Verband Schweizer Holzbau-UnternehmungenHolz macht stolz - Das Portal der Schweizer Holzbaubranche
Magazin FIRST

Bauen und leben mit Holz – Das Fachmagazin von Holzbau Schweiz

03/2020

Menschen

«Wie wäre es, den Keller aus Holz zu bauen?»

In NACH.GEFRAGT kommen Architekten und Ingenieure zu Wort. Es dreht sich alles um Inspiration, Idole und Ideen – und ums Holz. Wenn jemand Probleme löst, die andere noch gar nicht haben, ist Stefan Zöllig nicht weit. Ein Keller aus Holz? Fragt man den Holzbauingenieur, dann ist das kein Ding der Unmöglichkeit.

 Text Sandra Depner | Foto zVg

Wenn Sie an Holz denken, welche drei Begriffe fallen Ihnen zuerst ein, Herr Zöllig?
Holz trägt mich. Wirtschaftlich, emotional, spirituell.


Stellen Sie sich vor, dem Holzbau wären keine Grenzen gesetzt – weder konstruktiv noch gesellschaftlich. Wie würde die Welt aus Ihrer Perspektive aussehen?

Ich bin überzeugt, dass beim Stahl- und Stahlbetonbau 90 Prozent des Möglichen bereits erreicht sind. Beim Holzbau erst 10 Prozent. Die Grenzen sind im Kopf. Und vielleicht im Bauch. Wir wissen alle, dass man mit Holz viel mehr bauen könnte, als wir es heute tun. Alleine, wir glauben es selber nicht so recht. Und wenn einer kommt, der etwas Besonderes wagt, ist oft die erste Reaktion, ihn zu kritisieren. Denken Sie an Ihre Reaktion, als Sie zum ersten Mal von Holz-Beton-Verbund gehört haben. Oder von Hochhäusern in Holz, wie zum Beispiel dem LiveCycle Tower LCT1 in Dornbirn. Und was denken Sie, wenn Sie heute hören, dass jemand auch den Keller eines Hauses aus Holz bauen will? Eben.

Eine Schlagzeile über Höhenrekorde im Holzbau folgt der anderen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Ich bin in den letzten Jahren öfter in den USA und in Kanada unterwegs. Dort baut man oft Hochhäuser, auch wenn viel Platz da wäre. Aber wie hier zählt Nähe: zum Stadtzentrum, zu den Bahnhöfen und Flughäfen. Der Holzbau ist dort gerade erst angekommen. Da lernen diese Länder von uns. Ich finde die Hochhäuser in Holz als Leuchtturmprojekte enorm wichtig. Auch wenn sie in Summe kaum eine grosse wirtschaftliche Bedeutung erhalten werden. Sie ebnen den Weg für alles, was danach kommt. Und da ist noch viel möglich!


Wer oder was inspiriert Sie?

Die Hochhäuser an der US-Westküste, die heute noch aus Stahlbeton gebaut werden, inspirieren und motivieren mich enorm. Man baut in Stahlbeton, weil man es sich gewöhnt ist und weil es die Normen so vorgeben. Aber man macht ganz dünne vorgespannte Deckenplatten, damit man weniger Gewicht gegen Erdbeben horizontal aussteifen muss. Mit Holz wäre dasselbe nochmals fünf Mal leichter zu haben – bei gleicher Leistungsfähigkeit. Eine zentrale Person ist für mich Bernhard Gafner, der mit seinen Partnern im Büro ASPECT Structural Engineers in Vancouver ein absoluter Pionier in grossvolumigen Bauten ist. Er ist in Grindelwald aufgewachsen, hat an der BFH in Biel studiert und ist dann nach Vancouver gezogen. Dort hat er seine Karriere als Holzbauingenieur gestartet. Er war verantwortlich für das 18-geschossige Brock Commons Tallwood Building. Mittlerweile wohnt er in Interlaken und steuert seine Projekte von dort aus.

Kommen wir zu Ihren eigenen Projekten: Welches ist Ihr Liebling?

Ich bin ja nicht nur Holzbauingenieur, sondern auch und vor allem Produktentwickler. Mich fasziniert alles, was sauber und rein ist. Wie bei Apple. Ich versuche immer, vom Ziel her zu denken. Dies kommt auch aus meiner Coaching-Ausbildung. Da fragt man zuerst: Wie wäre es, wenn es gut wäre? Darf es überhaupt gut sein? Übersetzt auf den Holzbau suche ich Lösungen, die der Kunde will. Vom Ziel her. Also zum Beispiel die TS3-Flachdecke, die derzeit mein absoluter Liebling ist. Der Kunde will seine Bodenfläche vervielfältigen, deshalb baut er mehrere Geschosse übereinander. Um in die Geschosse reinzukommen, braucht es Erschliessung, Treppenhaus, Liftschacht. Damit es nicht ins Gebäude regnet, braucht es Fassaden. Fertig! Alles, was jetzt noch kommt wie Wände, Stützen, Träger, dicke Deckenaufbauten, stört. Also weg damit! Darum habe ich die Frage andersherum gestellt: Was braucht es, damit wir Gebäude nur mit ganz wenigen Stützen und flachen Platten aus Holz machen können? Aus dieser Frage ist TS3 entstanden. 

Stefan Zöllig

Stefan Zöllig (*1966) ist gelernter Schreiner und Holzbauingenieur FH und hat eine NLP-Coaching-Ausbildung absolviert. Er ist Stiftungsrat in verschiedenen Stiftungen und Mitgründer des Timber Startup Incubator in Biel. Zölligs Holzbauingenieur-Unternehmen Timbatec fördert die Entwicklung und Forschungsprojekte im In- und Ausland. Mit der Timber Structures 3.0 AG hat er eine neue Generation der Holzbauweise initiiert, die ohne Träger nur mit Stützen und Platten auskommt. Mit Scrimber forscht er an der Steigerung der Holzausbeute von rund 30?Prozent auf rund 90?Prozent des Baumes – inklusive Ästen. Mit DeepWood wird die BIM-Planung aller Planer und planenden Unternehmer gleichzeitig am gleichen Modell in der Cloud Realität. Und der Keller aus Holz schliesslich ermöglicht, ein Gebäude komplett frei von Stahlbeton zu erstellen und damit eine maximale CO2-Speicherung, sprich Carbon Handprint, zu erreichen. www.timbatec.ch, www.ts3.biz

Magazin Wir HOLZBAUER

Das Mitglieder- und Verbandsmagazin von Holzbau Schweiz