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1/2018 Präzision beim Hausbau

BAUEN

In Kanada gehts hoch hinaus

12 der 13 Etagen dieses neuen Mehrfamilienhauses sind in Holzbauweise erstellt. Damit geht Origine an die Grenze – zumindest was die Anzahl der Geschosse betrifft. Im Ingenieurteam ist auch ein Schweizer dabei: Mathias Oberholzer, der für das kanadische Unternehmen Nordic Structures arbeitet.

Text SD | Fotos Stéphane Groleau

Im kanadischen Quebec wandelt sich das einstige Industriegebiet zur grünen Wohnoase. Das Quartier Pointe-aux-Lièvres besticht durch seine Lage: nahe eines Parks und unweit des Saint-Lawrence-Flusses, angebunden an die öffentlichen Verkehrsmittel, Geschäfte und Einkaufsmöglichkeiten – all das unmittelbar im pulsierenden Herzen der Grossstadt. Das Viertel vereint urbanes Leben mit Naturnähe. Neubauten schiessen hier wie Pilze aus dem Boden. In nur acht Monaten Bauzeit wuchs auch Origine gen Himmel. Der 13 Stockwerke hohe Wohnturm ist über zwölf Geschosse in Skelettbauweise mit Holz gebaut, lediglich Fundament und Erdgeschoss sind in Massivbauweise erstellt. Laut Nordic Structures, dem zuständigen Ingenieurbüro, ist der Massivholzturm der höchste Bau seiner Art in Nordamerika.

Schweizer Know-how

10 000 Kilometer Luftlinie von seiner alten Heimat entfernt tüftelte ein Schweizer an dem Wolkenkratzer Origine. Holzbauingenieur Mathias Oberholzer leitet im Büro Nordic Structures ein Team von Ingenieuren, Technikern und Zeichnern. Bereits im Kindesalter wanderte er mit seiner Familie ins kanadische Manitoba aus. Für eine fundierte Zimmermannsausbildung zog es ihn 1999 allerdings wieder zurück in die Heimat – zur Holzbau Oberholzer GmbH. Das Holzbauunternehmen in Eschenbach (SG) wird unter anderem durch seine Cousins Marcel und Roland Oberholzer geleitet. Die nächste grosse Station für Mathias Oberholzer war das Ingenieurstudium an der Berner Fachhochschule, das er 2007 abschloss. Mit dem Wissen und dem Erfahrungsschatz aus seinen Tätigkeiten bei diversen Holzbauunternehmen startete er dann 2008 in Kanada durch – beim Ingenieurbüro Nordic Structures. Nordic Structures entwickelt und vermarktet Holzprodukte und Bausysteme aus kanadischer Schwarzfichte, die von der Schwesterfirma Chantiers Chibougamau hergestellt werden. Mathias Oberholzer fühlt sich aber auch der Schweiz nach wie vor eng verbunden – unter anderem durch seine Mitgliedschaft beim SIA-Verein Swiss Timber Engineers.

Versteckt hinter Aluminium
Origine wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Aussenstehende würden hinter der Fassade des 43 Meter hohen Mehrfamilienhauses keinen Holzbau vermuten. Doch hinter der rot-weissen Aluminiumverkleidung verbergen sich rund 3000 Kubikmeter Holz: Black Spruce (Schwarzfichte) ist ein Kieferngewächs, das in Nordamerika heimisch ist. Entsprechend der Berechnungen von Nordic Structure bindet das verbaute Holz um die 2300 Tonnen CO2.

Der Neubau geht an die Grenze der Bauzulassung: Quebec erlaubt seit 2015 Holzbauten von bis zu zwölf Etagen. Dabei gilt, dass für jedes geplante Projekt mit mehr als sechs Etagen zuvor eine Bewilligung eingeholt werden muss. In Sachen Brandschutz gelten für Origine die gleichen Vorschriften wie für alle anderen Gebäude dieser Höhe in Quebec. Sie müssen einen Feuerwiderstand von zwei Stunden aufweisen. Origine verfügt über eine Sprinklervorrichtung und ist in einzelne Brandabschnitte gegliedert. Durch die Ausführung des Wohnturms in Holzbauweise konnte viel Gewicht gespart werden: Origine wiegt 60 Prozent weniger als ein vergleichbarer Bau in Massivbauweise. Dank der Leichtbauweise waren keine speziellen Vorbereitungen für den Untergrund notwendig. Die vertikalen Lasten trägt der Skelett- beziehungsweise Holzrahmenbau. Horizontale Lasten durch Erdbeben oder Wind werden über Scheiben aus Brettsperr- und Brettschichtholz abgetragen. Diese Erdbeben- und Windbemessungen für den über 40 Meter hohen Bau stellten für Nordic Structures eine besondere Herausforderung dar.

Wandel in den Bauvorschriften
Holzhochhäuser sind für Kanada nichts Neues. Diese Bauweise hat dort Tradition: Zwischen 1850 und 1940 entstanden hunderte Gebäude in Holzbauweise mit bis zu acht Etagen. 1941 änderten sich jedoch die Bauvorschriften, es wurde zwischen brennbaren und nicht brennbaren Baumaterialien unterschieden. Dadurch wurde die Holzbauweise verdrängt. Doch seit einigen Jahren setzt dank technischer Innovationen und Veränderungen in den Vorschriften eine Rückkehr zum Holz ein. Nicht zuletzt auch aufgrund der zahlreichen Holzhochhäuser in aller Welt, die zeigen, was möglich ist. Zunächst waren in Kanada wieder sechsgeschossige Gebäude erlaubt, seit 2015 sind in Quebec sogar Zwölfgeschosser möglich.
nordic.ca



   

 

Origine

Objekt: Mehrfamilienhaus mit 92 Wohneinheiten
Standort: Ville de Québec (CA)
Fertigstellung: 2017
Bauherrschaft: Nordic Structures, EBC inc. und Synchro Immobilier
Architektur: Yvan Blouin Architecte, Ville de Québec (CA) Holzbauingenieur und Holzbau: Nordic Structures, Montréal (CA)
Baukosten: CAD 29 Millionen
Verwendetes Holz: Schwarzfichte; 2700 m3 Brettsperrholz, 380 m3 Brettschichtholz