwei Jahren wurde sie Associate Partner. IttenBrechbühl, bereits 1922 gegründet, beschäftigt insgesamt rund 300 Mitarbeitende und zählt sieben Standorte in der Schweiz. Schwerpunkt des Unternehmens sind vor allem öffentliche Bauten, unter anderem im Bereich Gesundheit, Gewerbe, Dienstleistung, Banken, Hotels, Verkehr und Kultur. 

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