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01/2021

BAU.WERK

Werkhof mit Vorbildfunktion

Naturnahe Werkstoffe, feine Ausarbeitung und viel Holz: Der Werkhof von Matzingen ist mehr als nur eine funktionale Infrastrukturanlage. Mit einem Auge fürs Detail haben Lilin Architekten den langgezogenen Neubau in die Dorfstruktur eingepasst. Ein Holzbau mit tragender Wirkung – statisch wie auch ideell.

Text Sandra Depner | Fotos Lucas Peter | Pläne Lilin Architekten SIA GmbH

 

Matzingen mit seinen 3000 Einwohnern liegt im Thurgau, südöstlich von Frauenfeld. In seinem Wappen trägt das Dorf einen schwarzen Schild mit gelbem Bord. Zu sehen ist es am neuen Werkhof der Gemeinde – als Schild aus Messing, platziert auf den dunklen Fichtenlatten an der Fassade des Salzsilos.

Der repräsentative Zweckbau steht an exponierter Stelle auf einer 2500 Quadratmeter grossen Parzelle. Zwischen Feuerwehr und Zufahrtsstrasse auf der einen Seite, zwischen Wohngebiet und den Gleisen der Frauenfeld-Wil-Bahn auf der anderen Seite. Das Bauwerk zeigt, was in ihm steckt. Ein Holzbau durch und durch: Satte 97 Prozent des verbauten Holzes stammen aus heimischen Wäldern. Das brachte dem Werkhof die Auszeichnung mit dem Label «Schweizer Holz» ein.

Funktional und erweiterbar

Dringend benötigte die Gemeinde Matzingen eine neue Infrastrukturanlage, die den Mitarbeitenden einen zeitgemässen Arbeitsplatz bietet und der Bevölkerung eine zentrale Entsorgungsanlage. Bis dato befand sich auf der Parzelle ein altes Bauernhaus mit Scheune und Schuppen, das dem Werkhof mitunter als Materiallager diente. Das Salzsilo für den Winterunterhalt war nur gemietet und die Büroarbeit ging in einem Baucontainer vonstatten. Das sollte nun alles unter einem Dach in einem Neubau organisiert sein, der zu einem späteren Zeitpunkt mit einem zusätzlichen Verwaltungstrakt erweitert werden könnte. Zudem wünschte sich die Bauherrschaft eine repräsentative Gestaltung des Aussenraums.

Der Entwurf des Zürcher Architekturbüros

Lilin Architekten setzte sich 2016 im Wettbewerb durch, die Eröffnung wurde im Spätsommer 2019 gefeiert. Mit den messingfarbenen Lettern «Werkhof Matzingen» werden die Besucher auf dem Areal begrüsst. Im zweigeschossigen Bürotrakt befinden sich Räume der Stadtverwaltung sowie Service- und Büroräume für den Werkhof. Die daran angeschlossene stützenfreie und überhohe Halle verfügt über einen Hebekran und beherbergt die Werkstatt mit vier Einstellplätzen und separater Waschhalle. Die Ostfassade wird von den grossformatigen Rolltoren aus Plexiglas dominiert, die in Richtung des Umschlagplatzes ausgerichtet sind. In Kombination mit der gegenüberliegenden Fensterreihe lassen sie viel Tageslicht ins Innere. In der Halle wie auch unter dem schützenden Vordach lässt es sich gut arbeiten. Das frei stehende Salzsilo und weitere Lager- und Entsorgungsmöglichkeiten vervollständigen die Infrastrukturanlage und lassen die Möglichkeit offen, das Bauwerk zu einem späteren Zeitpunkt auf der Südseite bei den Parkplätzen zu erweitern.

Beim Ortstermin geht Architektin und Projektleiterin Natalie Marbes auf die Entwicklung des Holzbaus ein. Mit ihrem Entwurf verweisen die Architekten auf einen im Thurgau verbreiteten Baustil: das Bauernhaus als gestreckter Vielzweckbau mit typischem Satteldach. Der erste Eindruck vom Bau: Er fällt auf. «Die dunkle, anthrazitfarbene Fassade ist sehr markant», so Marbes. «Auch deshalb war es uns wichtig, in der Form zurückhaltend zu sein. Das Bauwerk sollte nicht wie ein Fremdkörper wirken, sondern sich integrieren.» Die architektonischen Entscheidungen sind geprägt vom Aspekt der Regionalität: Gebaut wurde mit heimischen Holzarten, gearbeitet mit dem lokalen Handwerk. «Ein Werkhof arbeitet auch mit viel natürlichen und rohen Materialien – Stein, Holz, Salz», erzählt die Architektin.


Stützenfrei mit Vorbildfunktion

Der Holzbau zählt zu den modernsten und nachhaltigsten Bauweisen. Dass auch der Werkhof Matzingen in Holz entstehen sollte, erklärt sich auch aus ideellen Motiven. Architektin Marbes: «Es handelt sich um ein öffentliches Gebäude, das von öffentlichen Geldern finanziert wird. Damit nimmt es eine Vorbildfunktion ein.»

Mit der Planung des Holzbaus wurden die Timbatec Holzbauingenieure AG beauftragt. Die Appert Holzbau AG führte die Arbeiten aus. «Es war ein grosser Auftrag. Besonders stolz bin ich darauf, dass wir so viel Schweizer Holz einsetzen konnten», sagt Geschäftsführer und Inhaber Philipp Appert. Anfang 2019 startete der Holzbautechniker die Produktion der Elemente im Werk in Fischingen (TG). Weil so viel wie möglich im Vorfeld hergestellt und vormontiert wurde, konnte die Zimmerei Ende März die Aufrichte des Holzbaus innerhalb einer Woche abschliessen. Die letzten Arbeiten am Holzbau – die Montage der Fassade von Hand – liefen im August über die Bühne. Das Silo realisierte die BL Silobau AG. Das Primärtragwerk der stützenfreien Fahrzeughalle bilden die Einfeldträger aus Massivholz, welche die gesamte Gebäudebreite überspannen. Entsprechend dem Kräfteverlauf wurde die Feldmitte überhöht und ein flach geneigtes Satteldach gebildet.

«Die Primärträger sind mit einem Abstand von etwa 4,3 Metern positioniert», erklärt Michael Hollenstein, Holzbauingenieur und Brandschutzfachmann. «Im Firstbereich weisen die Satteldachträger aus Brettschichtholz eine maximale Trägerhöhe von 1,48 Metern auf.» Hollenstein begleitete die Planung des Werkhofs als Projektleiter der Timbatec Holzbauingenieure AG. «Aufgrund der auftretenden Querzugspannungen wurden die Träger im Firstbereich zusätzlich verstärkt. Die Stützen aus Brettschichtholz leiten die Kräfte aus dem Dach in das Fundament», erklärt er weiter. Dabei sind die Aussenwände zwischen die Stützen eingepasst, so dass die Stützen von innen sichtbar sind. «Das Sekundärtragsystem besteht aus Sparrenpfetten, die zwischen die Primärträger gehängt sind. Das traufseitige Vordach, das rund eineinhalb Meter auskragt, wurde mit der grösser dimensionierten Konterlattung ausgebildet.» Es dient zum einen als konstruktiver Witterungsschutz, zum anderen bildet es auf der Hofseite einen gedeckten Arbeitsraum. Die Aussteifung in Querrichtung wurde über die giebelseitigen Aussenwände und die geschlossenen Innenwände im Bereich des Waschraums und der Abtrennung zum Bürotrakt gelöst.

In Längsrichtung erfolgt die Aussteifung über die Wände im Bürotrakt und die hintere Aussenwand. «Sie besteht im oberen Bereich aus einem Fensterband», erläutert Holzbauingenieur Hollenstein. «Die Stützen, die bei den Trägerachsen bis ans Dach verlaufen, werden zwischen den geschlossenen Aussenwänden im unteren Bereich eingespannt und helfen, die horizontalen Kräfte abzutragen.» Der zweigeschossige Bürotrakt ist als Ständerkonstruktion mit Geschossdecken aus Brettschichtholz und tragenden Wänden in Holzrahmenbauweise ausgebildet, verkleidet sind die Wände mit Dreischichtplatten. Wo nötig, sind die Fensterflächen mit Trägern aus Brettschichtholz überspannt.

Nachhaltig und kosteneffizient
Öffentliche Bauherren nehmen mit ihren Entscheidungen eine Vorbildfunktion ein. Dabei ist Holzbau nicht nur hinsichtlich seiner CO2-Bilanz als nachhaltiger Baustoff für öffentliche Aufträge prädestiniert. Kommt das Holz aus heimischen Wäldern, schliesst sich die Wertschöpfungskette vom Wald bis zum Handwerk und stärkt die wirtschaftlichen Strukturen in der Region. Lilin Architekten schlugen die Bauweise in Holz vor, um einerseits den Nachhaltigkeitsaspekten Rechnung zu tragen, andererseits auch um mit einem schnellen und vorfabrizierten Holzbau die vorgegebenen Kostenziele zu erreichen. Der Neubau ist wie der Vorgängerbau an das Gasnetz der Gemeinde angeschlossen. Um den Wärmebedarf einzuschränken, ist der Bau in beheizte Räume (im zweigeschossigen Bürotrakt) und unbeheizte, jedoch wärmegedämmte Bereiche (in der Einstellhalle und im Waschraum) aufgeteilt. Auf dem Dach produziert die Photovoltaikanlage mit einer Modulfläche von 500 Quadratmetern Strom von jährlich rund 83 000 kWh.

Ein Neubau, der sich integriert
Lilin Architekten kombinieren nachhaltige Baustoffe und rohe Materialien mit einem hohen ästhetischen Anspruch. Und heben damit den Standard einer funktionalen Infrastrukturanlage zu einem repräsentativen Bau mit Vorbildfunktion. Es sind die vielen kleinen Entscheidungen, die den Unterschied machen. Wie der bewusste Einsatz von sichtbar belassenen, mit farblosem UV-Schutz behandelten Dreischichtplatten. Details wie die in Perlmausgrau lackierten, länglichen Radiatoren im Industrielook.

Die Farbe Grau dominiert auch die Fassade. Die Latten aus sägeroher Fichte sind kesseldruckimprägniert und mit einem anthrazitfarbenen Anstrich behandelt, was einen dauerhaften Holzschutz bei geringem Unterhalt bietet. Durch die versetze Positionierung der Schalungsbretter in verschiedenen Breiten und Dicken entsteht eine Dreidimensionalität. Passend dazu ist das Salzsilo ebenfalls mit den Fichtenlatten verkleidet. Mit dem anthrazitfarbenen Aluminiumblech auf dem Dach sind schliesslich auch die Solarpaneele optisch in das Gesamtbauwerk integriert. Ein kleines, aber wichtiges Detail ist das Wappen hoch oben am Silo: Es verleiht dem Neubau seine Identität und hilft, ihn im Dorfquartier zu integrieren.
timbatec.com

Das Projekt – die Fakten

Objekt: Werkhof Matzingen
Standort: Matzingen (TG)
Bauzeit: Oktober 2018 bis September 2019
Bauherrschaft: Gemeinde Matzingen
Bauherrenvertreter: a3s GmbH, Wil (SG)
Architektur: Lilin Architekten SIA GmbH, Zürich
Baumanagement: Rebobau AG, Fehraltorf (ZH)
Holzbauingenieur: Timbatec Holzbauingenieure Schweiz AG, Bern/Zürich
Holzbau: Appert Holzbau AG, Fischingen (TG)
Silo: BL Silobau AG, Gossau (SG)
Baukosten (BKP 1–9): CHF 2,65 Millionen
Gebäudevolumen (SIA 416): 2860 m3
Nettogeschossfläche (SIA 416): 600 m2
Holz: etwa 180 m3 Fichte/Tanne aus Schweizer Herkunft


Appert Holzbau AG, Fischingen

Wann immer möglich wird bei der Appert Holzbau AG mit Schweizer Holz gearbeitet. Unter Geschäftsführer und Holzbautechniker Philipp Appert führt das 23-köpfige Team das ganze Spektrum an Holzbau-, Zimmerei-
und Schreinerarbeiten aus. Das Team der Appert Holzbau AG setzt sich zusammen aus ausgebildeten Zimmerleuten, Bauschreinern, Projektleitern, fünf Zimmerleuten in Ausbildung sowie einer Angestellten
in der Administration. appert-holzbau.ch

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