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01/2019 Blickfang

Stil.Form

Vom Baum zum Haus

Wie entsteht ein Haus? Wie viele Tonnen CO2 kann ein Baum mittels Photosynthese binden? Wie schnell wächst der Baustoff nach? Auf Fragen wie diese gibt die Installation «Woodpassage – vom Baum zum Haus» Antworten. Anfang 2019 startete die Tour durch die Städte Europas. Die Mission ist, das Holz genau dahin zu bringen: nämlich in die Stadt als Bau- und Werkstoff.

Text SD, PD | Foto Christian Hartlmaier

Fragt man Designerin Andrea Gassner, hat das Plakat als Werbemittel ausgedient. Zumindest dann, wenn man die volle Aufmerksamkeit des Rezipienten sucht: «Bei Design geht es heute um weit mehr als nur um zweidimensionale Elemente. Man muss ein Erlebnis schaffen, etwas Sinnliches machen. Es riechen und berühren und verstehen können, die Leidenschaft dahinter spüren können. Wenn du das nicht schaffst, dann holst du den Betrachter nicht ab und bringst die Botschaft, die du kommunizieren möchtest, nicht rüber.» Die Aufmerksamkeit hat das neueste Werk aus dem Atelier Gassner sicher: die «Woodpassage – vom Baum zum Haus», eine 8,65 Meter lange Installation aus vier Holztoren – dazwischen sind Informationstafeln gespannt, die einige Fakten rund ums Bauen mit Holz präsentieren. Zum Beispiel, dass für den Bau dieser vier Tore etwa 13 Kubikmeter Holz gebraucht wurden und diese Menge in Europas Wäldern in einer halben Sekunde nachwächst. 2017 startete Gassner mit der Arbeit. Die Auftraggeber sind drei Holzverbände aus der DACH-Region: Proholz Bayern, Proholz Austria und die Lignum für die Schweiz. Konzept, Entwurf und Gestaltung stammen von Atelier Andrea Gassner, die Planung unterlag Prof. Hermann Kaufmann und Maren Kolhaus (TU München, Fakultät für Architektur).

Zwei Jahre später, am 15. Januar 2019 in München: Die Messe BAU ist bereits in vollem Gange. Alle zwei Jahre strömen rund 250?000 bauaffine Menschen aus der ganzen Welt in die bayerische Landeshauptstadt. Die Besucher huschen hin und her zwischen den Messehallen. Und ab und zu müssen sie dafür einen offenen Hof hinüber zur anderen Halle überqueren. Ein Glück für Gassner und ihr Team. In einem Atrium zwischen zwei Hallen haben sie in Kooperation mit der Messe die begehbare Woodpassage platziert. Während die einen Besucher nur schnell hindurchspurten, von einem Termin zum nächsten, nehmen sich andere trotz der Minustemperaturen Zeit. Und lassen die Installation auf sich wirken, den Blick über die Stelen gleiten und fassen immer wieder ans Holz. Im Wald wächst der Baum, aus dem Baum wird Holz, aus dem Holz entsteht das Haus. Diesen Prozess, diese Transformation will die Woodpassage als Holzskulptur im Aussenraum in die Zentren Europas tragen.

EIN SPIELERISCHES SPRACHROHR

Entstanden ist eine sinnlich erlebbare Passage aus vier Holztoren, jeweils 4,30 Meter breit und 4,20 Meter hoch. Sie vermittelt aus der Ferne eine starke, dreidimensionale Botschaft: Die Installation verjüngt sich Tor um Tor von der Silhouette eines Hauses hin zu der eines Tannenbaums. Im Durchschreiten der beleuchteten Passage dient sie als spielerisches Sprachrohr für die ökologischen Vorzüge konstruktiver Holznutzung. Die Installation informiert mit einfachen piktogrammatischen Zeichen in vierzig Stufen über die Transformation vom Baum zum Haus.


Bei der Premiere der Woodpassage an der Baumesse erfolgte die Beleuchtung noch über ein Stromkabel. Ab der nächsten Station, so Gassner, soll dann wie vorgesehen die Beleuchtung autark funktionieren. Die mobile Installation besteht aus Fichte und ist einfach zu transportieren. Jedes der vier Tore ist in der Mitte geteilt. Diese Teile können dann für den Transport wie Legosteine zusammengelegt werden. «Die Maximalmasse liegen bei 4,5 Metern Höhe und 1,20 Metern Breite, damit die Installation mobil und transportabel bleibt», erklärt Designerin Gassner. Die Holzbauteile sind aussen nur geölt. «Wir wollten das Holz so natürlich wie möglich belassen. So kann es mit der Zeit natürlich vergrauen.» Das Fichtenholz müsse jedoch beim Transport geschützt sein.

«So etwas in der Öffentlichkeit aufzustellen, ist ja nicht ungefährlich. Die Tore könnten zum Beispiel umfallen.» Es gelte ein strenges Korsett an Auflagen, erläutert Gassner, um eine Installation in der Öffentlichkeit aufzustellen. Über ein Stahlrohr sind die vier Tore nahezu verdeckt mit den Stelen verbunden. «Und dann braucht es eben die Kunden, die den Mut haben und dir das Vertrauen geben, das zu machen», sagt Gassner. Dass sich im Fall der Woodpassage gleich drei Länder zusammengetan haben, um eine Installation umzusetzen, erachtet die Designerin Gassner als einen klugen Zug.

 

DAS HOLZ MUSS IN DIE STADT

Es ist nicht ihr erstes Projekt, das ihr Team für den Holzbau realisiert hat: Es begann 2012 mit der Wanderausstellung «Schauholz» in einer Holzbox, 2014 folgte die «Woodbox», ein mobiler Ausstellungscontainer über konstruktiven Holzbau, in Auftrag gegeben von Proholz Austria. 23 Städte bereiste die Box insgesamt. Auch mit einem weiteren Projekt lenkte Gassner die Aufmerksamkeit aufs Holz: Am 21. September 2011 verwandelte sie im Auftrag der österreichischen Forst- und Holzwirtschaft die Säulenhalle der Parlaments in eine Waldlandschaft. Anlässlich des internationalen Jahr des Waldes und des Plenartages «Wald & Holz» wurden fotografisch eingefangene Baumwipfel auf ein transparentes Netz gedruckt und unter das Glasdach der Säulenhalle gespannt. «Es war teuer. Aber wirksam. Die Presse ist darauf angesprungen. Das wirkt wie ein Schneeballeffekt: Sobald ein Interview gegeben wird, folgt das nächste.»


Medienwirksam war der erste Auftritt der Woodpassage auf der Messe BAU 2019 sicher. Es wurde zur offiziellen Pressekonferenz eingeladen. Gassner gab mehrere Interviews. Die nächsten Stationen der Woodpassage standen auch schon fest: Linz, Wien und dann in der Schweiz. Wohin genau in der Schweiz, das sei noch offen. Sicher ist, dass die Installation in die Stadt kommt. Das ist auch die Kernbotschaft der Aktion, wie die Designerin erläutert: «Holz ist der urbane Konstruktionswerkstoff. Im Wald wächst der Baum – aus dem Baum wird Holz – aus dem Holz entsteht das Haus. Diesen Prozess trägt die Woodpassage einprägsam in die Zentren Europas.» atelierandreagassner.at, woodpassage.eu

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Begehbare Installation «Woodpassage – vom Baum zum Haus»
Baujahr: 2017/2018
Bauherrschaft: Proholz Austria, Proholz Bayern und Lignum Schweiz
Konzept, Entwurf, Gestaltung: Atelier Andrea Gassner, Feldkirch (AT)
Planung: TU München, Hermann Kaufmann und Maren Kohaus, München (DE)
Holzbau und Statik: Fetz Holzbau, Bregenzerwald (AT)
Kommunikation, Text: Reinhard Gassner, Georg Bindner
Baukosten: EUR 100000   
Masse: Gesamtlänge 8,65 m, Breite 4,30 m, Höhe 4,20 m
Holz: 13 m3 Fichte

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