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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

01/2019 Blickfang

FOKUS.THEMA

Über den Wolken

Die neue 3S-Bahn verbindet die Talstation «Trockener Steg» mit der höchsten Bergstation Europas, dem «Matterhorn Glacier Paradise». Sie befördert bis zu 2000 Personen in der Stunde aufs Klein Matterhorn. Wer Glück hat, kann auf der Fahrt das Matterhorn sehen – ausser es ist mit Wolken verhangen. Dann hat man genug Zeit, sich ausführlich der Konstruktion der Seilbahnstationen zu widmen: ein Meisterwerk des Ingenieurholzbaus in schwindelerregender Höhe.

Text Sandra Depner | Fotos Zermatt Bergbahnen AG, Sandra Depner | Pläne Indermühle Bauingenieure

Im Dezember 2016 liess ein Info-Cube auf dem «Trockenen Steg» schon erahnen, was dort oben über tausend Höhenmeter oberhalb Zermatts in den Walliser Alpen passieren sollte. Der Pavillon aus Glas und Holz informierte über die laufenden Baumassnahmen auf der Bergbahnstrecke zwischen dem Bergrücken und dem Klein Matterhorn, nahm die Besucher mit auf eine virtuelle Reise über den Gletscher und erzählte die Geschichte von der Erschliessung des Bergs. Hier oben sollte im Verlauf von drei Bausommern zwischen 2016 und 2018 Grosses entstehen: die höchste Dreiseilumlaufbahn der Welt, kurz 3S-Bahn, auf das Klein Matterhorn, auf dem sich die höchste Bergstation Europas auf 3821 m ü. M. befindet.

Im Herbst 2018 wurde die Seilbahn unter Anwesenheit der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard eingeweiht. Etwa neun Minuten dauert die knapp vier Kilometer lange Fahrt mit dem «Matterhorn Glacier Ride». Die Bahn ergänzt den Betrieb der bereits bestehenden Pendelbahn, die Besucher in den vergangenen 40 Jahren auf den Berg brachte. Damit werden nun auch die Skigebietsverbindungen zwischen der Schweiz und Italien verbessert. Pro Jahr verzeichnet die Zermatt Bergbahnen AG 420 000 Besucher auf dem Klein Matterhorn – Tendenz steigend.


«Die Arbeit an der Talstation war für uns unkompliziert. Also im Vergleich zur Bergstation», sagt
Simon Sauter und schmunzelt. Für die Brawand Zimmerei aus Grindelwald begleitete Projektleiter Sauter die Holzbauarbeiten. Es ist Mitte Januar 2019, die Anlage ist seit bald vier Monaten in Betrieb. Ein blauer Teppich ziert den Boden in der Talstation. Sauter kommt gerade von der Piste und klopft sich den Schnee vom Skischuh. Er hat schon ein paar Abfahrten vom Klein Matterhorn hinter sich, schwärmt von freien Pisten und viel Sonne.

Den Auftrag für den Holzbau erhielt die Brawand Zimmerei im März 2017. Das ist knapp, denn am Klein Matterhorn herrschen alles andere als normale Bedingungen. In der Höhe nimmt die Temperatur um rund 0,65 Grad Celsius pro 100 Meter ab. Folglich ist es auf der Bergstation durchschnittlich 26 Grad kälter als auf Meeresniveau. So kommt es mitunter zu Tagestemperaturen von –30 Grad. Ein zusätzlicher Faktor ist, dass Arbeiter auf einer Höhe von fast 4000 m ü. M. nur 60 bis 80 Prozent ihrer normalen Leistung erbringen.

TALSTATION TROCKENER STEG

Die Talstation war die erste Baustelle des Projekts: ein Ingenieurtragwerk, etwa 38 Meter breit, 53 Meter lang und an seiner höchsten Stelle 14 Meter hoch. Sauter verantwortete die Holzbauarbeiten im Namen der Brawand Zimmerei. Für die Arbeiten spannte die Zimmerei mit Holzbau Pollinger zusammen. Die Vorfertigung der Holzbauelemente nahm von der Werkplanung bis zur Produktion etwa 16 Wochen in Anspruch. Die Montage startete im August 2017. Nach den Baumeisterarbeiten wurde zunächst die Bahntechnikanlage montiert – dann erst erfolgte die Montage des Holztragwerks mithilfe eines Baukrans.

Sauter zieht routiniert ein Papier aus der Jackentasche: Masse, Gewicht, alles Wichtige hat er zusammengetragen. Er nehme öfter interessiertes Publikum, vor allem aus den eigenen Reihen der Holzbauer und Ingenieure, mit auf eine Exkursion zum Klein Matterhorn. Er hat alle Fakten parat, denn das Fachpublikum will es manchmal ganz genau wissen: 430 Kubikmeter Brettschichtholz für das Haupttragwerk, 175 Kubikmeter Brettsperrholz, 35 Tonnen Stahl beim Holztragwerk ohne Fassade, insgesamt ein Gewicht von 375 Tonnen. Die vorproduzierten Bauteile des Haupttragwerks, hergestellt in Lungern von der neuen Holzbau AG, und die Wand- und Dachelemente, produziert von der Zimmerei Brawand, kamen in insgesamt 25 Sattelschlepperfuhren nach Visp. Da wurde alles auf 25 Bahnwagen umgeladen und zum Zwischenlager in Riffelboden transportiert. 210 Rotationen zu rund 1800 Kilogramm mit dem Schwerlasthelikopter waren nötig, um das Material von da aus hinauf zum Trockenen Steg zu fliegen.

 


Daniel Indermühle von Indermühle Bauingenieure aus Thun leitete die gesamten Holzbau-Ingenieurarbeiten. Er entwarf zusammen mit den Architekten die Tragkonstruktionen der Gebäude und führte die Holzbauingenieurarbeiten aus – von der ersten Ideenskizze über die Submission bis zur letzten Schraube im 3D-Modell im Zuge der Werkplanung für die Zimmerei. Von Anfang an sei das Material Holz an oberster Stelle gestanden, sagt der Ingenieur: «Zum einen aus gestalterischen und ökologischen Überlegungen. Zum anderen aber auch, weil ein Brandwiderstand von 30 Minuten (R30) gefordert war. Deshalb wurde bei beiden Stationsgebäuden eine Holzkonstruktion einem Stahlbau vorgezogen.» Die Primärträger sind gestossen und bis zu zwölf Meter lang. Sie haben einen Querschnitt von 40 auf 152 Zentimeter und sind in einem Abstand von 3,35 Metern platziert. Auf ihnen ruhen die fächerförmigen Streben. Die zur Westfassade hin 5,5 Meter auskragende Betondecke ist über die Fassadenstützen an die Dachkonstruktion aufgehängt – ebenso wie das Garagierungsgleis und der Hallenkran.

 

BERGSTATION MATTERHORN GLACIER PARADISE

«Nur für Fussgänger» prangt in der Talstation vor dem Zugang zu den Gondeln. Ein Schild, das an diesem kalten Januartag so manchen Skifahrer enttäuscht. 25 Kabinen befördern die Menschen hoch zum Klein Matterhorn. Vier Premiumgondeln sind rundherum mit Tausenden Swarovski-Kristallen veredelt und geben dank Glasboden den Blick auf die Gletscherlandschaft frei. Auf der Fahrt zum Klein Matterhorn bleibt an diesem Tag jedoch der Panoramarundblick aus, denn nach dem Mittag kam der Wetterumschwung. Nun weht oben an der Bergstation ein Wind mit rund 90 Kilometern in der Stunde. Deshalb ist das Skifahren auch verboten. In der Gondel selbst ist von dem wilden Schneegestöber kaum etwas zu spüren. Das liegt an der Dreiseiltechnik der Bahn. Der Matterhorn Glacier Ride fährt auf drei Spuren: Zwei davon sind Tragseile, die in den Stationen verankert sind und Stabilität verleihen, das dritte ist das Zugseil, das um die Seilscheiben der Stationen rotiert.

Auch zur Bergstation hat Projektleiter Sauter die wichtigsten Fakten parat: Das Haupttragwerk besteht aus 285 Kubikmeter Brettschichtholz, das Sekundärtragwerk setzt sich aus 100 Kubikmetern Brettschichtholz zusammen sowie 30 Tonnen Stahl, die allein für das Holztragwerk ohne Fassaden verbaut wurden. Insgesamt wiegt der Holzbau rund 300 Tonnen, die Grundmasse sind 23 auf 45 Meter, an der höchsten Stelle misst die Bergstation 18 Meter. Die Hauptträger sind gestossen, bis zu 13,5 Meter lang, v-förmig angeordnet und verschraubt. Die Länge der Stützen und Streben liegt bei bis zu 14,5 Metern.

Die Werkplanung und Produktion für die Bergstation startete kurz nach der Arbeit an der Talstation ebenfalls im Sommer 2017. In 22 Sattelschleppern machten sich die Holzbauelemente auf den Weg ins Zwischenlager ins italienische Cervinia. Von da aus ging es auf einer schmalen Forststrasse per LKW hoch zum Zwischenlager bei Cime Bianche. Dort überwinterten die Bauteile auf knapp 3000 Metern, bis sie zum Montagestart Ende April 2018 auf einer Transportseilbahn zum Bauplatz am Klein Matterhorn gelangten. Viel zu spät, da das Bauprogramm den Start im Frühjahr vorsah. Der harte Winter machte dem allerdings einen Strich durch die Rechnung. Auch an der Bergstation wurde erst die Bahntechnikanlage eingebaut und dann das Tragwerk passgenau montiert. Wie auch schon bei der Aufrichte der Talstation waren vier Arbeiter seitens des Holzbaus bei der Montage des Tragwerks gefordert. Mitte August 2018 waren sie fertig. «Die Bergstation mit einer Grundrissabmessung von rund 23 auf 45 Metern nimmt die kristalline Geometrie des bestehenden Stationsgebäudes auf», erläutert Ingenieur Indermühle. Er rechnete mit Schnee- und Lawinenlasten von lokal bis zu sechs Tonnen pro Quadratmeter und Windlasten von 320 Kilogramm pro Quadratmeter. «Die Holzkonstruktion wird durch biegesteife Rahmen gebildet, die jeweils gegeneinanderlehnen. Die Spannweite wurde mit Streben zur Felswand hin reduziert. Da maximal zwölf Meter lange Bauteile transportiert werden konnten, mussten die Unterzüge und Stützen mit biegesteifen Montagestössen verbunden werden.» An der vorderen, auskragenden Gebäudeecke bringen drei 18 Meter langen, abgekröpften Stützen zusammen rund 300 Tonnen Last auf die neun Meter auskragende Betonkonstruktion.

DIE HÖCHSTE ÜBERQUERUNG DER ALPEN

Die Reise mit Ingenieur Indermühle und Holzbauer Sauter auf das Klein Matterhorn endet da, wo sie begonnen hat: am Trockenen Steg beim Info-Cube, der auch nach wie vor über den Bau des Matterhorn Glacier Ride informiert. «Sobald das Projekt Alpine Crossing, also die zweite 3S-Bahn vom Klein Matterhorn nach Testa Grigia in Angriff genommen wird, gestalten wir den Content im Info-Cube um», erklärt Mathias Imoberdorf, Kommunikationschef der Zermatt Bergbahnen AG. Im Frühjahr 2021 soll es so weit sein, dass Besucher erstmals trockenen Fusses von Zermatt nach Cervinia oder umgekehrt die höchste Überquerung der Alpen erleben könnten. i-b.ch, brawand-zimmerei.ch, matterhornparadise.ch


Bahn Facts

Förderleistung 3S-Bahn: 2000 Personen pro Stunde
Geschwindigkeit: 7,5 Meter pro Sekunde
Höhe Talstation: 2923 m ü. M.
Höhe Bergstation: 3821 m ü. M.
Verbautes Holz Talstation: 450 m3 Brettschichtholz, 1690 m2 Brettsperrholz
Verbautes Holz Bergstation: 385 m3 Brettschichtholz, 1950 m2 Dreischichtplatten



Projekt und Faktenbox

Objekt: 3S-Bahn Matterhorn Glacier Ride, Neubau der Tal- und der Bergstation
Standort: Bergrücken Trockener Steg (2939 m ü. M.) in den Walliser Alpen,
Bauzeit: April 2016 – September 2018
Bauherrschaft: Zermatt Bergbahnen AG, Zermatt
Architektur: Architektur & Design GmbH, Zermatt (Talstation); Peak Architekten, Zermatt/Zürich (Bergstation)
Holzbauingenieur: Indermühle Bauingenieure (Mandat via Labag), Thun
Holzbau: ARGE Brawand Zimmerei AG, Grindelwald (BE); Pollinger Holzbau AG, St. Niklaus (VS)
Baukosten BKP 1–9: CHF 52 Mio.
Baukosten Holzbau: Talstation CHF 1,68 Mio., Bergstation CHF 1,2 Mio.
Gebäudevolumen SIA 416: Talstation 22?800 m3, Bergstation 15?800 m3
Nettogeschossfläche SIA 416: Talstation 1650 m2, Bergstation 880 m2

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