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Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

01/2020

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Verbindendes Element

Der «Ring for Peace» in Lindau (DE) steht sinnbildlich für die Gesamtheit der Weltreligionen. Der deutsche Künstler Gisbert Baarmann erhielt den Auftrag, für den Weltkongress den einem Möbiusband nachempfundenen Ring zu bauen. Das Projekt war schon fast zum Scheitern verurteilt. Dann ergriff der Schweizer Ingenieur Hermann Blumer das Ruder und aktivierte sein Netzwerk.

Text Hermann Blumer, Sandra Depner | Fotos und Pläne Holzbau Amann GmbH

Der Luitpoldpark bildet auf der Insel Lindau ein Kleinod zwischen dem Bodensee und den Eisenbahngleisen. Die gepflegte Grünfläche in ruhiger Lage ist eine der Erholungszonen der Stadt. Ausgebaute Wege säumen das Ufer, hier und da erleichtern Stufen den Zugang in den See. An diesem Ort unweit der Wasserkante steht der Ring for Peace: eine Holzskulptur als Symbol für Frieden, in Auftrag gegeben von der Stiftung Friedensdialog der Weltreligionen und Zivilgesellschaft. Anlass der Installation war die zehnte Weltversammlung «Religions für Peace» (RFP) im Sommer 2019. Der 7,5 Meter hohe Ring bildet die Form eines Möbiusbands. 36 Hölzer aus aller Welt wurden an den Stirnen der Spannten aufgebracht.

Das Möbiusband gilt als eine besondere mathematische, zweidimensionale Fläche: Sie ist nicht orientierbar – was bedeutet, dass nicht zwischen unten und oben oder zwischen innen und aussen unterschieden werden kann – und sie besteht nur aus einer Kante und Seite. Wer will, kann das Band ganz leicht selber herstellen. Dafür werden die beiden Enden eines rechteckigen Papierstreifens nach mindestens einer einmaligen Verdrillung miteinander verbunden.

Was mit Papier so einfach geht, ist mit Holz in diesen Dimensionen nicht so leicht zu realisieren. Insbesondere bei zeitlichen Engpässen, die Herausforderungen auf mehreren Ebenen schaffen. Vier Monate bilden ein enges Fenster für ein solches Bauvorhaben. Verständlich, dass der Brandenburger Künstler Gisbert Baarmann im April 2019 mit Zeitdruck in die Schweiz reiste. Sein Ziel: Bauingenieur Hermann Blumer in Herisau (AR). Dieser gründete 2003 das Unternehmen mit dem Namen Création Holz: eine Gruppe speziell für Bauentwicklungen komplexer Holzbaulösungen. Baarmann brannte eine Frage unter den Nägeln: «Lässt sich die Skulptur in Lärchenholz herstellen – bis August?» Seine bisherigen Erkundigungen im Raum Berlin hätten nur zu Kopfschütteln geführt. Blumer sah sich den 3D-Ausdruck und die Zeichnungen an. Und in ihm fing es an zu rattern und zu rechnen.

 

Sechs Wochen für Planung und Fertigstellung

Blumer übernahm im Anschluss die Abklärungen hinsichtlich Machbarkeit, Herstellung und Montage. Mittels Rhino für die Geometriefindung und R-Stab für die statische Bemessung erbrachte er in wenigen Tagen den Machbarkeitsbeweis. Das Ergebnis präsentierte der Bauingenieur bei der Kick-off-Sitzung Ende Juni 2019 in Lindau. Hier wurde klar, wie eng der Zeitplan tatsächlich war: Bis zur Fertigstellung blieben noch sechs Wochen. Die technische Planung mit der Geometriefindung, der Statik und der Datenaufbereitung für die CNC-Maschinen mussten in maximal drei Wochen abgeschlossen sein. Gleiches galt für die Beschaffung des Holzes. Des Weiteren fehlten Bewilligungen sowie die Prüfstatik für die Baubewilligung. Und zuallerletzt mussten Unternehmer gefunden werden, die Zeit und das Know-how hatten, dieses Konstrukt in weniger als drei Wochen zu fertigen und aufzustellen.

Die exakte Geometrieplanung erfolgte durch die Zürcher Firma Design-to-Production, die die nötige Präzision für die Bearbeitung der einzelnen Bauteile auf den numerisch gesteuerten Maschinen lieferte. Die abschliessenden ausführlichen statischen und dynamischen Nachweise erstellte das Büro SJB Kempter Fitze. Ingenieur Blumer bevorzugt es, auf statischer Seite in mindestens zwei Schritten vorzugehen. Zuerst die Entwurfsstatik, wie er sie vor der Kick-off-Sitzung erstellte: Sie erbringt bei einem vergleichsweise geringen Aufwand den Beweis der Machbarkeit. Oft müssen danach noch Varianten – beispielsweise infolge architektonischer Sonderwünsche oder Anregungen des Prüfingenieurs – nachgereicht werden. So wird ein optimales Zusammenspiel zwischen Künstler und Statiker zum Laufen gebracht. In einem zweiten Schritt können sich die eigentlichen Geometrie- und Statikspezialisten in die Details vertiefen.

 

Getrocknete Lärche aus Engadiner Restholzbestand

Neben den planerischen Aufgaben stellte die Beschaffung von trockenem Lärchenholz für die Querspannten und die Bänder eine Herausforderung dar. Mit Restholz schliesslich konnte die Materialfrage geklärt werden. Das Lärchenholz aus dem Engadin war im vorgeschnittenen Zustand zuvor zwei Jahre luftgetrocknet und technisch nachgetrocknet worden. Über ein mobiles Sägewerk wurden Latten für die Spannten und Dünnlamellen in zwei Stärken für die doppelt gekrümmten und tordierten Bänder nachgeschnitten. Während der achttägigen Vorfertigung im Werk wurden diese entsprechen der vier Ringsegmente maschinell gefräst und mit den Spanten verbunden. Die Montage erfolgte in zwei Etappen und nahm insgesamt drei Tage in Anspruch.

Die Eröffnung der interreligiösen Weltversammlung fand am 20. August 2019 statt. Das Zentrum für die spirituelle Zeremonie bildete der Ring for Peace. Die Skulptur bleibt der Stadt Lindau dauerhaft erhalten. Der Ring soll, so schreibt es die Bauherrschaft, einen Ort für interreligiöse Zeremonien und Treffen in Lindau bilden. gisbert-baarmann.de, sjb.ch, creation-holz.ch, holzbau-amann.de, designtoproduction.com 

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Skulptur «Ring for Peace»
Standort: Luitpoldpark, Lindau (DE)
Fertigstellung: 2019
Bauherrschaft: Stiftung Friedensdialog der Weltreligionen und Zivilgesellschaft
Entwurf: Gisbert Baarmann, Werkstatt für Holzgestaltung, Templin (DE)
Architektur und örtliche Bauleitung: Elwert & Stottele Architektur, Ravensburg (DE); Wolff Stottele
Machbarkeitsstudie: Création Holz AG, Herisau (AR)
Digitale Planung: Design-to-Production GmbH, Erlenbach (ZH)
Holzbau: Holzbau Amann GmbH, Weilheim (DE)
Holzbauingenieur: SJB Kempter Fitze AG, Frauenfeld (ZH)
Baukosten: EUR 120 000 für Holzbauarbeiten inkl. Statik und CAD-Planung
Holz: Engadiner Lärche, 3,2 m3 Spannten, 8,5 m3 Rohlingbretter für die Bänder

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